
Vollkommenheit bedeutet Harmonie, bedeutet Einheit, bedeutet Sicherheit, bedeutet Vollständigkeit, bedeutet Sinn. Obschon durch die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften ein sehr zergliedertes, eigentlich für niemanden mehr zu verstehendes Wirklichkeitsbild entworfen wurde, sind immer noch Menschen auf der Suche nach einer einheitlichen Theorie. Auch Wissenschaftler wie Albert Einstein oder Werner Heisenberg forschten nach einer Weltformel, die alle anderen Theorien vereinen könnte. Doch wieso können die Menschen Pluralität und Vieldeutigkeit nicht ertragen? Es ist der wohl hinter allem stehende Grund: die Angst vor dem Tod und vor dem Ungewissen danach. Würde sich eine Formel finden lassen, die alle Prozesse in der Welt beschreiben könnte, so könnte auch im Bereich des eigenen Lebens und im Sterben auf einen irgendwie gearteten höheren Plan oder einfach irgendeine Sinnhaftigkeit gehofft werden.
Dies ist auch Thema von
Alejandro Amenábars Agora. Doch ist seine Geschichte nicht in Zeiten der Quantenphysik angesiedelt, sondern an einem wichtigen Wendepunkt in der Weltgeschichte, nämlich in Alexandria am Vorabend der Vormachtstellung der christlichen Kirche im römischen Reich sowie dann in der gesamten westlichen Welt. Die Christen erstarken nach ihrer Tolerierung durch den Kaiser in Rom und sammeln immer mehr Menschen um sich. Dagegen stehen die Anhänger der alten Götter. Als Randfiguren beteiligen sich auch die Juden an den Glaubensstreitigkeiten. Irgendwo dazwischen und in ihrem Denken eigentlich losgelöst von derart Debatten befindet sich die Philosophin Hypatia (
Rachel Weisz), die an der berühmten Bibliothek von Alexandria Studenten unterrichtet. Die historisch verbürgte Hypatia kennt als einzige Leidenschaft die Wissenschaft, heißblütige Avancen ihres Studenten Orestes (
Oscar Isaac), der später Präfekt von Alexandria wird, lehnt sie ebenso ab wie die zaghaften Annäherungsversuche ihres sehr wißbegierigen Sklaven Davus (
Max Minghella).
Geschickt parallelisiert der Film Hypatias Bestreben, eine Erklärung für die Planetenbewegungen zu finden, und die Auseinandersetzungen zwischen den Religionen über mehrere Jahre hinweg. Der Streit zwischen den Anhängern der alten Religion mit den Christen findet seinen Höhepunkt in der Zerstörung der Bibliothek durch aufgebrachte Christen. Danach stärkt die christliche Kirche immer mehr ihre Position, bis sie auch noch blutige Übergriffe auf die Juden verübt. Hypatia hängt keiner Religion an, wird aber doch immer mehr von den Machtkämpfen in ihrer Arbeit beeinträchtigt, zunächst weil die Bibliothek und damit die meisten Schriften vernichtet werden, dann weil Bischof Kyrill ihre Freundschaft mit dem Präfekten Orestes gegen diesen einsetzt. Die beiden Männer Orestes und Davus werden mitten hineingezogen in die Streitigkeiten und sind beide hin- und hergerissen zwischen ihrer Entscheidung für einen Glauben und ihrer Loyalität Hypatia gegenüber.
Anders wie die verliebten Männer, anders wie die Parabalani, die christiliche Kriegergruppe, anders wie die Bischöfe, anders wie die vehementen Fürsprecher der alten Götter und anders wie die vielen Menschen, die sich in Hoffnung auf Besserung ihrer Lebenszustände dem Christentum anschließen, ist Hypatia als wahre Wissenschaftlerin nicht dazu in der Lage, etwas als absolute Wahrheit zu akzeptieren, sie muß immer zweifeln, jede vermeintliche Erkenntnis in Frage stellen. Die Anhänger der verschiedenen Religionen verbiegen die Wissenschaft so, daß sie in ihr Konzept der Welt paßt. Nur wer losgelöst von gefestigten Vorstellungen forscht, kann der Wahrheit näher kommen. So ist der erste Schritt in Hypatias Erkenntnisweg, daß sie die zwar schon bekannte aber verpönte Annahme akzeptiert, nach der sich die kugelförmige Erde um die Sonne dreht. Ein Abrücken von der anthropozentrischen Weltsicht bedeutet aber auch eine Relation der Rolle der Menschen im Gesamtzusammenhang, sie sind eben nicht mehr Mittelpunkt des Sonnensystems sondern die Erde ist nur einer von mehreren Planeten, die sich ähnlich bewegen.
Amenábar, der einen Auslandsoscar für
Das Meer in mir erhielt, betont die Relativität der menschlichen Probleme mehrfach durch sehr ungewöhnliche Kameraperspektiven. Einerseits zeigt er Makroaufnahmen von Ameisen, von denen dann auf die römischen Soldaten geschwenkt wird, sowie Topshots der Stadt, in der die Menschen während den Kämpfen wie eben jene Ameisen umherhetzen. Die andere noch auffälligere Entscheidung ist der Zoom vom Geschehen aus zurück ins Weltall, von wo aus die gesamte Erdkugel zu sehen ist, welcher mehrfach eingebunden ist. Hypatia ist die einzige, die die Bedeutungslosigkeit der menschlichen Geschicke im großen Ganzen annehmen kann, Orestes wirft ihr daher sogar einmal Kaltblütigkeit vor.

Die noch entscheidendere Stufe ihrer Erkenntnis ist dann jedoch das Verwerfen der Vorstellung, daß sich die Planeten auf Kreisbahnen bewegen. Der Kreis ist eben die Form für Vollkommenheit. Sind die Planetenbahnen jedoch keine Kreise, ist das Universum nicht vollkommen. Dies stellt die Existenz einer höheren Macht in Frage, aber eigentlich hauptsächlich die Gedankengänge der Menschen. Denn hier offenbart sich, daß ihre Weltsicht im Gesamtzusammenhang keine Rolle spielt, ihr Wunsch nach Vollkommenheit, einem eindeutigen Sinn wohl nicht erfüllt wird. So ist das grundlegende Thema von
Agora der Weg zur Erkenntnis einer Wahrheit, der nur möglich ist, wenn die Weltsicht nicht durch Dogmatismus beeinflußt ist und der Blick nicht zu egozentrisch ist. Die Wahrheit, die Hypatia findet, ist eben die von der Komplexität des Lebens, der Welt, des Universums, in dem die Menschen vermutlich nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Amenábar transportiert seine Geschichte über Bilder des antiken Alexandrias, die mit äußerster Detailgenauigkeit und sehr großem Aufwand inszeniert wurden. Somit sieht Agora zunächst auch aus wie ein typischer Sandalenfilm, doch beschäftigen ihn ganz andere Motive. Was die Qualität des Films leider ein wenig schmälert, sind die teilweise etwas zu schwülstig geratenen Episoden, in denen es um die Verliebtheit der Männer geht. Auch bleibt
Rachel Weisz in ihrer Darstellung von Hypatia irgendwie farblos, sie erscheint zu brav und blaß, wirkt weniger wie eine der genialsten Astronominnen ihrer Zeit. Dennoch ist der Film äußerst sehenswert, da er neben seiner Behandlung der eher philosophischen Fragen doch immer unterhaltsam und spannend bleibt.
In den Extras der jetzt erscheinenden DVD ist neben einer kurzen B-Roll, die den großen Aufwand beim Drehen zeigt, einem sehr gut gemachtem Making-of mit Interviews und vielen Filmausschnitten, entfallenen Szenen und Trailern, ein Audiokommentar des Regisseurs, der aber nur in Spanisch ohne Untertitel anzuhören ist, zu finden.
Agora - Die Säulen des Himmels / Agora
R: Alejandro Amenábar
D: Rachel Weisz, Max Minghella, Oscar Isaac, Michael Lonsdale
Spanien 2009, 127 Min.
Copyright: Universal Home Entertainment
Veröffentlichungsdatum: 2.9.2010
Bildformat: 2,35:1
Sprachen: Deutsch DD 5.1, Englisch DD 5.1
Untertitel: Deutsch
Extras: Audiokommentar des Regisseurs (Spanisch ohne Untertitel), Making-of, unveröffentlichte Szenen, B-Roll, Trailer

Vollkommenheit bedeutet Harmonie, bedeutet Einheit, bedeutet Sicherheit, bedeutet Vollständigkeit, bedeutet Sinn. Obschon durch die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften ein sehr zergliedertes, eigentlich für niemanden mehr zu verstehendes Wirklichkeitsbild entworfen wurde, sind immer noch Menschen auf der Suche nach einer einheitlichen Theorie. Auch Wissenschaftler wie Albert Einstein oder Werner Heisenberg forschten nach einer Weltformel, die alle anderen Theorien vereinen könnte. Doch wieso können die Menschen Pluralität und Vieldeutigkeit nicht ertragen? Es ist der wohl hinter allem stehende Grund: die Angst vor dem Tod und vor dem Ungewissen danach. Würde sich eine Formel finden lassen, die alle Prozesse in der Welt beschreiben könnte, so könnte auch im Bereich des eigenen Lebens und im Sterben auf einen irgendwie gearteten höheren Plan oder einfach irgendeine Sinnhaftigkeit gehofft werden.
Dies ist auch Thema von
Alejandro Amenábars Agora. Doch ist seine Geschichte nicht in Zeiten der Quantenphysik angesiedelt, sondern an einem wichtigen Wendepunkt in der Weltgeschichte, nämlich in Alexandria am Vorabend der Vormachtstellung der christlichen Kirche im römischen Reich sowie dann in der gesamten westlichen Welt. Die Christen erstarken nach ihrer Tolerierung durch den Kaiser in Rom und sammeln immer mehr Menschen um sich. Dagegen stehen die Anhänger der alten Götter. Als Randfiguren beteiligen sich auch die Juden an den Glaubensstreitigkeiten. Irgendwo dazwischen und in ihrem Denken eigentlich losgelöst von derart Debatten befindet sich die Philosophin Hypatia (
Rachel Weisz), die an der berühmten Bibliothek von Alexandria Studenten unterrichtet. Die historisch verbürgte Hypatia kennt als einzige Leidenschaft die Wissenschaft, heißblütige Avancen ihres Studenten Orestes (
Oscar Isaac), der später Präfekt von Alexandria wird, lehnt sie ebenso ab wie die zaghaften Annäherungsversuche ihres sehr wißbegierigen Sklaven Davus (
Max Minghella).
Geschickt parallelisiert der Film Hypatias Bestreben, eine Erklärung für die Planetenbewegungen zu finden, und die Auseinandersetzungen zwischen den Religionen über mehrere Jahre hinweg. Der Streit zwischen den Anhängern der alten Religion mit den Christen findet seinen Höhepunkt in der Zerstörung der Bibliothek durch aufgebrachte Christen. Danach stärkt die christliche Kirche immer mehr ihre Position, bis sie auch noch blutige Übergriffe auf die Juden verübt. Hypatia hängt keiner Religion an, wird aber doch immer mehr von den Machtkämpfen in ihrer Arbeit beeinträchtigt, zunächst weil die Bibliothek und damit die meisten Schriften vernichtet werden, dann weil Bischof Kyrill ihre Freundschaft mit dem Präfekten Orestes gegen diesen einsetzt. Die beiden Männer Orestes und Davus werden mitten hineingezogen in die Streitigkeiten und sind beide hin- und hergerissen zwischen ihrer Entscheidung für einen Glauben und ihrer Loyalität Hypatia gegenüber.
Anders wie die verliebten Männer, anders wie die Parabalani, die christiliche Kriegergruppe, anders wie die Bischöfe, anders wie die vehementen Fürsprecher der alten Götter und anders wie die vielen Menschen, die sich in Hoffnung auf Besserung ihrer Lebenszustände dem Christentum anschließen, ist Hypatia als wahre Wissenschaftlerin nicht dazu in der Lage, etwas als absolute Wahrheit zu akzeptieren, sie muß immer zweifeln, jede vermeintliche Erkenntnis in Frage stellen. Die Anhänger der verschiedenen Religionen verbiegen die Wissenschaft so, daß sie in ihr Konzept der Welt paßt. Nur wer losgelöst von gefestigten Vorstellungen forscht, kann der Wahrheit näher kommen. So ist der erste Schritt in Hypatias Erkenntnisweg, daß sie die zwar schon bekannte aber verpönte Annahme akzeptiert, nach der sich die kugelförmige Erde um die Sonne dreht. Ein Abrücken von der anthropozentrischen Weltsicht bedeutet aber auch eine Relation der Rolle der Menschen im Gesamtzusammenhang, sie sind eben nicht mehr Mittelpunkt des Sonnensystems sondern die Erde ist nur einer von mehreren Planeten, die sich ähnlich bewegen.
Amenábar, der einen Auslandsoscar für
Das Meer in mir erhielt, betont die Relativität der menschlichen Probleme mehrfach durch sehr ungewöhnliche Kameraperspektiven. Einerseits zeigt er Makroaufnahmen von Ameisen, von denen dann auf die römischen Soldaten geschwenkt wird, sowie Topshots der Stadt, in der die Menschen während den Kämpfen wie eben jene Ameisen umherhetzen. Die andere noch auffälligere Entscheidung ist der Zoom vom Geschehen aus zurück ins Weltall, von wo aus die gesamte Erdkugel zu sehen ist, welcher mehrfach eingebunden ist. Hypatia ist die einzige, die die Bedeutungslosigkeit der menschlichen Geschicke im großen Ganzen annehmen kann, Orestes wirft ihr daher sogar einmal Kaltblütigkeit vor.

Die noch entscheidendere Stufe ihrer Erkenntnis ist dann jedoch das Verwerfen der Vorstellung, daß sich die Planeten auf Kreisbahnen bewegen. Der Kreis ist eben die Form für Vollkommenheit. Sind die Planetenbahnen jedoch keine Kreise, ist das Universum nicht vollkommen. Dies stellt die Existenz einer höheren Macht in Frage, aber eigentlich hauptsächlich die Gedankengänge der Menschen. Denn hier offenbart sich, daß ihre Weltsicht im Gesamtzusammenhang keine Rolle spielt, ihr Wunsch nach Vollkommenheit, einem eindeutigen Sinn wohl nicht erfüllt wird. So ist das grundlegende Thema von
Agora der Weg zur Erkenntnis einer Wahrheit, der nur möglich ist, wenn die Weltsicht nicht durch Dogmatismus beeinflußt ist und der Blick nicht zu egozentrisch ist. Die Wahrheit, die Hypatia findet, ist eben die von der Komplexität des Lebens, der Welt, des Universums, in dem die Menschen vermutlich nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Amenábar transportiert seine Geschichte über Bilder des antiken Alexandrias, die mit äußerster Detailgenauigkeit und sehr großem Aufwand inszeniert wurden. Somit sieht Agora zunächst auch aus wie ein typischer Sandalenfilm, doch beschäftigen ihn ganz andere Motive. Was die Qualität des Films leider ein wenig schmälert, sind die teilweise etwas zu schwülstig geratenen Episoden, in denen es um die Verliebtheit der Männer geht. Auch bleibt
Rachel Weisz in ihrer Darstellung von Hypatia irgendwie farblos, sie erscheint zu brav und blaß, wirkt weniger wie eine der genialsten Astronominnen ihrer Zeit. Dennoch ist der Film äußerst sehenswert, da er neben seiner Behandlung der eher philosophischen Fragen doch immer unterhaltsam und spannend bleibt.
In den Extras der jetzt erscheinenden DVD ist neben einer kurzen B-Roll, die den großen Aufwand beim Drehen zeigt, einem sehr gut gemachtem Making-of mit Interviews und vielen Filmausschnitten, entfallenen Szenen und Trailern, ein Audiokommentar des Regisseurs, der aber nur in Spanisch ohne Untertitel anzuhören ist, zu finden.
Agora - Die Säulen des Himmels / Agora
R: Alejandro Amenábar
D: Rachel Weisz, Max Minghella, Oscar Isaac, Michael Lonsdale
Spanien 2009, 127 Min.
Copyright: Universal Home Entertainment
Veröffentlichungsdatum: 2.9.2010
Bildformat: 2,35:1
Sprachen: Deutsch DD 5.1, Englisch DD 5.1
Untertitel: Deutsch
Extras: Audiokommentar des Regisseurs (Spanisch ohne Untertitel), Making-of, unveröffentlichte Szenen, B-Roll, Trailer
DVD: Agora - Die Säulen des Himmels