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Jeder ist ein Außenseiter - „True Blood“

von Leander Ripchinsky, am 25.9.10





Heute wurde die zweite Staffel der HBO-Vampir-Serie True Blood in Deutschland veröffentlicht, in den USA ist gerade die dritte Staffel abgelaufen, Grund genug also, sich die Serie anhand der ersten Staffel einmal anzuschauen.

Das Verknüpfen der Themen Tod und amerikanische Gesellschaftsanalyse mit einer Gratwanderung nahe dem Kitsch scheint die Spezialität des „Creators“ der Serie Alan Ball zu sein. In American Beauty, den er schrieb und koproduzierte, wird den ganzen Film über aus Sicht des toten Kevin Spacey die Fassade der modernen amerikanischen Bürgerlichkeit abgerissen, seine Serie Six Feet Under wird über fünf Staffeln zur Sage einer Bestatterfamilie. Hier wird nicht nur Tod und das Sterben selbst thematisiert, sondern vor allem, wie damit von den Lebenden umgegangen wird. Hinzu kommen all die alltäglichen Probleme des Lebens, die sie sonst noch bis zur ihrer Beerdigung verfolgen.

True Blood ist von Beginn an mehr das, was Six Feet Under vor allem gegen Ende war, eine Betrachtung des amerikanischen Jetzt-Zustands. Six Feet Under schaute einer Familie in Los Angeles bei ihrer ständigen Anwesenheit des Todes zu, True Blood schaut unterschiedlichen Außenseitern in einem Kaff in Louisiana zu, die sich mit einem großen gesellschaftlichem Umbruch konfrontiert sehen: Dem offiziellen Coming-Out von Vampiren, aufgrund des Blutersatzstoffes True Blood, der es ihnen (theoretisch) ermöglicht zu leben ohne zu morden. Das Ball diesmal das Terrain des Fantastischen wählt, scheint auf der Hand zu liegen. Vampire sind sowieso sehr gefragt momentan, sie beinhalten das Thema Tod wie selbstverständlich und mit dem Szenario von an die Öffentlichkeit tretenden Vampiren, werden sämtliche Emanzipationsthematiken mitbehandelt.



Gerade auch aus diesem Blickpunkt ist die Wahl des Schauplatzes der Südstaaten von großer Bedeutung, nicht nur wegen seiner visuellen Attraktivität. Die konservativen Südstaatler tun sich äußerst schwer mit der Akzeptanz der Blutsauger, was genügend Stoff für Reibereien bietet. Die Afroamerikaner der Kleinstadt fühlen sich immer noch diskriminiert und versuchen sich ebenso wie die Vampire zu arrangieren. Doch zum Glück wird hier kein simples Subkulturenportrait gezeichnet, auch vermeintliche Siegertypen haben um ihren Platz im Leben zu kämpfen und sei es nur, um mit Mitte Zwanzig endlich nicht mehr von einer willensstarken Mutter vorgeschrieben zu bekommen, wie viel Bier man trinken darf.

Wer kein Milieu hat, in dem er zu Hause ist, hat es leichter, wenn die bisherigen zerbrechen. Der schwule Schwarze Lafayette gehört dabei zu den interessantesten Gebilden, wie auch Keith in Six Feet Under zu den durchweg sympathischsten gehört. Lafayette hält sich mit mehreren Jobs über Wasser, wobei die illegaleren dabei wesentlich profitabler scheinen. Mit den Vampiren ergeben sich neue Geschäftsmöglichkeiten, denn ihr Blut ist in True Blood eine LSD-ähnliche Wunderdroge für die Menschen. Diese absurde Umkehrung macht Menschen und Vampire zugleich zu Gejagten. Lafayette unterhält eine Beziehung zu einem schwulen Vampir, dessen Lieblingsbeschäftigung Fernsehen ist und erhält dafür ein wenig von seinem Blut. „Montage sind immer mein Highlight. Erst kommt Heroes und dann du.“, beichtet der dicke Weiße seinem jüngerem Liebhaber. Es sind kleine Details wie dieses Zitat, oder der dazugehörige groteske Nerd-Vampir, die True Blood sehr dicht und glaubhaft machen. Dass man dann ab und zu in die Klischee-Falle tappt, etwa bei der anfänglichen Tugendhaftigkeit der Hauptfigur Sookie oder dem mittelalterlichem Hierarchiesystem der Vampire, verzeiht man als Zuschauer umso lieber.



Mit True Blood sind Vampire also gekonnt im Fernsehen gelandet und werden liebevoll zu ganzen Charakteren geformt, die nicht nur Schablonen eines Teenie-Hypes bleiben, wie es zum Beispiel in Vampire Diaries geschieht. Die Bedrohung und die düstere Atmosphäre kommen nicht nur von dem Fremdartigen der Untoten, sondern auch von den sich selbst fremd gewordenen Menschen, die sich jetzt erst recht orientieren müssen. Doch nicht nur der Soziologe Ulrich Beck mit seiner Individualisierungstheorie dürfte Spaß an dieser Serie haben, sondern auch Fans von sorgfältig ausgebreiteten Charakteren und Fans der Südstaaten, die mit ihrem Hin- und Hergerissensein zwischen Rassismus und Ultra-Offenheit zum heimlichen Hauptdarsteller werden. Achso. Und um ein eigenes Vampiruniversum geht’s natürlich auch.




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