„Glauben heißt eben den Verstand zu verlieren, um Gott zu gewinnen.“
Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode
Schon etwas länger auf dem Markt aber nichtsdestotrotz noch eine Erwähnung wert: LEE Chang-dongs Secret Sunshine aus dem Jahr 2007, der erst im Frühjahr 2009 bei uns in den Kinos zu sehen war – allerdings ohne dass allzu viele davon Notiz genommen hätten (außer möglicherweise denjenigen, die den Film mit dem US-Feelgood Movie Sunshine Cleaning verwechselt hatten). Jedenfalls fand sich der Rezensent allein im kleinsten Saal der ganzen Stadt – und war sich danach sicher, einen der aufregendsten Filme des Kino-Jahres gesehen zu haben.
Kurz zum Inhalt: Shin-ae (JEON Do-yeon) tritt nach dem Unfalltod ihres Mannes zusammen mit ihrem Sohn eine Reise in die Vergangenheit an, lässt die Großstadt Seoul hinter sich, um in Milyang, der Geburtsstadt ihres verstorbenen Gatten (der chinesische Name der Stadt lässt sich u.a. in etwa mit „geheimer Sonnenschein“ übersetzen) ein neues Leben zu beginnen – d.h. ohne ihn an dem Ort, an dem er zu dem Mann heranwuchs, den sie später kennen und lieben lernen würde. Doch anstatt dort wie erhofft Ruhe und Trost zu finden, begegnen ihr – abgesehen von Automechaniker Jong-chan (SONG Kang-ho), der ihr wie ein anhänglicher Hund nicht mehr von der Seite weicht – die meisten Einwohner des Städtchens mit Misstrauen und/oder -gunst. Ein weiterer Schicksalsschlag wird ihr Leben wiederum radikal verändern, wird sie (mehr aus Verzweiflung denn aus echter religiöser Überzeugung) das Wagnis des Glaubens eingehen lassen, sie ihr Heil in der Religion suchen lassen – um sich schlussendlich mit der Unergründlichkeit des göttlichen Willens konfrontiert zu sehen. (Mehr soll hier nicht verraten werden, um dem Film nichts von seiner emotionalen Wirkung zu nehmen. Aus diesem Grund auch hier der Rat, den Booklet-Text in seiner wohlmeinenden Ausführlichkeit möglichst erst nach dem Film zu konsultieren.)
LEE Chang-dong, 1954 in der südkoreanischen Stadt Daegu geboren, schlägt nach seinem Abschluss in Koreanischer Sprache und Literaturgeschichte zunächst die Lehrer- und Schriftstellerlaufbahn ein, bevor er sich mit dem befreundeten Filmemacher PARK Kwang-su zusammentut, an dessen Filmen To The Starry Island (1993) und A Single Spark (1995) er als Drehbuchautor und Regieassistent beteiligt ist. Als er dann Ende der Neunziger seinen ersten Spielfilm Green Fish (1997) in Angriff nimmt, ist er bereits über vierzig. Nach dem unerwarteten Erfolg des Films bei Kritik und Publikum in Korea folgt 2000 der mehrfach ausgezeichnete Peppermint Candy, und spätestens der Erfolg von Oasis (2002) u.a. bei den Filmfestspielen in Venedig brachte ihm weltweite Anerkennung ein – und offenbar auch die Aufmerksamkeit der südoreanischen Regierung, die ihm daraufhin den Posten des Ministers für Kultur und Tourismus antrug, den er 2003 einnahm. Allerdings fiel es ihm nicht allzu schwer, sich von diesem bereits ein Jahr später wieder zu trennen – zur Freude der Freunde seines filmischen Schaffens, das er sogleich wieder in Angriff nahm um eine Idee umzusetzen, die ihm bereits nach der Fertigstellung von Oasis im Kopf herumgespukt war und aus der sich schließlich die Geschichte zu Secret Sunshine entwickelte (in beiden Filmen ist es der Unfalltod eines Menschen, der die Geschehnisse in Gang bringt).
Die Geschichten LEE Chang-dongs sind Geschichten von Gestrandeten, aus dem Leben Gefallenen, gezeichnet von schicksalhaften Ereignissen oder Momenten der Unachtsam- respektive Unbedachtheit, die deren Leben regelrecht zerreißen, in ein Davor und ein Danach scheiden – ein Davor noch voller Hoffnung, angefüllt mit Träumen und Plänen für die Zukunft, und ein Danach, in dem ein Zurück in diese Zeit der (trügerischen) Harmonie, der spielerisch(-naiv)en Unschuld unmöglich geworden, für immer versperrt ist. Ein Leben nach dem Sündenfall – nur dass hier die Grenzen (zwischen moralisch richtig und falsch, zwischen Täter und Opfer, usw.) alles andere als klar gesteckt sind, eine biblisch klare Trennung in Gut und Böse unmöglich scheint.
In Green Fish und Peppermint Candy setzt der Militärdienst diese folgenschwere Zäsur. Während in Lees Debütfilm die dortigen Geschehnisse ausgeblendet werden, bilden diese (als der Protagonist seinen Wehrdienst ableistet, zu Beginn der 1980er Jahre, herrscht noch das Militär über das Land) in Peppermint den narrativen Kern, das ‚dunkle Zentrum‘ der Narration, dem sich die Geschichte mehr und mehr annähert (Lee erzählt seine Geschichte eines gescheiterten Lebens, einer unmöglich gewordenen Liebe rückwärts, in sukzessiv-chronologisch aneinander gereihten Rücklenden, die – ausgehend vom Freitod der Hauptfigur – bis in die Zeit der Militärdiktatur zurückreichen, und sorgt damit für Aufsehen in Cannes – im gleichen Jahr, als Christopher Nolan mit Memento seinen großen Durchbruch feiert, zwei Jahre vor Noes Irréversible, vier Jahre bevor Ozon in 5x2 ganz ähnlich verfahren wird, um das Scheitern einer Liebe mit einem Happy-End enden lassen zu können). Und wenn in Green Fish der Protagonist in eine Welt zurückkehrt, die sich verändert hat, nicht mehr dieselbe ist, ist es in Peppermint Candy der Protagonist selbst, der verändert in die Welt zurückkehrt, die er einst verlassen hat, durch die Erfahrungen ein anderer geworden – und der ob der auf ihm lastenden Schuld zu seinem eigenen Richter wird und sich ein erfülltes Leben an der Seite der Frau, die er liebt, verwehrt.
Die Kamera bleibt in Lees Filmen immer nah an den Figuren, ohne jedoch deren Geheimnis letztlich ergründen zu können. Und es sind dies Figuren, die es einem nicht leicht machen, sich mit ihnen zu identifizieren, die merkwürdig fremd wirken – und es im Grunde bis zum Ende bleiben. Figuren, deren Motive zunächst unklar, rätselhaft bleiben, deren Handlungen irritierende bis bestürzende, ja schockierende Züge annehmen. Und doch wandelt sich nach und nach der Blick auf diese Wesen, gewinnt man den Figuren wie beiläufig neue Facetten ab, die das zuvor Gesehene, bislang Gewusste in einem neuen Licht erscheinen lässt. Was dem Zuschauer durchaus einiges an Geduld abverlangt – auch angesichts der Tatsache, dass sich die Filme die Zeit nehmen, die sie brauchen (Green Fish ist der einzige Film Lees unter zwei Stunden Laufzeit)..
Während sich in Green Fish das Geschehen noch weitgehend innerhalb von Genregrenzen (Gangsterfilm und Film Noir an der Oberfläche, darunter ein Familiendrama) abspielt, weicht Lee diese Grenzen in den weiteren Filmen mehr und mehr auf. Auf diese Auflösung respektive Subvertierung verweist auch ein Dialog in Secret Sunshine, relativ spät im Verlauf des Films und eine der wenigen explizit selbstreflexiven, metafilmischen Volten des Films: Auf die Bemerkung eines befreundeten Kochs: „Nach Drama siehst du nicht aus – eher nach Komödie“, antwortet Jong-chan mit den Worten: „Deine Sichtweise ist eben beschränkt. […] Es kann doch Komödie und Drama sein.“ Und in der Tat bildet die Figur des ewigen Junggesellen Jong-chan (Schauspielstar SONG Kang-ho hatte bereits in Lees Green Fish eine kleine Rolle inne) den komödiantischen Gegenpol zur ‚Leidensfrau‘ Shin-ae, deren fortwährender emotionaler Ausnahmezustand Darstellerin JEON Do-yeon (sie erhielt dafür in Cannes den Preis als beste Darstellerin) einiges abverlangt.
Lees Filme sind nicht nur einfühlsame Psychogramme, formale Grenzgänge, sondern immer auch sorgfältige Milieuzeichnungen, scharfsichtige Gesellschaftstudien, die einen ebenso genauen wie kritischen Blick auf die neuralgischen Punkte der zeitgenössischen südkoreanische Gesellschaft werfen. In Peppermint sind es vor allem die emotionalen Nachbeben der Militärdiktatur (speziell des Gwangju-Massaker im Jahre 1980), die noch viele Jahre nachwirkenden ‚seismischen Erschütterungen‘ in den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. In Oasis die Bigotterie (nicht nur) der koreanischen Gesellschaft im Umgang mit körperlich beeinträchtigten Menschen, das Unvermögen, sie nicht nur (wenn überhaupt) als leidende, sondern auch als leidenschaftliche Menschen, voller Sehnsüchte und Wünsche anzuerkennen. In Secret Sunshine wiederum nimmt Lee den anhaltenden Einfluss christlicher Sekten und Heilsbewegungen in seinem Heimatland kritisch in den Blick. Und immer wieder spielt neben dem Tod die Familie eine zentrale Rolle, als gesellschaftlicher Mikrokosmos wie als sozio-biologische Gemeinschaft mit ganz eigenen Regeln und Gesetzen, als Ort der Zuflucht wie als Ort unerbittlicher Auseinandersetzungen.
In Secret Sunshine entfaltet Lee ein durch die ironisch-komödiantische Seitenlinie um die unerwiderte Liebe eines leicht naiven Automechanikers gebrochenes respektive aufgelockertes Stationendrama um eine Art weiblicher Hiobfigur, das mitunter an die ‚Passionsgeschichten‘ Lars von Triers erinnert, an die gebeutelten und geschundenen Kreaturen in Breaking the Waves (1996), Dancer in the Dark (2000) oder Dogville (2003). Diesen filmischen Versuchsanordnungen (welche ob des die Grenze des ‚filmischen Sadismus‘ mehr als einmal streifenden Leidensdrucks, dem die jeweiligen Protagonistinnen ausgesetzt werden, den dänischen Provokateur wiederholt dem Verdacht der Misogynie ausgesetzt hat), der von Trier’schen Provokation steht die Lee’sche Irritation, der Gottesperspektive des Dänen ein eher fragender Blick des Koreaners gegenüber, der die Welt in ihrem Sosein befragt anstatt sie unter Laborbedingungen zu simulieren oder wie ein Entomologe die Lupe auf das Treiben auf dem Erdenrund zu richten, in dessen Händen das Vergrößerungs- mitunter zum Brennglas mutiert. Und möglicherweise erinnert die erste Einstellung in Secret Sunshine nicht von ungefähr an das Ende von Breaking The Waves, an dem von Trier seiner Heldin die Erlösung zuteilwerden lässt, sie mit überirdischem Glockenklang entlohnt – nachdem er sie durch die tiefsten Tiefen der (irdischen) Hölle geschickt hat.
Secret Sunshine ist in der facettenreichen „Intro Edition Asien“ bei Rapid Eye Movies erschienen und bislang der einzige Film Lees, der in Deutschland auf DVD erschienen ist. Für die früheren Titel musste man auf Importe aus Asien oder Großbritannien zurückgreifen, etwa auf das verdienstvolle (allerdings auch kostspielige) „Lee Chang-Dong Collection Box Set“ aus Südkorea, in dem sich zu den ersten drei Filmen zusätzlich noch zwei Scheiben mit Bonusmaterial beigesellen. Auf der Rapid Eye-DVD finden sich neben dem Film in Originalsprache mit deutschen Untertiteln lediglich ein kurzes Making Of und der Trailer. Wer allerdings nach wie vor den Importweg scheut, dem eröffnet sich hier ein kostengünstiger Einstieg in die Welt eines der bedeutendsten südkoreanischen Filmemachers seiner Generation (neben etwa dem hierzulande auch noch viel zu unbekannten HONG Sang-soo, in dessen Der Tag, an dem ein Schwein in den Brunnen fiel von 1996 der Schauspieler SONG Kang-ho – ohne dafür vorher eine Ausbildung absolviert zu haben – 1996 sein Filmdebüt gab). Und vielleicht nimmt sich Rapid Eye Movies eines Tages auch noch des Frühwerks Lees (oder gar dem Filmschaffen Hongs) an, wer weiß.
Secret Sunshine (Milyang)
R: LEE Chang-dong
D: JEON Do-yeon, SONG Kang-ho, JO Yeong-jin, KIM Mi-kyung, KIM Yeong-jae, KO Seo-hie, PARK Myeong-shin
Südkorea 2007, 142 Min.
Vertrieb: Rapid Eye Movies
Bildformat: 2,35:1 (16:9)
Sprache: Koreanisch DD 5.1
Untertitel: Deutsch (optional)
Sprache: Koreanisch DD 5.1
Untertitel: Deutsch (optional)
Extras: Making-of, Kinotrailer (ca. 10Min.)
FSK: 12
Veröffentlicht am 04.06.2010.
FSK: 12
Veröffentlicht am 04.06.2010.











