-->

.

DVD: White Lightnin' (Störkanal Edition #001)

von Dennis Vetter, am 24.9.10



Störkanal. Eine bewusste Anlehnung an das Label Bildstörung? Dieses steht unter Cineasten seit geraumer Zeit für außergewöhnliches Kino, das in mehreren glücklichen Fällen wiederentdeckt und mit aufwändigen DVD-Editionen versehen wurde. I-ON New Media rief vor kurzem ein neues Sub-Label ins Leben und hat begonnen, es Bildstörung nicht exakt gleichzutun, aber sich am programm des Vorgängers inhaltlich stark zu orientieren. In limitierten Editionen im Pappkarton, versehen mit möglichst eigenständigen Extras, sollen hier vor allem unkonventionelle und extreme Bilder mit Anspruch ein Publikum finden. Störkanal ist dabei wesentlich aktueller ausgerichtet als Bildstörung und kümmert sich vor allem um Geheimtipps der jüngeren Vergangenheit. Angekündigt oder bereits erschienen sind mit 7 Days, Savage, 5150 Elm's Way, Weapons, The Heart is deceitful above all things, Taxidermia, Mysterious Skin, In My Skin, Calvaire, Alexandra's Project sowie Van Diemen's Land durchweg sehr herausfordernde Filme, die sich durch große Eigenständigkeit in puncto Thematik und Ästhetik auszeichnen.

Eröffnet wurde die Reihe durch den biografisch inspirierten Film White Lightnin’, der auf Festivals bereits sehr positive Publikumsresonanz erhielt und eine hervorragende Wahl darstellt.

West Virginia, tiefste Provinz. Inmitten eines perspektivenlosen 'White Trash'-Milieus nimmt das Leben von Jesco White seinen Ursprung. Bereits nach wenigen Filmminuten wird klar: Der impulsive Junge hat es nicht leicht unter seinem jähzornigen Vater D Ray White, der gottgleich und mit allen Mitteln versucht, ihn stets auf dem rechten Pfad zu halten. Jesco scheint in seinem Leben nichts richtig zu machen, erntet bei jedem neuen Fehltritt immer härtere Bestrafungen. Doch selbst ein Aufenthalt in einer Besserungsanstalt bringt keine Änderung. Zwischen streng christlicher Moral, brutaler Misshandlung und bitterer Armut flüchtet er sich bei jeder Gelegenheit in seinen Lieblingszustand, den Rausch aus Benzinkanistern und Bierflaschen. Die Antwort, welche White Lightnin’ auf das ruhelose Wesen seines Protagonisten liefert, ist dabei fatal: Jesco ringt mit dem Bösen selbst, das durch seine Adern fließt und das immer wieder unkontrolliert hervorbricht.



Es ist nur schwer zu glauben, dass Regisseur Dominic Murphy das nihilistische Szenario seines Films tatsächlich der Realität entnommen hat. Sowohl Donte Vixen Ray (D Ray) White, als auch Jesco White (Jahrgang 1956) existieren tatsächlich und sind mit der Perfektionierung der ausgestorbenen Kunst des 'Appalachian Mountain Dance' zu amerikanischen Legenden geworden. Noch heute werden sie von einer festen Fangemeinde kultisch verehrt. Bereits 1991 wurde Jesco White ein Film gewidmet. In der Dokumentation The Dancing Outlaw portraitiert ihn Regisseur Jacob Young. Es existieren außerdem zahlreiche Fanpages sowie Veranstaltungen, die sich intensiv mit seinem Tanzstil und seinem Leben befassen.

Wie die vielen Fans scheint auch Dominic Murphy fasziniert von der Person Jesco White. Mehr jedoch als dessen Biografie interessiert ihn offenbar das wahnhafte, schizophrene Wesen des kauzigen Stars. Er begleitet Kindheit und Erwachsenenalter seines Protagonisten, zeichnet dabei aber weniger eine Biografie als vielmehr die Karte eines geschundenen Geisteslebens zwischen Spiritualität, Emotionalität und Wahnsinn.

In White Lightnin' nimmt Jesco Whites tragisches Dasein von Station zu Station immer groteskere Züge an. Vom Jugendlichen Problemfall führt sein Weg über eine psychiatrische Klinik in sein Erwachsenenleben zwischen Tanzkarriere, Liebe und Blutrache für seinen grausam ermordeten Vater. Wie seinen Protagonisten scheint es den Film dabei stets voran zu ziehen, jede Aussicht auf Entspannung ist nur von kurzer Dauer. Unentwegt wechseln sich kurze inhaltliche Passagen mit episodenhaften Sequenzen ab, die beinahe wie Prüfungen anmuten, wie Wegpunkte auf einem Pfad ins Verhängnis. Die zermürbende, unterschwellige Anspannung der Geschehnisse im Film gipfelt immer wieder aufs Neue in Wutausbrüchen und Gewaltexzessen Jescos, die allerdings nie seine permanente Ruhelosigkeit lindern können. Fiebrige Höllenvisionen etablieren ihn mit zunehmender Drastik als pervertierte Märtyrerfigur ohne jeden versöhnlichen Bezugspunkt.



Dominic Murphys Jesco White scheint den gesamten Film über nach Vergebung für seine misslungene Existenz zu schreien. Er zerbricht dabei immer wieder aufs Neue an den unerfüllbaren Geboten seines toten Vaters, dem er sich aufs Tiefste verpflichtet fühlt. Dominic Murphys Jesco White taumelt von inneren Dämonen geplagt durch ein sozial wie optisch verwahrlostes Umfeld voller Schlamm, Schweiß und Blut - stets auf der Suche nach einem Sinn, nach Anerkennung, nach Zuneigung.

Was er findet, ist nur der Zuschauerblick.

I-On New Media präsentiert den Film als erstes deutsches Label, noch dazu in überdurchschnittlichem Layout mit Sammlercharakter. Neben dem Film findet sich ein Booklet von Autor und Journalist Nando Röhner, der unter anderem für das Deadline Magazin tätig ist (Das Magazin tritt als Medienpartner auf). Er geht zweifellos ein wenig polemisch vor, liefert allerdings interessante und leicht zugängliche Informationen zum Film. Als weitere Extras finden sich leider nur Trailer.

Störkanal scheint sich bewusst an ein großes Publikum zu wenden und gibt sich weniger elitär als die Konkurrenz. Dies spiegelt sich auch im etwas geringeren Produktionsstandard wieder, der einen fairen Preis ermöglicht. Angesichts seiner sehr aktuellen Ausrichtung, der hohen Frequenz von Veröffentlichungen und der eigenständigen Orientierung bietet die Störkanal Edition eine gelungene und lobenswerte Ergänzung zu bisherigen DVD-Reihen, die sich der Bereicherung des Blicks verschrieben haben. Weitere Rezensionen zu bereits erschienenen Titeln folgen in Kürze.

Bis dahin macht der Trailer zu White Lightnin' Appetit auf den Einstieg in die Reihe:







White Lightnin’
R: Dominic Murphy
D: Edward Hogg, Carrie Fisher, Stephanie Astalos-Jones, Kirk Bovill, Owen Campbell, Stephen Lester
UK 2009, 88 Min.
Vertrieb: Splendid

Veröffentlichungsdatum: 26. März 2010
Sprache: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Booklet, Trailer


blog comments powered by Disqus
 

NEGATIV Gestaltet von Ciprian David und Christian Alt // Log in