Als Ben Affleck im Jahr 2007 mit Gone Baby, Gone zum ersten Mal auf dem Regiestuhl platz nahm, gelang ihm ein Achtungserfolg. An diesen versucht er nun mit The Town – Stadt ohne Gnade anzuschließen – mit dem Unterschied, dass er nicht nur hinter der Kamera, sondern auch vor der Kamera mitwirkt.
Im Bostoner Stadtteil Charlestown werden jährlich 300 Banküberfälle begangen. Doug (Ben Affleck), der eigentlich von einem ehrlichen Leben träumt, ist der Kopf einer Gruppe von Bankräubern, doch bei ihrem letzten Job ging etwas schief, die Bankangestellte Claire (Rebecca Hall), die sie als Geisel genommen haben, könnte ihre Identität offenlegen. Während sie den nächsten Raub planen, soll Doug herausfinden, was sie weiß. Eine Beziehung bahnt sich an. Während das FBI fieberhaft nach ihm sucht, muss Doug sich für eines der beiden Leben entscheiden.
Ostküstenganoven gab es in letzter Zeit im Kino zuhauf zu sehen. Ob nun in The Departed oder Das Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest wurde versucht, das eigentümliche Milieu abzubilden, das in der Halbwelt zwischen Vorstadt und Untergrund zu finden ist. The Town versucht sich zwar in dieser Milieuskizzierung, welche allein schon durch den Titel versprochen wird, bietet aber nicht mehr als eine Handvoll Verweise. Vielmehr konzentrieren sich Ben Afflecks Drehbuch und seine Inszenierung auf die Action. Charakterzeichnung und persönliche Beziehungen dienen lediglich der Steigerung der Dramatik und haben keinen Eigenwert. Auch den zarten Banden zwischen Doug und Claire, die mit großer Mühe in langatmigen Dialogen geknüpft werden, wird nach einiger Zeit kaum mehr Aufmerksamkeit geschenkt. So bleibt The Town irgendwo zwischen Liebesdrama und sozialkritischer Milieustudie stecken.
The Town ist also nur wirklich gut in den actionbetonten Passagen. Unübersehbar sind hier die Anlehnungen an Heat, besonders bei den zahlreichen Übefällen mit anschließender Flucht wird dies überdeutlich. Dougs Gegenspieler stehen im Gegensatz zu vielen anderen Thrillern klar auf der richtigen moralischen Seite und zeigen in ihrer Anlage keine Ambivalenz. Gerade FBI-Detective Adam Frawley (Jon Hamm) wird als rechtschaffender Hüter des Gesetzes mit absolut weißer Weste in Szene gesetzt – eine Entscheidung, die seiner Figur aber auch die Tiefe nimmt. Sieht man sich die Besetzungsliste an, bemerkt man, dass das Produktionsteam eine gute Wahl getroffen hat. Bis in die kleinste Nebenrolle ist The Town ungewöhnlich gut besetzt. Neben John Hamm, der mit der Serie Mad Men bereits sein Ausnahmetalent unter Beweis gestellt hat, ist auch Jeremy Renner eine filmische Ausnahmeerscheinung. Ironischerweise ist gerade Ben Affleck der Schwachpunkt seines eigenen Films und wandert 120 Minuten mit Schlafzimmerblick und regungsloser Miene umher.
Affleck hat mit The Town einen grundsoliden, mittelmäßigen Thriller abgeliefert, der nicht vollends überzeugen kann. Die starke Fokussierung auf die Action verhindert eine wirkliche Beschäftigung mit der „Stadt ohne Gnade“ – Potential wäre zumindest noch einiges vorhanden gewesen.
The Town – Stadt ohne Gnade / The Town
R: Ben Affleck
D: Ben Affleck, Jon Hamm, Rebecca Hall, Jeremy Renner
USA 2010 120 Min.
Warner Bros




