Mit der siebten Episode ging gestern die erste Staffel von
Breaking Bad auf ARTE zu Ende. Und ebenso wie der Protagonist sich anstrengt, die Fehlentscheidungen in seinem Lebens zu reparieren und auf illegalem Weg für seine Familie über den eigenen Tod hinaus zu sorgen, wird diese Episode zum Anlass, die bisherige Handlung, aber auch die Motive und stilistischen Entscheidungen unter die Lupe zu nehmen.
Penetrant geht es gleich in der ersten Szene zur Sache, sowohl auf der diegetischen, als auch auf der Metaebene: während einer Sitzung mit Lehrern, Polizisten und Angehörigen in Walts Schule, die dazu dient, Transparenz in den Fall des Diebstahls aus dem Chemielabor zu bringen, schöpft Walt aus der atmosphärischen Spannung durch den möglicherweise über ihm schwebenden Verdacht sexuelle Energie. Die beeindruckende Mimik von Bryan Cranston ergänzt dermaßen harmonisch seine Handbewegungen zwischen den Beinen seiner Frau, dass seine Antwort auf ihre im Nachhinein gestellte Frage nach der Quelle dieser Energie überflüssig scheint: Weil es gesetzwidrig ist. Ein nur stellenweise in den anderen Episoden zu findender Ansatz wird nun in voller Form vorgestellt: Zwischen Verpflichtungen seiner Familie gegenüber, dem naheliegenden Tod und die Ängste um die sich ihm neu erschließende Welt findet Walt Gefallen an seinem zweiten Leben. Dieses Gefallen wird zum Hauptthema in der Episode und wird später als Diskussionsthema zwischen Walt und Hank um Legalität und Illegalität als Motor der kleinen Verbrechen, die jeder hin und wieder begeht, vorgeschlagen. Diese Idee bekommt sogar einen eigenen Charakter als Versuchskaninchen: Maries Kleptomanie wird zum Nebenthema der Episode und scheint den Anfang einer Reihe von Enthüllungen der Unkorrektheit der anderen Charaktere um Walt herum zu bilden.
Die humoristischen Akzente der Episode finden eine Steigerung in Walts und Jesses Aktivitäten als Drogenhersteller. Während sein Geschick als Chemiker ihm neue Möglichkeiten eröffnet, erweist sich Walt als Trafikant äußerst taktlos. Selbstreflexiv lassen die Macher von nun an Walt nach den ehrenvollsten filmischen Regeln des Gangsterfilms dunkle Sonnenbrille und einen urkomischen Hut bei den Übergaben auf einem Autoschrottplatz tragen, oder bunte Skimützen als Tarnung beim Einbruch in eine Chemiefabrik. Die Situationskomik als Hauptmethode zur Erzeugung des Humors wird wunderbar in einer Szene synthetisiert, in welcher Walter und Jesse eine schwere Tonne Chemikalien im Vordergrund des Bildes mühsam mitgehen lassen, während sich der Nachtwächter hoffnungslos aus einer von den beiden kurz zuvor zugeschnürten Dixi-Toilette zu befreien versucht.
Der Stilbruch erfolgt mit der ersten Episode der zweiten Staffel. Zum ersten Mal wird eine Eröffnungssequenz in Schwarz-Weiss gezeigt. Aufnahmen von der Vegetation um Walters Haus, einer Schnecke auf einer Mauer, einem Spielzeugauge im Pool entwickeln eine plastische Dramaturgie der Spannung. Das Auge wird vom Wasser zum Abfluss getragen - die zweite Staffel von Breaking Bad öffnet eine neue Welt. Durch die Eröffnungssequenz bekommt die erste Szene der Episode, die dieselbe wie die letzte der vorigen Episode wiederaufnimmt, eine neue Dimension. Ein Tuco, der unverwechselbar an
Frank Booth erinnert, gestärkt durch die Plastizität der Eröffnungssequenz, lädt zu einer Hommage an die Welten von
David Lynch ein: die achte Folge wird ein Thriller sein.
Die experimentierfreudige Kamera verlagert die Aufmerksamkeit von den Charakteren auf die Gegenstände. So werden nun Situationen über die Spuren einer Schönheitsmaske auf dem Kühlschrank, über ein zertrümmertes Spielzeugauto, einen Revolver, oder Tucos Auto erklärt. Die Räume gewinnen eine bedrohliche Tiefe, die Szenerie wird meistens dunkel inszeniert, oft mit einem Hang zu künstlerischen Arrangements. Walter wird als Protagonist eines Film Noirs neu vorgestellt. In diesem Zusammenhang bekommt nicht nur der sich mühsam etablierte Humor eine neue, groteske Dimension. Die Charaktere wirken entwurzelt, mit einer tragischen Note verbunden. Die bürgerlichen Familien in Walters Universum sind nun Wohngemeinschaften nicht kommunizierender Individuen.
Der Chemielehrer selbst gehört nun in das dunkle Wunderland der Drogengeschäfte. Dass er ein Fremder in seinem ehemaligen Alltag geworden ist, wird nicht mehr als Problem inszeniert. Sein Leben hat inzwischen ein neues Stadium erreicht. Die neugierigen Blicke werden bestraft, der Spieß wird umgedreht – von nun an dringt das Wunderland in die Vorstadtidylle ein.
Weitere Artikel aus unserer Breaking Bad-Reihe finden Sie hier.
Jeden Samstag werden auf ARTE um 22:00 Uhr zwei Folgen ausgestrahlt.
Mit der siebten Episode ging gestern die erste Staffel von
Breaking Bad auf ARTE zu Ende. Und ebenso wie der Protagonist sich anstrengt, die Fehlentscheidungen in seinem Lebens zu reparieren und auf illegalem Weg für seine Familie über den eigenen Tod hinaus zu sorgen, wird diese Episode zum Anlass, die bisherige Handlung, aber auch die Motive und stilistischen Entscheidungen unter die Lupe zu nehmen.
Penetrant geht es gleich in der ersten Szene zur Sache, sowohl auf der diegetischen, als auch auf der Metaebene: während einer Sitzung mit Lehrern, Polizisten und Angehörigen in Walts Schule, die dazu dient, Transparenz in den Fall des Diebstahls aus dem Chemielabor zu bringen, schöpft Walt aus der atmosphärischen Spannung durch den möglicherweise über ihm schwebenden Verdacht sexuelle Energie. Die beeindruckende Mimik von Bryan Cranston ergänzt dermaßen harmonisch seine Handbewegungen zwischen den Beinen seiner Frau, dass seine Antwort auf ihre im Nachhinein gestellte Frage nach der Quelle dieser Energie überflüssig scheint: Weil es gesetzwidrig ist. Ein nur stellenweise in den anderen Episoden zu findender Ansatz wird nun in voller Form vorgestellt: Zwischen Verpflichtungen seiner Familie gegenüber, dem naheliegenden Tod und die Ängste um die sich ihm neu erschließende Welt findet Walt Gefallen an seinem zweiten Leben. Dieses Gefallen wird zum Hauptthema in der Episode und wird später als Diskussionsthema zwischen Walt und Hank um Legalität und Illegalität als Motor der kleinen Verbrechen, die jeder hin und wieder begeht, vorgeschlagen. Diese Idee bekommt sogar einen eigenen Charakter als Versuchskaninchen: Maries Kleptomanie wird zum Nebenthema der Episode und scheint den Anfang einer Reihe von Enthüllungen der Unkorrektheit der anderen Charaktere um Walt herum zu bilden.
Die humoristischen Akzente der Episode finden eine Steigerung in Walts und Jesses Aktivitäten als Drogenhersteller. Während sein Geschick als Chemiker ihm neue Möglichkeiten eröffnet, erweist sich Walt als Trafikant äußerst taktlos. Selbstreflexiv lassen die Macher von nun an Walt nach den ehrenvollsten filmischen Regeln des Gangsterfilms dunkle Sonnenbrille und einen urkomischen Hut bei den Übergaben auf einem Autoschrottplatz tragen, oder bunte Skimützen als Tarnung beim Einbruch in eine Chemiefabrik. Die Situationskomik als Hauptmethode zur Erzeugung des Humors wird wunderbar in einer Szene synthetisiert, in welcher Walter und Jesse eine schwere Tonne Chemikalien im Vordergrund des Bildes mühsam mitgehen lassen, während sich der Nachtwächter hoffnungslos aus einer von den beiden kurz zuvor zugeschnürten Dixi-Toilette zu befreien versucht.
Der Stilbruch erfolgt mit der ersten Episode der zweiten Staffel. Zum ersten Mal wird eine Eröffnungssequenz in Schwarz-Weiss gezeigt. Aufnahmen von der Vegetation um Walters Haus, einer Schnecke auf einer Mauer, einem Spielzeugauge im Pool entwickeln eine plastische Dramaturgie der Spannung. Das Auge wird vom Wasser zum Abfluss getragen - die zweite Staffel von Breaking Bad öffnet eine neue Welt. Durch die Eröffnungssequenz bekommt die erste Szene der Episode, die dieselbe wie die letzte der vorigen Episode wiederaufnimmt, eine neue Dimension. Ein Tuco, der unverwechselbar an
Frank Booth erinnert, gestärkt durch die Plastizität der Eröffnungssequenz, lädt zu einer Hommage an die Welten von
David Lynch ein: die achte Folge wird ein Thriller sein.
Die experimentierfreudige Kamera verlagert die Aufmerksamkeit von den Charakteren auf die Gegenstände. So werden nun Situationen über die Spuren einer Schönheitsmaske auf dem Kühlschrank, über ein zertrümmertes Spielzeugauto, einen Revolver, oder Tucos Auto erklärt. Die Räume gewinnen eine bedrohliche Tiefe, die Szenerie wird meistens dunkel inszeniert, oft mit einem Hang zu künstlerischen Arrangements. Walter wird als Protagonist eines Film Noirs neu vorgestellt. In diesem Zusammenhang bekommt nicht nur der sich mühsam etablierte Humor eine neue, groteske Dimension. Die Charaktere wirken entwurzelt, mit einer tragischen Note verbunden. Die bürgerlichen Familien in Walters Universum sind nun Wohngemeinschaften nicht kommunizierender Individuen.
Der Chemielehrer selbst gehört nun in das dunkle Wunderland der Drogengeschäfte. Dass er ein Fremder in seinem ehemaligen Alltag geworden ist, wird nicht mehr als Problem inszeniert. Sein Leben hat inzwischen ein neues Stadium erreicht. Die neugierigen Blicke werden bestraft, der Spieß wird umgedreht – von nun an dringt das Wunderland in die Vorstadtidylle ein.
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Jeden Samstag werden auf ARTE um 22:00 Uhr zwei Folgen ausgestrahlt.
Breaking Bad - Synthese und Kurswechsel