DVD: Ars Amandi


Das Werk von Walerian Borowczyk besticht durch eine fast schon erschreckende Singularität, die es in weiter Ferne der unzähligen Ausprägungen des erotischen Kinos der 70er und 80er Jahre rückt. Es wirkt langsam, anachronistisch und daher auch ein wenig massenfeindlich. Eine derart konsequente Umsetzung der eigenen Vorstellungen kann im Wirkungskreis des Sexfilms zumindest als ungewöhnlich bezeichnet werden, wobei die späteren Einträge des Oeuvres bereits deutliche Anzeichen ungewollter Einbringungsversuche durch die Produzenten tragen. Ars Amandi befindet sich in der just umrissenen Schnittstelle zwischen völliger Eigenständigkeit und kreativem Niedergang, der Resultat einer forcierten Fremdeinwirkung war. (1)

Im antiken Rom verlassen die Soldaten die Stadt, um in den Krieg zu ziehen. Zeitgleich unterrichtet der Dichter Ovid (Massimo Girotti) den lernwilligen Jünglingen die Kunst der Liebe, die sie natürlich schnellstens anwenden möchten. Cornelius (Philippe Taccini) hat das Ziel seiner Verführungsversuche in der verheirateten Claudia (Marina Pierro) gefunden, deren Mann Macarius (Michele Placido) in Kampfeinsätzen in Gallien verwickelt ist. Eine Annäherung präsentiert sich aus diesem Grund jedoch nicht als gefahrloses Unterfangen, da ein sprechender Papagei und eine wachsame Schwiegermutter auf das sittenreine Verhalten der Umworbenen achten. Das Treiben Ovids und seiner Studenten verweilt nicht lange außerhalb des Fokus der Obrigkeiten, denen die schädlichen Lehren nicht ins Weltbild passen. Martialische Schritte werden eingeleitet.



Borowczyk ist wie Ovid ein Künstler, der die Bedeutung von Verführung und Sexualität zum umgreifenden Leitmotiv seines Werkes erhob. Dabei spielen zeitliche Verwurzelungen eine ähnlich untergeordnete Rolle wie das Einfangen blanker Realität. Seine Geschichten verweigern sich kategorischen Einordnungen in bestimmte Kontexte und bestechen vielmehr durch einen traumartigen, surrealen Impetus, der sie gleichzeitig zu konstanten Begleitern der Menschheitsgeschichte erhebt. Die bemerkenswerte Rekonstruktion des antiken Roms mit den gelungenen Kulissen und Kostümen erscheint in der typischen Überbelichtung, die den Bildern immer einen verschwommenen Anstrich verleiht, als reines Phantasiegebilde, das dem zeitlosen Plot als grober Rahmen dient. Die Einflüsse der Malerei sind auch hier nicht zu verkennen, der unglaubliche Detailreichtum jeder einzelnen Einstellung und die Faszination für scheinbar triviale Objekte tragen zu einem visuellen Genuss bei, der einige Unebenheiten in der Erzählungen in den Hintergrund verbannt.

Ars Amandi als Reflexion über die grenzenlosen Möglichkeiten der Träume und Phantasien zu betrachten, ergibt sich durch die Aufhebung der Kontinuität und das gelegentliche Abschweifen in Nebenhandlungen, was dem Film eine elliptische Struktur verleiht. Die durchaus überraschende Schluss-Pointe potenziert zwar noch einmal die Bruchstückhaftigkeit von Ars Amandi, wirkt aber in Anbetracht der vorherigen Ereignisse deplaziert. Auf solcherlei Spielereien muss man sich bei Borowczyk jedoch einlassen, der seine Filme oftmals mit gewöhnungsbedürftigen Einfällen ausklingen lässt.

Es geht allgemein ein wenig zurückhaltender und gemächlicher vor als in den Skandalfilmen La Bête oder Unmoralische Geschichten. Gewisse Tabuthemen wie Inzest oder Zoophilie werden nicht in derselben Drastik angeschnitten, wobei eine kurze Traumsequenz wahrlich das Potenzial hat, unvorbereitete Zuschauer an einem empfindlichen Punkt zu berühren. Von seinem Ruf als Provokateur konnte sich Borowczyk nie vollständig lösen, immer wieder überschreitet er mit außergewöhnlichen Ideen die Grenzen des guten Geschmacks. Die Erotik verkommt dabei niemals zur platten Fleischbeschauung, sondern entfaltet ihre Wirkung durch die Kraft ephemerer Blicke.

Dank ansehnlicher Bilder und einer gelungenen Besetzung mit Marina Pierro (Unmoralische Engel) und Michele Placido (Allein gegen die Mafia, E tanta paura) bietet Ars Amandi erotische Unterhaltung, die zwar nicht an die Klasse der früheren Filme heranreicht, sich jedoch keineswegs verstecken muss. Eine derart konsequente Verweigerung der Mechanismen kommerzieller Filmproduktion darf ruhig als Unikum bezeichnet werden und verdient gerade deshalb auch Anerkennung. Das Label donau film bietet den Film erstmals in der ungekürzten Fassung an, Bildqualität und Bonusmaterial hätte man jedoch ein wenig verfeinern können. Freunden des unterschlagenen Films sei einer der letzten erwähnenswerten Filme Walerian Borowczyks jedoch uneingeschränkt empfohlen.

(1) Laut Pete Tombs und Cathal Tohill („European Sex and Horror“) gab es Produzenten, die Borowczyks Unterschrift fälschten, um die Erlaubnis zu erhalten, in einzelnen Fassungen von Ars Amandi Hardcore-Szenen einzubinden.



Ars Amandi – Die Kunst der Liebe
R: Walerian Borowczyk
D: Michele Placido, Marina Pierro
Frankreich/Italien 1983, ca. 95 Min.
donau film


Bildformat: 1.66:1 (anamorph)
Sprache: Deutsch DD 2.0  Mono, Italienisch DD 2.0 Mono, Englisch DD 2.0 Mono
Untertitel: Deutsch
Extras: Kinotrailer, Bildergalerie
FSK: 16