Christian Povedas Dokumentarfilm über die zwei großen Gangs in Salvador erregte nicht zuletzt wegen dem mit der Natur der Dreharbeiten verbundenen tragischen Tod des Regisseurs weltweites Interesse. Der Regisseur hielt sich mehrere Monate unter den pandilheiros der Gang Mara 18 mit der Kamera auf, um die Schicksale der Gangmitglieder auf Film festzuhalten.
Auf derselben thematischen Welle reitet Cary FukunagaSin Nombre. Nicht nur durch die stilistische Herangehensweise sondert sich der Film von seinem Vorgänger ab, sondern auch durch die Perspektive und durch die thematischen Schwerpunkte. Diesmal in Mexiko spielend und dadurch zusammen mit Povedas Film eine Kartographie der zwei großen Maras durchzeichnend, verfolgt Sin Nombre das Leben einiger Protagonisten aus den Reihen der Mara Salvatrucha.
Die Erzählung widmet sich gleich mehreren Protagonisten und gewährt so Einblicke nicht nur in das Leben von Gangmitgliedern und Kindern, die schon mit zwölf Jahren das Einweisungsritual durchgehen, sondern skizziert auch ein Gesellschaftsportrait der armen Schichten Lateinamerikas, der ehrenhaften Menschen, die von einer Zukunft lediglich in Verbindung mit illegaler Einwanderung in die USA träumen können.
Mit der für Lateinamerika üblichen Lebhaftigkeit untersucht der Film seine Protagonisten anhand der wichtigen Momente ihres Lebens. Erwachsenwerden und die erste Liebe werden nur im Regelsystem der Maras erlebt, die zu einem Ersatz werden, nicht nur für Familie, sondern auf für Gesellschaft. Wie makabere Wächter bewegen sich die Gangmitglieder um einen Güterbahnhof und richten über die Habseligkeiten des Emigrantenflusses. Mit dem Mord eines der Protagonisten an dem lokalen Anführer seiner Mara wird der Ausbruch aus diesem System obligatorisch.
Ein Güterzug wird zum wichtigsten Schauplatz des Films und portraitiert Emigranten auf dem quälenden Weg zur drei Wochen entfernten Grenze. Orte werden negiert, stattdessen wird der Weg in den Vordergrund gestellt: Anhand einer Karte verfolgen die Protagonisten ihren Fortschritt und verlieren nach und nach ihr Ziel aus den Augen. Spätestens die Ankunft des flüchtenden Hauptcharakters signalisiert die Tatsache, dass es kein Ziel gibt, sondern nur der unmögliche Versuch eines Ausbruchs. Die tragisch beendete erste Liebe, Grund für die ursprüngliche Flucht, bekommt auf dem Dach des Güterzugs eine symbolische zweite Chance. Überhaupt arbeitet Cary Fukunaga sehr schlicht mit Archetypen, daher die Stärke seines Films. Verhältnismäßig viel Zeit nimmt er sich, um diese Reise in den Tod mit dem Inneren des jungen Flüchtlings durch expressive Bilder zu verbinden. Zwischen Gesellschaft und der omnipräsenten Mara, zwischen dem bürgerlichen Namen und den Spitznamen als Gangmitglied eröffnet sich keine weitere Alternative.
Das Ende eines Lebens wird mit dem Kampf um ein neues Leben verbunden, die Widrigkeiten des Weges durch den Traum von diesem neuen Lebens umhüllt. Anders als Poveda lässt Fukunaga einen indirekten Schimmer von Hoffnung am Ende entstehen, die Kernaussage über die Gangs bleibt jedoch beibehalten. Und auch wenn der Blick von Sin Nombre nicht gleichzeitig eine Makroperspektive anstrebt, sondern sich um einzelne Lebenswege konstituiert, ist die synthetisierende Kraft des Films nicht zu übersehen.
Reichlich mit Bonusmaterial ausgestattet, wird der Film auf DVD veröffentlicht. Von einem aufschlussreichen Interview mit dem Regisseur, über einen Audiokommentar, sowie 13 entfallene Szenen wird das Universum des Films ergänzt. Als Special ist noch der Kurzfilm Victoria para Chino eine Belohnung für den Kauf.
Sin Nombre
R: Cary Fukunaga
D: Edgar Flores, Paulina Gaitan, Kristyan Ferrer, Tenoch Huerta Mejía
Mexiko, USA, 2009 (2010), 92 Min.
Prokino
Veröffentlichung: 28.10.2010
Bildformat: 2,35:1 (16:9 anamorph)
Sprache: Deutsch, Spanisch, DTS, DD5.1
Untertitel: Deutsch
Extras: Kurzfilm Victoria para Chino, Audiokommentar mit Regisseur und Produzent, entfallenen Szenen, Interview Cary Fukunaga, deutscher Kinotrailer.
FSK 16
Christian Povedas Dokumentarfilm über die zwei großen Gangs in Salvador erregte nicht zuletzt wegen dem mit der Natur der Dreharbeiten verbundenen tragischen Tod des Regisseurs weltweites Interesse. Der Regisseur hielt sich mehrere Monate unter den pandilheiros der Gang Mara 18 mit der Kamera auf, um die Schicksale der Gangmitglieder auf Film festzuhalten.
Auf derselben thematischen Welle reitet Cary FukunagaSin Nombre. Nicht nur durch die stilistische Herangehensweise sondert sich der Film von seinem Vorgänger ab, sondern auch durch die Perspektive und durch die thematischen Schwerpunkte. Diesmal in Mexiko spielend und dadurch zusammen mit Povedas Film eine Kartographie der zwei großen Maras durchzeichnend, verfolgt Sin Nombre das Leben einiger Protagonisten aus den Reihen der Mara Salvatrucha.
Die Erzählung widmet sich gleich mehreren Protagonisten und gewährt so Einblicke nicht nur in das Leben von Gangmitgliedern und Kindern, die schon mit zwölf Jahren das Einweisungsritual durchgehen, sondern skizziert auch ein Gesellschaftsportrait der armen Schichten Lateinamerikas, der ehrenhaften Menschen, die von einer Zukunft lediglich in Verbindung mit illegaler Einwanderung in die USA träumen können.
Mit der für Lateinamerika üblichen Lebhaftigkeit untersucht der Film seine Protagonisten anhand der wichtigen Momente ihres Lebens. Erwachsenwerden und die erste Liebe werden nur im Regelsystem der Maras erlebt, die zu einem Ersatz werden, nicht nur für Familie, sondern auf für Gesellschaft. Wie makabere Wächter bewegen sich die Gangmitglieder um einen Güterbahnhof und richten über die Habseligkeiten des Emigrantenflusses. Mit dem Mord eines der Protagonisten an dem lokalen Anführer seiner Mara wird der Ausbruch aus diesem System obligatorisch.
Ein Güterzug wird zum wichtigsten Schauplatz des Films und portraitiert Emigranten auf dem quälenden Weg zur drei Wochen entfernten Grenze. Orte werden negiert, stattdessen wird der Weg in den Vordergrund gestellt: Anhand einer Karte verfolgen die Protagonisten ihren Fortschritt und verlieren nach und nach ihr Ziel aus den Augen. Spätestens die Ankunft des flüchtenden Hauptcharakters signalisiert die Tatsache, dass es kein Ziel gibt, sondern nur der unmögliche Versuch eines Ausbruchs. Die tragisch beendete erste Liebe, Grund für die ursprüngliche Flucht, bekommt auf dem Dach des Güterzugs eine symbolische zweite Chance. Überhaupt arbeitet Cary Fukunaga sehr schlicht mit Archetypen, daher die Stärke seines Films. Verhältnismäßig viel Zeit nimmt er sich, um diese Reise in den Tod mit dem Inneren des jungen Flüchtlings durch expressive Bilder zu verbinden. Zwischen Gesellschaft und der omnipräsenten Mara, zwischen dem bürgerlichen Namen und den Spitznamen als Gangmitglied eröffnet sich keine weitere Alternative.
Das Ende eines Lebens wird mit dem Kampf um ein neues Leben verbunden, die Widrigkeiten des Weges durch den Traum von diesem neuen Lebens umhüllt. Anders als Poveda lässt Fukunaga einen indirekten Schimmer von Hoffnung am Ende entstehen, die Kernaussage über die Gangs bleibt jedoch beibehalten. Und auch wenn der Blick von Sin Nombre nicht gleichzeitig eine Makroperspektive anstrebt, sondern sich um einzelne Lebenswege konstituiert, ist die synthetisierende Kraft des Films nicht zu übersehen.
Reichlich mit Bonusmaterial ausgestattet, wird der Film auf DVD veröffentlicht. Von einem aufschlussreichen Interview mit dem Regisseur, über einen Audiokommentar, sowie 13 entfallene Szenen wird das Universum des Films ergänzt. Als Special ist noch der Kurzfilm Victoria para Chino eine Belohnung für den Kauf.
Sin Nombre
R: Cary Fukunaga
D: Edgar Flores, Paulina Gaitan, Kristyan Ferrer, Tenoch Huerta Mejía
Mexiko, USA, 2009 (2010), 92 Min.
Prokino
Veröffentlichung: 28.10.2010
Bildformat: 2,35:1 (16:9 anamorph)
Sprache: Deutsch, Spanisch, DTS, DD5.1
Untertitel: Deutsch
Extras: Kurzfilm Victoria para Chino, Audiokommentar mit Regisseur und Produzent, entfallenen Szenen, Interview Cary Fukunaga, deutscher Kinotrailer.
FSK 16
Sehr guter Film aber natürlich nur in der spanischen OV. Will mir gar nicht vorstellen, wie grausam steril das alles in drüber synchronisiertem Hochdeutsch klingen mag.
Die Presse-DVD war auf Deutsch und ich musste es mir antun. Ich kann es nur bestätigenund, vor allem, verallgemeinern, deutsche Synchros von Spanisch und Portugiesisch sind immer steril.
2 Kommentare zu "DVD: Sin Nombre"
Sehr guter Film aber natürlich nur in der spanischen OV. Will mir gar nicht vorstellen, wie grausam steril das alles in drüber synchronisiertem Hochdeutsch klingen mag.
Die Presse-DVD war auf Deutsch und ich musste es mir antun. Ich kann es nur bestätigenund, vor allem, verallgemeinern, deutsche Synchros von Spanisch und Portugiesisch sind immer steril.
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