Plug&Pray
Der technische Fortschritt sei nicht aufzuhalten. Die Zukunft des Menschen stehe ausschließlich im Zeichen neuer Errungenschaften auf dem Gebiet der Informationswissenschaften. So strukturiert sich der Diskurs über die vernetzte Zukunft der Erdenbewohner. Die letzten Bastionen des Humanismus bröckeln unter der Last der allgegenwärtigen Technokratie. Maschinen, die alle Abläufe des Alltagslebens erleichtern sollen, Roboter, die ihren Schöpfern immer ähnlicher werden, beflügeln nicht nur die Fantasie zahlreicher Science-Fiction Autoren, sondern auch die Kreativität der Forscher.
Regisseur Jens Schanze gibt in seinem Dokumentarfilm Plug&Pray verschiedenen Positionen zum Thema Robotertechnik und künstliche Intelligenz Artikulationsmöglichkeiten. Ein numerisches Übergewicht erarbeiten sich die Vertreter des undifferenzierten Fortschrittsglaubens, wie Raymond Kurzweil, der früher vor allem durch die Herstellung von Synthesizern bekannt wurde und heute an der Überwindung des biologischen Todes arbeitet. Auf der Gegenseite spricht der ehemalige MIT-Professor für Computer Science Joseph Weizenbaum. Trotz seiner Bedeutung als Pionier des Computerzeitalters steht er der Herrschaft des Maschinellen kritisch gegenüber, denn die Substitution des Menschen durch seine eigenen Erfindungen zeuge vom arroganten Glauben, die eigene Spezies vollständig dechiffriert zu haben.
Das Thema von Plug&Pray ist der ewige Zwiespalt zwischen Fortschritt und Ethik. Der Zuschauer erhält einen Einblick in die zukunftsorientierten Laboratorien dieser Welt, wo euphorische Wissenschaftler auf den verschwommenen Grenzen zwischen Robotik, Biologie, Computertechnik und Entwicklungspsychologie auf dem besten Weg sind, einen neuen Menschen zu erschaffen. Hiroshi Ishiguro, der Leiter des Intelligent Robotics Laboratory an der Universität Osaka in Japan zeigt voller Stolz seinen robotischen Doppelgänger. Giorgio Metta, Professor an der Universität von Genua arbeitet derzeit an der Herstellung eines lernfähigen Roboters in der Gestalt eines dreijährigen Kindes. All diese Projekte erhalten Subventionen, da der Anschluss an den Weltmarkt einen beträchtlichen finanziellen Aufwand voraussetzt. Joseph Weizenbaum bleibt in der Welt der scheinbar unaufhaltsamen Fortentwicklung die mahnende Stimme und wird dabei zu einem der letzten Vertreter kulturkritischer Ansichten stilisiert. Der Verzicht auf die Einbringung weiterer pessimistischer Perspektiven erweckt zeitweise den Eindruck, als kämpfe ein älterer Mann auf verlorenem Posten gegen seine missgeleiteten geistigen Söhne.
Trotz der Überlast freudiger Stimmen zur technisierten Zukunft hält Jens Schanze lange Zeit die Balance, die Trennungslinie zwischen den Ansichten aufrecht, eher er sich gegen Ende auf die Seite Weizenbaums schlägt. Was in erster Linie als eine Form der Inkonsequenz interpretiert werden könnte, entfaltet bei näherer Betrachtung seinen ganz eigenen Sinn: Wo die Kritik ausstirbt, entsteht ein gefährliches Vakuum, das gefüllt werden muss, um die Erosion des Menschseins zu verhindern. Die distanzierte Betrachtung aktueller Entwicklungen stellt letztendlich eine Notwendigkeit dar, die weder regressiv noch unangebracht ist, da sie immerhin unreflektierten Fortschrittsdrang mit ethischen Fragen flankiert und ein Stück weit vor völliger Willkür bewahrt.
Auf formaler Ebene orientiert sich Plug&Pray deutlich an den Prämissen des Dokumentarfilms. Interviews und Texttafeln zeugen von einem sehr klassischen Aufbau, wobei auf das allseits beliebte Voice-Over verzichtet wird. Den Standpunkt des Regisseurs in Bezug auf die dargestellten Erfindungen, Thesen und Theorien zu ermitteln, ist aufgrund einer spürbaren Zurückhaltung und eines niemals abwertenden Blicks ein komplexes Unterfangen. Zwar bemerkt man gegen Ende die Hingezogenheit zur kulturkritischen Perspektive, doch aufgezwungen bekommt man als Zuschauer nichts.
Plug&Pray ist ein lohnender Film, der von großer Recherchemühe zeugt und sein Ziel, einen groben Überblick des Diskurses über Technologisierung und künstliche Intelligenz zu verschaffen, auch erreicht. Dabei stellt er wichtige Fragen zur Relation des Menschen zu seinen Schöpfungen und überzeugt dank einer differenzierten Betrachtung ohne apokalyptische Endzeitszenarien oder Lobeshymen auf die wundervolle Welt der Technik. Plug&Play ist eine durchweg optimistische Einstellung; Plug&Pray ein weitaus realistischerer Gegenentwurf, denn kennen wir nicht alle die Tücken des Computer-Zeitalters aus eigener Erfahrung, von unseren eigenen Geräten?
Plug&Pray
R: Jens Schanze
D: Joseph Weizenbaum, Raymond Kurzweil, Giorgio Metta
Deutschland 2010, ca. 91 Min.
FSK: O
Prädikat besonders wertvoll
Copyright: Farbfilm Verleih GmbH
Plug&Pray
2010-10-31T18:24:00+01:00
Simon Frauendorfer
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