"Nicht noch ein Vampirfilm!" mag sich der eine oder andere beim Lesen der Ankündigung zu
Dennis Gansels (Mädchen, Mädchen; Die Welle) neuestem Film
Wir sind die Nacht gedacht haben. Tatsächlich hätte der Zeitpunkt für einen deutschen Vampirfilm nicht besser gewählt werden können, haben doch die Verfilmungen der erfolgreichen
Twilight-Serie von
Stephenie Meyer einen regelrechten Vampir-Boom ausgelöst. Und doch wurde die Idee zum ersten deutschen Vampirfilm seit über 30 Jahren schon 1996 geboren. In diesem Jahr nämlich, präsentierte
Gansel seinem Mitbewohner
Christian Becker die Idee zu seiner Vampir-Lovestory „The Dawn.“ 14 Jahre und zahlreiche Drehbuchänderungen später steht
Wir sind die Nacht nun am Start und stellt dem glitzernden Weichspülvampir neuerer Prägung ein Quartett attraktiver und höchst gefährlicher Vampirdamen entgegen.

Die junge Berlinerin Lena (
Karoline Herfurth) hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser und trifft auf einer ihrer Diebestouren auf den jungen Polizisten Tom (
Max Riemelt). Doch bevor sich zwischen den beiden eine Beziehung entwickeln kann, weckt Lena auf einer Party das Interesse der jahrhundertealten Louise (
Nina Hoss). Louise verliebt sich auf Anhieb in die junge Frau und verwandelt sie schon bei ihrer ersten Begegnung in einen Vampir. Zunächst geschockt von den Veränderungen, welche die Verwandlung in einen Vampir mit sich bringt, lässt sich Lena von dem hedonistischen Lebensstil ihrer neuen Vampir-Clique, zu der neben Louise noch die ehemalige Stummfilmdarstellerin Charlotte (
Jennifer Ulrich) und das Partygirl Nora (
Anna Fischer) gehören, mitreißen. Erst spät erkennt sie, welchen Preis sie für ihr neues Leben zahlen muss.

Wir sind die Nacht besticht in erster Linie durch die visuell und technisch sehr ansprechende Umsetzung. Die Stadt Berlin wird perfekt in Szene gesetzt und Drehorte wie der Teufelsberg oder der Plänterwald mit einem heruntergekommenen Freizeitpark scheinen wie geschaffen für einen Horrorfilm. Gansels Film erhebt aber durchaus auch den Anspruch, dem Vampirmythos neues Leben einzuhauchen und sich dabei bewusst vom Image des Kuschelvampirs zu distanzieren. Der Film vermischt altbekannte Genreversatzstücke (die Vampire verbrennen bei Tageslicht, besitzen kein Spiegelbild und verfügen über übermenschliche Kräfte) mit einer eigenen Mythologie: In der Welt von Wir sind die Nacht gibt es keine männlichen Vampire. Diese wurden durch Menschen und die weiblichen Vertreter der Gattung schon vor langer Zeit ausgerottet.

Die Schauspielerinnen machen ihre Sache gut, besonders Herfurth in der Rolle der Lena weiß zu gefallen. Nina Hoss gibt überzeugend die von jeglichen Schuldgefühlen befreite Louise. Doch gerade in der Inszenierung der Beziehungen zwischen den Vampiren, und besonders in Bezug auf Lena und Louise, offenbaren sich die Schwächen des Filmes. Zu keinem Zeitpunkt ist zu erkennen, dass Lena sich von Louise angezogen fühlt. Dies wäre aber zwingend notwendig. Denn obwohl der Film auf den ersten Blick durch seine starken Frauenfiguren besticht, gibt er sich, gerade durch die Darstellung der Beziehung zwischen Lena und dem Polizisten Tom, welche als Gegenmodell zum amoralischen Leben der Vampire fungiert, merkwürdig bieder. Die durchweg positiv konnotierte heterosexuelle Liebe von Lena und Tom als Gegenentwurf zur homosexuellen Beziehung zwischen Louise und Lena und die implizierte Verknüpfung dieser Lebensentwürfe mit moralischem bzw. unmoralischem Verhalten erscheint in dieser Hinsicht durchaus als fragwürdig.

Darüber hinaus darf, neben all dem Wirbel um die
Twilight-Filme, nicht vergessen werden, dass es gerade in jüngster Zeit auch andere, weitaus interessantere filmische Auseinandersetzungen mit dem Vampirmythos gegeben hat, wie etwa den schwedischen Horrorfilm
So finster die Nacht. Vergleicht man
Gansels Film mit
Tomas Alfredsons Werk zieht ersterer zwangsläufig den kürzeren. Zu oberflächlich ist die Auseinandersetzung mit der Frage, was ewiges Leben wirklich bedeutet. Die Tragik eines solchen Lebens wird zwar durchaus in der Figur der Charlotte, die nach ihrer Verwandlung Ehemann und Kind verlassen musste, angerissen, tritt aber hinter den Schauwerten und der Betonung auf Action zurück. Was bleibt sind zum Teil holzschnittartige Figurenzeichnung, wobei gerade die verschiedenen Frauentypen, verkörpert durch die vier weiblichen Vampire, stellenweise nicht mehr sind als wandelnden Klischees.

Gansels visuell durchaus beeindruckender Film setzt auf Schauwerte: gut aussehende Schauspielerinnen in wunderschöner Kulisse. Technisch perfekt umgesetzt, fehlt ihm jedoch der emotionale Tiefgang. So bleibt ein unterhaltsamer Film, der durchaus mehr hätte sein dürfen. Und die Hoffnung es möge nicht der letzte deutsche Eintrag ins Genrekino gewesen sein.
Wir sind die Nacht
R: Dennis Gansel
D: Karoline Herfurth, Nina Hoss, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Anna Fischer
Deutschland, 2010, 100 Min.
Constantin Film
Kinostart: 28.10.2010
"Nicht noch ein Vampirfilm!" mag sich der eine oder andere beim Lesen der Ankündigung zu
Dennis Gansels (Mädchen, Mädchen; Die Welle) neuestem Film
Wir sind die Nacht gedacht haben. Tatsächlich hätte der Zeitpunkt für einen deutschen Vampirfilm nicht besser gewählt werden können, haben doch die Verfilmungen der erfolgreichen
Twilight-Serie von
Stephenie Meyer einen regelrechten Vampir-Boom ausgelöst. Und doch wurde die Idee zum ersten deutschen Vampirfilm seit über 30 Jahren schon 1996 geboren. In diesem Jahr nämlich, präsentierte
Gansel seinem Mitbewohner
Christian Becker die Idee zu seiner Vampir-Lovestory „The Dawn.“ 14 Jahre und zahlreiche Drehbuchänderungen später steht
Wir sind die Nacht nun am Start und stellt dem glitzernden Weichspülvampir neuerer Prägung ein Quartett attraktiver und höchst gefährlicher Vampirdamen entgegen.

Die junge Berlinerin Lena (
Karoline Herfurth) hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser und trifft auf einer ihrer Diebestouren auf den jungen Polizisten Tom (
Max Riemelt). Doch bevor sich zwischen den beiden eine Beziehung entwickeln kann, weckt Lena auf einer Party das Interesse der jahrhundertealten Louise (
Nina Hoss). Louise verliebt sich auf Anhieb in die junge Frau und verwandelt sie schon bei ihrer ersten Begegnung in einen Vampir. Zunächst geschockt von den Veränderungen, welche die Verwandlung in einen Vampir mit sich bringt, lässt sich Lena von dem hedonistischen Lebensstil ihrer neuen Vampir-Clique, zu der neben Louise noch die ehemalige Stummfilmdarstellerin Charlotte (
Jennifer Ulrich) und das Partygirl Nora (
Anna Fischer) gehören, mitreißen. Erst spät erkennt sie, welchen Preis sie für ihr neues Leben zahlen muss.

Wir sind die Nacht besticht in erster Linie durch die visuell und technisch sehr ansprechende Umsetzung. Die Stadt Berlin wird perfekt in Szene gesetzt und Drehorte wie der Teufelsberg oder der Plänterwald mit einem heruntergekommenen Freizeitpark scheinen wie geschaffen für einen Horrorfilm. Gansels Film erhebt aber durchaus auch den Anspruch, dem Vampirmythos neues Leben einzuhauchen und sich dabei bewusst vom Image des Kuschelvampirs zu distanzieren. Der Film vermischt altbekannte Genreversatzstücke (die Vampire verbrennen bei Tageslicht, besitzen kein Spiegelbild und verfügen über übermenschliche Kräfte) mit einer eigenen Mythologie: In der Welt von Wir sind die Nacht gibt es keine männlichen Vampire. Diese wurden durch Menschen und die weiblichen Vertreter der Gattung schon vor langer Zeit ausgerottet.

Die Schauspielerinnen machen ihre Sache gut, besonders Herfurth in der Rolle der Lena weiß zu gefallen. Nina Hoss gibt überzeugend die von jeglichen Schuldgefühlen befreite Louise. Doch gerade in der Inszenierung der Beziehungen zwischen den Vampiren, und besonders in Bezug auf Lena und Louise, offenbaren sich die Schwächen des Filmes. Zu keinem Zeitpunkt ist zu erkennen, dass Lena sich von Louise angezogen fühlt. Dies wäre aber zwingend notwendig. Denn obwohl der Film auf den ersten Blick durch seine starken Frauenfiguren besticht, gibt er sich, gerade durch die Darstellung der Beziehung zwischen Lena und dem Polizisten Tom, welche als Gegenmodell zum amoralischen Leben der Vampire fungiert, merkwürdig bieder. Die durchweg positiv konnotierte heterosexuelle Liebe von Lena und Tom als Gegenentwurf zur homosexuellen Beziehung zwischen Louise und Lena und die implizierte Verknüpfung dieser Lebensentwürfe mit moralischem bzw. unmoralischem Verhalten erscheint in dieser Hinsicht durchaus als fragwürdig.

Darüber hinaus darf, neben all dem Wirbel um die
Twilight-Filme, nicht vergessen werden, dass es gerade in jüngster Zeit auch andere, weitaus interessantere filmische Auseinandersetzungen mit dem Vampirmythos gegeben hat, wie etwa den schwedischen Horrorfilm
So finster die Nacht. Vergleicht man
Gansels Film mit
Tomas Alfredsons Werk zieht ersterer zwangsläufig den kürzeren. Zu oberflächlich ist die Auseinandersetzung mit der Frage, was ewiges Leben wirklich bedeutet. Die Tragik eines solchen Lebens wird zwar durchaus in der Figur der Charlotte, die nach ihrer Verwandlung Ehemann und Kind verlassen musste, angerissen, tritt aber hinter den Schauwerten und der Betonung auf Action zurück. Was bleibt sind zum Teil holzschnittartige Figurenzeichnung, wobei gerade die verschiedenen Frauentypen, verkörpert durch die vier weiblichen Vampire, stellenweise nicht mehr sind als wandelnden Klischees.

Gansels visuell durchaus beeindruckender Film setzt auf Schauwerte: gut aussehende Schauspielerinnen in wunderschöner Kulisse. Technisch perfekt umgesetzt, fehlt ihm jedoch der emotionale Tiefgang. So bleibt ein unterhaltsamer Film, der durchaus mehr hätte sein dürfen. Und die Hoffnung es möge nicht der letzte deutsche Eintrag ins Genrekino gewesen sein.
Wir sind die Nacht
R: Dennis Gansel
D: Karoline Herfurth, Nina Hoss, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Anna Fischer
Deutschland, 2010, 100 Min.
Constantin Film
Kinostart: 28.10.2010
Wir sind die Nacht