Am 8. Dezember jährt sich John Lennons Todestag zum 30. Mal. In Vorbereitung dessen wird ein Blick auf den Debutfilm Chapter 27 des Regisseurs J. P. Schaeffer interessant, der sich dem Mörder des berühmten Musikers widmet. Der Film feierte seine Premiere 2007 beim Sundance Filmfestival, aufgrund eher negativ ausfallender Kritiken schaffte er es aber nur in einige amerikanische Kinos und erfuhr in anderen Ländern eine DVD-Auswertung, bei uns erschien er am 11. November.
Der Film legt seinen Blick vollständig auf die Figur des Mörders Mark Chapman und seine drei Tage in New York, bevor er Lennon mit fünf Schüssen tötete. Lennon selbst ist nur am Ende, sehr kurz und hinter Sonnenbrille zu sehen. Dies kann natürlich die Kritik hervorrufen, dass der Film aufgrund dieser Perspektive dem Mörder zuviel Aufmerksamkeit schenkt und Lennons Bedeutung dabei untergeht. Auf der anderen Seite ist die Geschichte um den Täter natürlich höchst interessant, zumal es vielen heute noch absolut unverständlich erscheint, dass es zu einem solchen Mord an dem als Pazifisten bekannten Musiker kommen konnte. Selbstverständlich kann der Film keine definitorische Aussage zu dem Warum geben und er tut auch nicht so, wie wenn er es könnte. Doch gibt er einige spannende, vor allem aber verstörende Einblicke in das Leben dieses seltsamen Charakters Chapman.
Durch die Abwesenheit Lennons kann der Zuschauer sich in die Rolle des Fans Chapman einfüllen. Er verehrt den Beatle in sehr übertriebenem Maße, stilisiert ihn gar zu einem Propheten oder Messias. Jedoch bleibt ihm die reale Figur Lennon nicht nur physisch lange Zeit fern, was ihn zu langem Warten vor seinem Wohnhaus zwingt, er kann ihn auch nicht als reale Person wahrnehmen. Die besondere Stärke von Chapter 27 ist genau hier zu finden, in dem Versuch, den verwirrten Geist eines besessenen Fans zu ergründen oder sich ihm zumindest anzunähern. Über Chapmans Hintergrund erzählt der Film nicht viel, doch schnell wird klar, dass er in seinem bisherigen Leben nicht viel Glück gehabt hat und psychisch äußerst instabil ist. Wesentlich ist, dass er keinen Kontakt zu seiner Umwelt herstellen kann, höchstens in der Form, dass er Äußeres allein auf ihn bezieht. Es ist wohl ein grundlegendes Merkmal von übersteigertem Fansein, dass sich die Fans, zumal solche, die mit sich selbst unzufrieden sind und über wenig Selbstbewußtsein verfügen, in einer Beziehung zu dem Angebeteten sehen, die weit über das Verhältnis zwischen Künstler und Anhänger hinausgeht. Chapman nun nimmt alle Aktionen von Lennon persönlich und als er ein Interview von ihm liest, in dem dieser Aussagen trifft, die Chapman nicht akzeptieren kann, entsteht frappierend schnell seine Absicht, Lennon zu töten. Dies hängt mit der zweiten Besessenheit Chapmans zusammen, der ein glühender Verehrer von J. D. Salingers Der Fänger im Roggen ist, sich zeitweise gar als Holden Caulfield fühlt. Die allen Teenager eigene Ablehnung der Umwelt, die sich auch aus Unverständnis und jugendlichem Hochmut ergibt, die Salinger so trefflich seinem Ich-Erzähler in den Mund legt, erkennt Chapman als Auftrag. Seine Mission richtet sich gegen die „phonies“ und da Lennon nun anscheinend so einer geworden ist, will er ihn töten, wohl auch, um ihn damit zu befreien.
Hinter allem jedoch steht der ausgeprägte Wunsch, wahrgenommen zu werden, wichtig zu sein. Bevor er sich das letzte Mal zu Lennons Appartementhaus aufmacht, stellt Chapman alle Dinge in seinem Hotelzimmer auf, die der Öffentlichkeit später zeigen sollen, was für ein Mensch er ist. Dies spiegelt den Drang eines ewig Unterdrückten, eines immer Unsteten und Unsicheren – einer Person, die sich ihrer Selbst nicht sicher ist und erst durch die Wahrnehmung der anderen zum Menschen wird. So versucht er, endlich eine Brücke zur – für ihn vollkommen unverständlichen – Welt zu schlagen.
Das Ende steht von vorneherein fest, dennoch vermag es der junge Regisseur immer wieder, zum Beispiel in den Begegnungen mit dem Fan Judith (Lindsay Lohan), kleine Momente einzubauen, an denen es in den Zuschauern aufschreit: Hier, hier könnte sich doch alles wenden! Den größten Beitrag zur Wirkung des Films leistet selbstverständlich Hauptdarsteller Jared Leto. Unterstützt von den knapp 30 Kilos, die der Schauspieler für diese Rolle zugenommen hat, verkörpert Leto die Unsicherheit und Wankelmütigkeit Chapmans äußerst glaubhaft. Auch wenn der Film kein großer Erfolg war, kann sich Leto abermals als äußerst interessanter Schauspieler präsentieren.
Darüber hinaus bietet der Film eine interessante Perspektive auf die Umstände von Lennons Tod und kann so auch als Ergänzung gesehen werden zu dem, an Lennons Todestag startendem, Nowhere Boy, der sich mit den Jugendjahren des Musikers beschäftigt. Zudem bleibt der Film als Porträt eines übersteigerten Personenkults und vor allem von einem unsicherem, identitätslosem Suchendem spannend– ein Charakter, der sich vermutlich in vielen finden läßt, die ähnliche Verbrechen begehen.
Die erscheinende DVD bietet zudem ein ausführliches Making of, das Interviews mit Regisseur und Hauptdarstellern parallel mit Aufnahmen der Dreharbeiten mitten in New York zeigt, und vor allem Zeugnis ablegt von der Bedeutung, die der Film auch für die Beteiligten hat, vor allem als persönliches Anliegen als Anhänger von Lennons Arbeit.
Chapter 27
R: J. P. Schaeffer
D: Jared Leto, Lindsay Lohan
USA 2007, 81 Min.
Copyright: Evolution
Bildformat: 16:9
Sprache: Deutsch 5.1, Englisch 5.1
Untertitel: Deutsch
Extras: Making of, Trailer, Bildergalerie
FSK: 12
Veröffentlichung: 11.11.2010

