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DVD: Chloe

von Oliver Schmitt, am 30.11.10

Oft sind es die simplen und kleinen Dinge, die heftige Reaktionen auslösen können, die Dinge des Lebens, wie wir miteinander umgehen und wie wir miteinander reden. In einer Situation, in denen Einsamkeit und Isolation den Alltag füllt, alles sich dem persönlichen Einfluss entzieht - wenn man eigentlich denkt, das man alles versteht und dann erkennt, dass die Menschen, die man liebt, auf einmal weit entfernt sind. Wie sehr steht dann der eigene Sinnkosmos im Vordergrund und entführt mit seiner Fantasie in Welten und lässt uns Grenzen überschreiten, mit der erschreckenden Erkenntnis, was auf der anderen Seite zu finden ist. Atom Egoyan verhandelt dies vor dem Hintergrund einer Familie am Scheidepunkt. Das Paar hat sich in seiner Beziehung entfremdet, auch der einzige Sohn will sich nicht mehr in die zerfallende Struktur einfügen, die sich im Verlauf der Handlung gegen das Eindringen eines Außenseiters behaupten muss. Der Plot ist dabei relativ einfach gehalten, behandelt aber die Umsetzung einer unkonventionellen Perspektive auf eine Dreiecksbeziehung.

Während David (Liam Neeson) sich als erfolgreicher Musikprofessor scheinbar weitgehend von seiner Familie entfernt hat, unterstellt ihm seine Ehefrau Catherine (Julianne Moore) sexuelle Beziehungen zu anderen Frauen. Um sich dessen sicher zu sein, lässt sich diese auf Chloe (Amanda Seyfried) ein, eine Prostituierte, die sie engagiert, um zu abzuwägen, wie David auf diese reagiert. Die Überprüfung der Treue des Professors wird die Befürchtungen Catherines bestätigen, die zu erwartende Konfrontation ihres Ehemanns bleibt aber aus. Die Betrogene wird sich wieder mit der attraktiven Chloe treffen. Eine sonderbare Beziehung zwischen den beiden Frauen beginnt, sich anzubahnen. Über die Schilderung der Intimitäten, von denen Chloe zu berichten hat, schlägt die Erzählung einen Weg ein, der das bekannte Erzählmuster der Dreiecksbeziehung auflöst und sich auf ein fantastisches Feld wagt. Die Figur Chloe entwickelt sich dabei zu einer Verführerin und zu einem Objekt der Begierde, eine Begierde, die Catherine nach ihrem Mann hat und die sie über die junge Frau bis zur letzten Konsequenz auslebt.

Egoyans Remake des französischen Nathalie – Wen liebst du heute Nacht? verführt sein Publikum über die voyeuristische Ausgestaltung der erotischen Bilder. Das Thema "Erotik" wird innerhalb der Fantasiewelten von Chloe und Catherine mit sinnlicher Lust erzählt. Die Geschichte über weibliche Eifersucht, die in erster Linie aus der Perspektive von Catherine erzählt wird, vermittelt eine Studie von Intimität und Nähe, die zu einer bedrohlichen Obsession wird. Amanda Seyfried beweist hier deutlich, dass sie auch in der Lage ist, schwierigere Figuren zu bewältigen. Die Verführerin ist in ihrer bisherigen Rollengeschichte der wohl bislang spannendste Charakter ihrer Karriere. Der von ihr transportierte sinnliche Genuss wird zum zentralen Motiv der Schauwerte, der einer eher unklaren Motivation ihrer Figur entgegensteht, die am Ende aber zu abrupt, zu konventionell aufgelöst wird, um ihre aufgebaute Wirkung über den Film hinaus zu halten. Denn am Ende wird Chloe gegen die Familie ausgespielt und wechselt damit ihre Funktion von der Verführerin zur Bedrohung – verliert dadurch ihren spielerischen Reiz und nimmt jede Spannung aus dem Gefüge der Erzählung, die dann zu einem eher enttäuschenden eindimensionalen Ende findet. Doch bis dahin erzeugt Atom Egoyan sehenswert Stimmungen und spielt mit dem subjektivem Realitätsempfinden und den Wunschvorstellungen, die Catherine die Kontrolle verlieren lassen. Chloe nimmt sich dabei einem typischen Thema an, dass Egoyan schon verarbeitet hat - den Wahrheitsgehalt von Bildern. Dies lässt zumindest bis zum letzten Teil des Films, gestützt durch das hochkarätige Ensemble, eine durchgehende Spannung entstehen, die aber etwas unglücklich und wenig subtil entladen wird.





Chloe
R.: Atom Eyogan
D.: Julianne Moore, Liam Neeson, Amanda Seyfried
2009 USA/Kanada/Frankreich 96 Min FSK 16

Kinowelt Home Entertainment
Bildformat: 16:9
Ton/Sprache: Dolby Digital 5.1, Deutsch, Englisch
Extras: Making Of, Geschnittene Szenen, Alternatives Ende, Interviews, Fotogalerie, Ein Tag in Toronto, Wendecover


1 Kommentare zu "DVD: Chloe"

Candide hat gesagt…

Schön geschrieben, auch wenn ich den Film persönlich nicht so stark einschätze. Zwar wurde ich gut unterhalten, hatte aber durchaus meine Probleme mit der Identifikation, ich wurden nie wirklich involviert. Wie Du selbst schreibst ist man hier mehr Voyeur als Teilnehmer.

Anschauen sollte man ihn aber alleine wegen einer grandiosen Moore die ihre beiden Kollegen klar in die Schranken weist.

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