Happiness ließ 1998 drei Schwestern gegen eine Gesellschaft antreten. Joy (Jane Adams), Trish (Cynthia Stevenson) und Helen (Lara Flynn Boyle) mussten ihre pessimistischen Einstellungen aus dem Kontakt mit Obsessionen für Sex, Pädophilie oder Homosexualität gewinnen. Tabubrüche, getarnt unter dem Deckmantel ehrenvoller Gesellschaftsmitglieder, wurden in Happiness zum Mittelpunkt und meistens Interaktionsform einer Gesellschaft der Verlierer, die das allgemeine Streben der Filmcharaktere nach persönlicher Verwirklichung zur Utopie erklärte. Mit Palindrome ließ der Regisseur Todd Solondz ein zwölfjähriges Mädchen durch sechs Schauspielerinnen verkörpern und gab den gleichen, konstanten Charakterzügen mehrere Gesichter.
Mehr als zehn Jahre später wird mit Life During Wartime die Geschichte der drei Schwestern fortgesetzt, die Methode aus Palindrome mit ins Konzept aufgenommen. Obwohl die Figuren die gleichen sind, werden sie durch ganz unterschiedliche, oft sehr anders aussehende Schauspieler besetzt. Dass Zeit und Lebenserfahrung Auswirkungen nicht nur auf die Charakterentwicklung, sondern auch auf das Erscheinen der Individuen hat, wird am pointiertesten an Andy gezeigt, ursprünglich von Philip Seymour Hoffman grandios verkörpert, nun sogar in neuer Hautfarbe von Michael K. Williams (The Wire) als Kämpfer gegen die eigenen Schwächen, Fetische und Süchte, zum Leben erweckt.
In einer beinah identischen Struktur wie bei Happiness verfolgt Life During Wartime auf dieselbe fragmentierte, diesmal aber viel melodramatischere, pathetischere Art nicht mehr die Enttäuschungen und die Kämpfe der drei Schwestern mit einer als Ganzes funktionalen, auf Ebene der Individuen aber vollkommen suchtgetriebenen Gesellschaft, mit dem Zweck, ein nüchtern pessimistisches Portrait der Zivilisation zu entwerfen, sondern vielmehr die Frage, wie man mit den Individuen aus dieser Gesellschaft umzugehen hat. Ob es sich um die ständigen Versuche der drei handelt, ihr Leben immer wieder hoffnungsvoll neu anzufangen, entweder durch neue Jobs, Wohnorte oder Männer, oder mit den Geistern der Vergangenheit zu ringen - die zentrale Frage ist die nach der Umgangsart mit den Grenzen überschreitenden Nächsten. Vergessen oder Vergeben, darum wird es für alle der Protagonisten gehen.
Und wenn Billy der einzige in Happiness war, der sich mit dem Wesen der Pädophilie seines Vaters auseinandersetzte, wird das Kind nun zum moralischen Richter, zur urteilenden Instanz gemacht. Während Billy inzwischen auf der Uni ist und für seinen vor kurzem entlassenen Vater nichts empfinden kann, diesem somit auf der Suche nach der besten Umgangsart mit seiner Familie vis à vis der eigenen Vergangenheit die Entscheidung wegnehmend, wird sein kleiner Bruder Timmy zum Träger der für die charakterliche Neutralität nötigen kindlichen Unschuld. Auch wenn die drei Frauen als Nachkommen von Candide durch ihr Leben wandern, sind sie der Beweis dafür, dass Candide mit Lebenserfahrung seine Neutralität verliert. Daran lässt sich Todd Solondz geniale Ambivalenz in der Vorgehensweise mit dem Humor der Filme erkennen: dass Kinder die nötige Unschuld aufweist, die sie dazu befugt, korrekte moralische Urteile zu fällen, bildet ein Paradox zusammen mit der Tatsache, dass ihnen die nötige Lebenserfahrung fehlt, um die für diese Urteile nötigen Analogien nachzuvollziehen. So lässt sich auch in den anderen Szenen eine Ambivalenz erkennen, ein Koexistieren von Humor und oft abstoßender Groteske. Man lacht als Zuschauer die Charaktere aus, die einem gleichzeitig leid tun und in allem Ernst anwidern.
Was übrig bleibt ist eine unzusammenhängende, als Film hochqualitative Familienchronik, die an Happiness anknüpft und statt den Anspruch auf eine kompakte Geschichte zu verfolgen, sich als Bestandaufnahme gesellschaftlicher Verhältnisse definiert. Die auf eine Reflexion des Zuschauers zielende Ambivalenz jeder in sich geschlossenen Szene sorgt gleichzeitig für Nervenkitzel und Unterhaltung und fügt sich tadellos ins Gesamtwerk des Regisseurs ein.
Life During Wartime
R: Todd Solondz
D: Shirley Henderson, Allison Janney, Ally Sheedy
USA, 2009, 96 Min.
Fortissimo Films
Happiness ließ 1998 drei Schwestern gegen eine Gesellschaft antreten. Joy (Jane Adams), Trish (Cynthia Stevenson) und Helen (Lara Flynn Boyle) mussten ihre pessimistischen Einstellungen aus dem Kontakt mit Obsessionen für Sex, Pädophilie oder Homosexualität gewinnen. Tabubrüche, getarnt unter dem Deckmantel ehrenvoller Gesellschaftsmitglieder, wurden in Happiness zum Mittelpunkt und meistens Interaktionsform einer Gesellschaft der Verlierer, die das allgemeine Streben der Filmcharaktere nach persönlicher Verwirklichung zur Utopie erklärte. Mit Palindrome ließ der Regisseur Todd Solondz ein zwölfjähriges Mädchen durch sechs Schauspielerinnen verkörpern und gab den gleichen, konstanten Charakterzügen mehrere Gesichter.
Mehr als zehn Jahre später wird mit Life During Wartime die Geschichte der drei Schwestern fortgesetzt, die Methode aus Palindrome mit ins Konzept aufgenommen. Obwohl die Figuren die gleichen sind, werden sie durch ganz unterschiedliche, oft sehr anders aussehende Schauspieler besetzt. Dass Zeit und Lebenserfahrung Auswirkungen nicht nur auf die Charakterentwicklung, sondern auch auf das Erscheinen der Individuen hat, wird am pointiertesten an Andy gezeigt, ursprünglich von Philip Seymour Hoffman grandios verkörpert, nun sogar in neuer Hautfarbe von Michael K. Williams (The Wire) als Kämpfer gegen die eigenen Schwächen, Fetische und Süchte, zum Leben erweckt.
In einer beinah identischen Struktur wie bei Happiness verfolgt Life During Wartime auf dieselbe fragmentierte, diesmal aber viel melodramatischere, pathetischere Art nicht mehr die Enttäuschungen und die Kämpfe der drei Schwestern mit einer als Ganzes funktionalen, auf Ebene der Individuen aber vollkommen suchtgetriebenen Gesellschaft, mit dem Zweck, ein nüchtern pessimistisches Portrait der Zivilisation zu entwerfen, sondern vielmehr die Frage, wie man mit den Individuen aus dieser Gesellschaft umzugehen hat. Ob es sich um die ständigen Versuche der drei handelt, ihr Leben immer wieder hoffnungsvoll neu anzufangen, entweder durch neue Jobs, Wohnorte oder Männer, oder mit den Geistern der Vergangenheit zu ringen - die zentrale Frage ist die nach der Umgangsart mit den Grenzen überschreitenden Nächsten. Vergessen oder Vergeben, darum wird es für alle der Protagonisten gehen.
Und wenn Billy der einzige in Happiness war, der sich mit dem Wesen der Pädophilie seines Vaters auseinandersetzte, wird das Kind nun zum moralischen Richter, zur urteilenden Instanz gemacht. Während Billy inzwischen auf der Uni ist und für seinen vor kurzem entlassenen Vater nichts empfinden kann, diesem somit auf der Suche nach der besten Umgangsart mit seiner Familie vis à vis der eigenen Vergangenheit die Entscheidung wegnehmend, wird sein kleiner Bruder Timmy zum Träger der für die charakterliche Neutralität nötigen kindlichen Unschuld. Auch wenn die drei Frauen als Nachkommen von Candide durch ihr Leben wandern, sind sie der Beweis dafür, dass Candide mit Lebenserfahrung seine Neutralität verliert. Daran lässt sich Todd Solondz geniale Ambivalenz in der Vorgehensweise mit dem Humor der Filme erkennen: dass Kinder die nötige Unschuld aufweist, die sie dazu befugt, korrekte moralische Urteile zu fällen, bildet ein Paradox zusammen mit der Tatsache, dass ihnen die nötige Lebenserfahrung fehlt, um die für diese Urteile nötigen Analogien nachzuvollziehen. So lässt sich auch in den anderen Szenen eine Ambivalenz erkennen, ein Koexistieren von Humor und oft abstoßender Groteske. Man lacht als Zuschauer die Charaktere aus, die einem gleichzeitig leid tun und in allem Ernst anwidern.
Was übrig bleibt ist eine unzusammenhängende, als Film hochqualitative Familienchronik, die an Happiness anknüpft und statt den Anspruch auf eine kompakte Geschichte zu verfolgen, sich als Bestandaufnahme gesellschaftlicher Verhältnisse definiert. Die auf eine Reflexion des Zuschauers zielende Ambivalenz jeder in sich geschlossenen Szene sorgt gleichzeitig für Nervenkitzel und Unterhaltung und fügt sich tadellos ins Gesamtwerk des Regisseurs ein.
Life During Wartime
R: Todd Solondz
D: Shirley Henderson, Allison Janney, Ally Sheedy
USA, 2009, 96 Min.
Fortissimo Films