DVD: Der Leopard


Gleich die erste Szene von Viscontis Der Leopard ist eine der vielen perfekten des Films. Unter den grandiosen Orchesterklängen Nino Rotas, die sich ebenfalls in die Epoche der Romantik zurückwenden, betritt die Kamera langsam eine große Villa. Vorbei an Zäunen und den Büsten früherer Generationen schleicht sie sich auf den Balkon des Herrenhauses. Innen betet die ganze Familie, bis Schreie das Betritual stören: Man hat in der Nähe des Hauses einen toten Soldaten gefunden. Dieser kämpfte für den italienischen Revolutionär und Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi. Während innen die Aristokratie hermetisch abgeschlossen residiert, kämpft draußen die bürgerliche Freiheitsbewegung für eine konstitutionelle Monarchie und ein vereinigtes Italien. Die Familie des Fürsten von Salina (Burt Lancaster) gerät in das Mahlwerk der Geschichte und muss sich politisch positionieren.

Sein Neffe Tancredi (Alain Delon) hat dies bereits getan. Angetreten mit dem Wahlspruch „Es muss sich alles verändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“ hat er auf Seiten Garibaldis gegen die Truppen des Königs gekämpft. Ihn erwartet nach dem Sieg der Revolutionäre eine goldene Zukunft. Im Sommerdomizil der Familie des Fürsten verliebt sich Tancredi in die Tochter (Claudia Cardinale) des verschlagenen, aber reichen Bürgermeisters der Stadt Donnafugata. Der Fürst sieht sich inzwischen immer mehr mit seinem eigenen Altern konfrontiert und mag er zwar nicht hinter der Revolution stehen, so arrangiert er sich als Pragmatiker mit der neuen Regierung.

Dafür dass der Film inzwischen als einer der bedeutendsten aller Zeiten gehandelt wird, hat er doch in den rund fünfzig Jahren seit seiner Entstehung eine abenteuerliche Geschichte hinter sich. Nachdem im Jahr 1958 der einzige Roman des Schriftstellers Giuseppe Tomasi di Lampedusa Il gattopardo posthum zum Weltbestseller wurde, sollte die Verfilmung auch mit internationalen Stars besetzt werden. 20th Century Fox bot Luchino Visconti 3 Millionen Dollar, wenn dieser einen Weltstar besetzte. Nachdem die ursprünglich favorisierten Schauspieler abspringen, fiel die Entscheidung auf Burt Lancaster, mit dem sich Visconti zunächst nicht anfreunden konnte, es nach Begutachtung seiner Leistung in Das Urteil von Nürnberg doch tat. Auch die Veröffentlichung stand unter keinem guten Stern, so kam der Film in den USA um 24 Minuten gekürzt in die Kinos. Die vorliegende DVD-Veröffentlichung hat wieder die von Visconti präferierte Länge von 185 Minuten.

Und diese braucht der Film auch, um ein umfassendes Gesellschaftsbild episch zu zeichnen, dieses dann aber in langen Dialogen, abseits vom Trubel der Gesellschaft, noch genauer bis in jede einzelne Facette zu zerlegen. Gerade die Dialoge mit dem Dorforganisten Don Ciccio (Serge Reggiani) und dem Jesuiten Pater Pirrone (Romolo Valli) bestechen mit analytischer Schärfe und großem Wortwitz. Die oberflächliche Veränderung der Gesellschaft wird zum Vehikel für grundlegende Fragen des Mensch-Seins. Der Film kulminiert in einer vierzig Minuten langen Ballszene, die zum Totentanz sowohl für die Aristokratie als auch für ihre Werte wird. Salina wird unmissverständlich vor Augen geführt, dass seine Zeit vorbei ist. Übernehmen werden die jungen Tancredis dieser Welt, die zwar vor Kraft strotzen, innerlich aber vollkommen unideologisch sind. Für wen sie dienen ist ihnen im Grunde genommen gleichgültig, allein die Machtposition zählt. Diesen ausgehöhlte Machthunger rückt Visconti in eine Linie mit den Faschisten Mussolinis. Bei der Adaption einer literarischen Vorlage ist es immer interessant zu sehen, wie der Film von dieser abweicht. Anders als im Buch wird der Tod des Fürsten Salina nicht mehr gezeigt. Nach dem Ball, der das Ende der Aristokratie und den Beginn für das ungebildete Bürgertum bildet, geht Salina nach Hause, wissend, dass seine Zeit vorüber ist. Der Film lässt die Gewissheit eben nicht Fakt werden.

Leider bietet die neu erschienene DVD-Edition von Koch Media keine zweite Bonus-DVD mehr, sodass man sich mit dürftigen Extras zufrieden geben muss. Dafür ist die restaurierte Bildqualität über jeden Zweifel erhaben, die opulente Ausstattung und Farbarrangements kommen so noch besser zur Geltung. Allen, denen das noch nicht genug ist, sollten einen Blick auf die ebenfalls neu erschienene BluRay werfen. Wer diesen Meilenstein noch nicht gesehen haben sollte, kann nun ohne schlechtes Gewissen zugreifen.

Der Leopard / Il gattopardo
R: Luchino Visconti
D: Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale
Italien/Frankreich 1963 185 Min.
Vertrieb: Koch Media
Erschienen: 5.11.2010
Tonformat:Dolby Digital 2.0 (Stereo) in Deutsch, Dolby Digital 2.0 (Stereo) in Italienisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Original Kinotrailer, exklusiv produziertes Featurette, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial

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