DVD: Shelter


Einer Vielzahl an Genres steht eine heile Welt als Ausgangspunkt – die Welt, in welcher wir leben. Nicht anders verhält sich der Horror-Mystery-Hybrid des Regieduos Måns Mårlind und Björn Stein. Wie der Titel ankündigt, wird diese heile Welt auf ihren Kern reduziert, auf die Tatsache, dass das Individuum sich, seiner Weltsicht konform, mit einem Schutzraum von Ideen und Überzeugungen umgibt, was ihm und implizit der Gesellschaft als System das Fortbestehen sichert. Vom Horrorfilm über Fantasy, Mystery, Thriller bis hin zu realitätsverhafteten Genres wie Kriminalfilm, Drama und nicht selten Komödie, operieren viele Filmgenres direkt auf diesem Schutzraum, enttarnen ihn, lassen ihn platzen und stellen bloß, dass das Individuum auf sich alleine gestellt ist, dass die Gesellschaft als Summe aller Individuen in dieser Hinsicht eine auf Illusionen und Konventionen aufbauende, leere Hülle ist, deren Funktionalität vom kleinsten Unfall außer Kraft gesetzt werden kann.

Shelter nimmt sich zwar wenig Zeit um die Welt der Protagonistin zu orten, macht dies aber mit einer systematischen Präzision. Die Psychologin Cara Jessup (gespielt von Julianne Moore) ist in ihrer Welt sehr etabliert. Spezialisiert auf multiple Persönlichkeit, und überzeugt, dass diese nur ein Scheinphänomen ist, urteilt sie über die Leben kapitaler Verbrecher, die dieses Symptom aufweisen. Als Doktor der Wissenschaft und Frau Gottes, wie sie sich später im Film bezeichnen wird, hält sie genauso wenig von der Todesstrafe, der die meisten ihrer Patienten erliegen, wie von ihren Lügen, um dieser zu entkommen. Sie versteht sich als eine Hüterin der Wahrheit. Nicht zuletzt genießt sie einen beneidenswerten sozioökonomischen Status. Dass ihre Welt nicht heil ist, zeigt sich an der Tatsache, dass sie als Karrierefrau auf die Hilfe anderer angewiesen ist, wenn es um die Betreuung ihrer Tochter geht – darin wird die Bindung des als unabhängig vorgestellten Individuums zu seiner Umgebung und implizit zur Gesellschaft (als Summe von vernetzten Individuen) skizziert.

Doch Dr. Jessups Welt wird schnell von Grund auf umgewälzt, denn dank ihres Vaters kommt sie in Kontakt mit Jonathan Rhys Meyers Charakter, beziehungsweise mit David, Adam und Wesley, die sich den gleichen Körper teilen. Natürlich wird dieser der besondere Patient sein, der die Handlung vorantreibt und die Nerven des Zuschauers in immer kürzeren Abständen stimuliert. Shelter nimmt sich damit eine Urkomponente des Horrors, den Körper, und verwandelt sie zum Schutzraum der Persönlichkeit. Somit wird der Körper nicht mehr Teil der Integrität einer Person sein, sondern ein Behälter, ein Schutzraum für den Geist. Es geht nicht mehr darum, den Körper zu verändern, zu quälen oder zu verstümmeln, um Rückschlüsse auf den allgemeinen Corpus der Gesellschaft zu ziehen und Machtverhältnisse zu verdeutlichen und, irritierend, auch nicht um die Frage, warum der Geist nach einem solchen Schutzraum sucht – nach und nach wird deutlich, dass dieser es gar nicht tut, sondern, dass die zentrale Frage ist, warum ein Körper als Schutzraum den Geist aufsucht, in sich einschließt.

Die Antwort ist zwar eine wohlbekannte, ihre Form ist aber in Shelter eine vollkommen neue. Als Horror und Mystery Mischling ist Shelter dazu bestimmt, ab einem gewissen Punkt an einem isolierten Ort zu spielen, abseits der Gesellschaft, um die Grenzen der Zivilisation zu exponieren und ihre Machtlosigkeit zu entblößen. Die Reise nach außen, in die Natur, wird hier aber in Stufen vollzogen, parallel zu den Veränderungen in Dr. Jessups Weltsicht während ihren Ermittlungen. Immer weiter dringt sie in einen mythischen Raum des archaischen Glaubens ein, der von der modernen Welt als Hexerei etikettiert wird, lernt nach und nach diesen Glauben kennen und kommt schließlich zur Überzeugung, dass dieser ebenso berechtigt ist, wie ihr eigener. Und die Tatsache, dass diese archaische Glaubensgemeinde Anfang des 20. Jahrhunderts nicht als existenzberechtigt vom Christentum anerkannt wurde und durch Konversion in ihrer Identität negiert wurde, wird zur Quelle des Unheils. Shelter wird somit zu einer Parabel über Religionen und Toleranz: Der Körper, der Geister in sich aufnimmt, ist zwar schon die klassische Freiheitsbarriere des Geistes, diesmal aber in einer neuen Form, denn er vertritt metaphorisch den religiösen Kult als politisch-religiöse Instanz und enttarnt das Böse als das vom „leben und leben lassen“ Abweichende.

Shelter ist sehr atmosphärisch inszeniert. Dies ist nicht nur der markanten, in jeder Szene sehr präsenten Schauspieler zu danken, sondern auch den Regisseuren, die ein originelles Drehbuch angemessen umzusetzen wussten. Und auch wenn die Handlung an wenigen Stellen etwas unzusammenhängend wirkt und der Film manchmal vielmehr Krimi als Horror ist, kompensiert der facettenreiche Inhalt diese kleinen Mängel mehr als ausreichend. Darüber hinaus kann man sich von Shelter fast durchgehend Nervenkitzel versprechen, denn nach der ersten Viertelstunde birgt jede Szene einen garantierten Schockeffekt. Die DVD kommt mit einzelnen, teils aufschlussreichen Interviews mit den Hauptdarstellern, den Regisseuren, dem Produzenten und dem Drehbuchautoren.


Shelter
R: Måns Mårlind und Björn Stein
D: Julianne Moore, Jonathan Rhys Meyers, Jeffrey DeMunn
USA, 2010, 108 Min.
Senator Home Entertainment
Veröffentlichung: 3.12.2010
Bildformat: Widescreen (2.35:1 – anamorph)
Sprachen: DD 5.1 Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Interviews mit Julianne Moore, Jonathan Rhys Meyers, Björn Stein & Måns Mårlind (Regie), Michael Cooney (Drehbuch)
FSK: 16