Harry Potter 7 – O Children!


“Pass me that lovely little gun
My dear, my darting one
The cleaners are coming, one by one
You don’t even want to let them start”

So beginnt der einzige Song aus unserer Muggelwelt, den wir im neusten Harry Potter zu hören bekommen. Inhaltlich fängt er genau damit an, Harry (Daniel Radcliffe) muss versteckt werden, wofür die neuste Waffe herumgereicht wird, um den Auserwählten in folgendem Hinterhalt zu verstecken: Ein Vielsafttrank, der alle Leibwächter wie Harry aussehen lässt. Der Verdoppelungseffekt funktioniert im Film wie in keinem anderen Medium und die Übertragung wird bei erfolgreichen und bekannten Romanvorlagen besonders kritisch verfolgt. Doch Regisseur Yates ist diesmal bestens vorbereitet, er darf erwachsener inszenieren und greift auf bisher im Zaubereruniversum ungekannte filmische Mittel zurück.


„They are knocking now upon your door
They measure the room, they know the score
They’re mopping up the butcher’s floor
Of your broken little hearts”

…weiß Nick Cave mit seinen Bad Seeds weiter. Und wirklich, immer wieder klopfen die bösen Jungs und die expressionistisch wild gebärdende Helena Bonham Carter an die magischen Türen der Helden, deren Herzen es nicht leicht haben. War in den vorherigen Filmen noch immer Zeit für Teenagerliebe, hält nun das Misstrauen und die Zwietracht Einzug. Nur zu Beginn ist Zeit, dass Harry einmal Rons Schwester (Bonnie Wright) küssen darf, dann werden die frisch Verliebten getrennt und hören nichts mehr voneinander. Zaubertricks ja, Handys nein. Magische Welten sind nicht unbedingt einfacher.
Eine Hochzeit der Älteren gibt es vor dem Chaos doch noch, allerdings gerät die Szene zur vielleicht schwächsten des Films. Die Kürzungen im Vergleich zum Buch müssen sich die strenge Prüfung der Fans gefallen lassen und in Harry Potter 7 lassen sie sich – bis auf diese Ausnahme – wohl alle filmisch sehr gut erklären. Die moralische Ambivalenz des bisherigen Übermentors Dumbledore (Michael Gambon), die während der Hochzeit zu Tage tritt, kommt hier sehr kurz.


“O children
Forgive us now for what we’ve done
It started out as a bit of fun
Here, take these before we run away
The keys to the gulag”

Erst ein Kinderspaß, dann ein Jugendspaß waren die Filme bis hierher, die einen mehr, die anderen weniger. Doch die Kinder müssen nun Entscheidungen fällen, die sie schuldig machen. Hermines Einführung zeigt sie, wie sie sich selbst aus den Erinnerungen ihrer Eltern löscht – zu deren Schutz. Auf den Weg bekommt jeder noch ein kleines Rätsel mit auf den Weg, die ihnen mal wieder zeigen, dass sie immer noch zu ehrlich zueinander für die Sprache der Erwachsenen sind.

Gegenstände spielen weiterhin eine zentrale Rolle. Der magische Anhänger, den Harry, Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) aus der Welt der Großen mitnehmen, säht sofort Zweifel an der Echtheit ihrer Gefühle zueinander. Das und die Hormone natürlich. Denn ganz egal, wie weit die Jugendlichen auch rennen, sich selbst entkommen sie nicht.

„Ein Film übers Laufen“ fasst Regisseur Kevin Smith gerne den Herrn der Ringe in einem Satz zusammen. Wenn die Kamera hier immer wieder große Fahrten macht und die Drei in wechselnden Abständen, die die aktuelle Stimmungslage repräsentieren, zeigt, erinnert Harry Potter ein bisschen an die andere große Fantasyreihe. Diese war im Handlungsstrang, der nur zwischen Sam und Frodo ablief relativ lahm und wurde interessant, als Gollum mit ins Spiel kam. Als konkurrierendes Love Interest wenn man so will.

Yates scheint die Gefahren zu kennen und malt postapokalyptische Bilder, durch die er die Helden schickt. Unter einer verlassenen Autobahnbrücke hindurch, an heruntergekommenen Wohnwagensiedlungen vorbei und durch braune Pfützen. Moment, Postapokalypse? Und die Bad Seeds? Wer die Musik der Band kennt weiß, dass das kein Zufall sein kann. Wer das Schaffen von Cave und seinem früherem Untertan, nun gleichberechtigtem Mitstreiter (zumindest für Filmscores und Grinderman) Warren Ellis kennt, weiß auch, dass die beiden schon den Score für apokalyptische Western komponierten und zuletzt für The Road. Den ganzen Score bekommen sie hier nicht, den lässt sich John Williams nicht mehr nehmen, dafür ist das Ganze dann natürlich doch viel zu sehr Hollywood, aber zumindest einige Zeilen. Erst leise rieselnd aus einem kleinen Radio, dann aus dem Off in der kurzen Traumwelt, in die der Zuhörer entführt werden darf, und schließlich wieder knisternd im Zelt der kalten Realität.


“O children
Lift up your voice, lift up your voice
Children
Rejoice, rejoice
Here comes Frank and poor old Jim
They’re gathering round with all my friends
We’re older now, the light is dim
And you are only just beginning”

Hermine und Harry tanzen, erst zögernd, denn es ist nicht die Zeit um fröhlich zu sein, schließlich ausgelassen, auch Fliehende müssen leben. Die Montage, die ansonsten gekonnt wie in einem Actionfilm agiert, zeigt uns den Tanz in Jump-Cuts. Die Musik läuft kontinuierlich weiter. Kleine, kühne Bewegungen, mutiges Lächeln, ein freundschaftlicher Blick, der Ansatz zu einem Kuss. Ist da vielleicht doch mehr? Liegt Ron mit seinen Befürchtungen vielleicht doch nicht falsch? Hermine und Harry scheinen es nicht zu wollen, wissen es aber wohl selbst nicht so recht. Peinliche Dialoge wie in Eclipse – Bis(s) zum Abendrot (wohl oder übel die dritte große Fantasyreihe heute), die versuchen die Situation zu verbalisieren, bleiben dem Zuschauer zum Glück erspart, das Innenleben bleibt innen, wird höchstens in den beeindruckenden englischen Landschaften sichtbar. Dies verlangt dann auch vom Zuschauer, dass seine Sehgewohnheiten mit den Charakteren gereift sind. Ein Konzept, dass vorher schon die zweite Star Wars –Trilogie versuchte anzuwenden, um immer wieder Jar-Jar Binks vorgehalten zu bekommen. Der animierte Held hier, der frühere Hauself Dobby, hat sowohl die Lacher als auch einen dramatischen Höhepunkt auf seiner Seite, ist aber dennoch wohlbedacht eingesetzt, als Joker quasi. Wenn dann ein Messer nach ihm fliegt, läuft auch die Kamera wieder zu Höchstform auf und macht vergessen, dass wir um ein CGI-Wesen bangen: Sie fliegt dem zynisch-lächelndem Gesicht der Messerwerferin entgegen, während parallel dazu das in die andere Richtung fliegende Messer montiert wird. Eine Detailaufnahme der Lieblingsactress Tim Burtons. Chaos. Die Helden versuchen sich zu orientieren und wenn der Getroffene ausgemacht ist, ist es derselbe Galgenhumor wie zu Beginn, doch die schaumigen Wellen hinter der Großaufnahme von Daniel Radcliffe zeigen, dass die unechten Effekte diesmal echten Schmerz erzeugt haben.


“O children
We have the answer to all your fears
It’s short, it’s simple, it’s crystal dear
It’s round about, it’s somewhere here
Lost amongst our winnings”

Eindeutige Antworten finden Harry, Ron und Hermine kaum im siebten Teil und die filmischen Mittel machen das Chaos nur allzu deutlich. Achsensprünge, Jump-Cuts, teilweise karge Beleuchtung, eine Comic-Sequenz (!) und kaum Nebenhandlungen, die verfolgt werden. Auch wenn man allzu gerne wüsste, was die anderen (professionell ausgebildeten) Schauspieler während der Suche nach den Artefakten treiben, man erfährt es hauptsächlich nur aus Zeitungsmeldungen und dem Radio, das in einer langen „Lauf-Szene“ schier endlos Namen von vermissten aneinanderreiht. Der Widerstand lässt grüßen und die erwachsene (postapokalyptische) Realität sagt Hallo: Die drei Helden sind auf sich allein gestellt.

Dann aber, am Ende, wie es sich für einen vorletzten Teil einer großen Saga gehört, bekommt der Bösewicht Ralph Fiennes, der in der engen Maske schaurig schön agiert, sein kunstvoll düsteres Ende. Das Imperium schlägt zurück lässt grüßen, Yates hat seine Hausaufgaben gemacht und macht gleichzeitig Architekten, Freudianern, Camp-Rezipienten und Freunden der Filmkunst kleine Freuden. Und was würde wohl Nick Cave dazu singen?

“Poor old Jim’s white as a ghost
He’s found the answer that was lost
We’re all weeping now, weeping because
There ain’t nothing we can do to protect you


O children
Lift up your voice, lift up your voice
Children
Rejoice, rejoice


Hey little train! We are all jumping on
The train that goes to the Kingdom
We’re happy, Ma, we’re having fun
And the train ain’t even left the station


Hey, little train! Wait for me!
I once was blind but now
I see Have you left a seat for me?
Is that such a stretch of the imagination?


Hey little train! Wait for me!
I was held in chains but now I’m free
I’m hanging in there, don’t you see
In this process of elimination


Hey little train! We are all jumping on
The train that goes to the Kingdom
We’re happy, Ma, we’re having fun
It’s beyond my wildest expectation”

Die Zitate entstammen dem Song O Children von Nick Cave & The Bad Seeds

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 / Harry Potter and the Deathly Hallows Part 1
R: David Yates
D: Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Ralph Fiennes
GB/USA 2010 146 Min
Warner

  • Ingo Hillenbrand

    Den Score hat nicht John Williams, sondern Alexandre Desplat komponiert.

  • Christian Alt

    Das ist an sich richtig, nur hat John Williams mit der Komposition der Leitmotive die Grundlage für jede weitere Filmmusik gelegt.

  • Simon

    John Williams hat zwar die Grundlage gelegt, doch haben die folgenden Komponisten sehr großen Wert daruaf gelegt, sich von dieser Grundlage zu entfernen und ihren eigenen Stil mithinein zu bringen. Allein das "Hedwig's Theme" ist geblieben, was allerdings mit seinem Namensgeber gleich zu Beginn schnell aus dem Spiel genommen wurde. Schade.

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