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DVD: Endlich ein Osterfilm! Hank and Mike

von Elisabeth Maurer, am 31.3.10


Erste Erwähnungen des eierbringenden Hasen stammen aus dem 17. Jahrhundert, wirklich populär machten ihn allerdings erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die deutschen Süßigkeitenhersteller, wodurch er andere Eierbringer wie den Osterfuchs oder den Kuckuck verdrängte. Mittlerweile erfreut sich die Geschichte vom Osterhasen offensichtlich nicht nur im deutschsprachigen Teil der Welt einiger Beliebtheit, wie der nun pünktlich kurz vor Ostern auf DVD veröffentlichte kanadische Film Hank and Mike beweist. Die Titelhelden nämlich sind zwei der vielen Osterhasen, die bei Easter Enterprises beschäftigt sind und jährlich weltweit die bunten Eier verstecken. Da der Vorstand der Firma allerdings Einsparungen vornehmen will, verlieren die zwei ihre Stellen und müssen daraufhin versuchen, auf dem freien Arbeitsmarkt einen Job zu finden.

Der kurzen Inhaltsangabe nach könnte es sich um eine alberne Komödie handeln oder vielleicht um einen kitschigen Kinderfilm. Hank und Mike spielt aber mit diesen Erwartungen und übertrifft alle Vermutungen. Zunächst einmal hält sich die Geschichte nicht mit Erklärungen auf, es wird nicht erläutert, wie genau das Osterunternehmen organisiert ist, warum die Hasen wie Männer in rosa Häschenkostümen aussehen, ob es auch weibliche Osterhasen gibt und so weiter. Der Film betrachtet also nicht von unserer Sicht aus eine Welt, in der es Osterhasen wirklich gibt, sondern er nimmt ihre Existenz einfach als gegeben hin und entfaltet sich komplett in diesem Universum. Die Hasen sind fleischgewordene, lebendige Früchte des Kommerzes. Also erschafft die Werbung nicht einfach nur Mythen, sondern wirkliches Leben. Und das mit allen Kehrseiten.

Denn Hank (Thomas Michael) und Mike (Paolo Mancini) sind nicht unbedingt als niedliche, harmlose, unschuldige Kuscheltiere dargestellt. Im Gegenteil: Während Mike noch als Musterosterhase gilt und seine Laster in seiner Vorliebe für dickmachendes Essen und Liebeskitschromane bestehen, ist Hank ein Frauenheld, konsumiert Drogen und Pornos, und nimmt auch seinen Job nicht so ernst. Als sie ihre Anstellung verlieren, bricht dennoch für beide das Leben zusammen. Ihre Osterhaseneigenschaften hindern sie daran, eine andere Beschäftigung zu finden, denn wer braucht zum Beispiel schon einen Postboten, der die Sendungen versteckt? Immer stärker verfallen sie in eine Depression und gleichzeitig keimt eine Wut in ihnen, gegen die Firma, die sie einfach auf die Straße setzte.

Neuerdings wird der Weg der Firma von Conrad Hubriss (Chris Klein) bestimmt, der die mausgrauen Vorstandsmitglieder zu leiten weiß und sich somit gegen die Meinung des eigentlichen Chefs Mr. Pan (Joe Mantegna) wendet. Seine Karriere verdankt Hubriss der äußerst erfolgreichen Geschäftsidee, Menschen bei ihrem Suizid zu unterstützen, wenn sie sich dabei von Fernsehteams filmen lassen und dabei Werbebanner oder Werbeshirts von dafür bezahlenden Firmen tragen. Die Werbung, also das Streben nach Profit, was ja überhaupt erst für Hanks und Mikes Existenz verantwortlich ist, bestimmt also das gesamte Leben der Menschen und zeigt sich dabei auch von einer sehr lebensverachtenden Seite. Und Hubriss plant nun auch das Osterfest als Werbekampagne zu mißbrauchen, indem er auf die versteckten Süßigkeiten Werbeflächen anbieten will.

Der Film inszeniert den glatten und stets in schwarzen Anzügen gekleideten Hubriss als Gegensatz zu Mr. Pan. Dieser wirkt von seiner Kleidung und seinem Verhalten mehr wie ein leicht resignierter, unmoderner Abenteurer, wie aus dem 19. Jahrhundert entsprungen. So ist auch sein altmodische eingerichtetes Chefbüro vollgestellt mit Pflanzen, während im grauen, kahlen Konferenzraum der Firma lediglich ein steriler, weißgestrichener, entfremdeter Ast die Decke schmückt. Hier wird offensichtlich eine Entfernung von Natürlichkeit und somit vom Leben betrieben. Mr. Pan und Hubriss stehen also für die zwei verschiedenen Weltvorstellungen, deren Konkurrenz auch das Leben der Osterhasen bestimmt. Der eine glaubt an das Leben und auch an die Bedeutung von kleinen Wundern für die Menschen, wie die Ostergeschenke. Der junge Hubriss hingegen gründet seine Philosophie auf der Einsicht, daß es keine Sicherheiten in der Welt mehr gibt. Er steht damit für eine junge Generation, die völlig desillusioniert dem Leben gegenüber steht. Ale einziger Glaube und einziger Sinn bleibt ihm der Profit und so wandelt sich seine Traurigkeit in Lebensverachtung, die ihn seine ganze Redegewandtheit einsetzen läßt, um die Vorstandsmitglieder von seinen Plänen zu überzeugen. Zunächst scheint sich der ältere Mr. Pan in seine Rolle zu fügen, doch als Hank und Mike sich mit allen Mitteln um ihren Job bemühen, wird auch er sich seiner Aufgabe bewußt und rettet Ostern. Die Art, mit der er dies vollbringt, läßt ihn endgültig als eine übermächtige und unantastbare Figur erscheinen. Hier kann in der Interpretation so weit gegangen werden, daß der Kampf zwischen Mr. Pan und Hubriss als eine Art Wettstreit Gottes mit dem Teufel gesehen werden kann. Zwar liegt dem Film eine religiöse Aussage zum Osterfest fern, dies wird in einer kurzen karikaturhaften Szene mit Jesusanhängern, die Mike helfen wollen und die er ängstlich zurückweist, klargemacht, doch wird offensichtlich, daß der rein profitgierigen Verbiegung des Festes eine Macht entgegengesetzt werden muß.


Interessant ist hierbei, daß der Film von seiner Indieoptik der Bilder über die Charakterisierung seiner Hauptfiguren bis hin zum Musikeinsatz sehr bewußt die kitschige, heimelige Atmosphäre, die zum Beispiel vielen Weihnachtsfilmen eigen ist und die auch bei der Geschichte eines Osterfilms leicht hätte Einzug halten können, zu vermeiden versucht. Durch Mr. Pans Gewaltakt findet aber ganz klar eine Wendung statt, die Ostern dann doch zu diesem harmonischen Familienfest macht. Hank und Mike trifft also die Aussage, daß der Mensch ein wenig Kitsch und vielleicht unsinnig erscheinende Rituale braucht, um weiter an das Leben glauben zu könne. Und dies erklärt dann auch die rosanen Kostüme der Hasen, sie sind zwar ebenso vom Leben gebeutelt wie die Menschen und keine putzigen Fabelwesen, aber auch ein Statement für die Wichtigkeit von Traditionen, unserem Kulturgut, sei es auch von der Industrie berühmt gemacht, und kleinen Wundern.

Neben diesem Grundthema wartet die Komödie mit vielen intelligenten Wortwechseln und komischen Begebenheiten auf, für das Drehbuch sind übrigens die beiden Hauptdarsteller selbst verantwortlich. Auch die Kamera ist für die kleine Produktion bewundernswert vielseitig und ungewöhnlich.

Hank und Mike ist also nicht nur äußerst unterhaltsam und komisch, sondern bietet eine erstaunlich intelligente Beschäftigung mit der Bedeutung von Feiertagen und darüber hinaus ist er selbstverständlich auch ein Kommentar zu der wirtschaftlichen Krisensituation, die auch vor Osterhasen keinen Halt macht. Somit ist der Film wahrscheinlich der perfekte Osterfilm für dieses Jahr.

Der bisher nicht in Deutschland zu sehende Film erscheint nun auf DVD, diese bietet neben Trailern einige Outtakes und ein Behind-the-Scenes-Featurette mit dem kleinen, sympathischen Filmteam, das offensichtlich großen Spaß bei den Dreharbeiten hatte.



Hank and Mike
R: Matthiew Klinck
D: Thomas Michael, Paolo Mancini, Joe Mantegna
Canada, USA 2008, 86 Min.
EuroVideo

Die Grenze zwischen Spiel und Film 2 - Last Call

von Ciprian David, am 30.3.10


Das ist kein Film mehr. :(




goEast feiert Jubiläum

von Elisabeth Maurer, am 30.3.10


Neues von ehemaligen Preisträgern
Mit einem speziellen Jubiläumsprogramm feiert goEast vom 21. bis 27. April 2010 in Wiesbaden seine zehnte Ausgabe. Das vom Deutschen Filminstitut - DIF veranstaltete Festival des mittel- und osteuropäischen Films zeigt sowohl Preisträgerfilme der vergangenen Jahre als auch aktuelle Arbeiten von ehemaligen Gewinnern.
Junges russisches Kino zur Eröffnung
Der russische Episodenfilm KURZSCHLUSS / KOROTKOE ZAMYKANIE (Russland 2009) eröffnet die zehnte Ausgabe von goEast. „Wir freuen uns sehr, KURZSCHLUSS bei der Eröffnung unserer zehnten Festivalausgabe zeigen zu können, denn goEast wird gerade mit der Entdeckung des jungen russischen Kinos in Verbindung gebracht“, sagt Swetlana Sikora, künstlerische Leiterin des Festivals. Vier der fünf Regisseure, die KURZSCHLUSS gedreht haben, wurden schon für ihre ersten Filme bei goEast ausgezeichnet. Heute sind sie herausragende Vertreter der jungen russischen Filmszene: Alexej German jr., Boris Chlebnikow, Kirill Serebrennikow und Iwan Wyrypajew. KURZSCHLUSS wird auch in Frankfurt (CineStar Metropolis) zu sehen sein.
Im Gespräch mit ehemaligen Preisträgern
Über das Fußfassen und den Alltag im Filmgeschäft diskutieren ehemalige Preisträger unter dem Motto WAS IST AUS IHNEN GEWORDEN?. Evi Goldbrunner (Preisträgerin 2008), Simon Rauh (Preisträger 2008) und Gregor Schubert (Preisträger 2003) nehmen an dieser Gesprächsrunde teil. Vorab zeigt goEast nochmals ihre Gewinnerfilme.
goEast zeigt auch neue Produktionen ehemaliger Preisträger: In einem Doppelprogramm ist nach SÜSSE DINGE / SLADKOSTI (Tschechische Republik 1999) von Jirí Vejdelek, der 2001 den Publikumspreis im goEast-Hochschulwettbewerb gewann und auch in Cannes lief, sein neuerer Film ROMING (Tschechische Republik, Slowakei, Rumänien 2007) zu sehen. Der tschechische Kassenschlager erzählt von einem Roma, der seinen Sohn verheiraten will.
Eins, Zwei, Drei in der Matinee
Als Ehrengast der Jubiläums-Matinee hat goEast Liselotte Pulver angefragt. Mit der Rolle als Fräulein Ingeborg in Billy Wilders Komödie EINS, ZWEI, DREI / ONE, TWO, THREE (USA 1961) gelang ihr einst der internationale Durchbruch. Basierend auf dem Bühnenstück „Egy, kettö, három“ von Ferenc Molnár, nimmt EINS, ZWEI, DREI Kommunisten, Ex-Nazis und Kapitalisten gleichermaßen aufs Korn. Claudia Dillmann, Gründerin von goEast und Direktorin des Deutschen Filminstituts - DIF, führt in den Film ein.
Tickets und Information
Der Ticket-Vorverkauf beginnt am 30. März in der Tourist Information in Wiesbaden (0611/17 29 78-0). Das komplette goEast-Programmheft 2010 ist ab Ende März auf www.filmfestival-goEast.de zum Download verfügbar.

American Independent - Buch gratis zum herunterladen

von Ciprian David, am 30.3.10


Nachdem er umsonst Directory of World Cinema: Japan angeboten hat, bietet nun der britische Verlag intellect ein weiteres von John Berra herausgegebenes Buch zum Gratisdownload an - Directory of World Cinema: American Independent.

von Eternal Sunshine Of The Logical Mind

Georg Seeßlen über die Identität der Objekte im Film

von Ciprian David, am 30.3.10

foto: (c) chrisjeff.wordpress.com

In einem Essay mit philosophischem Charakter setzt sich Georg Seeßlen mit Objekten im Film auseinander. Das Wechselspiel zwischen Signifiant und Signifié wird anhand der Relation zwischen Menschen und Objekten im Film untersucht, sowie anhand der Rolle des Kamerablicks und des Zuschauers bei der Sinnesgebung der Objekte.

von Das schönste an Deutschland ist die Autobahn

Zwischen Sex und Religion - Peter Greenaway

von Ciprian David, am 29.3.10

foto (c) pomegrantearts.com

Ein Interview mit Peter Greenaway ist auf guardian.co.uk zu lesen. Ein angenehmer, langer Text, in dem der Regisseur nochmal seine Position zum Medium Film erwähnt, aber auch seine dialektische Auffassung vom Leben und Tod auftischt. Der Anlass ist sein letzter Film, Nightwatching.

von http://delicious.com/thgroh

Vampire der Bionadegeneration

von Christian Alt, am 28.3.10


Sie sind cool, modebewusst und fahren schicke Geländewagen – die Vampire der Twilight-Saga haben das Bild des klassischen Vampirs äußerst erfolgreich ins 21. Jahrhunder katapultiert. Und Twilight war erst der Anfang: nach den Serien „Moonlight“ und „Blood Ties“, die beide 2007 zum ersten Mal im Fernsehen liefen, gibt es nun auch „Vampire Diaries“ (Pro7) und „True Blood“ (13th Street), die beide auch in Deutschland höchst erfolgreich laufen. Um da nicht den Überblick zu verlieren gibt es inzwischen auch einige Zeitschriften, die den Serien- und Filmfreund auf dem Laufenden halten. Doch muss man sich die Frage stellen, inwiefern die Freude am Vampirismus in seiner neusten Ausprägung nicht ganz grundlegend unsere Jugend widerspiegelt.

Als die Hauptfigur der Twilight-Saga, Bella, das erste Mal in das Haus der Vampirfamilie Cullen kommt, staunt sie nicht schlecht: Alle Familienmitglieder leben streng „vegetarisch“, sie verzichten auf Menschenblut und trinken nur das Blut von Tieren. Überhaupt wird das Bild des einsamen Vampirs ziemlich rasch verworfen. Die Cullens leben glücklich zurückgezogen in ihrer Villa im Wald. Vom Schrecken und Grauen, der mit Vampiren einhergeht hat das nicht mehr viel zu tun. Das klassische Bild des einsam, im Schloss wohnenden Dracula scheint überholt.

Der Verzicht auf menschliches Blut – die Cullens nennen sich selbst Vegetarier – passt gut in die heutige Zeit. Einigen Studien zufolge sind bereits 6% der erwachsenen Deutschen Vegetarier. Vorbei sind die Zeiten als es Sonntagnachmittag auf Mutters Tisch deftige Schweinshaxe mit Sauerkraut gab. Der durchaus begrüßenswerte Vegetarismus muss ja nicht schlecht sein, wäre die Moral des Romans und der Verfilmung nicht so doppelbödig.

Denn der Verzicht auf Fleisch ist nämlich auch übetragbar auf die sexuelle Enthaltsamkeit, die ständig propagiert wird. Stephenie Meyer, die Autorin, glorifiziert in der Twilight-Saga den Verzicht in allen Facetten. Sie entkernt den alten Vampirmythos, wirft jeglichen Schauder über Bord und lädt ihn symbolisch neu auf. Was bei Dracula nur ein Teil der Geschichte war, nämlich die Liebesgeschichte zwischen Dracula und Mina Murray, wird bei Twilight zum moralischen Drama über Enthaltsamkeit und Monogamie. Edward trägt eine schwere Bürde mit sich herum, er kann Bella nicht küssen, sonst würde ihn das innere Tier übermannen und ihn in einen Blutrausch versetzen. Edward muss also auf jegliche Sexualität verzichten. Als er nach langem Flehen dennoch auf Bellas Vorschlag eingeht, sie zu einem Vampir zu machen, geht er darauf ein – allerdings nur unter der Bedingung, dass sie zuerst heiraten. Stephenie Meyer setzt Sexualität nicht nur mit dem Tierischen, dem ungezügelten, verdammungswürdigen Trieb gleich, sondern propagiert gleichzeitig die Ehe als einzigen Ausweg aus diesem Dilemma. Sexualität kann erst dann ausgelebt werden, wenn dies im sicheren Hafen der Ehe geschieht. Dabei ist doch gerade die Figur des Vampirs seit Jahrhunderten sexuell konnotiert gewesen. Hier zeigt sich hinter der Hochglanzfassade eine zutiefst konservative Sexualmoral, die aus dem 19. Jahrhundert zu stammen scheint. Dies wird auch durch die Charaktere sichtbar: Bella wird von Edward förmlich ausgewählt, sie gibt sich ganz der Wahl Edwards hin. Als dieser sie im zweiten Teil des Buches verlässt, bleibt sie wieder die Passive und vergibt ihm sofort, als er wieder zurückkehrt. Man könnte meinen, dass in Bella alle Errungenschaften der 68er zu Grabe getragen werden und als Untote wieder auferstehen. Wer ewig mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment? Auch die Cullens zeugen unter ihrer stylischen Fassade von größter Konservativität. Während Carlisle Cullen als Arzt arbeitet, bleibt seine Frau zuhause – ein Schicksal was auch Bella nach ihrer Hochzeit blühen wird. Durch die Zurückgezogenheit der Cullens im Wald entsteht hier der Eindruck höchster Biedermeierlichkeit. Die äußere Gesellschaft wird von Meyer stets als Drohszenario gezeichnet, die Idylle des Landlebens wird nicht beschädigt.

Dass hier zwei Ebenen irgendwie nicht zusammenpassen, scheint offensichtlich zu sein. Zum einen geben sich die Vampire des 21. Jahrhunderts als todschick, cool und progressiv. Andererseits schlummert unter ihrer blassen Haut, die konservativen Moralvorstellungen aus der Zeit vor der sexuellen Revolution. Stephenie Meyers Vampire sind die Vampire der Bionadegeneration - politisch zwischen schwarz und grün. Allerdings scheint auch das wieder heute gefragt zu sein: Nach der aktuellen Shell-Jugendstudie von 2006 gewinnt die Familie bei Jugendlichen zusehends an Bedeutung.

David Lynch-Ausstellung in Brühl verlängert

von Christian Alt, am 26.3.10


(c) Steve Appleford
Allen David Lynch-Fans sei die Ausstellung "David Lynch - Dark Splendor" im Brühler Max Ernst-Museum empfohlen. Wegen großen Publikumserfolgs wurde sie um einen Monat verlängert und ist noch bis zum 18.04 zu sehen. Neben den Bildern Lynchs werden auch wenig bekannte Kurzfilme aus seiner Zeit an der Akademie gezeigt.

Eintrittspreise für Erwachsene:
5 EUR / 3 EUR (ermäßigt)
Die Ausstellung ist für Besucher unter 18 Jahren nicht geeignet.

Raritäten der Kinowoche vom 25.03 bis zum 31.03

von Christian Alt, am 25.3.10


Rhein-Main-Gebiet

CINEMA QUADRAT, Mannheim

Teorema (Pier Paolo Pasolini, 1968)
Am So., den 28.03. um 19.30 Uhr


Ein schöner, schweigsamer junger Mann kommt wie ein Gott als geheimnisvoll angekündigter Besuch in eine Mailänder Industriellenfamilie. Er erweckt bei allen Hausbewohnern – den Eltern, den beiden erwachsenen Kindern, dem bäuerlichen Hausmädchen – bisher verdrängte und verborgene Wünsche, die sich zuerst als sexuelles Begehren kundtun. Nachdem jeder auf seine Weise diese ersehnte Vereinigung mit dem Unbekannten erfahren hat, verschwindet er wieder – aber nach dem Besuch ist nichts wie vorher. Formale Strenge, Farbe, Star-Schauspieler und gehobenes Milieu: Pasolini überraschte 1968 damit, dass er die Probleme der Bourgeoisie in den Mittelpunkt stellte und die Kritik an dieser Klasse auch noch im Namen eines Heiligen vortrug. TEOREMA provozierte sowohl die Marxisten als auch die Katholiken.
Grindhouse Special
Faceless (Jesus Franco, 1988) + Überraschungsfilm
Am Sa, den 27.03 um 21.30 Uhr

Doktor Flamand ist ein angesehener Schönheitschirug. Durch ein Säureattentat einer wütenden Ex-Kundin wird das Gesicht seiner Tochter Ingrid entstellt. Seitdem lebt sie einsam in der Klinik, in der ihr Vater arbeitet und die seiner Geliebten Nathalie gehört. Flamand bittet in seiner Verzweiflung, Ingrids Gesicht wieder herzustellen, den Altnazi Karl Moser um Hilfe. Moser hatte während des 2. Weltkrieges im KZ Dachau erfolgreich Gesichtsplantationen durchgeführt. Zu diesem Zweck kidnappt er junge Mädchen, denen er die Gesichtshaut abzieht und seiner Tochter transplantiert. Eleganter Voyeurismus mit einem herrlich großspurigen Helmut Berger und einem wie immer saucoolen Telly Savalas!


CALIGARI FILMBÜHNE, Wiesbaden

Uzala, der Kirgise (Akira Kurosawa, 1975)
Am Mo, den 29.03 um 17.00 Uhr

Ein zaristischer Offizier befreundet sich in der feindlichen Landschaft Sibiriens mit einem Nomaden, der ihm im Überlebenskampf gegen die Naturgewalten hilft. Jahre später, als der Offizier mit einer großen Expedition wiederkehrt, bittet er den Nomaden in sein Haus, doch dieser kommt mit dem Leben zwischen den Mauern nicht zurecht.
Das überwältigende Meisterwerk des großen Regisseurs Akira Kurosawa: ein zutiefst beeindruckender Film über das Aufeinandertreffen zweier Kulturen, über Freundschaft, große Triumphe und noch größeren Schmerz. Über allem aber steht die alles beherrschende Natur, die Kurosawa in diesem Film mit Bildern einfing, die man vorher und nachher im Kino nicht mehr zu sehen bekam.

REX-KINO, Darmstadt

Extraño [OmU] (Santiago Loza, 2003)
Am Mo, den 29.03 um 20.15 Uhr

Axel, um die 40, praktizierte früher als Chirurg, lebt heute untätig vorübergehend bei seiner Schwester, einer allein erziehenden Mutter und ihren Kindern. In einem Café lernt er eine Schwangere kennen. Zwischen beiden entwickelt sich eine Beziehung, in deren Laufe Axel aber darauf besteht, nichts über den Vater des Kindes der werdenden Mutter zu erfahren. Debüt des argentinischen Regisseurs Santiago Loza. Ein ausgesprochen intimer und intensiver, stiller, kleiner Film, emotional präzise gespielt. "Extrano" (zu Deutsch: "fremd", "sonderbar") hat bereits eine erfolgreiche internationale Festivalkarriere hinter sich und wurde unter anderem in Rotterdam mit dem Tiger Award ausgezeichnet.
Lourdes (Jessica Hausner, 2009)
Am Di, den 30.03 um 20.45 Uhr


Christine ist von Kindheitstagen an den Rollstuhl gefesselt. Sie lässt sich zu einer Pilgerreise nach Lourdes überreden, auch wenn sie dem Wunderglaube skeptisch gegenüber steht. Im Gegensatz zu einigen der anderen kranken Mitreisenden erwartet sie nichts von den diversen Anwendungen wie dem Baden oder dem Berührend der Felsen der Grotte. Doch sie findet Gefallen an einem der Begleiter ihrer Gruppe, einem Freiwilligen des Malteserordens, der sich rührend um sie kümmert. Dann geschieht tatsächlich ein Wunder. Vier Jahre nach "Hotel" kehrt die Österreicherin Jessica Hausner auf den Regiestuhl zurück. Sie liefert in fantastisch präzise komponierten Bildern eine Tragikomödie, die mitunter schreiend komisch den absurden Alltag der Wallfahrtsstadt schildert. Dabei macht sie sich nie lustig über das Leid der Menschen, spielt aber mit deren überhöhten Erwartungen. Sie kann sich auch auf ihr Ensemble, angeführt von Sylvie Testud, verlassen.

FILMFORUM HÖCHST, Frankfurt-Höchst

Berlin-Stettin (Volker Koepp, 2009)
Am Mi, den 31.03 um 20.30 Uhr
In Anwesenheit von Volker Koepp!

Zwischen diesen beiden Städten liegen wichtige Lebens- und Filmlandschaften von Volker Koepp, der 1944 in Stettin geboren wurde und in Berlin-Karlshorst aufwuchs. Oft hat er zwischen Elbe und Oder gedreht, war bei Menschen, deren Heimatbegriff wie sein eigener durch die Zeitläufte der Geschichte immer wieder beeinflusst wurde: Zweiter Weltkrieg, Vertreibungen, Teilung und Wiedervereinigung, Abwanderung und Wiederbesiedlung, das spannungsreiche Verhältnis zum polnischen Nachbarn. In diesem, seinem wohl autobiografischsten Film, ist Volker Koepp wieder zwischen Berlin und Stettin unterwegs. Er begegnet Menschen aus früheren Filmen wieder und lernt neue Protagonisten kennen. Eine ostdeutsche Landschaft kommt in den Blick, deren Vergangenheit weder verklärt noch entwertet wird und die wieder und neu zu entdecken ist.
MAL SEH'N KINO, Frankfurt

Bartleby (Andreas Honneth, 2009)
Am So, den 28.03. um 12.00 Uhr

Der Experimentalspielfilm "Bartleby" basiert auf Melvilles rätselhafter Kulterzählung von 1853, "Bartleby, der Schreiber. Eine Geschichte der Wallstreet". Ein erfolgreicher und etablierter Wall-Street-Anwalt stellt einen neuen Kopisten in seiner Kanzlei ein. Bartleby kümmert sich zunächst fleißg, gewissenhaft und ausdauernd um die ihm aufgetragenen Aufgaben. Doch schon nach kurzer Zeit beginnt er einzelne Arbeitsaufträge mit den Worten "Ich würde vorziehen, es lieber nicht zu tun" zu verweigern. Nach und nach weitet er die Verweigerung selbst auf die geringsten Tätigkeiten aus, bis er schließlich in Untätigkeit an seinem Schreibtisch verharrt. Bartleby verlässt nicht mal mehr die Kanzlei und auch alle Versuche ihn wieder los zu werden scheitern. Dies liegt aber auch an einer wachsenden Faszination des Anwalts für das anarchistische Verhalten seines sonderbaren Kopisten, das er zu ergründen sucht und dabei fast den Verstand zu verlieren droht. Die einzige Möglichkeit für ihn dem "Bann" Bartlebys zu entkommen, ist selbst die Kanzlei zu verlassen und sich neue Geschäftsräume zu suchen. Der Nachmieter lässt Bartleby von der Polizei abführen. Er wird in das Gefängnis "The Tombs" gebracht, wo ihn der Anwalt nochmals besucht. Er fühlt sich unerklärlicherweise verantwortlich für seinen ehemaligen Schreiber und will ihm helfen. Doch Bartlebys Zustand kommt immer mehr einer umfassenden Lebensverweigerung gleich. Er stellt jede Art der Interaktion mit seinen Mitmenschen ein und hört auf zu essen. Nach wenigen Tagen ist er tot. Der Film ist in einer an Buster Keaton orientierten Stummfilmästhetik gestaltet. In das Kammerspiel im Sprechtheater-Duktus werden immer wieder surrealistische Albtraumsequenzen und Tableaux vivants ebenso wie dadaistische Doku-Collagen aus historischen Bild- und Textzitaten eingeschoben. Das reduzierte Bühnenbild nimmt auf Bühnenräume Karl Valentins, Becketts und von Triers "Dogville" Bezug. Melvilles Textvorlage weist in seiner Absurdität auf Kafka und Beckett voraus. Ohne den Stoff zu aktualisieren, zeigt die Literaturverfilmung die Aktualität des Melville'schen Textes und stellt die Frage nach der Menschlichkeit oder vielmehr dem Mensch-Sein im Zeitalter der Globalisierung.




goEast 2010 - Das Programm steht fest

von Elisabeth Maurer, am 25.3.10


Das Wettbewerbsprogramm von goEast - Festival des mittel- und osteuropäischen Films steht fest: Zehn Spielfilme und sechs Dokumentarfilme konkurrieren um die mit insgesamt 29.500 Euro dotierten Preise. Vorsitzender der internationalen goEast-Jury ist der renommierte russische Filmkritiker Andrej Plachow.


goEast, veranstaltet vom Deutschen Filminstitut - DIF, präsentiert in seiner zehnten Ausgabe vom 21. bis 27. April 2010 in Wiesbaden und Frankfurt aktuelles Kino und verzeichnet im Wettbewerb 14 Filmpremieren. Mit vier Sektionen, einem Jubiläumsprogramm und dem Symposium bietet goEast ein breit gefächertes Filmangebot. Lesungen, Partys und Konzerte sorgen für goEast-Festivalatmosphäre auch außerhalb des Kinosaals. Der Karten-Vorverkauf startet am 30. März.

„Von der Sehnsucht erzählen die Filme im Wettbewerb der goEast-Jubiläumsausgabe: Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Freundschaft und Liebe zieht sich als Motiv durch unterschiedliche Geschichten und filmische Erzählweisen“, so Festivalleiterin Nadja Rademacher. Aus knapp 300 Einreichungen, die bei der künstlerischen Leiterin von goEast, Swetlana Sikora, eingegangen sind, wurden 16 Wettbewerbsfilme ausgewählt. Geographisch spannt sich der Bogen vom Baltikum über den Balkan bis zum Kaukasus, von Polen über die Ukraine und Russland bis nach Georgien.
Die Filme des Wettbewerbs
Die Spielfilme des Wettbewerbs erweisen sich als Seismograph für gesellschaftliche Entwicklung, festgemacht an menschlichen Geschichten. Um Zugehörigkeit, Würde und Integrität geht es in DIE ALTE SCHULE DES KAPITALISMUS / STARA ŠKOLA KAPITALIZMA (Serbien 2009) von Želimir Žilnik. Die Sehnsucht nach Anerkennung (EHRENMEDAILLE / MEDALIA DE ONOARE, Rumänien 2009), Freundschaft (VASHA Estland, Deutschland, Finnland 2009) und Liebe (DAS MÄRCHEN DER DUNKELHEIT / SKAZKA PRO TEMNOTU Russland 2009) sind weitere Themen. Vom Umgang mit unbequemen Wahrheiten und daraus resultierenden Problemen erzählt HOW I ENDED THIS SUMMER / KAK YA PROVEL ETIM LETOM (Russland 2010).

Die Dokumentarfilme des Wettbewerbs beschäftigen sich vor allem mit der Sehnsucht nach Zugehörigkeit. In OSADNÉ (Slowakei, Tschechische Republik 2009) machen sich Bewohner eines entlegenen Karpatendorfs auf, um in Brüssel bei der Europäischen Union für ihren Ort zu werben. OJ MAMA / OY MAMA (Israel 2009) betont den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft: Eine Holocaust-Überlebende, die aus Polen stammt und heute in Israel lebt, adoptiert ein kleines Mädchen. Die alte Dame versteht dies auch als Zeichen ihrer Dankbarkeit für die eigene Rettung.
Filmgespräche und Filmvorführungen in Frankfurt
Ab dem 22. April lädt goEast jeden Abend um 22 Uhr zum Filmgespräch mit Regisseuren, Produzenten oder Darstellern der Wettbewerbsfilme in die Villa Clementine, die nach zweijähriger Umbauzeit wieder für das Festival genutzt werden kann. Bereits zum dritten Mal präsentiert sich goEast außerdem in Frankfurt. Im CineStar Metropolis laufen, unterstützt von der Saalbau GmbH, vom 22. bis 28. April die Spielfilme des Wettbewerbs und ausgewählte Produktionen aus anderen Sektionen.
Jury
Die internationale goEast-Jury bestimmt die Gewinner des Wettbewerbs, im Jubiläumsjahr wurden Jurymitglieder vergangener goEast-Festivals wieder eingeladen. Neben dem russischen Filmkritiker Andrej Plachow als Vorsitzenden gehören der serbische Regisseur Boris Mitic, der ungarische Filmproduzent Joszef Berger, der polnische Drehbuchautor Maciej Karpinski und die deutsche Schauspielerin Franziska Petri der goEast-Jury an.
Weiteres Filmprogramm
In den Highlights zeigt goEast herausragende Filme, die bereits erfolgreich in ihren Ursprungsländern waren, wie etwa MEIN FLEISCH, MEIN BLUT / MOJA KREW (Polen 2009). In der Sektion Signatur laufen ästhetisch herausragende Filme. POLIZEI, ADJEKTIV / POLITIST, ADJECTIV (Rumänien 2009) wurde in Cannes mit dem „Jury Prize - Un Certain Regard“ ausgezeichnet.

In den Specials wird u.a. das Kurzfilmprogramm „Grenzüberschreitungen“ präsentiert: Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und das Goethe-Institut schrieben 2008 gemeinsam den 3. Internationalen Kurzfilmwettbewerb zu diesem Thema aus. Bei goEast werden sechs prämierte Produktionen aus Deutschland, Russland, Polen, der Ukraine und Israel gezeigt. Das Nationale Filmarchiv Warschau präsentiert in den Specials Animationsmeisterwerke aus Polen.

Die Hommage ehrt den georgisch-französischen Filmemacher Otar Iosseliani, der als Ehrengast nach Wiesbaden kommt: Am Sonntag, 25. April (15 Uhr, Bellevue-Saal) gibt er dem Festivalpublikum einen Einblick in sein Schaffen und Denken. Das filmwissenschaftliche Symposium „Das befreiende Lachen - Eine kurze Geschichte des osteuropäischen Filmhumors“ untersucht das Genre der Filmkomödie in den vergangenen 50 Jahren. In einem speziellen Jubiläumsprogramm gibt es außerdem ein Wiedersehen mit ehemaligen goEast-Preisträgern und einem besonderen Matinee-Gast.
Rahmenprogramm
Am Welttag des Buches (23. April) liest die gefeierte tschechische Nachwuchsliteratin Petra Hulová aus ihrem in Deutschland noch unveröffentlichten Roman „Endstation Taiga“ (mit deutscher Übersetzung).

Im Schlachthof feiert goEast zu Saxofonklängen von Ori Kaplan (Balkan Beat Box), das Duo Schwarzmeer BBQ steht am DJ-Pult.

Im Chopin-Jahr ehrt goEast den vor 200 Jahren im damaligen Herzogtum Warschau geborenen Komponisten Frédéric Chopin mit einem Konzert der polnischen Band Kwadrofonik, die unter anderem sein Oeuvre mit Piano und Percussion neu interpretiert.
Tickets und Information
Der Ticket-Vorverkauf beginnt am 30. März in der Tourist Information in Wiesbaden (Telefon 0611 / 172 978-0). Detaillierte Informationen zum Jubiläumsprogramm folgen in Kürze. Das komplette Programmheft ist ab Ende März auf http://www.filmfestival-goeast.de/ zum Download verfügbar.

Ein Prophet

von Ciprian David, am 25.3.10




Schon am Anfang, im Vorspann, wird Orientierung in Ein Prophet zum Schlüsselwort. Der Bildschirm bleibt zunächst schwarz, doch Geräusche sind aus dem Off zu hören. Über die Anfangs-Credits werfen unsichtbare Gestalten ihre Schatten, sie teilweise versteckend, und den Zuschauer in diese Suche nach Orientierung mit einbeziehend. Dann folgen die ersten Bilder: Eine schnelle Folge von Nahaufnahmen, die den Hauptcharakter gleichzeitig vorstellen und verstecken, zeichnen die engen Grenzen von dessen zukünftigen Lebensraums.

Er wird gerade ins Gefängnis geführt. Durch die Gitter des Polizeiwagens sucht sein Blick die Außenwelt, doch diese streift zu schnell an dem Wagen vorbei, sein Horizont hört bei diesen Gittern auf. Viel erfährt man nicht über Malik El Djebena (Tahar Rahim), außer dass er 19 Jahre alt ist, dass er zwei Polizisten mit einem Messer angegriffen haben soll. Verwandte hat er nicht, Bekannte ebensowenig, sein einziges Gut sind 50 Franc und er scheitert noch daran, diese ins Gefängnis zu schmuggeln. Denn Malik ist im Hinblick auf die Verhältnisse im Gefängnis noch nicht geboren.
Seine Taufe ergibt sich aus den Konfliktinteressen zwischen den Gruppen von Insassen, die das Gefängnis dominieren. Somit wird der Film zu einer Sozialstudie, die Korsen auf der einen Seite vorstellend, unter der Führung von César Luciani (wunderbar von Niels Arestrup verkörpert), auf der anderen die Moslems. Nachdem Malik von zwei Moslems seiner Schuhe beraubt wird, gehen die Korsen auf ihn zu und stellen ihn vor eine Wahl. Entweder tötet er einen anderen Insassen und kommt im Gegenzug in den Genuss ihres Schutzes, oder sein Leben wird durch sie ein schnelles Ende finden. Er wählt das Leben und dieser Mord soll seine Wiedergeburt, seine Taufe sein.

Malik El Djebena ist kein Mörder. Seine Versuche sich vor der Tat zu drücken, scheitern alle, und die Welt um ihn herum fängt an, sich ihm zu öffnen: Die Macht der Insassen reicht bis zu den Gefängniswärtern. Er muss sich also auf die Mordtat vorbereiten, sie verarbeiten. Und diese Vorbereitung inszeniert Regisseur Jacques Audiard sehr konsequent, indem er das Innere des Protagonisten durch die Darstellung des Äußeren ausdrückt. Verkörpert durch die Rasierklinge, die als Mordwaffe dienen soll, lässt das Gewissen des werdenden Mörders zuerst ihn selber den Schmerz dieser Verwandlung spüren: Malik muss diese Klinge in seinem Mund verstecken und dies zu beherrschen braucht Übung. Doch es gelingt ihm. Für wenige, sehr intensive Augenblicke erlebt er im Sterben des anderen Insassen, eines Bruders im Glauben, seine Wiedergeburt.

Von diesem Moment an interessiert sich der Film mehr für Malik. Man erfährt, dass er nicht lesen kann, doch er wird es lernen. Zusätzlich lernt er Italienisch, um seine Beschützer zu verstehen. Die Räume und Flure des Gefängnisses werden zum Kindheitsort des neuen El Djebena, dem Araber unter den Korsen, wie ihn die anderen Araber sehen, und gleichzeitig dem Korsen unter den Arabern, wie ihn die Korsen langsam annehmen werden. Doch bis dahin bleibt dieser Blick von außen definitorisch für seine Identität, dieser Blick, mit dem sein Leiden sich von ihm losgelöst hat und zu einer Rasierklinge geworden ist. Die Rasierklinge ist aber zurückgetreten, an ihrer Stelle steht der prägende Moment seiner Wiedergeburt. Sein neuer Begleiter ist der Geist seines Opfers. Dieser Geist ist gleichzeitig Doppelgänger und Mentor, ihm die Welt erklärend und ihn beschützend, dieser Geist ist sein prophetisches Bewusstsein. Und wie der Titel ankündigt, ist dieses Bewusstsein der Schlüssel des Films.

Doch was ist das Prophetische? Es ist das Führen eines Opfers aus dem Leben hinaus, den sakralen Moment des Opfers miterlebend, und sich dadurch von diesem Sakralen anstecken lassen, es ist aber gleichzeitig das bloße Überleben. Und Überleben heißt, die Welt um sich herum zu durchblicken, in ihrer Struktur, vor allem aber in ihrer Entwicklung, denn das ist es, was Malik von nun an macht.

Ganz unten anfangend, als Lakai für César, erweitert er nicht nur seine Sprachkenntnisse, sondern auch seinen Blick in die Machtstrukturen des Gefängnisses, in die Interessenkonflikte zwischen den Gruppen, in die Reichweite des Netzes, das César zum thronenden Patriarchen über diese Masse an Brutalität, Macht und Geld macht. Nach und nach wird er zu Augen und Ohren des alten César, seine Interessen liegen zunächst innerhalb des Gefängnisses, dann, aufgrund seiner abgesessenen Zeit und guter Führung, auch außerhalb, während des ihm durch die Hilfe von César gegönnten Freigangs.

Draußen lernt Malik, dass dort dieselbe Ordnung herrscht wie im Gefängnis, die Machtmenschen dieselben sind, dass die Gitter bloß zu einer Metapher einer zuerst so präsenten Welt werden können. Als Araber unter den Korsen ist er der ideale Mittelsmann, und sein Bewusstsein lässt ihn dies zu seinem eigenen Vorteil nutzen. Er fängt an, immer mehr auf eigenem Fuß nebenbei zu handeln, mit allen Parteien vernetzt, und gewinnt nach und nach die Makroperspektive auf diese Gesellschaft der Macht und des Geldes, die Perspektive, die den einzelnen Gruppen immer versteckt blieb.

Malik geht sogar über diese Welt der rauen Gewalt hinaus, sich in einer Familie einlebend, in der Familie eines ehemaligen Mitinsassen, der bald sterben wird, und ihm, wie einst sein Opfer am Anfang des Films, eine neue Perspektive eröffnen wird. Immer mehr definieren ihn seine Taten anstatt der Blick von außen, immer mehr tritt sein Doppelgänger in den Hintergrund bis hin zum Verschwinden, immer mehr nähert sich der Moment, wo er den alten Patriarchen konfrontieren muss, um seine Stelle einzunehmen, um das fragmentierte Alte zu ersetzen und es zum einheitlichen Neuen zu verwandeln. Und erst wenn dieser alte César, der zu sehr an seine Macht geglaubt hat und nicht mehr dahinter zu schauen vermochte, im Gefängnishof am Boden liegt, sein Statussymbol völlig ablegend, erst dann ist Malik frei, ein Mensch mit vollen Rechten, erst dann öffnet sich für ihn das Gefängnistor zum letzten Mal, ihn in das Absolute der Freiheit hinaus lassend.

Ein Prophet ist ein Epos von großer Intensität und Stärke, ein Film, der durch seine Struktur und Geschichte, aber auch Regie und Kameraführung imponiert, ein Film aber, der gleichzeitig mit großer Aktualität und analytischem Gespür einen tiefgehenden Einblick in die sozialen Verhältnisse in französischen Gefängnissen wagt, und dadurch die große Frage der Globalisierung aus einer neuen Perspektive durchleuchtet.




Ein Prophet / Un Prophète
R: Jacques Audiard
D: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif
Frankreich, Italien, 2009, 155 Min.
Sony

Troubled Water

von Christian Alt, am 24.3.10


Nichts ist mehr wie zuvor in Jan Thomas Hansens (Pal Sverre Valheim Hagen) Leben. Als Teenager stiehlt er in einem Park einen Kinderwagen um an die darin befindlichen Wertsachen zu kommen. Das Kind läuft davon und stürzt tödlich – so zumindest Jan Thomas‘ Version, die ihm vor Gericht nicht geglaubt wird. Nach der Verurteilung wegen Kindesmord saß er acht Jahre im Gefängnis, nimmt unter anderem Namen eine Stelle als Kirchenorganist an und versucht sich ein neues Leben aufzubauen. Zu dem erfüllenden Beruf kommt noch die aufkeimende Liebe zwischen ihm und der jungen Pastorin Anna (Ellen Dorrit Petersen) . Doch der Traum von der zweiten Chance scheint jäh zu zerplatzen als die Mutter (Trine Dyrholm) des getöteten Jungen ihn entdeckt.

„Ist es nicht naiv zu glauben, dass alles Schlechte zu etwas Gutem führen kann?“ Diese Frage stellt Jan Thomas Hansen in der Mitte des Films. Und stellt sie dabei gleichzeitig dem Zuschauer. Wie geht die Gesellschaft mit Kindesmördern um? Haben sie eine zweite Chance verdient? Der Film gibt die Antwort nicht vorweg, sondern präsentiert zwei Ansichten des moralischen Dilemmas: Der Plot ist zweigeteilt und wird aus der Sicht Thomas‘ und aus der Sicht der Mutter erzählt. So fällt es schwer sich für eine Seite zu entscheiden. Der schicksalshafte Tag der Kindesentführung wird geschickt durch subjektive Rückblenden erzählt, sodass der wirkliche Tathergang bis zum Ende nicht gelüftet wird.

Das Besondere an Troubled Water ist aber nicht das „Was“, sondern das „Wie“. Das moralische Dilemma wird von Erik Poppe mit Symbolen versehen, die dauernd Hinweise über die eigentliche Handlung hinaus liefern. Mit einem weniger begabten Regisseur hätte das psychologische Drama leicht zum Kitsch abdriften können. Dieser Gefahr geht er gekonnt aus dem Weg. Ständig präsent ist das Leitmotiv des Films: das Wasser. Ob nun im Song „Bridge over troubled water“, welcher den Wendepunkt markiert oder im Weihwasser, das an einigen Stellen vorkommt Auch hier hält Poppe Maß und überfrachtet den Film nicht mit Metaphorik. Darüber hinaus trägt den Film seine atemberaubende Musik. Jan Thomas, der durch die Orgelmusik versucht Buße abzulegen, wird schlussendlich durch sein außergewöhnliches Spiel enttarnt. In solchen Szenen wird man vollends von der Intensität des Films mitgerissen und ganz ergriffen.

Die Intensität ist aber auch den Leistungen der beiden Hauptdarsteller Trine Dyrholm und Pal Sverre Valheim Hagen zu verdanken. Dyrholm spielt die Mutter zwischen Verzweiflung und Wahnsinn ungeheuer überzeugend. Valheim Hagen hingegen lässt den Zuschauer nie wirklich hinter seine Fassade schauen und bleibt dabei stets charmant und sympathisch.

Man sollte eigentlich skeptisch sein, wenn ein Film mit dem Zitat „Das ist der beste Film, den ich seit Jahren gesehen habe!“ (Michael Moore) beworben wird. Im Fall von „Troubled Water“ ist die Skepsis völlig unberechtigt. Der hochkarätige Film ist wirklich eine absolute Ausnahmeerscheinung: ergreifend, doch nie kitschig, reißt er den Zuschauer in einen Sog der Emotionen. Die Inszenierung und die fantastische Schauspielerleistung liefern hier eine absolute Kinoperle ab, die man gesehen haben sollte. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Der norwegische Film war zum Kinostart nur auf 25 der circa 4800 deutschen Kinoleinwände zu sehen. So müssen die meisten leider einen sehr weiten Weg aufnehmen um diesen Film zu sehen – welcher sich allerdings lohnt.


Wo der Film läuft, erfahren Sie hier: www.heutekino.de

Troubled Water / DeUnsylige
R: Erik Poppe
D: Pal Sverre Valheim Hagen, Trine Dyrholm, Ellen Dorit Petersen
Norwegen 2008, 121 Min.
Kool Filmdistribution

Public Enemies (2009)

von Elisabeth Maurer, am 23.3.10

1933, mitten in der amerikanischen Depressionszeit, hielt der Bankräuber John Dillinger die Polizei und das neugegründete FBI in Atem. J. Edgar Hoover erklärte ihn zum ersten Staatsfeind Nr.1 der USA.

Michael Mann zeigt die vierzehn Monate von seiner Freilassung nach neun Jahren Gefängnis bis hin zu seiner Erschießung. Zuerst befreit Dillinger (Johnny Depp) seine Freunde aus der Haft, dann führt er sie nach Chicago, wo sie mehrere Banken ausrauben. Dort trifft er auf Billie (Marion Cotillard), in die er sich augenblicklich verliebt. Verbissen gejagt von dem FBI-Agenten Purvis (Christian Bale) wird er kurzzeitig inhaftiert, doch gelingt ihm wiederum die Flucht. Aus Liebe zu Billie verläßt er nicht das Land, sondern geht zurück nach Chicago, wo aber auch Agent Purvis auf ihn wartet.

Kurz vor seinem Ende betritt Dillinger unbemerkt die Räume des Sonderkommandos des FBIs, das mit seinem Fall betraut ist. Für ihn ist es ein Gang in sein eigenes Museum. Hier wird ihm sein Leben vor Augen geführt, auch das nahende Ende. Der Zuschauer sieht auf den Pinnwänden die Stationen aus Dillingers Leben, die ihm der Film bisher präsentiert hat. Dabei versuchte der Film aber nicht wie ein Museumsbesuch zu wirken. Mann setzt HD-Technik und Handkamera ein, um die Aufnahmen möglichst realistisch und unmittelbar aussehen zu lassen. Die Bilder sagen aus, daß hier keine nostalgische Verklärung der Vergangenheit geboten werden soll. Sie bilden fast immer ausschließlich Reales und Gegenwärtiges ab, es gibt keine Rückblenden, keine inneren Bilder, die Kamera bleibt immer sehr dicht bei den Figuren. Die Vergangenheit des Charakters interessiert nicht, Dillinger selbst stellt seinen persönlichen Hintergrund gegenüber Billie als unrelevant dar. In welchen Zustand das Land sich zu dieser Zeit befand, wird nur an wenigen einzelnen Szenen deutlich. Auch die Verehrung, die Dillinger noch zu Lebzeiten von der Bevölkerung erfuhr, spielt keine Rolle. Sein Ikonenstatus wird dem Zuschauer durch die Wirkung des Films und der Figur auf ihn selbst klar. Mann zeigt dem Zuschauer das, was seiner Meinung nach Dillinger ausmachte, dies sind die Taten und Vorkommnisse dieser wenigen Monate.


Der Film ist ein Statement für die Vorzüge der modernen Filmtechnik. Auch auf Handlungsebene findet eine Thematisierung von Umbrüchen statt. Dillingers Outlawleben wird der neuen Organisation des Verbrechens mit Hilfe neuer Techniken, hier Telefonen und landesweiter Vernetzung, gegenübergestellt. Das FBI bietet neue Möglichkeiten der Polizeiarbeit mit neuester Ausrüstung wie Abhöranlagen und Befugnissen über Staatsgrenzen hinaus. Die Erfindung des Tonfilms fasziniert die Menschen, auch Dillinger, der kurz vor seinem Tod sein Leben im Kino in der Filmhandlung von Manhattan Melodram (W.S. Van Dyke, 1934) gespiegelt sieht. Dieser Film ist ebenfalls ein Gangsterfilm, was auch die Frage nach der Entwicklung des Genres aufwirft. Der klassische Gangsterfilm, der sich zu Dillingers Lebzeiten entwickelte, entwirft meist ein Porträt eines Gangsters und zeigt die Geschehnisse aus seiner Perspektive, dabei liegt die Betonung auf der Rauheit, Härte, Rastlosigkeit und Beweglichkeit seines Lebens. Genauso verfährt Mann bei der Darstellung Dillingers und er entscheidet sich für die neue Optik, weil sie es ihm gestattet eben diese Motive so einprägsam wie bisher kaum möglich ausdrücken zu können. Der Film ist also eine Weiterentwicklung des klassischen Gangsterfilms, wie sie nur die moderne Technik hervorbringen konnte.

Dass die HD-Aufnahme teilweise das Make-Up der Darsteller, vor allem bei Johnny Depp, sichtbar werden lässt, und die Bilder manchmal zu sehr wie Aufnahmen mit der Amateurvideokamera wirken, schwächt leider in einzelnen Szenen die Wirkung des Realismus und der Gegenwärtigkeit. Trotzdem ist es ganz besonders die innovative Optik des Films, die im Gedächtnis bleibt. Im Vergleich zu derzeit üblichen computergenerierten Weichzeichnungs- und Sepiafiltern bei der Darstellung vergangener Zeiten werden hier neue Möglichkeiten deutlich. Diese erlauben eine Annäherung an eine Ikone, die zumindest auf Bildebene dem Zuschauer ein bisher so selten gesehenes aktuelles und realistisches Porträt liefert.

Public Enemies
R: Michael Mann
D: Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cotillard
USA 2009, 134 Min.
Universal

DVD: Wasting Away - Zombies sind auch nur Menschen

von Memuta, am 23.3.10

Na das kann ja nicht gut gehen, wenn ein Truck in Los Angeles einen Unfall baut und als Fracht die toxischen Abfälle eines missglückten Militärprojekts geladen hat, die - getarnt als Babynahrung - im Wasserschutzgebiet entsorgt werden sollten.

Die Fässer geraten in die Hände der vier Jugendlichen Tim, Cindy, Mike und Vanessa, die diese für Bierfässer halten. Ahnungslos mixen sie sich aus deren Inhalt neongrünes Bier-Softeis und mutieren nach dessen Verzehr ohne größere Umschweife zu Zombies. Sie stellen daraufhin auch einige Veränderungen an sich fest, unter anderem die neugewonnene Kraft, die Blutlust oder das Abfallen von Körperteilen. Die Tatsache, dass sie nun zu den Untoten gehören, bleibt ihnen jedoch verborgen und statt dessen empfinden sie alle anderen als fremdartig. Als sie nach kurzem Umherirren in der Stadt auf einen weiteren "Normalen" aka Zombie treffen, kommen sie zu dem Ergebnis, dass alle Menschen in der Stadt mit etwas infiziert wurden und sie allein - dank der toxischen Abfälle - nicht nur immun dagegen sind, sondern dadurch sogar zu Supersoldaten wurden. Die fünf sehen sich nun auf Seiten der Retter, tragen ihre Verantwortung mit Fassung und stellen sich mutig dem Kampf gegen die Verseuchten. Endlich also ein Zombiefilm aus Sicht der eigentlichen Protagonisten!

Filmisch umgesetzt wird das Ganze, indem die Sequenzen aus Sicht der Zombies in Farbe gedreht sind und sie darin wie normale Menschen aussehen, sprechen und gehen. Die Ebene aus Sicht der Menschen spielt sich hingegen in schwarz-weiß ab und nur auf dieser sind die Zombies dann auch als solche erkennbar. Logo, dass sich die infizierten Menschen aus Sicht der Untoten dann auch durch unzombiehaft rasante Bewegungen und unverständlich schnelles Sprechen auszeichnen. Allein dem Alkohol sei Dank, dass sich Betrunkene und Zombies auf einer Ebene zwischen den beiden Wahrnehmungsrealitäten treffen und verständigen können.

Nach einem fantastischen Auftakt schleppt sich die Story allerdings nur müßig bis zur Hälfte des Films und auch die Erwartung an spritzige Dialoge muss erstmal runtergeschraubt werden. Als den Zombies dann aber so langsam zu dämmern beginnt, wer oder was sie wirklich sind, kommt endlich wieder mehr Schwung in die Sache.

Die Geschichte über eine Gruppe Zombies wird schließlich zu einer Geschichte über eine Gruppe von Außenseitern und ist darüberhinaus eine Liebeserklärung an Filme wie "Dawn of the Dead" oder "Night of the living Dead". Wir lernen außerdem, dass Zombies nicht von Grund auf gewalttätig sind, sondern vielmehr missverstanden in ihrem Wesen und Sein.

Somit ist "Wasting Away" nicht nur dank Gehirn-Margarita und würzigem Mexikaner-Fleisch ein besonderes Schmankerl für Genre-Freunde, sondern hat sich - trotz einiger Schwächen in der Dramaturgie - vorallem aufgrund der grandiosen Idee und der kreativen filmischen Umsetzung einen sicheren Platz in der Liste der "Die-muss-man-gesehen-haben"-Zombiefilme verdient.



Wasting Away
R: Matthew Kohnen
D: Michael Terry, Betsy Beutler, Matthew Davis, Julianna Robinson
USA, 2007, Länge: 87 min.
EuroVideo

Lichter Filmtage Frankfurt 2010 - die Gewinner

von Ciprian David, am 23.3.10


Auf der Internetseite der Lichter Filmtage Frankfurt wurden die Gewinner angekündigt:

Bester Langfilm:
DAS SCHREIBEN UND DAS SCHWEIGEN. DIE SCHRIFTSTELLERIN FRIEDERIKE MAYRÖCKER von Carmen Tartarotti.

Bester Kurzfilm
T.R.A. von Eva Becker

Erwähnung
Marivanna von Olga Petrova
Riverrun & Touchdown von Gunter Deller

DVD: Klass, von Ilmar Raag

von Ciprian David, am 22.3.10




In einen empfindlichen Bereich der politischen Korrektheit begibt sich Ilmar Raag mit seinem Film, eine sich über sieben Tage erstreckende und in ebenso viele Kapitel geteilte Geschichte über zwei Amokläufer. Der gewagte Schritt besteht darin, Amokläufer und Opfer als eins darzustellen. Anders wie Gus van Sants Elephant vermeidet dieser Film den Arthouse-Look und entscheidet sich für einem dem Thema naheliegenden, dokumentarischen Kamerablick.

Der Film ist gleichzeitig eine Studie der Gewalt und ihren Entwicklungen innerhalb von Gruppen von Jugendlichen, dort also, wo Persönlichkeiten und Identitäten sich erst kristallisieren. Klass steht für die Klasse, die unter der radikalen Persönlichkeit des Prüglers Anders (Lauri Pedaja) nach und nach im Verlauf des Films nicht mehr aus Schülern besteht, sondern zu einer kompakten Masse wird, mit dem einzigen Zweck, Joosep (Pärt Uusberg), durch Prügel und sich bis ins Unmenschliche steigernde Demütigungen, klarzumachen, dass er ein Freak sei. Ein einziges Individuum, Kaspar (Vallo Kirs), sticht aus dieser Masse heraus und versucht den anderen ihre Ungerechtigkeit klarzumachen, und das wird zu seinem Ende führen.
Sehr direkt und schonungslos knüpft Klass an dem Nationalsozialismus ähnlichen, martialischen Verhältnissen an, und lässt eine Gemeinschaft den Nichtangepassten offiziell abstoßen. Ein zunächst in sich geschlossenes Universum der Gewalt entfaltet sich über seine Grenzen hinaus und greift in die zuerst noch als anders erhoffte Welt der Autorität der Erwachsenen ein, klarmachend, dass Joosep, weil er ein Freak ist, nicht anders behandelt werden darf.

Wie Haneke in Funny Games, zieht Ilmar Raag alle vorhandenen Register, um eine sehr intensive, sehr schwer auszuhaltende Dramaturgie zu entwickeln. Einerseits durch den dokumentarischen Blick der Kamera verstärkt, andererseits durch die sichtbar unerfahrenen, aber glänzenden jungen Schauspieler, die einen ungeheuer realen Raum um sich schaffen, wagt Klass den perversen Schritt, den Zuschauer in dei Lage zu bringen, mit dem tragischen Ende zu sympathisieren.

Natürlich reicht eine Woche nicht, um ein solches Ausmaß an Folgen auszulösen. So werden Geschehnisse dargestellt, die sich kaum mehr im Rahmen des Möglichen befinden. Wie etwa den überspitzten Humor der Lehrer oder ihre Rücksichtslosigkeit manchem Schüler gegenüber. Oder das so sehr in sich geschlossene Universum der Klasse, zu der Joosep gehört, dass alle Einflüsse von außen vor den ungeschriebenen Gesetzen dieses kleinen Systems einfach verschwinden. Ebenso die Kommunikation, die nie zustande kommt, die vor allem als Ausdruck einer vermeintlichen Persönlichkeit der Schüler nichts anderes zu bieten hat als einen Leerraum, den die Klasse als gewalttätige Einheit ungeheuerlich füllt.

Klass ist einer der packendsten Filme, die in diesem Frühjahr auf DVD erscheinen, der es unheimlich präzise versteht sich nicht nur an all seinen zur Verfügung stehenden Mitteln, sondern auch an der Rezeptionskultur des Zuschauers zu bedienen, um einen radikalen Akt beinah manipulativ zu erklären. So, dass es am Ende nur Freude bringt, die Worte Kaspars zu hören, nachdem er mehrere Schüler erschossen hat: „Ich sterbe nicht. Euch zum Trotz. Ich sterbe nicht.“



Klass
R: Ilmar Raag
D: Pärt Uusberg, Vallo Kris, Lauri Pedaja
Estland, 2007, 98 Min.
Ascot Elite

DVD: Salami Aleikum

von Memuta, am 22.3.10


Mohsen Taheri ist Deutsch-Iraner, lebt bei seinen Eltern in Köln und hilft seinem Vater in dessen Schlachterei. Er führt dort ein Leben, das ihn nicht wirklich glücklich macht. Das liegt nicht nur an dem Umstand, dass Mohsen keine Tiere töten kann und er mit dieser Einstellung seinen Vater fast zu Verzweiflung treibt, sondern auch daran, dass seine eigentliche Leidenschaft dem Stricken gehört. Als Mohsen die Verantwortung für die Rettung der Schlachterei übertragen bekommt, wird sein Leben schlagartig noch frustrierender. Um nun nicht selbst zum Schlachtermesser greifen zu müsse, folgt er einem Angebot aus Polen, welches das Schlachten der Schafe beinhaltet. Mohsen macht sich also auf den Weg Richtung Polen und ahnt dabei nicht, dass diese Reise sein gesamtes Leben völlig auf den Kopf stellen wird. Er landet in einem verschrobenen Dorf in Ost-Deutschland, wird - nach anfänglichem Misstrauen - für einen persischen Textilhändler gehalten, der die ansässige Fabrik retten soll und verliebt sich Hals über Kopf in die Vegetarierin Ana. Um diese Liebe nicht zu gefährden, verstrickt er sich in ein immer größer werdendes Netz aus Lügen. Als schließlich auch noch seine Eltern auf der Suche nach ihm in dem Provinznetz landen, geht der Stress für ihn erst richtig los...


Salami Aleikum ist ein modernes Märchen, das mit sehr viel Humor die unterschiedlichsten Vorurteile thematisiert und eine wunderbare Liebesgeschichte erzählt. Nie zu ernst, niemals oberflächlich und ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit sehr viel Verständnis und Einfühlungsvermögen für die agierenden Figuren und ihre Umstände. Ein besonderer Film, der lachend zum Nachdenken anregt und in einer sehr gelungenen Umsetzung alltägliche Probleme leichtfüßig und auf fantastische Weise thematisiert. Die glaubwürdigen und bis in die Nebenrollen perfekt besetzen Schauspieler, sowie die wunderbar aninmierten Zwischensequenzen tun ihr übriges und machen Salami Aleikum zu einem besonders sehenswerten Filmvergnügen.



R: Ali Samadi Ahadi
D: Navid Akhavan, Anna Böger, Michael Niavarani, Wolfgang Stumph
Deutschland, 2009,  97 min.
Zorro Film

DVD: Zack and Miri make a Porno

von Sascha Eggers, am 22.3.10


Zack (Seth Rogen) und Miri (Elizabeth Banks) sind seit Schulzeiten beste Freunde, und zwar nur beste Freunde. Zusammen leben sie in einer heruntergekommen Bruchbude in einem Vorort Pittsburghs. Beide haben schlecht bezahlte Jobs, Miri arbeitet im Einkaufszentrum und Zack in einem Café, so dass sie ständig mit ihren Rechnungen im Verzug stehen. Kurz vor einem Klassentreffen an ihrer ehemaligen High School wird ihnen deshalb das Wasser abgestellt und kurze Zeit später auch der Strom.

Allerdings haben sie auf dem Klassentreffen einen Mitschüler wieder getroffen, der mittlerweile in Los Angeles lebt und es dort zu einigem Erfolg mit Schwulenpornos gebracht hat. Davon inspiriert beschließen die beiden, selber einen Porno zu drehen, um damit Geld zu verdienen. Bei der Finanzierung hilft ihnen der unglücklich verheiratete Arbeitskollege Zacks (Craig Robinson), und auch Nebendarsteller sind schnell gefunden. Doch trotzdem gibt es einige Probleme mit dem Dreh und vor allem stellt sich die Frage, wie es für Zack und Miri, nach jahrelanger Freundschaft, wird, das erste Mal miteinander zu schlafen, und das auch noch vor laufender Kamera.
Zack and Miri make a Porno ist der erste Film von Kevin Smith, der nicht in New Jersey spielt. Trotzdem ist man vieles aus seinen anderen Filmen gewohnt: die Charaktere sind sympathische Verlierer mit schlecht bezahlten und wenig geachteten Jobs, ihre Sprache strotzt nur so vor Schimpfwörtern und Fäkalausdrücken und am Ende zählen nur die Freundschaften, die wichtiger als alles andere sind. Jedoch ist die Romantik in diesem Film präsenter als bei Smith je zuvor. In Chasing Amy oder Clerks II kam sie zwar auch als sehr wichtiges Handlungselement vor, stellt in Zack and Miri jedoch das absolut zentrale Thema dar. Um die Pornoindustrie geht es eigentlich gar nicht, die Rahmenhandlung wird lediglich für einige Sexwitzchen und unterhaltsame Einblicke in die Probleme von Amateur-Film-Produktionen genutzt.
Smith vernachlässigt allerdings seine berüchtigten Dialoge etwas und so wirkt die Balance zwischen romantischen und komischen Szenen leider unausgewogen. Dank der gut aufgelegten Darsteller (deren Spaß man auch in den lustigen alternativen Dialogen, welche auf DVD enthalten sind, merkt) und einiger wirklich zum Brüllen komischer Szenen, bleibt am Ende jedoch eine ganz nette romantische Komödie, die dem Genre aber keine wirklichen Neuerungen beschert.





Zack and Miri make a Porno
R: Kevin Smith
D: Seth Rogen, Elizabeth Banks
USA, 2008 (2010), 97 min
Universum Film

Diagonale 2010, Graz - die Preise

von Ciprian David, am 21.3.10



DAS FESTIVAL:

Die Diagonale ist die zentrale Plattform für die Präsentation und Diskussion heimischer Filmproduktionen.Seit 1998 gastiert die Diagonale alljährlich im Frühling in Graz, wo sich das Festival des österreichischen Films im Laufe seiner Geschichte als beliebter Treffpunkt für Publikum und Filmbranche etabliert hat. Das Herz der Diagonale schlägt dabei für die FilmemacherInnen und deren Arbeiten. Mit seiner akzentuierten Programmauswahl bietet das Festival die einzigartige Möglichkeit, das österreichische Filmschaffen in seiner ganzen Vielfalt kennen zu lernen, aktuelle künstlerische Tendenzen aufzuspüren und so manche filmische (Wieder-)Entdeckung zu machen. Entsprechend einer verstärkt internationalen Ausrichtung des Festivals wird die Programmreihe Spektrum auch 2010 ihr Augenmerk wieder auf europäische Koproduktionen mit österreichischer Beteiligung richten. Zusätzliche Serviceangebote, wie eine möglichst durchgängige englische Untertitelung, richten sich an die internationale Branche und Presse sowie an das Publikum aus unseren nicht deutschsprachigen Nachbarländern. 

DIE PREISE:


Bester österreichischer Spielfilm 2009/2010 € 15.000 gestiftet vom Land Steiermark/Kultur
Tizza Covi und Rainer Frimmel für La Pivellina

Bester österreichischer Dokumentarfilm 2009/2010
Brigitte Weich und Karin Macher für Hana, dul, sed ...


Lobende Erwähnungen:
Sudabeh Mortezai für Im Bazar der Geschlechter
Klub Zwei: Simone Bader und Jo Schmeiser für Liebe Geschichte

Bester innovativer Experimental-, Animations- oder Kurzfilm 2009/2010
Sabine Marte für B-star, untötbar! reloaded

Bester Dokumentar- oder Kurzfilm 2009/2010
Juliane Großheim für Die Kinder vom Friedrichshof

Bester Nachwuchsfilm des Jahres 2009/2010
Hüseyin Tabak für Kick Off


Lobende Erwähnungen:
Marvin Kren für Rammbock
Catalina Molina für Talleres Clandestinos


Beste künstlerische Montage Spielfilm 2009/2010
Gerhard Fillei und Joachim Krenn für South

Lobende Erwähnung:
Silke Olthoff für Rammbock


Beste künstlerische Montage Dokumentarfilm 2009/2010
Michael Palm für Jobcenter

Beste Bildgestaltung Spielfilm 2009/2010
Christian Berger für Das weiße Band

Beste Bildgestaltung Dokumentarfilm 2009/2010
Peter Schreiner für Totó

Beliebtester Film der Diagonale 2010
Hüseyin Tabak für Kick Off

Innovative Produktionsleistung im Bereich Kinodokumentarfilm 2009
Neue Sentimentalfilm für Plastic Planet

Innovative Produktionsleistung – Anerkennung durch das Kinopublikum im Bereich Kinofilm 2009
DOR FILM für Der Knochenmann und Wüstenblume

Innovative Produktionsleistung im Bereich Internationaler Spielfilm
wega Film fürDas weiße Band



Großer Diagonale-Schauspielpreis 2010

Klaus Maria Brandauer

Diagonale-Schauspielpreis 2010
Franziska Weisz in Der Räuber von Benjamin Heisenberg
Andreas Lust in Der Räuber von Benjamin Heisenberg

Carl Mayer-Drehbuchpreise 2010
Wolfgang Rupert für das Treatment Großmattglocknerhorn (Kinofilm)
Förderpreis
Henning Backhaus (Wien) für das Treatment Kinderszenen (Kinofilm)

Thomas-Pluch-Drehbuchpreise 2010
Jessica Hausner für Lourdes (Regie, Drehbuch)
1. Förderpreis
Thomas Woschitz für UNIVERSALOVE (Buch und Regie)
Förderpreis (ex aequo)
Jasmina Eleta für Fern & Nah (Buch und Regie)
Anna Schwingenschuh für Der Herzerlfresser (Buch und Regie)
 

#9

von Elisabeth Maurer, am 21.3.10



Shane Ackers Debütfilm, der auf seinem gleichnamigen, für den Oscar nominierten Kurzfilm aus dem Jahr 2005 basiert, hebt sich zunächst durch zwei Eigenschaften von anderen Filmen ab. Erstens handelt es sich um einen Animationsfilm, der nicht aus dem Hause Pixar stammt und auch sonst wenig mit albernen Kinderfilmen dieser Art gemein hat. Somit gehört er eher in eine Kategorie mit Coraline oder Tim Burtons Corpse Bride, letzterer ist übrigens auch einer der Produzenten.

Das zweite Merkmal ist der Titel. Einen Film mit einer Zahl zu betiteln ist gewagt, einerseits stiftet es Verwirrung in Kinoprogrammen, auf der anderen Seite ist eine einfache Nummer sehr rational, sehr kurz, alltäglich, aber für eine Geschichte so ungewöhnlich, weil vermeintlich wenig erzählerische Kraft in einer Zahl steckt. So hat sich zum Beispiel auch Rob Marshall für seine Musicalversion von 8 ½ gegen die naheliegende 9, sondern für ihre ausgeschriebene Variante entschieden. Vielleicht ja, weil er Fellinis Film in eine leichtere, klarere Erzählung verwandelte.

Also warum eine Zahl und warum genau die? Die 9 ist in vielen Mythologien und Religionen die Zahl der Vollständigkeit, der Vollkommenheit. Sie enthält dreimal die in vielen Kulturen heilige Zahl 3. Auch gibt es ja in unserem Zahlensystem nur die Ziffern 1 bis 9 plus die 0, die aber einen besonderen Status inne hat, da sie ja das Nichts benennt. So bestehen in vielen Mythen und Geschichten Gruppen, die als vollzählig angesehen werden, aus neun Personen, zum Beispiel die neun Musen aus der griechischen Mythologie. Für unseren Zusammenhang mögen zwei Bemerkungen interessant sein. Einerseits gibt es seit dem 14. Jahrhundert schriftliche und bildliche Darstellungen der neun guten Helden. Diese sind eine Zusammenkunft der idealen Ritter, drei aus der Antike, drei aus dem Alten Testament und nochmal drei aus dem Christentum. Natürlich lassen sich auch in Filmen vielfach diese Helden wiederfinden, Beispiele sind die neun Gefährten aus Der Herr der Ringe und auch die Inglourious Basterds haben neun Mitglieder. Zum anderen wird in der esoterisch beeinflußten Persönlichkeitstypisierung ein Symbol namens Enneagramm in Form eines Neunsterns verwendet, das die Menschen in neun verschiedene Typen aufteilt, jeder mit bestimmten Charaktereigenschaften belegt. Die 9 steht also mythologisch für eine vollständige Gruppe mit unterschiedlichen Elementen.


In Shane Ackers Film nun geht es um neun kleine Wesen, von einem Wissenschaftler mit Stoff und Innereien aus mechanischen Bauteilen erschaffen. Ihren Lebensfunken aber, der jeweils ihre Persönlichkeit bestimmt, das erfahren sie gegen Ende des Films, verdanken sie einem Übertragungsverfahren, mit dem der Wissenschaftler auf sie die neun Teile seiner Seele verteilte bevor er starb. Die Vorüberlegungen legen also die Interpretation nahe, daß die Seele des Wissenschaftlers in genau neun verschiedene Teile zerlegbar war und jeder Stoffroboter ist nun eine Facette dieser Seele. Dies zeigt sich auch daran, daß sich alle durch unterschiedliche Persönlichkeiten auszeichnen. Hauptcharakter ist die am Anfang des Films aufwachende Puppe mit der Nummer 9 auf dem Rücken. Man kann das Enneagramm als Vergleich heranziehen, auch wenn es nicht als absolut verläßliches und richtiges Typisierungsverfahren gelten sollte. Im Fall von 9 erweist es sich als recht zutreffend, so ist er der „Friedensstifter“, der die Geschichte ins Rollen bringt und sie am Ende löst. Die Vollständigkeit dieser Gruppe hat nämlich auch eine sehr traurige Komponente, denn dadurch, daß sie die Seele ihres Schöpfers tragen, sind das letzte Stück Menschlichkeit in der Welt. 9 spielt nämlich in einer Zukunft, wie sie oft in Science Fiction Filmen zu sehen ist. Auch hier gab es wie so oft den Kampf der Menschen gegen die von ihnen erschaffenen Maschinen. Doch in dieser Geschichte haben die Maschinen endgültig gesiegt, es lebt kein einziger Mensch mehr. Auch ihre Gebäude, ihre Kulturgüter, die Zeichen ihrer Existenz und von Leben überhaupt, alles liegt in Trümmern und wird für immer vergessen sein. Dies scheint nun die Erklärung für die Frage nach dem Grund für den rationalen, zuerst keine Assoziation zu einer Geschichte bietenden Titel in Ziffernform zu geben.

Übrig von den Menschen blieben nur die Geschöpfe des Wissenschaftlers. Er, der dann auch die Helden baute, konstruierte zuerst eine perfekte Maschine. Allerdings übertrug er diesem Roboter nur seinen Verstand, weshalb dieser sich in ein unbarmherziges Monster verwandeln konnte. Diese Supermaschine ist sozusagen die 0, die pure Abwesenheit von Seele, wie der Kreis der 0 absolut und geschlossen, vollkommen in seiner Bösartigkeit. Ziel dieses Ungetüms ist es anscheinend auch den letzten Hauch menschlichen Lebens zu vernichten, also alle Seelenteile der Stoffpuppen zu absorbieren. Es ist das Besondere an der Geschichte, daß er diesem übermächtigen, riesigen, beinahe unzerstörbaren Maschinenungeheur diese winzigen Stoffpuppen gegenüber stellt. Die Textur der Stoffe, aus denen sie genäht wurden, wirkt fast durchlässig, die Nähte ihrer Körper sind immer sichtbar, ihre Körper sind rund und weich. Was für ein Gewicht, was für eine Macht können diese Püppchen in den Kampf gegen das Monster einbringen? Und dann kommt es auch noch zu Konflikten in der Gruppe aufgrund ihrer verschiedenen Persönlichkeiten. Doch eben das, ihre Charaktere, die auf einer unsterblichen Seele, und somit, entgegen dem reinen Trieb der Maschine, auf wahrhaftigem Leben basieren, lassen sie am Ende siegen, wenn auch nicht alle Seelenteile auf der Erde bleiben dürfen. Am Schluß ist somit ein Teil Menschlichkeit gerettet. Allerdings darf traurig die Frage gestellt werden, was vier kleine Stoffroboter in der großen, völlig zerstörten Welt tun sollen. Sie können kein neues Leben schaffen, denn sie haben ja keine biologischen Körper und ihre Seelenstücke sind wohl unteilbar. Wie bewahren sie also das Leben und wozu überhaupt? Die wehmütige Antwort muß wohl sein, daß es reichen muß, daß wenigstens ein kleinster Teil des Lebens überlebt hat.


Der Animation des Films gelingt es sehr gut, die Niedlichkeit und Verletzbarkeit der Stoffkörper gegenüber der harten, zerstörerischen Maschinen- und Ruinenwelt darzustellen. Auch verleiht die Färbung der Bilder und die gezeigten Reste des irdischen Lebens dem Film eine sehr nostalgische und sehnsüchtige Stimmung, die auch ihre Helden teilen. Die konkurrierenden Mächte werden zudem durch die Gebäuderuinen charakterisiert. Das Lager der Helden befindet sich zunächst in einer alten Kirche, später siedeln sie in eine Art Bibliothek oder Museum um. Wird die Kirche noch als ein Ort des Ausharrens und des tatenlosen Abwartens der Seelenträger charakterisiert, das der Anführer 1 fordert, so steht ihre zweite Heimat für die Ansammlung und das Erbe des Lebens, das sie in sich tragen. Durch das kriegszerstörte Ödland gelangen sie von dort zu der Fabrik, in der das Maschinenmonster haust. Diese wirkt von ihrer Bauart selbst beinahe wie eine Kathedrale, jedoch eine, die dem Bösen geweiht ist. Hiermit unterstreichen die Bilder den Kampf der unterschiedlichen Weltvorstellungen, den Widerstreit zwischen Leben und Untergang.

Obwohl der Film einer Handlung mit klassischer Dramaturgie und vielen Actionelementen folgt, zeigt sich doch, daß seine Geschichte auch tiefergehende Gedanken beinhaltet. Daher ist er ein interessanter Beitrag zum Science Fiction Genre und der Beschäftigung mit der Rolle von mechanischen Figuren. Außerdem hebt er sich durch seine ernsthafte Behandlung des Themas von der Masse der Animationsfilme ab und zeigt, was in diesem Bereich in der Zukunft noch alles zu erwarten sein wird.

#9 / 9
R: Shane Acker
S (OV): Elijah Wood, Christopher Plummer, Martin Landau, John C. Reilly
USA 2009, 79 Min.
Universal

 

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