Man hat es schon gut als Cineast. Das Programmkino zeigt ständig interessante und seltene Filme, kleine aber feine Festivals in der Umgebung sorgen für die notwendige Erweiterung des Horizonts, Indie-Labels pressen die geliebten Geheimtipps auf DVD und Blu-ray. Ein wunderschöner, in sich abgeschlossener Mikrokosmos. Aber nicht wirklich repräsentativ. Wenn man wissen will, wie es um den Film und seine Rezipienten steht, dann geht man ins Kino, d.h. ins Multiplexkino.
Diese Großkinos gibt es seit 1979, vier Jahre nach Erscheinen von Spielbergs Der weiße Hai, zwei Jahre nach George Lucas’ Krieg der Sterne. Diese zwei Filme haben die Kinolandschaft für immer verändert, sie waren die ersten so genannten Blockbuster. Gleichzeitig haben sie den Weg für weitere Blockbuster geebnet, teure Massenproduktionen, die, ausgestattet mit meist enormen Werbebudgets, ihren Weg in die Multiplexkinos finden.
Das Multiplex findet man mittlerweile fast überall auf der ganzen Welt, und es offeriert überall dasselbe Produkt. Es ist ein Walmart für Kinoerzeugnisse. Als neulich im Fernsehen Bilder über die Unruhen in Thailand zu sehen waren, ist mir eine Szene besonders in Erinnerung geblieben: eine zerstörte Einkaufspassage, voller Schutt und Geröll, und Soldaten. Daneben steht, unversehrt, eine Plakatwand. Sie zeigt das Kinoplakat für Der Kautionscop mit Gerald Butler und Jennifer Aniston. Es steckt eine Menge Wahrheit in dieser Szene.
Dass durch die Globalisierung, und anderweitige wirtschaftliche Interessen die Welt immer näher zusammenrückt, ist weder eine Überraschung, noch kann man irgendwen dafür verantwortlich machen. Die Welt ist nun mal ein Dorf, und jeder in diesem Dorf kennt Elvis, die Beatles, Micky Maus, und mittlerweile sogar Shahrukh Khan. Genauso kennt heutzutage jeder Filme wie Transformers, Fluch der Karibik, Sex and the City, Twilight. Sie sind Mainstream. Fragt sich nur, wer sie dazu gemacht hat. Repräsentiert der kulturelle Mainstream wirklich das, was die Mehrheit interessiert, was die Mehrheit sehen will?
Das ist die zentrale Frage: Bestimmt die Mehrheit wirklich den Massengeschmack? Klingt fast wie eine rhetorische Frage, aber nur fast.
Blicken wir einmal nach Amerika, ins Jahr 2007: in einem Land, das einen mehr als umstrittenen Krieg führt, kommt Transformers heraus, der Film zum Spielzeug. Der Film, den Steven Spielberg übrigens mitproduzierte, wurde u.a. unterstützt von Hasbro (dem amerikanischen Spielzeughersteller, der an der Herstellung der kriegerischen Roboter beteiligt war), General Motors, und dem US Militär. Dass sich diese dubiosen Beteiligungen ideologisch auf den Film ausgewirkt haben, ist keine sehr kühne Hypothese.
So hat Regisseur Michael Bay dem Militär ein Mitspracherecht an der Endfassung eingeräumt, zudem wurde der Film vom Militär ganz offiziell als „’Rekrutierungswerkzeug’“ (1) gebraucht, was man dem fertigen Produkt ganz klar ansieht.
Die verdammten Roboter sind dir damals überall begegnet, im Kino, im Fernsehen, im Radio, beim Fast Food Essen, im Elektronikfachmarkt, im Buchladen. Nicht, weil die Welt voller Spannung auf den neuen Michael Bay-Film gewartet hat. Nicht, weil ein Film über Spielzeug so ein revolutionäres Konzept ist. Und auch nicht weil Megan Fox eine so unglaublich versierte, und talentierte Schauspielerin ist. Sondern weil Transformers über ein enormes Werbebudget verfügte. Bays Film hatte die finanziellen Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen. Er hatte die finanziellen Möglichkeiten, zum Mainstream zu werden. Er hat sich praktisch eingekauft in den Mainstream, so wie ein Oligarch in die Politik.
Und wie steht es mit dem Publikum? Hatte das Publikum letztendlich keine andere Wahl als den Film zu sehen, allein schon weil es dieser gigantischen Werbelawine ausgesetzt war? So einfach ist es leider nicht. Jeder Zuschauer hat die Macht der Entscheidung. Und die meisten Zuschauer haben sich wohl bewusst für Transformers entschieden. Die Begründung ist immer die gleiche, sie läuft hinaus auf: Unterhaltung.
Ein Wort, vor dem viele Kritiker und Feuilletonbewohner zurückschrecken. Unterhaltung… das ist doch dieses bösartig verdummende Ding ohne jeglichen erzieherischen Vorsatz, ohne höheren Anspruch. Künstlerische Stagnation! Kultureller Massenmord!
Die Unterhaltung wurde schon immer dazu missbraucht, Anspruchsvolles von Anspruchslosem zu trennen. Doch dieses Argument ist mehr als fadenscheinig.
Der Wunsch nach Unterhaltung ist keine Entschuldigung für filmische Verbrechen. Doch Transformers ist in dem Bewusstsein der Menschen nichts als ein Unterhaltungsfilm, ein Actionfilm, ein Film für Kinder ab 12 Jahre, ein Blockbuster.
Transformers ist innerhalb der „normalen“ Filmindustrie entstanden, er ist denselben Weg gegangen wie viele Filme vor ihm. Es ist nichts Ungewöhnliches an seinem Entstehungsprozess, weil er nicht neu ist. So wird Transformers „einfach“ nur als Film wahrgenommen, der Blockbuster des Jahres 2007.
Was an ideologischem Potential in Transformers steckt, interessiert also kein Schwein. Vielleicht ist das auch gar nicht schlecht. Vielleicht hat die Rekrutierungsstrategie des US Militärs also versagt? Vielleicht aber wirken die indirekten Anspielungen auch viel stärker und nachhaltiger als die Holzhammermethoden eines offensichtlichen Werbefilms wie Top Gun?
Doch nicht nur die Ideologie eines Films wie Transformers ist problematisch: das extrem hohe Budget dieses und ähnlicher Filme vermittelt dem Publikum den Eindruck des Normalen. Blockbuster sagen nämlich ständig, dass es die normalste Sache der Welt ist, ungeheuere Summen zu verschleudern, um den Kinogängern ein prickelndes Jahrmarktgefühl zu vermitteln.
Immer höhere Summen erwecken den Eindruck des Normalen. 1990 war Terminator 2 mit einem Budget von über 100 Mio. $ der teuerste Film aller Zeiten. Der innovative Geschäftsmann James Cameron hat diesen Rekord mit Avatar selbstverständlich getoppt (das ungefähre Budget (zusammen mit dem Werbebudget) nähert sich der halben Milliarde (2)).
Auch wenn sich ein Film wie Avatar unter dem Deckmantel der technischen Innovation versteckt, kann man das Budget dieses Films nur als dekadent bezeichnen.
Sollte das nicht für Empörung sorgen? Das Werbebudget von 150 Mio. $ sorgt jedenfalls dafür, dass diese Zahl als Rekordbruch aufgefasst wird, als Meilenstein, als sportliche Angelegenheit. Als Ereignis.
Nun mag man jetzt behaupten, dass all diese Filme ihre Kosten auch wieder einspielen, und dazu noch Gewinn machen. Ist das nicht eine Rechtfertigung für das enorme Budget? Nicht wirklich, wenn man bedenkt, dass bereits vor dem Filmstart hohe Summen durch Product-Placement, Merchandise Deals, etc. verdient werden.
Aber die Leute wollen es ja doch sehen, wird man jetzt sagen. Oder nicht? Bedienen die Erben von Lucas und Spielberg nicht die Wünsche der Zuschauer? Das bezweifle ich. Wenn das öffentliche Bewusstsein dermaßen mit Werbekampagnen voll gepumpt wird, inwiefern kann man da noch vom Massengeschmack reden? Der Begriff ist von vornherein irreführend, denn der Massengeschmack umfasst eben nicht nur den Geschmack der so genannten Masse (also der Mehrheit). Der Massengeschmack wird erst zu einem solchen, nachdem das Kinoerzeugnis alle notwendigen Stationen durchlaufen hat, und im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist.
Das ist das Geheimnis der Blockbusterstrategie. Sie kreiert den Massengeschmack. Ist ja auch logisch. Frei nach Kleist: Woher soll ich wissen, was mir gefällt, bevor es mir jemand sagt?
Diese künstlich geschaffene Kulturdominanz domestiziert den Zuschauer vom Kindesalter an. Oder, um es mal mit einem Blockbuster zu erklären: Wir leben alle in der Matrix!
(1) http://orf.at/070801-15051/?href=http%3A%2F%2Forf.at%2F070801-15051%2F15052txt_story.html
(2) http://www.nytimes.com/2009/11/09/business/media/09avatar.html?_r=1








































