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FFF 2010: The Human Centipede

von Simon Frauendorfer, am 31.8.10


Wenn man sich die erfolgreichen Horrorfilme der letzten Dekade vor Augen hält, bemerkt man eine pausenlose Beschäftigung mit dem Motiv der Folter. Vor allem im Rahmen von Mainstream-Absonderungen wie Hostel und Saw bildet das langsame Malträtieren menschlicher Körper den Grundbaustein für die Erzeugung von Angst und Schrecken. The Human Centipede von Tom Six wählt hingegen den Weg des Körperhorrors, der unintendierten body-modification und knüpft dabei eher an Visionen von David Cronenberg oder Brian Yuzna an. Die einfache Schändung des Fleisches weicht dem Grauen einer völligen Entmenschlichung, das  tief in unserem Unterbewusstsein verankert ist. Die Angst, seine menschlichen Züge zu verlieren, sich in eine abartige Kreatur zu verwandeln und die damit einhergehende soziale Abschottung lassen uns zwar vor Ekel zusammenzucken, üben jedoch gleichzeitig eine nicht kaschierbare Faszinaton aus, als wären wir von der Neugierde getrieben, wie es sich wohl anfühlt, eines morgens als ungeheures Ungeziefer aus unruhigen Träumen zu erwachen.

Zwei junge US-Amerikanerinnen, die gerade durch Europa touren, klopfen nach einer ärgerlichen Autopanne in einem deutschen Wald an die Haustür des wahnsinnigen Chirurgen Doktor Heiter (Dieter Laser). Nachdem er Beide mithilfe von Substanzen im Wasserglas zu einem längeren Aufenthalt  „überreden“ konnte, offenbart er den harmlosen Touristinnen seinen perfiden Plan. Sie sind dazu auserwählt worden, ihren Körper für das Projekt des menschlichen Tausendfüßlers bereitzustellen. Heiter, ein Spezialist auf dem Gebiet der siamesichen Zwillinge, hält seine drei Opfer – neben den amerikanischen It-Girls noch ein Japaner – im Keller gefangen und bereitet die mehrstündige Operation vor, in der aus drei Subjekten ein einziges, groteskes Monstrum entstehen soll...

Trotz der klischeehaften Handlung und dem Rekurs auf die abgenutzte Figur des Mad Scientist erzeugt The Human Centipede eine morbide Grundstimmung, die vor allem der ruhigen Inszenierungsweise Six´ zu verdanken ist. In langen Einstellungen mit kalten, klinischen Farben lässt sich der Wahsinn des Chirurgen und das Leiden der Opfer äußerst detailliert nachvollziehen, was mitunter sehr zermürbend auf den labilen Zuschauer wirken kann. Vom Programmheft des FFF fälschlicherweise als „Trash-Perle“ – ein heutzutage recht inflationär verwendeter Begriff – etikettiert, wirkt der Film eher wie die visuelle Umsetzung eines schlechten Scherzes. Ungeachtet des makabren Humors, beruhend  vor allem auf der skurrilen Grundidee des menschlichen Tausendfüßlers, wird die Grenze zur Lächerlichkeit jedoch nie überschritten, so dass sich zu keinem Zeitpunkt eine sichere Distanz zwischen Zuschauer und Gezeigtem aufbaut, zu stark wirkt The Human Centipede auf menschliche Urängste. Den Spagat zwischen aufwühlenden Schreckensszenarien und humoristischen Einlagen vollzieht der Regisseur auf anschauliche Art und Weise, was der ohnehin brechreizerregenden Gesamtstimmung eine noch perversere Ausrichtung verleiht.    


The Human Centipede ist auf den ersten Blick beileibe kein innovativer Horrorfilm, vermag es aber trotzdem, einige Genreprämissen geschickt umzudeuten. Wie der Rezensent für The Village Voice treffend bemerkt, erhält die Idee des Final Girl eine absurde Neuinterpretation, da die junge Hauptprotagonistin sich nicht am Ende, sondern in der Mitte des menschlichen Tausenfüßlers einfinden muss, ein schlimmes Schicksal, wie sich herausstellen wird. Durch immer neue Wendungen und eine unleugbare morbide Anziehungskraft wird ein sadistischer, alptraumhafter Grundgedanke auf Spielfilmlänge ausgeweitet, was erstaunlicherweise gut gelingt. Die darstellerische Überzeugung, allen voran Dieter Laser in der Rolle des Dr. Heiter trägt unweigerlich zur gleichzeitig gebeutelten wie faszinierten Empfindung des Zuschauers bei, ein Gemütszustand, der sich bis zur letzten Minute durchzieht und durch das grausige Ende nochmals verstärkt wird.

Ganz harte Kost für ein vorgewarntes Publikum, das perfide Einfälle sinnentleerten Blutfontänen vorzieht. Ohne das nötige Verständnis für den rabenschwarzen Humor bewirkt The Human Centipede wohl nur uneingeschränkte Ablehnung. Auf den Festivals dieser Welt wurde er als  krankhafter Schocker vorgestellt – ein Ruf, dem er durchaus gerecht wird.




The Human Centipede (First Sequence)
R: Tom Six
D: Dieter Laser, Ashley C. Williams, Ashlynn Yennie, Akihiro Kitamura
Niederlande/GB 2009, 90 Min.

FFF 2010: Amer

von Sven Safarow, am 31.8.10

Der Giallo ist (oder besser gesagt: war) eine spezifisch italienische Variante des Kriminalfilms, mit besonderer Betonung auf Sex und Gewalt. Er ist in den 60er Jahren entstanden, wobei Regisseur Mario Bava mit seinem Film Blutige Seide dem Giallo sein prototypisches Antlitz verlieh. Blutige Seide war ein Gemälde aus grellen Farben, eleganten Kamerafahrten, schönen Frauen, breit ausgespielten Morden, und einer Kriminalgeschichte, die nur als bloßes, dramaturgisches Gerüst diente.
Der Giallo, der von Meistern des Fachs wie Dario Argento, Sergio Martino, und Umberto Lenzi weiterentwickelt wurde, folgte ganz dem Motto style over substance, war kommerziell ausgerichtet, und implizierte nicht selten Kritik an der (dekadent dargestellten) Bourgeoisie.

Die 60er und 70er waren die Blütezeit des Giallo, in den 80ern kam dann der langsame Abstieg. Heute ist der Giallo nur noch eine sporadische Erscheinung. Der Begriff wird manchmal benutzt, um italienische Thriller zu labeln oder sonst wie zu kategorisieren (s. Eyes of Crystal), doch diese Versuche sind nicht weiter ernst zu nehmen.
Der Einzige, der dem Genre bis heute treu geblieben ist, ist Argento, und der wird seit The Card Player regelmäßig unterschätzt und verkannt.

Auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest ist nun ein neuer, französischer Film aufgetaucht, der von allen Seiten als Giallo angekündigt wird. Doch ist er das auch? 


Der Film verfolgt drei Momente im Leben der Protagonistin Ana. Wir sehen sie als Kind, als Teenager, als Erwachsene, und jede Episode konfrontiert sie mit Peter Greenaways Lieblingsthemen Sex und Tod.
Eine Inhaltsangabe fällt in diesem Fall schwer, denn viel Inhalt gibt es nicht in Amer. Vielmehr folgt der Film seiner Protagonistin auf unterschiedlichen Stationen ihres Lebens und bettet diese in verschiedene Giallo-Standardsituationen ein: wir sehen ein Kind, das durch ein Schlüsselloch schaut und schreckliche Geheimnisse erforscht. Wir sehen eine Frau, die in das Haus ihrer Kindheit zurückkehrt, und auf den Tod wartet. Wir sehen, und hören vor allem quietschendes Leder, Reißverschlüsse, Rasierklingen, raschelndes Grün, reißenden Stoff, knarrende, polternde Türen, laute Schritte, und einen geborgten Soundtrack von Meistern wie Morricone, Bruno Nicolai, Stelvio Cipriani.
Amer hat fast alle Zutaten eines Giallo- bis auf die Geschichte. Sie ist vielleicht nicht das allerwichtigste Element eines Giallo, aber ein durchaus entscheidendes. Ohne Geschichte, ohne Plot wird der aufregende, doch enervierende Bilderreigen durch nichts zusammengehalten, und zerfällt in seine Bestandteile.

Der Giallo wird auf seine Gimmicks reduziert, auf Details, auf Fetischobjekte, die für sich allein keinen Sinn ergeben. Amer ist Sinnesorgasmus, pure Reizüberflutung, gleichzeitig trivialisiert er den Giallo zum rein sexualisierten Genre. Das Messer wird wieder zum Phallus- das ist weder neu noch aufregend, das ist Freud in der reader’s digest-Version.
Was bleibt, sind die wunderschönen Bilder, die jedoch einen zutiefst ideenlosen Inhalt haben, und letztendlich vergessenswert sind.
Die Regisseure Hélène Cattet und Bruno Forzani haben vielleicht keinen Giallo gedreht, sondern eine Liebeserklärung daran. Trotzdem haben sie dem Genre genau das angetan, was Tarantino und Rodriguez aus dem Grindhouse-Kino gemacht haben: sie haben es verfälscht. 

Amer
R: Hélène Cattet, Bruno Forzani
D: Marie Bos, Delphine Brual, Harry Cleven, Bianca Maria D'Amato
Belgien, Frankreich 2009, 90 Min.
Koch Media

FFF 2010: The Disappearance of Alice Creed

von Dennis Vetter, am 31.8.10

Alice, who the fuck is Alice?!

Nicht nur Smokie stellen sich in ihrem Song diese Frage, sondern auch der Zuschauer, der sich in die Fänge von The Disappearance of Alice Creed begibt. Und sie ist nur eine von vielen. Denn nicht nur die Persönlichkeit der ansehnlichen Protagonistin (Gemma Arterton) ist hier ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Auch die beiden Halunken, welche Alice Creed entführen, um von ihrem reichen Vater Lösegeld zu erpressen, erwecken immer wieder Zweifel an ihrer Rolle für den Verlauf des Films.


Doch zunächst zum Grundszenario: Der etwas unsicher wirkende Danny (Martin Compston) und der perfektionistische, grobe Vic (überragend: Eddie Marsan) haben kein Detail übersehen. Mit makelloser Vorbereitung wappnen sie sich für die lange geplante Entführung von Alice. Schnell soll alles gehen. Eine reibungslose Geiselnahme ohne Spuren, ohne Patzer, ohne Zeugen. Der Beginn des Films zeigt einen bis ins kleinste Detail durchorganisierten Marathon von Vorbereitungen. Vorbereitungen, die schnell und gezielt ablaufen, Erwartungen an ein Folterszenario hervorrufen, aber irgendwie auch an einen sorgsam geplanten Streich erinnern. Und dann ist es endlich so weit. Zuschlagen, überwachen, inszenieren, durchhalten, konzentrieren, vereinbaren – alles wäre perfekt, wenn da nicht Menschen beteiligt wären. in diesem Fall zwei drollige Kriminelle, die eigentlich ganz und gar nicht bedrohlich wirken und die immer wieder ihre Unsicherheit an den Tag legen. Und natürlich Alice, deren erotische Ausstrahlung nun wirklich nicht zu verachten ist und die so ein Kidnapping schon mal ein wenig durcheinanderbringen kann – Männer sind schließlich auch nur Menschen.


The Disappearance of Alice Creed kann zweifellos als einer der Highlights des diesjährigen Fantasy Filmfests betrachtet werden. Wer in J Blakesons hervorragend inszeniertem Debüt letztlich welche Rolle einnimmt, wer hier Opfer und Täter ist und was hinter den Masken der Charaktere für Pläne lauern, dies alles verschwimmt bis hin zum unerwarteten Ende mehrfach inneinander und wechselt immer wieder unerwartet – ein schräger, humorvoller oder düsterer Plot-Twist jagt den nächsten. Zu keiner Sekunde lassen die urkomischen und latent doch teils sehr bösartigen Figuren Langeweile aufkommen. Running Gags, Schocks und falsche Fährten sorgen für ein ungemein kurzweiliges Kinoerlebnis, bei dem erstaunlicherweise nie klar ist, wann aus Spaß bitterer Ernst wird, in dem dabei aber beide Aspekte gelungen durchgespielt werden. Trotz alledem wirkt das Geschehen nie unplausibel. Letztlich entfaltet sich zwischen den drei charismatischen Darstellern ein intensives Kammerspiel um sexuelle und persönliche Macht, Identiät, Liebe, Vertrauen und Verrat, das fesselnder kaum sein könnte.

Alle, die den Film verpassen, dürfen hoffen: Der Film hat einen deutschen Rechteinhaber gefunden, somit ist ein DVD- oder Kinorelease angesichts seiner Qualität wahrscheinlich.


The Disappearance Of Alice Creed
R: J Blakeson
D: Gemma Arterton, Martin Compston, Eddie Marsan
USA 2009, 96 Min.
Copyright: Ascott Elite Home Entertainment

TV-Tipp: Die Liebe in Zeiten der Cholera

von Elisabeth Maurer, am 31.8.10


Die Liebesgeschichte aus der Feder des Literaturnobelpreisträgers Gabriel Garcia Márquez wurde von Drehbuchautor Ronald Harwood für die Leinwandversion adaptiert. Harwood gewann 2003 den Oscar für den von Roman Polanski inszenierten Der Pianist. Auch war er verantwortlich für die Drehbücher von Schmetterling und Taucherglocke und Australia. Er ist also durchaus als Experte für großes Gefühlskino zu bezeichnen. Die Inszenierung seines Buches wurde dann von dem britischen Regisseur Mike Newell übernommen. Dieser verzeichnete dieses Jahr einen großen Erfolg im Kino mit der sehr unterhaltsamen Videospielverfilmung Prince of Persia. Zu seinen bekanntesten Werken gehören zudem die sehr erfolgreiche Komödie Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Mona Lisas Lächeln und der vierte Teil der Harry-Potter-Reihe. So versteht sich der Regisseur also durchaus auf das Ausdrücken von Emotionen, wenn bei seinen Filmen auch oft Tempo, Witz und Action eine große Rolle spielen.

Die Entscheidung für diese beiden Verantwortlichen der Literaturverfilmung ist natürlich als Vorausdeutung auf den Ton zu verstehen, den der Film anschlagen wird. Bei der Vorlage, in der ja das Verstreichen der vielen Jahre ein Zentralthema ist, und auch die Veränderungen im Land und der Natur durch den Wandel der Welt behandelt werden, hätte sich sicher auch eine andere Art der Adaption angeboten. Doch hier liegt das Augenmerk sicher auf der Liebesgeschichte und auch auf den sicherlich vielen humorvollen Episoden von Marquez Werk.


In sehr jungen Jahren lernen sich die reiche Tochter Fermina Daza (Giovanna Mezzogiorno) und der Telegraphenbote Florentino Ariza kennen. Vom ersten Augenblick an sind sie einander verfallen, schreiben sich daraufhin Briefe und wollen bald heiraten. Doch Ferminas Vater ist dagegen und schickt daher seine Tochter für mehrere Jahre auf's Land. Als sie zurückkehrt, trifft sie wieder auf Florentino (nun dargestellt von Javier Bardem), der die gesamte Zeit über an ihrer Liebe festgehalten hat. Fermina allerdings stellt nun fest, daß Florentino nicht mehr für sie in Frage kommt. Kurz darauf heiratet sie den Arzt Juvenal. Nun ziehen viele Jahre ins Land, in denen Fermina versucht, eine Dame der Gesellschaft und eine gute Ehefrau zu sein. Florentino hört nie auf sie zu lieben, erst nach vielen Jahren wendet er sich anderen Frauen zu. Doch nie spürt er wirkliche Liebe zu seinen Gefährtinnen und sucht auch gar nicht danach, vielmehr beschäftigt er sich mit dem körperlichen Aspekt und den dazugehörigen Liebesspielen, so daß er es auf unglaubliche 622 Geliebte schafft, die er akribisch in einem Buch festhält. Beruflich wird er immer erfolgreicher und schließlich sogar Besitzer der karibischen Schifffahrtslinie seines Onkels. Daher kann er Fermina nach dessen Tod als statthafter Mann entgegentreten und ihr seine nun schon über ein halbes Jahrhundert anhaltende Liebe erklären.

Die Landschaft Kolumbiens und das Szenario in den Jahrzehnten um 1900 mitsamt den schönen Kostümen werden in sehr beeindruckende Aufnahmen gefaßt. Auch die kurzen Episoden um Florentinos Liebschaften sind amüsant und kurzweilig inszeniert. Doch leider vermag es der Film nicht richtig, die Tiefe der Liebesgeschichte und ihre Bedeutung für die zwei Hauptfiguren zu transportieren. Ein Hauptproblem scheint das relativ schnelle Tempo zu sein, durch das die beiden Liebenden im Prinzip so gut wie keine Zeit miteinander verbringen. So wirkt Florentinos Liebe zu Fermina fast eher wie eine Besessenheit. Überhaupt erinnert Javier Bardem in seiner Darstellung des Liebhabers leider oft fast an die Figur des Killers, die er in No Country For Old Men spielte, obschon er in anderen Filmen, zum Beispiel Vicky Christina Barcelona, bewiesen hat, daß er auch in der Rolle eines Verführers glänzen kann. Insgesamt fehlt es wohl einfach an Glaubhaftigkeit der Figuren und ihrer Geschichte, was dann leider auch an einigen Stellen zu unfreiwilliger Komik führt.


Dennoch, wer sich an Marquez Werk erinnern will, und vor allem schöne Bilder und einige stimmungsvolle Momente erleben will, sollte sich Die Liebe in Zeiten der Cholera am Donnerstag im ARD Sommerkino ansehen, das mit diesem Film seinen Abschluß findet.

FFF 2010: Frozen

von Dennis Vetter, am 31.8.10



Was wäre wenn? Eine Frage, die in den Möglichkeiten des Kinos von Grund auf angelegt ist. Was wäre in etwa, wenn man zum Mond reisen könnte? Das fragte sich Georges Meliès schon 1902 in Le Voyage Dans La Lune. Was wäre, wenn zwei Touristen im Meer vergessen würden und halb verhungert auf ihre ungewisse Rettung hoffen müssten? Im aktuellen Genrekino, wo alles zeigbar und darstellbar scheint, hat mit dem Erfolg von minimalistischen Filmen wie The Blair Witch Project oder Open Water ein Trend zur Rückbesinnung auf realitätsnahe Horrorszenarien eingesetzt. Die Andeutung des Schlimmstmöglichen im Banalen ist eine Vorgehensweise, die sich angenehm von gängigen Härteproben voller Blut und Gedärmen abhebt.

Frozen ist einer der aktuellsten Vertreter dieser Stilrichtung und adaptiert in erster Linie das bestehende Prinzip seiner Vorgänger. Drei Winterurlauber werden auf einem Skilift vergessen und müssen eine Woche lang ausharren, bis die Ferienanlage wieder eröffnet wird. Als ihnen dies nach anfänglichen Zweifeln und unermüdlichen Scherzen bewusst wird, schlägt das selbstverständlich auf die Laune. Aus eine verdrängten Ahnung wird Gewissheit, aus Gewissheit schließlich Verzweiflung. Und dann erreicht der Film selbstverständlich auch den Punkt, auf den die Zuschauer geifernd warten: Wenn das Überleben das letzte verbliebene Ziel ist, gehen Menschen über ihre körperlichen Grenzen, opfern sich für andere oder nutzen einander aus, lösen sich in jedem Fall vom starren Korsett der Zivilisation und geben ihrem Selbsterhaltungstrieb nach. Welche Wendung ein derartiges Szenario nimmt, lässt sich nie vorher erahnen, weil es keiner stringenten Abfolge gehorcht. Jede kleine Perspektive auf Rettung kann zu einem Fixpunkt der Handlung werden, jedes verlorene Kleidungsstück kann im Falle von Frozen den Kältetod bedeuten. Und dann wird sie essenziell, die Frage nach dem „Was wäre wenn“ – denn Leben und Tod liegen nun bloß noch eine Entscheidung auseinander.

Ein Filmkonzept, das den Zuschauer ebenso wie die Protagonisten zum Spielball des Autors macht. Open Water wählte aus der Freiheit aller Möglichkeiten und Zufälle nicht nur ein hartes Los für seine Figuren, sondern entfaltete über seine Handlung hinweg vor allem ein persönliches Drama zwischen ihnen. Im Vordergrund stand hier vor allem das psychische Leiden – wohl auch angesichts der beschränkten Situation, die abgesehen von Haien nicht wirklich eine Bedrohung beinhaltete. Frozen ist ein Film, der einen wesentlich körperorientierteren Weg geht. Regisseur Adam Green (nein, nicht Adam Green) spielt die harten Einwirkungen seines eisigen, hoch über dem Boden gelegenen Schauplatzes auf den Menschen sehr grafisch durch und nutzt dabei nicht nur einige der schlimmsten zur Verfügung stehenden Optionen aus, sondern präsentiert das Resultat auch fast ausnahmslos in Bildern. Nicht selten gehen die Eindrücke dabei aufgrund des naheliegenden Szenarios unter die Haut – zum Teil im wörtlichen Sinne.

Der Frozen-Zuschauer leidet mit, weil die Figuren des Films allesamt in sehr humorvollen, sympathischen Dialogen vorgestellt werden. Kevin Zegers, Shawn Ashmore und Emma Bell schaffen unschuldige, optimistische und starke Identifikationsfiguren, die angesichts ihrer Situation stets plausibel agieren. Rundum also ein gelungen inszenierter Trip ins Ungewisse, dessen Verlauf ungewöhnlich hart ist und der so vermutlich auch unter dem schockorientierten Publikum Zuspruch finden kann.



Frozen
R: Adam Green
D: Kevin Zegers, Shawn Ashmore, Emma Bell
USA, 2010, 93 Min.
Universum Film

DVD: Paris by Night of the Living Dead

von Sven Safarow, am 30.8.10

Es geht, ganz untypisch, mit einer Hochzeit los. Doch kurz nachdem Ehemann (David Saracino) und Ehefrau (Karina Testa) sich ihre Liebe und Treue geschworen haben, wird der Pfarrer von Zombies angefallen. Ab da wird es dann etwas typischer: Das frischvermählte Ehepaar schießt sich seinen Weg durch ein von Zombies verwüstetes Paris, und es fliegen die Fetzen, und das in weniger als 10 Minuten.

Grégory Morins Kurzfilm Paris by Night of the Living Dead ist, und das ist die gute Nachricht, ein ehrlicher Film. Ein Film, der den Fans das gibt, was sie wollen, und das ist in diesem Fall ein Zombiegemetzel. Für einen Langfilm wäre das irgendwie zu wenig gewesen, doch wenn man das Ganze in knappen 12 Minuten (inklusive Abspann) abwickelt, kann sich keiner beschweren.
Morin ist ein Genrekenner, ein Fanboy, der im Abspann nicht nur seinen Eltern, sondern auch Regisseuren wie Lucio Fulci, Ruggero Deodato, und sogar Bruno Mattei dankt.
Und enthusiastisch ist er auch, das muss er sein, denn über zwei Jahre hat es gedauert, das Projekt zu realisieren. Womit wir auch schon beim wirklich interessanten Teil wären: den Extras auf der Anolis-DVD.
Bonusmaterial auf herkömmlichen Scheiben herkömmlicher Hollywood-Filme ist nur selten interessant, da es oft aus gegenseitiger Schenkelklopferei, uninteressanten Interviews, und anderem nutzlosen Zeug besteht, das im Grunde nur wertvolle Lebenszeit raubt.
Da bieten die Extras von kleineren low budget-Filmen einfach mehr Einsicht- so auch hier.
Das Making Of gibt einen interessanten Überblick über den logistischen Aufwand, der nötig ist, eine ganze Zombiearmee zu dirigieren, die Effekte zu supervisen, und die Schwierigkeiten und Widrigkeiten zu meistern, die bei einem normalen Dreh so auftreten (zum Beispiel das stets unkontrollierbare Wetter).
Richtig problematisch wurde es für Morin, und seinen Ausführenden Produzenten Eric Fantone erst in der Post-Produktion, als gleich zwei Firmen, die für Effekte zuständig waren, abgesprungen sind.
Im Großen und Ganzen kann man behaupten, dass die Dreharbeiten von Paris by Night of the Living Dead aufwendiger ausgefallen sind als bei so manchem Spielfilm.

Der große Coup von Paris by Night… sind ohne Zweifel die wunderbaren Kulissen. Der Dreh an Originalschauplätzen bewahrt dem Film den nötigen Paris-Flair. Dieser wurde übrigens (wie man im Audiokommentar erfährt) durch dreistes Lügen ermöglicht: um Drehgenehmigungen (zum Beispiel für die Notre Dame-Kathedrale) zu bekommen, erzählte man den Behörden Geschichten wie: „Der Film ist eine moderne Variante des ‚Glöckners von Notre Dame’!“

Auch die beiden Hauptdarsteller, bekannt durch Xavier Gens’ sadistischen Schocker Frontier(s), sind ein weiterer Anreiz, diesem aufwendigen Fanfilm eine Chance zu geben.

Zum Schluss noch eine Anekdote aus einem Featurette: Nachdem Morin erklärt, er habe zwei Jahre an dem Film gearbeitet, fragt ihn ein Interviewer, ob er sich La Horde ansehen werde (was quasi die big budget feature film-Variante seines Films ist). Morin streckt ihm daraufhin den Mittelfinger entgegen, sagt aber schließlich: „Ja, das werde ich.“




Paris by Night of the Living Dead
R: Grégory Morin
D: David Saracino, Karina Testa, Dominique Bettenfeld
Frankreich, 2008, 12 Min.
Copyright: Anolis, Ascot Elite

Bildformat: 2.35:1 (16:9)
Sprache: Deutsch DD 5.1, Französisch DD 5.1
Untertitel: Deutsch
Extras: Bildergalerie, Audiokommentar, ZOMBING-OF (60-min. featurette), DON’T MESS WITH FRENCH ZOMBIES (14-min. featurette)
FSK: 18


Emmys 2010: Die Gewinner mit Videos

von Elisabeth Maurer, am 30.8.10

Copyright: Emergency Photography
Gestern wurden die Emmys, die oft als TV-Oscar bezeichnet werden, verliehen. Hier die Liste der Gewinner und jeweils ein Video dazu:

Outstanding Comedy Series

Modern Family (2009)


Outstanding Drama Series

Mad Men (2007)


Outstanding Made for Television Movie

Temple Grandin (2010) (TV)


Outstanding Miniseries

The Pacific (2010)


Outstanding Lead Actor in a Comedy Series

Jim Parsons für The Big Bang Theory (2007)


Outstanding Lead Actor in a Drama Series

Bryan Cranston für Breaking Bad (2008)


Outstanding Lead Actor in a Miniseries or Movie

Al Pacino für You Don't Know Jack (2010) (TV)


Outstanding Lead Actress in a Comedy Series

Edie Falco für Nurse Jackie (2009)


Outstanding Lead Actress in a Drama Series

Kyra Sedgwick für The Closer (2005)


Outstanding Lead Actress in a Miniseries or Movie

Claire Danes für Temple Grandin (2010) (TV)
(Video siehe oben)

Outstanding Supporting Actor in a Comedy Series

Eric Stonestreet for Modern Family (2009)
(Video siehe oben)

Outstanding Supporting Actor in a Drama Series

Aaron Paul für Breaking Bad (2008)
(Video siehe oben)

Outstanding Supporting Actor in a Miniseries or Movie

David Strathairn für Temple Grandin (2010) (TV)
(Video siehe oben)

Outstanding Supporting Actress in a Comedy Series

Jane Lynch für Glee (2009)


Outstanding Supporting Actress in a Drama Series

Archie Panjabi für The Good Wife (2009)


Outstanding Supporting Actress in a Miniseries or Movie

Julia Ormond für Temple Grandin (2010) (TV)
(Video siehe oben)

Outstanding Variety, Music Or Comedy Series

The Daily Show with Jon Stewart (1996)


Outstanding Directing for a Comedy Series

Glee (2009): Ryan Murphy (Pilot - Director's Cut)
(Video siehe oben)

Outstanding Directing for a Drama Series

Dexter (2006): Steve Shill (The Getaway)


Outstanding Directing for a Miniseries, Movie or a Dramatic Special

Temple Grandin (2010) (TV): Mick Jackson
(Video siehe oben)

Outstanding Writing for a Comedy Series

Modern Family (2009): Steven Levitan, Christopher Lloyd (Pilot)
(Video siehe oben)

Outstanding Writing for a Drama Series

Mad Men (2007): Matthew Weiner, Erin Levy (Shut The Door. Have A Seat.)
(Video siehe oben)

Outstanding Writing for a Miniseries, Movie or a Dramatic Special

You Don't Know Jack (2010) (TV): Adam Mazer
(Video siehe oben)

DVD: Abgehört - Trau' niemals einem Cop

von Ciprian David, am 30.8.10


Betriebsspionage ohne Traumdiebstahl, wie würde Inception ohne die ineinander verschachtelten Ebenen im Reich von Morpheus aussehen? Die Antwort kommt aus Hong Kong, von niemand anderem als Alan Mak, dem Regisseur der Infernal Affairs Trilogie. Als Regisseuren-Duo zusammen mit seinem Kollegen Felix Chong und mit der Beteiligung der Action-Stars Louis Koo, Daniel Wo und Ching Wan Lau schufen sie den beeindruckenden Thriller Abgehört.

Die Hauptfiguren Max, Gene und Johnny sind Teil einer Sondereinheit der Polizei. Ihr Auftrag erinnert an Coppolas Der Dialog, doch Abgehört bleibt ein Genrefilm. Der Vorstand einer ominösen Firma steht unter dem Verdacht, sie würden Börsengeschäfte jenseits des Gesetzes treiben, und das Polizisten-Team soll ihre Büroräume rund um die Uhr abhören. Relativ schnell wird ein Gespräch über eine Spekulation aufgenommen. Und die Polizisten tun natürlich das, was sie nicht tun sollen, sie verschweigen es und spekulieren auf das schnelle Geld. Lebensersparnisse und geliehenes Geld helfen beim Aufstieg einer Aktie aus bis… der Kurs der Aktie der Börsenaufsicht auffällt und der Handel gesperrt wird. Es ist Freitagnachmittag. Ein langes Wochenende zeichnet sich für das Team ab. Es wird herausgefunden wer der Hauptkäufer und implizit Bestimmer über die Zukunft der betroffenen Firma ist, und sein Mord wird beschlossen. Das würde aber natürlich die Pleite für unsere Helden bedeuten, also werden sie etwas dagegen tun müssen und zwar ohne, dass die Vorgesetzten davon erfahren.

Abgehört erstaunt zunächst durch die relative Abwesenheit von Gewalt. Ein einziges Mal wird tatsächlich ein Mann beim Sterben gezeigt. Die Kameras bleiben, im Gegenteil, auf der zarte Seite der Filmwelt. Die Familien der Polizisten werden porträtiert, ihre Eheprobleme werden über lange Strecken des Films dem Zuschauer dargestellt, ihre persönlichen Situationen, auch wenn knapp (es sind schließlich drei unterschiedliche Haushalte), sehr präzise und detailliert gezeigt. So werden die drei schnell die Lieblinge des Zuschauers und, wenn die Geschwindigkeit des Films zunimmt, entwickelt sich in Minuten das bereits etablierte Drama zu einem regelrechten Thriller. Und das Beste daran ist, dass es einem keine Sekunde langweilig wird. Auch wenn die Einführung der Charaktere ihre Minuten braucht, wird dies sehr abwechslungsreich in Parallelmontagen zwischen den Protagonisten, deren Arbeitsplatz und ihren Wohnungen gestaltet und, bevor man sich an die Polizisten gewöhnt, ist man mittendrin in einem Netz von persönlichen, beruflichen und Spionage-Intrigen.

Abgehört ist ein starbesetztes und sehr gut umgesetzter Spionagethriller, der seine Dramaturgie auf elegantester Weise und überraschend fern von roher physischer Gewalt aufbaut.




Abgehört - Trau' niemals einem Cop / Qie ting feng yun
R: Felix Chong, Alan Mak
D: Louis Koo, Daniel Wo, Ching Wan Lau
Hong Kong, 2009, 100 Min.
Copyright: Koch Media

Veröffentlichung: 3. September 2010
Bildformat: 2.35:1 (16:9)
Sprache: DTS, DD 5.1 Kantonesisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Extras: Making Of, Kinotrailer,
FSK: 16

DVD: Thunderbirds

von Elisabeth Maurer, am 30.8.10


Es läßt sich vermuten, daß viele, die sich die Fernsehserien ihrer Kindheit auf DVD kaufen, seien es Bonanza, Die bezaubernde Jeannie oder Unsere kleine Farm, nicht wirklich alle Serienfolgen noch einmal schauen wollen. Bonanza zum Beispiel hat es auf unglaubliche 14 Staffeln gebracht und nicht jedes Abenteuer der Cartwrights muß man sich auf DVD ansehen. Die Gründe, die hinter der Anschaffung stehen, sind wohl eher ein nostalgisches Gefühl der persönlichen Vergangenheit und der alten Fernsehzeit gegenüber. Auch befriedigt die Vorstellung, die Serien komplett immer zur Verfügung zu haben, wo man sie früher höchstens mühsam auf Video aufzeichnen konnte oder eben jahrelang auf eine Wiederausstrahlung hoffen mußte.

Auch die wenigsten werden sich alle 32 Folgen der Thunderbirds anschauen. In gewisser Weise ist die Serie sogar stärker gealtert, als die oben genannten Produktionen. Denn bei Thunderbirds handelt es sich um eine Marionettenserie und das erscheint in einer Zeit, in der sogar normaler, zweidimensionaler Zeichentrick aus der Mode gerät, doch sehr altmodisch und fremd. Läßt sich jedoch ein Zuschauer darauf ein, wird er mit einer Fülle an Retrocharme belohnt, die sich selbst in den schönsten alten Serien kaum finden läßt.


Erstmals 1965 ausgestrahlt, setzte die englische Fernsehserie zur damaligen Zeit Maßstäbe im Puppentrick und Miniaturenbau. Gerry Anderson heißt der Mann, der hinter dem Erfolg steht. Vor den Thunderbirds hatte er schon mehrere Puppenserien kreiert und war später für die Realserien UFO und Mondbasis Alpha 1 verantwortlich. Seine Technik nennt sich Supermarionation und verbindet Marionettenspiel mit Trick. Selten nur sind die Fäden an den Puppen zu sehen und die mehrfach beweglichen Gesichter ermöglichen den Ausdruck glaubhafter Emotionen. Auch die restliche Ausstattung wurde äußerst sorgfältig gebaut, die vielen futuristischen Fahrzeuge ermöglichen erstaunlich rasante Action und die Gebäude und anderen Setbauten spiegeln mit ihrer Architektur sowie den vielen technischen Spielereien perfekt den Aufbruchscharakter und den Fortschrittsglauben Mitte der 1960er Jahre wider. Auch die hohen Produktionskosten der Serie (in heutiger Währung ungefähr 2 Millionen Dollar pro Episode) unterstreichen die Detailgenauigkeit. Die Effekte beeindruckten auch andere Filmemacher. So soll Kubrick mehrfach versucht haben, Anderson zur Mitarbeit an 2001: A Space Odyssee zu bewegen, was dieser ablehnte. Kubrick verpflichtete daraufhin andere Mitarbeiter aus Andersons Team. Andersons Assistent Derek Meddings war später für die Spezialeffekte in einigen James Bonds und Superman-Filmen verantwortlich und gewann für die Effekte beim ersten Superman-Film den Oscar.

Zur Idee der Geschichte fand Anderson durch einen Bericht über das Grubenunglück in Lengede. Bei der Rettung der Bergarbeiter mußte großes Gerät über weite Strecken in möglichst kurzer Zeit herangeschafft werden. In Thunderbirds sind die zentralen Figuren dann als Angehörige einer International Rescue genannten Rettungsgruppe entworfen worden. Ins Leben gerufen wurde die im 21. Jahrhundert operierende Organisation vom Ex-Astronauten Jeff Tracy. Zusammen mit dem Wissenschaftler Brains hat er eine geheime Basis auf einer versteckten Insel errichtet, von der aus er zusammen mit seinen Söhnen Scott, Virgil, Gordon, Alan und John überall auf der Welt Rettungsmissionen durchführt. John Tracy fängt auf seiner Raumstation Thunderbird 5 alle Notrufe auf und leitet diese an seinen Vater und die Brüder weiter, von denen jeder einen Thunderbird, ein besonderes, hochentwickeltes Fahrzeug besitzt. Meist sind die Notfälle durch technische Probleme oder menschliches Versagen verursacht, allerdings hat auch einige Male der Bösewicht The Hood seine Finger mit im Spiel, der unbedingt an die Technik der Thunderbirds gelangen möchte. Unterstützt werden die Tracys noch von Lady Penelope, einer reichen Agentin aus der Nähe von London.


Die einzelnen Episoden widmen dem jeweiligen Rettungsauftrag viel Zeit. Beim Sehen mehrerer Folgen hintereinander kann dies mitunter ein wenig langweilig werden, weil die Serienmacher doch sehr stark und zu Recht auch stolz ihre für die damalige Zeit innovativen Effekte zur Schau stellen, doch in der Wiederholung ist dies vielleicht doch etwas zu viel betont. Dennoch ist zu bemerken, daß die Actionszenen überraschend spannend sind. Die einzelnen Figuren und ihre Dialoge erscheinen, wenn auch recht stereotypisch, doch glaubhaft und auch humorvoll.

Es ist auch nicht so, daß sich die Serie per se an ein Publikum aus kleinen Jungen richtet. Vielmehr ist sie die perfekte Essenz ihrer Entstehungszeit, was die Faszination für die Technik der Zukunft anbetrifft. Nicht von ungefähr sind alle Tracy-Sprößlinge nach Astronauten des amerikanischen Mercury-Programms benannt. Auch fühlt sich der Zuschauer an vielen Stellen an James Bond erinnert. So wurden die Gesichtszüge von Scott Tracy angeblich denen Sean Connerys nachempfunden. Doch das heißt nicht, daß die Thunderbirds Bond mit Marionetten sind. Es ist der allgemeine Zeitgeist, der sich in der Serie spiegelt.


Damit wird Thunderbirds zusätzlich einfach als Zeitdokument interessant. Trotzdem ist die Serie auch heute noch vor allem unterhaltsam und die DVD-Veröffentlichung ermöglicht nun auch den deutschen Zuschauern ein paar nostalgische Stunden, wann immer einem danach ist. Vielleicht setzt man eines Tages seine Kinder einfach mal vor die Thunderbirds oder eine andere der alten Serien. Es ist sogar zu vermuten, daß sie Gefallen daran finden.

Für den eingefleischten Fan beinhaltet die Gesamtedition, die bei epix erscheint, viele Featurettes und Bildergalerien zu der Entstehung der Serie und ihren Figuren. Ton- und Bildqualität verraten das Alter der Serie durchaus, tragen aber eher zum Seherlaubnis bei, statt es zu stören.


Es sei noch zu erwähnen, daß die Thunderbirds bis heute eine große Fangemeinde, vor allem im angelsächsischen Raum, haben. Die Figuren und Fahrzeuge finden sich in vielen Werbungen, Musikvideos, anderen Filmen und Merchandising-Produkten. Als Beispiel hier eine britische Werbung aus dem Jahr 2008, in dem sich Wissenschaftler Brains noch beweglicher als in der Originalserie zeigt:


Natürlich gab es auch Kinoadaptionen der ursprünglichen Serie, schon in den 1960ern entstanden zwei Spielfilme. 2004 wurden gleich zwei Kinofilme produziert, die auf den Thunderbirds basieren, jedoch mit anderen Vorzeichen. Jonathan Frakes (der Commander Riker aus Star Trek) Realversion der ursprünglichen Geschichte stieß eher auf negative Kritiken. Dies mag einerseits an der Fokussierung auf die Figur des zum Teenagers gemachten Alan Tracy liegen. Vor allem aber nimmt die Computeranimation der Fahrzeuge und Gebäude ihnen trotz aller Modernisierung auch etwas von ihrem Charme, vielleicht kann dies in dem Trailer des Films nachvollzogen werden:


Die South Park-Macher hingegen stellten in einem auf der Optik der Thunderbirds aufgebauten, satirischen Puppentrickfilm bösartigen Terroristen eine Truppe ähnlich der International Rescue entgegen, das Team America:


Hier dann natürlich noch das Intro der Originalserie:



Thunderbirds 
Cr: Gerry Anderson, Lynn Anderson u.a.
Großbritannien 1965, 32 Episoden à 50 Minuten
Copyright: epix



Bildformat: 4:3
Audio: 2.0 DD
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch und Englisch für Hörgeschädigte
Extras: Trailer, Bildergalerien, Brains geheimes Wissen, Episodenführer, Figurenportraits, Infos zu Pod-Vehikeln, Pannen, Epix-Trailershow
FSK: 6
Veröffentlichung: 28.5.2010

FFF 2010: The Scouting Book for Boys

von Amos Borchert, am 29.8.10

Eine zärtlich angeschlagene Akustikgitarre, zwei Teenager im Gegenlicht einer tief stehenden Sonne. Pure Unbeschwertheit, gedankenlos und frech. Emily und David leben in einem Trailerpark in Norfolk, direkt an der Küste und eigentlich sind sie ganz glücklich.

The Scouting Book for Boys ist eine recht ungewöhnliche Wahl für das FFF, fehlen doch nicht nur Zombies, Vampire und Aliens, sondern sämtliche Axt schwingenden Maniacs dieser Erde. Was erwartet man stattdessen? Vielleicht gesellschaftliche Tabubrüche und transgressive Gewalteruptionen à la Dumont/Noé?! Auch hier: Fehlanzeige! Tom Harper und sein Team erfüllen derlei Ansprüche nicht, inszenieren die Geschichte mit viel Ruhe und einer gewissen Experimentierfreudigkeit (der Exposition folgt eine poppige Titelsequenz mit badenden Rentnern, Eis essenden Kindern, Splitscreen und roter 70er-Bahnhofskino-Schrift).

Im Mittelpunkt stehen die jungen Freunde, die in einem White-Trash-Umfeld britischer Prägung einen mutig wie unüberlegten Plan verwirklichen wollen. Emily versteckt sich nach einem Streit mit ihrer Mutter in einer Höhle am Meer, während David den aufgebrachten Erwachsenen ins Gesicht lügt und seine Freundin mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt. Die Lage spitzt sich zu, Suchaktionen werden gestartet, ein Wohnwagen aus Frustration angezündet, es wird gebrüllt und gedroht. David bleibt seiner Linie treu, muss aber erfahren, dass Emily von ihrem heimlichen Freund Steve geschwängert wurde und sich eigentlich versteckt, um die Zeit zu überstehen, bis eine Abtreibung gegen das Gesetz verstoßen würde.
Holliday Grainger, vom Gesicht her an Julianne Moore erinnernd, spielt dabei ebenso engagiert wie Thomas Turgoose und so tragen die beiden Jungdarsteller den Film in beträchtlichem Maße. Einzig der spezielle Slang machte es schwierig, die Dialoge beim ersten Sehen in ihrer Gänze zu verstehen.

Der Rest ist Indie-Kamera (die Passagen in Detailaufnahme sind ebenso intensiv wie schön) und Indie-Popballaden von Noah and the Whale.
Das Publikum in Frankfurt war wohl teilweise nicht so begeistert (wenn schon weg nicken, dann doch bitte ohne Schnarchen!). Ein niederschmetterndes Ende reicht anscheinend doch nicht aus, um den Mangel an Nihilismus und Gedärmen der vorangegangenen Minuten zu entschuldigen...

The Scouting Book for Boys ist ein wenig vergleichbar mit zwei anderen Filmen von der Insel: The War Zone von Tim Roth (ohne dessen durchgehende Düsternis zu teilen) und Ratcatcher von Lynne Ramsay (sehr empfehlenswerter Film mit grandiosen Bildern!).

Geschmackssache, sicher. Wie so vieles.
Aber einen Blick wert.

Bis jetzt hat sich wohl noch kein deutscher Verleih gefunden.


The Scouting Book for Boys
R: Tom Harper
D: Steven Mackintosh, Susan Lynch, Thomas Turgoose, Rafe Spall, Holliday Grainger
Großbritannien, 2009, 93 min.
Pathé International

Highlights der Fernsehwoche 30.08 - 05.09

von Simon Frauendorfer, am 29.8.10



Montag, 30.08.2010


Verdammt in alle Ewigkeit (Fred Zinnemann, USA 1953)
Militärdrama
ARTE, 20.15 Uhr


Männer des Gesetzes (Kirk Douglas, USA 1975)
Western
DasVierte, 20.15 Uhr

TAGESTIPP  → Der Elefantenmensch (David Lynch, GB 1980)
Drama
MDR, 22.50 Uhr

Von morgens bis mitternachts (Karlheinz Martin, D. 1920)
Drama
ARTE, 00.25 Uhr




Dienstag, 31.08.2010

High Heels (Pedro Almodovar, Span./F. 1991)
Krimifarce
RBB, 22.45 Uhr

Sinbad, Herr der sieben Meere (Enzo G. Castellari, Luigi Cozzi, USA 1989)
Fantasyabenteuer
DasVierte, 20.15 Uhr

Wenn der Postmann zweimal klingelt (Bob Rafelson, USA 1981)
Thrillerdrama
HR, 23.20 Uhr

TAGESTIPP  → Cotton Club (Francis Ford Coppola, USA 1984)
Gangsterdrama
ARD, 00.20 Uhr




Mittwoch, 01.09.2010


Das geheime Fenster (Davis Koepp, USA 2004)
Psychothriller
Kabel1, 20.15 Uhr

TAGESTIPP  → Todesstille (Phillip Noyce, Australien/USA 1989)
Psychothriller
RBB, 23.15 Uhr




Donnerstag, 02.09.2010


TAGESTIPP  → Die Axt (Constantin Costa-Gavras, F./B./Span. 2005)
Sozialsatire
ARTE, 21.00 Uhr

Nicht auflegen! (Joel Schumacher, USA 2002)
Thriller
VOX, 21.50 Uhr

Braddock - Missing in Action III (Aaron Norris, USA1988)
Actionfilm
Kabel1, 23.20 Uhr




Freitag, 03.09.2010


Der Tod löscht alle Spuren (Brian De Palma, USA 1981)
Thriller
DasVierte, 20.15 Uhr

Schrei in der Stille (Philip Ridley, GB/Kan. 1990)
Psychohorror
3SAT, 22.55 Uhr

Zeugin der Anklage (Billy Wilder, USA 1957)
Gerichtsthriller
WDR, 23.15 Uhr




Samstag, 04.09.2010


Help! (Richard Lester, GB 1965)
Musikkomödie
BR, 21.40 Uhr

Gimme Shelter (David Maysles, Albert Maysles, C. Zwerin, USA 1970)
Musikdoku
BR, 00.10 Uhr

Blade Runner - Der Final Cut (Ridley Scott, USA/Singapur 1982/2007)
Science-Fiction
MRD, 00.15 Uhr

Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All (Robert Wise, USA 1971)
Science-Fiction
ZDF, 01.10 Uhr

Blow Up (Michelangelo Antonioni, GB 1966)
Thriller
BR, 01.40 Uhr




Sonntag, 05.09.2010


Die Simpsons - Der Film (David Silverman, USA 2007)
Zeichentrick
PRO7, 20.15 Uhr

Hoffnung (Stanislaw Mucha, Polen/D. 2007)
Thrillerdrama
ARD, 23.20 Uhr

Empfehlungen für die DVD-Woche (30. August-05. September 2010)

von Sven Safarow, am 29.8.10

Cover Up, von Manny Coto (bei Concorde Home Entertainment)

Den frühen Dolph Lundgren-Actionkracher gibt es jetzt endlich ungekürzt auf DVD, nach einer Neuprüfung jetzt mit FSK 16.
Red Rock West, von John Dahl (bei Universal Pictures Video)

Dahl präsentiert sich mit seinem großartigen 90er Neo Noir mit fantastischem Cast (CageHopperFlynn BoyleWalsh) auf der Höhe seiner Kunst.

Kojak – Einsatz in Manhattan, von div. (bei Universum Film)

Für all diejenigen, für die die 70er Jahre niemals enden, gibt es jetzt Season 2 mit dem coolsten Glatzkopf-Lieutenant, der jemals einen Lolly als Accessoire hatte.

Collateral Damage, von Andrew Davis (bei Universum Film)

Schon 2002 ein Anachronismus: old school action mit dem Governator. Auf Blu-Ray!

DVD: Alice im Wunderland

von Oliver Schmitt, am 29.8.10



Tim Burtons Reise in die Welt von Lewis Caroll mag schon im Ansatz große Hoffnungen wecken, im Falle der hochgesteckten Erwartungen scheint die Messlatte für Burton diesmal doch etwas zu hoch gelegen zu haben. Die Frage, die sich stellt, ist, ob sich das Konzept Burton in den letzten Produktionen (Charlie und die Schokoladenfabrik, Sweeney Todd) nicht doch festgefahren hat und reiner Selbstzweck wurde, ohne den sonst üblichen anderen Blick auf die Dinge. Denn so wirklich „typisch Burton“ ist Alice im Wunderland nur auf dem Papier. Was bleibt also von einem visuell reizvollen Film, der vor die 3D Offensive der Disney Studios gespannt wurde und im Zuge des Erfolges von James Camerons Avatar – Aufbruch nach Pandora für Kasse sorgte, weil das Publikum von Tiefenwirkung und neuer räumlichen Wahrnehmung nicht genug bekommt? Die Technik ist noch lange nicht so verbreitet und zugänglich, auf dass sie in jedem Wohnzimmer steht, daher wird man mehrheitlich auf konventionelle Weise die Traumreise durchs Wunderland auf DVD oder BluRay antreten. Aber nicht nur deshalb muss man sich erst einmal mit einer flachen, zweidimensionalen Ausgabe der Alice in Burtonland begnügen.


Möglicherweise sind es gerade die skurrilen Figuren, die zu viel Aufmerksamkeit erhalten und dadurch eher wieder für Monotonie sorgen. Obwohl die revolutionären Bewohner des Unterlands wie es nun heißt, mit prominenten Synchronstimmen aufwarten, wie das weiße Kaninchen (Michael Sheen), Grinsekatze (Stephen Fry), Bayard der Bluthund (Timothy Spall) oder die Raupe Absolem (Alan Rickman), tragen sie zwar in ihrer Ausgestaltung unübersehbar die Handschrift Burtons, aber wirken einfach zu sehr wie reißbretthafte Charaktere. Auch wollen die beiden Königinnen, Anne Hathaway als weiße Königin und die unvermeidliche Helena Bonham Carter als rote Königin, trotz guter Anlage der grotesken Figuren Unterland nicht wirklich lebendig werden. Die Performance von Johnny Depp als Hutmacher trägt ihren ganz speziellen Teil dazu bei, dass die schrägen Außenseiterfiguren, die Alice, gespielt von Mia Wasikowska, durch das Wunderland begleiten, die Oberhand gewinnen und sich darin hoffnungslos verlieren. Johnny Depp scheint mit einem ganz speziellen Problem zu kämpfen, das ihn in seiner Arbeit immer wieder einholt, die brillante Verkörperung des Jack Sparrow. Der Piratenkapitän schwingt immer wieder mit, ganz besonders wenn der Focus so stark auf den Schauspieler fällt wie es im Wunderland der Fall ist. Für Überraschung sorgt seine Darstellung in keinster Weise, allerdings wirkt die überzogene Figur des Hutmachers auch nicht nachhaltig genug um so viel Aufmerksamkeit zu rechtfertigen, etwas weniger Johnny und mehr Platz für Alice wäre hier ratsam gewesen.


Der lineare Abenteuerplot schafft den Eindruck eines eher familienfreundlichen Themenpark-Erlebnisses. Alice ist auf einer klassischen Heldenreise und fühlt sich so gar nicht als Auserwählte, soll aber die prophezeite Bedrohung durch den Jabberwoky (synchronisieret von Sir Christopher Lee) abwenden. Den Kern der Geschichte, die Fabel von Erwachsenwerden und Selbstbestimmung lässt die Drehbuchautorin Linda Woolverton (Der König der Löwen, Die Schöne und das Biest) bestehen. Versöhnlich mag am Ende die Erkenntnis sein, dass Fantasie der Antrieb des menschlichen Handelns ist. Es ist ein gut gemeinter Rat für den Alltag an sechs unmögliche Dinge noch vor dem Frühstück zu denken, denn dann kann alles passieren. Doch verfällt die Inszenierung in eine eindringliche, moralisch vordergründige Ausgestaltung, die in der bunten Plastikwelt bestens aufgehoben ist. Selbstironie ist kaum zu finden, das Gute ist eben Gut, das Böse ist traditionell Böse, wenn auch bunt, aber klar definiert. Der Langatmigkeit des Plots steht der exzellenten Einsatz digitaler Technik gegenüber und bietet besten Schauwert in immer wieder neuen Kompositionen der Bildinhalte, verbunden mit einem wunderbar emotionalen Soundtrack aus der Feder von Danny Elfman.


Aber bietet Wunderland keinen Platz für andere Einsichten? Ist die Nähe zwischen Caroll und Burton so groß, dass es nur einen Konsens geben kann? Berücksichtigt man Burtons Comic Bearbeitung der Batman Figur (Batman und besonders Batman Returns) so hätte man durchaus mehr erwarten können: eine neue Interpretation der Vorlage in der die Handschrift des Regisseurs nicht nur zum mannigfachen Beiwerk wird. Es mag den Anschein haben, dass in dieser Produktion sehr viel Studiopolitik und Zugeständnis dafür gesorgt haben, dass trotz aller guter Voraussetzungen, die gegeben sind, um Alice zu einem typischen Burton Film zu machen, das Werk zu sehr in Routine verfällt, als dass eine überzeugende Wirkung erzielt wird, die alle Elemente unter einen Hut bringt und damit wirklich unterhaltend ist. Die Next Generation Alice ist ein digitales Übermärchen, stromlinienförmig und schön anzuschauen, das seine nachhaltige Wirkung im Verlauf der Traumreise verliert und etwas zu sehr an seiner Opulenz erstickt.

Hier geht es zur Kritik von Ciprian David, die zum Kinostart erschien.





Alice im Wunderland / Alice in Wonderland
R: Tim Burton  D: Mia Wasikowska, Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway
Format: 16:9 1,78,1 geeignet für alle Formate
Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Türkisch, Arabisch
Extras: Der verrückte Hutmacher, Alles über Alice, Spezialeffeckte im Wunderland
USA, 2010, 104 Min. Disney

 

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