Wenn man sich die erfolgreichen Horrorfilme der letzten Dekade vor Augen hält, bemerkt man eine pausenlose Beschäftigung mit dem Motiv der Folter. Vor allem im Rahmen von Mainstream-Absonderungen wie Hostel und Saw bildet das langsame Malträtieren menschlicher Körper den Grundbaustein für die Erzeugung von Angst und Schrecken. The Human Centipede von Tom Six wählt hingegen den Weg des Körperhorrors, der unintendierten body-modification und knüpft dabei eher an Visionen von David Cronenberg oder Brian Yuzna an. Die einfache Schändung des Fleisches weicht dem Grauen einer völligen Entmenschlichung, das tief in unserem Unterbewusstsein verankert ist. Die Angst, seine menschlichen Züge zu verlieren, sich in eine abartige Kreatur zu verwandeln und die damit einhergehende soziale Abschottung lassen uns zwar vor Ekel zusammenzucken, üben jedoch gleichzeitig eine nicht kaschierbare Faszinaton aus, als wären wir von der Neugierde getrieben, wie es sich wohl anfühlt, eines morgens als ungeheures Ungeziefer aus unruhigen Träumen zu erwachen.
Zwei junge US-Amerikanerinnen, die gerade durch Europa touren, klopfen nach einer ärgerlichen Autopanne in einem deutschen Wald an die Haustür des wahnsinnigen Chirurgen Doktor Heiter (Dieter Laser). Nachdem er Beide mithilfe von Substanzen im Wasserglas zu einem längeren Aufenthalt „überreden“ konnte, offenbart er den harmlosen Touristinnen seinen perfiden Plan. Sie sind dazu auserwählt worden, ihren Körper für das Projekt des menschlichen Tausendfüßlers bereitzustellen. Heiter, ein Spezialist auf dem Gebiet der siamesichen Zwillinge, hält seine drei Opfer – neben den amerikanischen It-Girls noch ein Japaner – im Keller gefangen und bereitet die mehrstündige Operation vor, in der aus drei Subjekten ein einziges, groteskes Monstrum entstehen soll...
Trotz der klischeehaften Handlung und dem Rekurs auf die abgenutzte Figur des Mad Scientist erzeugt The Human Centipede eine morbide Grundstimmung, die vor allem der ruhigen Inszenierungsweise Six´ zu verdanken ist. In langen Einstellungen mit kalten, klinischen Farben lässt sich der Wahsinn des Chirurgen und das Leiden der Opfer äußerst detailliert nachvollziehen, was mitunter sehr zermürbend auf den labilen Zuschauer wirken kann. Vom Programmheft des FFF fälschlicherweise als „Trash-Perle“ – ein heutzutage recht inflationär verwendeter Begriff – etikettiert, wirkt der Film eher wie die visuelle Umsetzung eines schlechten Scherzes. Ungeachtet des makabren Humors, beruhend vor allem auf der skurrilen Grundidee des menschlichen Tausendfüßlers, wird die Grenze zur Lächerlichkeit jedoch nie überschritten, so dass sich zu keinem Zeitpunkt eine sichere Distanz zwischen Zuschauer und Gezeigtem aufbaut, zu stark wirkt The Human Centipede auf menschliche Urängste. Den Spagat zwischen aufwühlenden Schreckensszenarien und humoristischen Einlagen vollzieht der Regisseur auf anschauliche Art und Weise, was der ohnehin brechreizerregenden Gesamtstimmung eine noch perversere Ausrichtung verleiht.
The Human Centipede ist auf den ersten Blick beileibe kein innovativer Horrorfilm, vermag es aber trotzdem, einige Genreprämissen geschickt umzudeuten. Wie der Rezensent für The Village Voice treffend bemerkt, erhält die Idee des Final Girl eine absurde Neuinterpretation, da die junge Hauptprotagonistin sich nicht am Ende, sondern in der Mitte des menschlichen Tausenfüßlers einfinden muss, ein schlimmes Schicksal, wie sich herausstellen wird. Durch immer neue Wendungen und eine unleugbare morbide Anziehungskraft wird ein sadistischer, alptraumhafter Grundgedanke auf Spielfilmlänge ausgeweitet, was erstaunlicherweise gut gelingt. Die darstellerische Überzeugung, allen voran Dieter Laser in der Rolle des Dr. Heiter trägt unweigerlich zur gleichzeitig gebeutelten wie faszinierten Empfindung des Zuschauers bei, ein Gemütszustand, der sich bis zur letzten Minute durchzieht und durch das grausige Ende nochmals verstärkt wird.
Ganz harte Kost für ein vorgewarntes Publikum, das perfide Einfälle sinnentleerten Blutfontänen vorzieht. Ohne das nötige Verständnis für den rabenschwarzen Humor bewirkt The Human Centipede wohl nur uneingeschränkte Ablehnung. Auf den Festivals dieser Welt wurde er als krankhafter Schocker vorgestellt – ein Ruf, dem er durchaus gerecht wird.
The Human Centipede (First Sequence)
R: Tom Six
D: Dieter Laser, Ashley C. Williams, Ashlynn Yennie, Akihiro Kitamura
Niederlande/GB 2009, 90 Min.




































