
1976 veröffentlichte der französische Comiczeichner
Jacques Tardi den ersten Teil seiner mittlerweile zehn Bände umfassenden Reihe über die Abenteuer von
Adèle Blanc-Sec. Die ersten zwei Bände sind Grundlage von
Luc Bessons Verfilmung, die in Deutschland nun unter dem Titel
Adèle und das Geheimnis der Pharaos in die Kinos kommt.
Der frankobelgische Comic war lange Zeit dominierend und stilbildenden zumindest im europäischen Raum. Als
Tardi für den Verlag Casterman eine Comicreihe entwerfen sollte und er sich daher intensiv mit den Hauptfiguren anderer Comic-Mehrteiler auseinandersetzte, bemerkte er jedoch, daß sich die Geschichten meistens um Männer drehten. Die berühmteste weibliche Comicfigur Frankreichs war damals
Bécassine. Die erste Geschichte über die einfältige Bretonin in Paris erschien 1905.
Tardi entschied, daß sein Comic ebenfalls von einer Frau getragen werden sollte, die sich aber stark von dieser Tradition der Frau in der französischen Comiclandschaft abheben sollte. Seine Hauptfigur sollte eine moderne, äußerst selbstbewußte und selbständige Frau sein. Trotzdem ließ er die Comicgeschichte in die Konstruktion seiner Reihe einfließen. Einerseits beschloß er, die Handlung kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs anzusiedeln, der Zeit, die einen der einflußreichsten französischen Comichelden,
Arsène Lupin, hervorbrachte. Auf der anderen Seite zeichnete er seiner Hauptperson einen grünen Mantel, der direkt als Hommage an
Bécassines Kleidung zu verstehen ist. Somit wurde seine Adèle von Anfang an erdacht als Comicfrau, die es aber mit den größten Männerfiguren aufnehmen kann.
Bécassine-Heft. Copyright: Elisabeth Maurer
Durch die Kombination einer derartigen Frauengestalt mit der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts ergab sich zudem ein interessantes Spannungsfeld. In ihrer Haltung ist Adèle Blanc-Sec eine Frau der 1970er Jahre oder sogar noch moderner, muß sich aber in einer Welt zurechtfinden, die erst am Anfang einer modernen Lebensweise steht. Dazu kommt, daß
Tardi sie zu einer Abenteurerin machte, eine Art Vorläuferin zu Indiana Jones, die ein starkes Interesse an Geschichte hat. Anders als ihre Zeitgenossen, die leicht überfordert versuchen, mit den modernen Entwicklungen mitzuhalten und in ihren kleinen Machtkämpfen verstrickt sind, schafft Adèle weitsichtig die Verbindung zwischen der Antike, der Gegenwart und einer Zukunft zu ziehen. Dies tut sie aber nicht mit lehrerhafter Besserwisserei, sondern eher mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Eigensinn.
Adèle-Comic. Copyright: Edition Moderne
Die mittlerweile zehn Bände, die die Abenteuer von Adèle erzählen, richten sich ausdrücklich an ein erwachsenes Publikum. Oftmals recht verworren werden die Geschichten aufbereitet, nicht selten fehlt zunächst ein klar zu erkennender roter Faden. Hauptaugenmerk liegt auf den allesamt sehr pointiert und exzentrisch dargestellten Figuren, sowie auf der Atmosphäre des Paris zu Zeiten der Belle Epoque.
Schon seit längerem gab es Verhandlungen um die Filmrechte zu
Tardis Werk. Zunächst an einen anderen Regisseur vergeben, konnte sich
Luc Besson, der schon seit Jahren an dem Stoff interessiert war, letztendlich doch die Rechte für die Verfilmung sichern. Er setzte sich zusammen mit seiner Ehefrau und Produzentin
Virginie Besson-Silla, sowie mit Produktionsdesigner
Hugues Tissandier auch intensiv mit
Jacques Tardi über dessen Vorstellung einer Leinwandadaption des Comics auseinander. Jedoch war es
Tardi und
Besson beiden wichtig, daß der Film ein eigenständiges Kunstwerk werden sollte. Um eine kinogeeignete Version zu erschaffen, mußten daher selbstverständlich auch Veränderungen an der Geschichte vorgenommen werden. Wesentlicher Unterschied ist eine Rahmenhandlung, die
Besson hinzufügte, um Adèles Persönlichkeit besser verständlich zu machen, aber auch damit sie nicht nur schroff und halsstarrig wirkt. Dabei handelt es sich um Adèles Sorge um ihre schwerkranke Schwester. Ihr zu helfen, ist Adèles Hauptantrieb in der Handlung des Films.
Zunächst geht es darum, daß im Naturkundemuseum plötzlich ein Flugsaurier aus einem uralten Ei schlüpft, der daraufhin die Menschen von Paris in Angst und Schrecken versetzt. Inspektor Léonce Caponi (
Gilles Lellouche), der sehr bemüht, aber leider etwas stümperhaft vorgeht, und der gefeierte Großwildjäger Justin de Saint-Hubert (
Jean-Paul Rouve), der einfach nur ein aufgeblasener Nichtskönner ist, werden mit der Beseitigung des prähistorischen Tieres beauftragt. Adèle (
Louise Bourgoin) befindet sich währenddessen noch bei der Ausgrabung eines Pharaonengrabs in Ägypten. Dabei wird sie von ihrem Widersacher Dieuleveult (
Mathieu Amalric) gestört, doch gelingt ihr die Flucht samt Mumie. Zurück in ihrer Heimatstadt Paris wird sie sofort in die Vorkommnisse mit dem Pterodaktylus hineingezogen, denn erstaunlicherweise existiert eine für sie sehr wichtige Verbindung zwischen dem Saurier und ihrer ägyptischen Mumie. Durch allerhand Schwierigkeiten mit unfähigen und korrupten Polizisten, heimlichen Verehrern, verrückten Wissenschaftlern und Verbrechern muß sich Adèle daraufhin kämpfen.
Luc Bessons Filme hatten schon mehrmals an zentraler Position eine starke Frauenfigur, so zum Beispiel in
Nikita,
Das fünfte Element und
Johanna von Orleans. Auch dieses Mal gelingt es ihm, unterstützt durch die beachtliche Leistung der noch relativ unbekannten
Louise Bourgoin, eine Figur zu erschaffen, die den gesamten Film tragen kann. Noch mehr wie in
Tardis Vorlage dreht sich alles um Adèle und so baut
Besson ihren Charakter der selbstbewußten, sturen, ideenreichen Frau aus. Im Gegensatz zu einem Comic ist es für einen Film noch entscheidender, daß eine Figur den Rezipienten die ganze Zeit über fesselt und eine Einfühlung ermöglicht.
Besson vermag es ebenfalls sehr gut, Adèles Status zwischen allen Epochen auszudrücken. Die Geschichte findet in einer Zeit statt, in der zwei Frauentypen, die Kindfrau und die Femme Fatale, vorherrschend waren. Adèle paßt zu keinem der beiden, befindet sich dazwischen oder vielleicht sogar ganz wo anders. Dies wird nicht zuletzt durch ihre anachronistischen Kostüme ausgedrückt. Auch ihre Verkleidungskünste beweisen, daß sie sich nicht so leicht in eine Rolle einpressen läßt.
Als Beispiel zwei Comicseiten. Copyright: Edition Moderne
In der Inszenierung versucht der Film die Sprunghaftigkeit, die Comics eigen ist, zu imitieren. Die schnellen Schnitte und wechselnden Schauplätze tragen dazu bei, daß die Geschichte temporeich und damit unterhaltsam bleibt. Dies kommt auch dem Humor der Erzählung zugute. Insgesamt läßt sich bemerken, daß der Film wesentlich humorvoller ist als seine Vorlage. Dies ist neben der charismatischen Hauptdarstellerin seine größte Stärke. Es läßt sich hier jedoch in
Bessons Ansatz eine Verschiebung bei der Adaption in Richtung Familienunterhaltung erkennen, was bei einigen Fans der Comics Abneigung hervorrufen könnte. Es könnte dem Film auch vorgeworfen werden, daß die hinzugefügte Rahmenhandlung selbst für einen Film mit Fantasyelementen etwas zu unlogisch erscheint und er dadurch fast in die Gefahr gerät, ebenso wie
Indiana Jones 4 an seiner phantastischen Auflösung zu scheitern. Doch die Komik und Adèle retten den Film und machen ihn zu einem sehr unterhaltsamen Familienfilm. Es ist noch zu erwähnen, daß der Film sich auch einen schlichtweg nur als französisch zu bezeichnenden Touch bewahrt, durch den einige Figuren und Situationen einen Charme erhalten, der in einer anderen, zum Beispiel amerikanischen, Produktion dieser Art fehlen würde.
Hier der Trailer des Films:
Bei
Edition Moderne sind die Comicvorlagen zu erhalten, hier der Band, der die zwei Teile enthält, auf denen der Film basiert.
Adèle und das Geheimnis der Pharaos / Les aventures extraordinaires d'Adèle Blanc-Sec
R: Luc Besson
D: Louise Bourgoin, Mathieu Almaric, Gilles Lellouche
Frankreich 2010, 107 Min.
Copyright: Universum Film
Kinostart: 30.9.2010