
Eine 20 bis 50 cm lange Stahlklinge ist wesentlicher Bestandteil des traditionellen Arbeitsgerätes der Macheteros auf den Zuckerrohrfeldern. Die Machete ist Alltagsgegenstand, der zumeist auf der südlichen Erdhalbkugel zum Einsatz kommt, immer noch dort, wo moderne Technik nicht erfolgreich angewendet wird. Die wendige ausbalancierte Konstruktion des Werkzeugs macht die Machete zu einer Verlängerung des Unterarms und begünstigt damit kraftvolles Zuschlagen. Damit ist es kaum verwunderlich, dass sie in ihrer Historie mehr als einmal über ihren ursprünglich intendierten Gebrauch hinaus eben auch zu einer Waffe geworden ist, insbesondere an der Seite der aufständischen Landbevölkerung. Darüber hinaus ist die Machete Bestandteil zahlreicher Erzählungen, dort ist sie exotisches Utensil von Helden in Romanen und Filmen, die dem Gegenstand den Hauch von Abenteuer verschaffen. Dieser Mythos aus lateinamerikanischer Revolutionsgeschichte und westlicher Imagination verschmilzt nun in einer Person:
Danny Trejo ist Machete und somit Hauptfigur in
Robert Rodriguez gleichnamigen neusten Film.
Genauso legendär und übergroß wie die Gerüchte um den Helden in seinem eigenen filmischen Kosmos kommt auch die reale Geschichte um die Entstehung des Films daher und wird in der Fangemeinde längst zu einer Legende der jüngeren Filmgeschichte gemacht.
Machete geht zurück auf einen Fake-Trailer, der im Rahmen des Grindhouse-Projektes, das in gemeinsamer Arbeit mit
Quentin Tarantino entstand und vor
Planet Terror, dem Beitrag von
Rodriguez, gezeigt wurde. Die Reaktionen auf den Trailer waren überwältigend und gleichermaßen fordernd - das Publikum wollte offenbar diesen Film. Der 66-jährige
Trejo, der schon in zahlreichen Werken
Rodriguez als einsilbiger, messerschwingender Mexikaner etabliert wurde, war hartnäckig genug um den geistigen Vater des Helden zu überzeugen, dass Machete ein lohnendes Projekt sein könne. Dem Rolling Stone Magazine gegenüber äußerte
Rodriguez, dass die Idee schon während des Castings zu
Desperado geboren sei, als
Trejo mit seinem Typus des grobschlächtigen Bösewichts überzeugte.
Robert Rodriguez kehrt damit zurück zu seinen Anfängen, die zuletzt mit
Irgendwann in Mexiko, die Trilogie um seinen in den neunziger Jahren erdachten namenlosen Helden, den Mariachi (
Antonio Banderas), abgeschlossen wurde. Diesmal allerdings tritt er unter ganz anderen Voraussetzung an als in seinem ersten Werk
El Mariachi oder dem nachfolgenden
Desperado. Hier ging es noch darum einen Heldenmythos mit denWurzeln in spanisch/mexikanischer Tradition zu schaffen, der über bekannte Genremuster transportiert wird. Zu dieser Zeit gab es keine vergleichbare Figur in der Aufmerksamkeit des Mainstreams. Die freche und dynamische Mischung aus Klischee und überhöhten Actionsequenzen überzeugte und wurde Teil der verstärkten Wahrnehmung der lateinamerikanischen Bevölkerungsgruppe in der Popkultur der neunziger Jahre.
Antonio Banderas und
Salma Hayek begründeten damit den Beginn ihrer erfolgreichen Karrieren,
Rodriguez erhielt in begeisterten Fankreisen das Prädikat Kultregisseur, noch vor dem aufsehenerregenden
Sin City.
Machete geht ähnliche Wege, erzeugt aber eine Figur, die so ganz anders ist als der schurkische Mariachi, der durch Leichtigkeit und Latino-Charme die Sympathien sammelte.
Trejos Spezialagent Machete findet sich in einem völlig anderen Kontext, als gefürchteter Ermittler der mexikanischen Bundespolizei steht er zunächst moralisch auf der richtigen Seite des Gesetzes, auch wenn ihn sein korruptes Umfeld betrügt. Er erinnert durch sein bulliges Äußeres und durch seine knappen One-Liner,
They just f****d with the wrong Mexican, mehr an die Hardbodies der achtziger Jahre. Mit
Steven Seagal als Gegenspieler ist völlig klar, dass diese Helden nun auch im Mexploitation-Universum von
Robert Rodriguez Einzug gehalten haben. Genauso tapsig wie die Vorbilder wirken diese Figuren dann auch, werden stellenweise zu einer wunderbaren Selbstkarikatur. Wenn der Protagonist mit rauer Stimme haucht
Machete don't text und damit seine Ablehnung gegen moderne SMS-Dienste zeigt, formuliert er auf banale Weise einen herzerfrischenden, zynischen Kommentar zur Gegenwart. Spätestens damit reiht er sich ganz in die Tradition der einsamen Helden der bunten Achtziger und erreicht die Güte eines
I’ll be back, wie ehemals
Arnold Schwarzenegger in
Camerons Terminator. Machete ist überlebensgroßer Held, ein Mythos von unberührbarem Ausmaß, niemand kann ihm etwas anhaben, er ist unbesiegbar.
Neben diesen Helden stellt
Rodriguez nun eine politische Dimension, die er bisher in einer solchen Eindeutigkeit nicht verarbeitet hat.
Machete bewegt sich in der Welt der dunklen Machenschaften an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Drogenkartelle und korrupte Politiker zertreten unschuldige Einwanderer mit ihren Stiefeln im Staub - das ist die simple Zeile, die den Hintergrund zusammenfasst, der den Film bestimmt. Auf seine eigene Art beschreibt er den zum modernen Kriegsschauplatz gewordenen Landstreifen mit den wirkungsvollen Schauwerten aus Blut, Sex und Gewalt und mit der Ästhetik des siebziger Jahre Exploitation-Films, was eine ungehemmte erzählerische Freiheit bietet, von der der Regisseur nachhaltig gebrauch macht.
So beginnt die eigentliche Handlung auch in diesem Niemandsland mit dem Feldzug gegen Drogenkönig Torrez (
Steven Seagal), der im Zuge dessen Machetes Familie tötet. Die Flucht nach Texas lässt die Vergangenheit des Helden nicht ruhen, hier wird er in ein betrügerisches Netz der Verschwörung verwickelt, die der skrupellose Geschäftsmann Booth (
Jeff Fahey) ersonnen hat um dem rassistischen Senator John McLaughlin (
Robert De Niro) bei einer Wahl den Rücken zu stärken. Machete wird zum Gejagten auf beiden Seiten der Grenze. Er steht nun zwischen den Welten und entkommt nur knapp den Häschern von Booth, sowie einer privaten Grenzarmee unter der Leitung eines brutalen und faschistoiden Anführers (
Don Johnson), die gemeinsame Sache mit dem Senator macht. Machete kann nur überleben, wenn er die Verschwörung aufdeckt und seinen Namen reinwäscht. Unerwartete Hilfe bekommt er von der schönen Einwanderungsbeamtin Sartana (
Jessica Alba) und der Revoluzzerin Luz (
Michelle Rodriguez), die als Ikone Shé schon längst den Widerstand gegen das korrupte System aufgenommen hat. Außerdem ist Machetes Bruder (
Cheech Marin) gewillt ihm Unterschlupf zu gewähren. Der bibelfromme Priester ist ein Vertreter seiner Zunft, der sich besser auf Gewehre versteht als auf Bibelsprüche und keinesfalls bereit ist die andere Wange hinzuhalten. Die Entführung der Ehefrau June (
Alicia Rachel Marek) seines Gegenspielers Booth und deren drogensüchtiger Tochter April (
Lindsay Lohan), die beide nicht mit textilfreien Auftritten geizen, bringt eine Wendung in der Geschichte und letztlich führt ihn der mit Leichen und gebrochenen Herzen gepflasterter Weg zu einer schicksalshaften letzten, großen, epischen Schlacht gegen den alten Erzfeind Torez, der sich als übermächtiger Drahtzieher hinter allem offenbart.
Machete ist eine zynische Rachegeschichte in der
Robert Rodriguez grobe und derbe Unterhaltung in den Mittelpunkt setzt. Seine Vision der TexMex Oktoberrevolution produziert mit
Danny Trejo einen zwar schwerfälligen Helden, aber, bei aller Spielerei mit den Genrekonventionen, einen erwachseneren Chicano Pastiché mit scharfzüngiger Satire und tagespolitischen Bezug, was eher ungewöhnlich für den Regisseur ist. Trotz des Staraufgebotes und dem größeren Budget zeigt sich
Rodriguez einmal mehr als bemerkenswert kreativer Künstler, der den selbstdefinierten Mariachi-Style immer noch beherrscht:
Creativity, not money, is used to solve problems. Auch hier ist er maßgeblich an vielen Teilen der Produktion beteiligt, vom Schnitt, dem Skript bis hin zu der Musik, die diesmal aus der Feder der Band
Chingón stammt, gegründet von keinem anderen als dem Filmemacher selbst.
Machete zeigt mit all seiner chaotischen Gewalt, schmutzigem Sex, schrägem Humor und grotesker Ausstellung des US-amerikanischen Immigrationsproblems eine unkonventionelle und verruchte Seite des amerikanischen Films, die in den letzten Jahren erstaunlich gesellschaftsfähig geworden ist.
MACHETE
R: Robert Rodriguez, Ethan Manquis (Co-Regisseur)
D: Danny Trejo, Robert De Niro, Steven Seagal, Michelle Rodriguez, Jeff Fahey, Cheech Marin, Lindsay Lohan, Don Johnson, Jessica Alba
FSK 18, USA 2010, 105 Min
Sony Pictures Releasing GmbH
Kinostart: 4.11.2010