Another Year
Mike Leigh ist neuerdings der große Optimist unter den großen Realisten. Das konnte einem in seinem letzten Film Happy-go-lucky gehörig auf die Nerven gehen, so aufgedreht fröhlich wischte die Protagonistin, eine 30-jährige Grundschullehrerin, jeden Rückschlag ihres Lebens mir nichts, dir nichts vom Tisch. In seinem neuen Film Another Year schlägt er ruhigere Töne an. In vier Episoden - Frühling, Sommer, Herbst und Winter - erzählt der Film ein Jahr aus dem Leben von Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen), einem Ehepaar kurz vor der Pensionierung. Mit ihren Namensvettern aus dem Cartoon verbindet sie wenig: Sie sind ein glückliches Paar, Mittelschicht, leidlich wohlhabend, mit sich und der Welt im Reinen. Ein glückliches Ehepaar, das allein wirkt geradezu provokant, als wolle Mike Leigh ausrufen: "Seien wir doch realistisch, glückliche Menschen, die gibt es eben auch!" Aber wir begegnen auch den Kindern der Traurigkeit in Another Year. Gerris Arbeitskollegin Mary (Lesley Manville) und Toms Jugendfreund Ken (Peter Wight), gleichermaßen einsam und enttäuscht, das Leben verpasst zu haben. Besäßen sie nicht die Freundschaft von Tom und Gerri, ihnen bliebe nur noch Selbstmitleid und der Griff zur Flasche. Und Ronnie (David Bradley), Toms älterer Bruder, wird aus Schwermut fast lebensunfähig, als seine Frau stirbt. Nicht mal Kaffee kann er noch alleine machen. So nehmen ihn Tom und Gerri für ein paar Monate zu sich, um ihn wieder auf Vordermann zu bringen. Sie scheinen so ausgeglichen, dass sie jedem in ihrer Nähe ein Stück Glück abgeben können. They're good and decent people.
Eine Geschichte erzählt Mike Leigh hier natürlich nicht. „Ich habe mich der Aufgabe verschrieben, außergewöhnliche Filme über das gewöhnliche Leben zu machen“, hat er einmal gesagt. Das gewöhnliche Leben kennt aber keine Geschichten, wie schon Wenders in Der Stand der Dinge festgestellt hat. Darum hält sich Leigh strikt an das, was der Titel verspricht: Ein Jahr im Leben seiner Figuren zu schildern. Situationen, Ereignisse, die Erfolge und Niederlagen des Alltags - ohne all das in ein dramaturgisches Korsett zu zwingen. Das Ende von Another Year ist so offen wie sein Anfang, das Erzählprinzip ein episodisches, versinnbildlicht an den vier Jahreszeiten, deren Veränderung wir im Schrebergarten von Tom und Gerri miterleben - gleichzeitig ein Hinweis auf den Alterungsprozess und das Zyklische des Menschenlebens. Diese Bilder des Gartens im Zeichen der Jahreszeit, die, von leiser Musik untermalt, jeweils als Übergänge der vier Episoden dienen, erinnern ein wenig an Yasujiro Ozus Reise nach Tokyo. Auch dort geht es ums Altern und auch dort schneidet Ozu immer wieder Metaphern des Zeitflusses zwischen die Szenen: Schiffe, die langsam an der Stadt vorbeigleiten, Lokomotiven, die in den Bahnhof einfahren.
Damit ein Film über das Gewöhnliche nicht langweilt, braucht es natürlich gute Schauspieler, die dem Ganzen auch Leben einhauchen. Mike Leigh hat nur die Besten. Warum ihr Spiel so echt wirkt (und zwar das des ganzen Ensembles), ist schwer zu beschreiben, denn man hat schnell den Eindruck, als kenne man die Figuren aus Another Year persönlich. They talk like you and me. Für Leigh spielen die Schauspieler aber noch aus einem anderen Grund eine Rolle, nämlich, weil sie entscheidend am Entstehungsprozess seiner Filme teilnehmen. Wochenlang versammelt er sie um sich und entwickelt mit ihnen zusammen die Figuren. Ein Drehbuch gibt es vorher nicht, erst während der Proben entsteht der Film. Daraus wird aber keineswegs abgefilmtes Theater, wie man vielleicht denken könnte. Die Kamera von Dick Pope (auch ein jahrelanger Mitarbeiter von Leigh) beobachtet präzise, oft verweilt sie länger als notwendig und darum entgehen ihr selbst die kleinsten Vorgänge nicht: die Suppe, die aufs Hemd tropft, die verlegen das Haar kräuselnde Hand, der zu große Schluck aus dem Weinglas. Dinge, die wir im Leben oft gar nicht mehr wahrnehmen. Für Kracauer würde dieser Film an der "Errettung der äußeren Wirklichkeit" teilhaben. Film und Leben näher zusammenbringen. Von beidem versteht Mike Leigh eine ganze Menge.
Another Year - Pressespiegel auf www.film-zeit.de
Another Year
R: Mike Leigh
D: Jim Broadbent, Ruth Sheen, Lesley Manville, Peter Wight
UK 2010, 129 Min.
Verleih: Prokino
Kinostart: 27.01.2011







2 Kommentare zu "Another Year"
Ich bin total zwiegespalten, schauspielerisch ist der Film eine Wucht, aber die Geschichte, die erzählt wird, bzw. die Beziehungen, die dargestellt werden, haben mich nur wütend gemacht, teilweise konnte ich es kaum ertragen, weiter zuzuhören/zuzuschauen. Tom und Gerri, die "Gutmenschen", umgeben sich jenseits ihres Sohnes und dessen neuer Freundin ausschließlich mit psychischen Wracks, gebieten weder Marys noch Kens Egozentrik Einhalt, sondern beschränken sich darauf, sich durch vielsagende, stumme Blicke untereinander und durch eindeutig ablehnende Kommentare hinterher, auch im Austausch mit dem Sohn, nachträglich über sie zu erheben. Geht man so mit "guten Freunden" um? Gerri ist angeblich 20 Jahre mit Mary befreundet und lässt diese ungehindert bechern, was das Zeug hält, erst als es um ein potentielles neues Familienmitglied geht, die von Mary abwertend beurteilt wird, spricht sie davon, von dieser "enttäuscht" zu sein und rät ihr, einen Therapeuten aufzusuchen.
Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was Gerris Interesse an der Freundschaft zu Mary ist? Von gleicher Augenhöhe kann jedenfalls keine Rede sein, aber vielleicht ist es ja gerade das, sich überlegen fühlen zu können, angesichts des Elends der "Freundin", was diese Beziehung für Gerri attraktiv sein lässt. Und das finde ich äusserst fragwürdig.
I believe in this Film Mike Leigh is almost trying to trace his Autobiagraphy. The focusing on this friendship so naive but at the time profound is almost the way He tries to dipict his life style through his past Works where friendship and private Inner life seem to Interact in a chemistry of situation that gives us always a new portrait of a Relationship, not only between a Man and a Woman butalso between different generations. What I find out that even in the finest part of Commedy of His Films there are always traces of Tristesse.
Mahari seghid
African Refugees News
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