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| Als im Jugendgefängnis sein Talent zum Langstreckenläufer entdeckt wird, wird Colin Smith das erste Mal in seinem Leben gefördert. Zunächst genießt er die Anerkennungen, doch als er bemerkt, dass der Gefängnisdirektor nur auf den Pokal schielt, den es bei einem Wettkampf zu gewinnen gilt, und an ihm selbst kein Interesse zeigt, weigert sich Smith die ihm auferlegten Erwartungen zu erfüllen... |
Plädoyer für eine Wiederentdeckung des New British Cinema
Der Vorspann: Ein junger Mann (
Tom Courtenay) läuft alleine eine Straße entlang. Per Off-Kommentar sagt er: "Running had always been made much of in our family, especially running away from the police." Der Titel wird eingeblendet: "
The Loneliness of the Long Distance Runner" (deutsch:
Die Einsamkeit des Langstreckenläufers), Regie führte
Tony Richardson, das Drehbuch stammt von
Alan Sillitoe, der seine gleichnamige Kurzgeschichte adaptierte.
Trotz der in der Familie vorhandenen Gabe zu laufen, wird er gefasst; der Film zeigt zu Beginn seine Ankunft im Jugendgefängnis. Nun erfahren wir auch seinen Namen: Colin Smith. Der Gefängnisdirektor (
Michael Redgrave), "Governor" genannt, versucht die Inhaftierten durch Disziplin, viel Arbeit und viel Sport wieder zu gesellschaftsdienlichen Menschen erziehen. Als er entdeckt, dass Colin ein Talent zum Langstreckenläufer besitzt, will er es fördern und gibt ihm das Recht ohne Aufsicht außerhalb der Gefängnismauern zu trainieren. Dabei hat er Zeit nachzudenken und der Zuschauer erfährt so durch Rückblenden, welche Straftat ihn ins Gefängnis brachte.
Eine moralische Bewertung der Tat bietet der Film nicht. Das Verbrechen steht auch nicht im Fokus der Rückblenden. Viel mehr interessiert sich
The Loneliness of the Long Distance Runner für die Lebensumstände. Der Hauptprotagonist wird durch den tristen Alltag einer britischen Industriestadt begleitet. Beispielsweise, wie er sich mit seinem besten Freund ein Auto "leiht" und sie so zwei Mädchen aufreißen. Dabei offenbaren sich die Probleme der jungen Protagonisten, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.
Tony Richardsons The Loneliness of the Long Distance Runner (1962) ist einer der besten Vertreter der
New British Wave. Er gehört zu einer Reihe von Filmen, die Ende der 50er-Jahre und Anfang der 60er-Jahre entstanden sind und ein möglichst realistisches Abbild der Gesellschaft erzeugen wollten. Weitere bedeutende Filme aus dieser Bewegung sind
Karel Reisz'
Saturday Night and Sunday Morning (1960;
Samstagnacht und Sonntagmorgen) oder
Lindsay Andersons This Sporting Life (1963;
Lockender Lorbeer). Sie zeigen die Bemühungen der englischen Arbeiterschicht ein Klassenbewusstsein zu erlangen und aus dem starren Alltag zu entfliehen.
Reisz' Spielfilmdebüt legt den Fokus auf das Wochenende eines jungen Arbeiter, zwischen Sauftouren im Pub am Samstagabend und Angeln am Sonntagmorgen.
Andersons erster Spielfilm zeigt den Aufstieg eines Jugendlichen aus der Arbeiterklasse zum gefeierten Rugbyspieler.
Reisz,
Anderson und
Richardson knüpften einerseits an die von ihnen in Oxford gebildete Gruppierung
Free Cinema an. Unter diesem Namen präsentierten sie in Veranstaltungen ihre eigenen kurzen Dokumentarfilme, aber auch Kurzfilme aus dem Ausland (unter anderen von den späteren Vertretern der
Nouvelle Vague). Ähnlich wie die französischen Kollegen der
Nouvelle Vague betätigten sie sich als Filmkritiker. Ihre ebenso radikalen Artikel erschienen in der Zeitschrift
Sight & Sound, verlangten nach einer neuen Form des Kinos und die Abkehr vom Kino der Qualität. Die später entstehenden Filme sind aber deutlich von der
Nouvelle Vague zu unterscheiden: Sie wollen den modernen Menschen durch eine Nähe zum Dokumentarischen aufspüren und verzichten auf intellektuelle Verweise auf die Kino- und Literaturgeschichte.
Andererseits basieren viele ihrer Filme auf Texte der sogenannten
angry young men, einer Gruppe englischer Schriftsteller, in deren Theaterstücken oder Erzählungen vor allem die Diskrepanz zwischen der Jugend und der konservativen Gesellschaft thematisiert wird. Oftmals werden die englischen Realismus-Bewegungen unter dem Begriff
Kitchen sink realism zusammengefasst. Es ist aber wichtig die Begriffe
Free Cinema und
New British Wave zu trennen; fälschlicherweise werden oftmals Kinofilme wie
The Loneliness of the Long Distance Runner dem
Free Cinema zugeordnet, was nicht ganz korrekt ist, da hierunter noch die Anfänge der Oxforder Gruppe im Dokumentarfilm gemeint sind.
Als Beginn der
New British Wave gilt
Room at the Top (1959;
Der Weg nach oben) von
Jack Clayton. Der Film zeigt eindrucksvoll den Aufstieg eines Mannes aus der Arbeiterklasse, der schließlich die Tochter eines Firmenbesitzers heiratet. Dabei verliert er immer mehr seine eigene Identität. Der Film wurde mit zwei Oscars ausgezeichnet.
Ein fast immer wiederkehrender Moment der Filme ist die ungewollte Schwangerschaft. So auch in
John Schlesingers Debütfilm
A Kind of Loving (1962;
Nur ein Hauch Glückseligkeit), einer ruhig erzählten Liebesgeschichte zwischen einem technischen Zeichner und einer Schreibkraft, die in der selben Firma angestellt sind.
Schlesinger, der später in die USA ging und für
Midnight Cowboy (1969;
Asphalt-Cowboy) einen Oscar erhielt, gelang mit
A Kind of Loving eine sorgfältige Milieustudie innerhalb der Arbeiterklasse, ganz im Sinne des
Free Cinema.
1959 konnte
Tony Richardson seinen ersten Langfilm,
Look Back in Anger (
Blick zurück in Zorn), realisieren, mit
Richard Burton in seiner erster großen Rolle. Der Film handelt von der schwierigen Ehe zweier Menschen mit unterschiedlicher Klassenangehörigkeit und ist eine Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks von
John Osborne, einen jener
angry young men, zu denen auch
Alan Sillitoe gehörte, der für
Saturday Night and Sunday Morning und
The Loneliness of the Long Distance Runner seine eigenen Texte adaptierte. Besonders gelungen ist auch
Richardsons vierter Langfilm
A Taste of Honey (
Bitterer Honig), der 1961 entstand. Hier wird das damalige Tabuthema Homosexualität direkt angesprochen.
Mit
Tom Jones (1963;
Tom Jones - Zwischen Bett und Galgen) verlässt
Richardson den Bereich des realistischen Films. Die filmische Illusion wird hier gebrochen, so entsteht eine äußerst bissige Satire nach dem Roman von
Henry Fielding. Der Film bekam 4 Oscars, für die beste Regie, den besten Film, die beste Filmmusik und für das beste adaptierte Drehbuch, das
John Osborne verfasste. Auch die anderen Regisseure der
New British Wave entfernten sich allmählich vom
Kitchen sink realism.
Andersons benutzt beispielsweise in seinem Meisterwerk
If... (1968) surrealistische Bilder, hat sich aber noch immer der Thematik des jugendlichen Rebell verpflichtet. Den Generationskonflikt verarbeitete der durch die Beatles-Filme bekannt gewordene Regisseur
Richard Lester mit
The Knack ... and How to Get It (1965;
Der gewisse Kniff) im Gewand einer avantgardistischen Komödie.
Jean-Luc Godard sagte 1968 anlässlich des Abbruchs der Filmfestspiele von Cannes, bisher habe man (ihn eingeschlossen) versäumt, Filme über die gerade auf den Straßen protestierenden Arbeiter zu drehen. Dabei missachtet er den
Kitchen sink realism, dessen Blütezeit allerdings 1968 auch bereits vorbei war. Doch anstatt an dessen Ansätze anzuknüpfen, entfernt sich
Godard mit intellektuellen Filmen wie dem durchaus gelungenen
Tout va bien (1972;
Alles in Butter) nur noch weiter vom einfachen Arbeiter.
Eine Wiederentdeckung der
New British Wave tut angesichts der omnipräsenten
Nouvelle Vague gut. Von den genannten Filmen waren allerdings bisher nur
Saturday Night and Sunday Morning, The Knack und
Tom Jones in Deutschland auf DVD erhältlich. Nun wird endlich mit
The Loneliness of the Long Distance Runner ein weiterer Schlüsselfilm auf den deutschen Markt gebracht. Leider ist die DVD-Auswertung des Films nicht besonders gelungen, denn zwar ist neben der deutschen Synchronisation auch die Originaltonspur auf der DVD vorhanden, doch es finden sich keine Untertitel, die jedoch angesichts der Besonderheiten der britischen Umgangssprache auch für Zuschauer mit guten Englischkenntnissen an einigen Stellen sehr hilfreich wären. Gerade der in der Synchronisation verlorene
slang der Arbeiterschicht ermöglicht einen realistischen und zugleich faszinierenden Einblick in die britische Gesellschaft der 60er-Jahre.
Gleichwohl bietet die DVD-Auswertung die Möglichkeit einen Einblick in das
New British Cinema zu bekommen. Heute führen
Mike Leigh (gerade erst erschien sein neuer Film
Another Year) und
Ken Loach (zuletzt mit dem grandiosen
Looking for Eric; 2009) die Tradition des realistischen britischen Films fort und genießen dabei große Aufmerksamkeit. Um deren Werke besser im Kontext der nationalen Kinogeschichte Großbritanniens verstehen zu können, sind weitere Veröffentlichungen aus der Blütezeit des
Kitchen sink realism wünschenswert. Aber bitte mit Untertiteln!
Literaturhinweis:
Jörg Helbig:
Geschichte des britischen Films. Stuttgart, Weimer (Metzler) 1999.
Die Einsamkeit des Langstreckenläufers / The Loneliness of the Long Distance Runner
R: Tony Richardson
B: Alan Sillitoe
D: Tom Courteney, Michael Redgrave
GB 1962; 99 min.
Verlieh: Eurovideo
Veröffentlichung: 17.02.2011
Bildformat: 16:9 anamorph
Sprachen: Deutsch (Mono DD 2.0); Englisch (Mono DD 2.0)
FSK: ab 12
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| Als im Jugendgefängnis sein Talent zum Langstreckenläufer entdeckt wird, wird Colin Smith das erste Mal in seinem Leben gefördert. Zunächst genießt er die Anerkennungen, doch als er bemerkt, dass der Gefängnisdirektor nur auf den Pokal schielt, den es bei einem Wettkampf zu gewinnen gilt, und an ihm selbst kein Interesse zeigt, weigert sich Smith die ihm auferlegten Erwartungen zu erfüllen... |
Plädoyer für eine Wiederentdeckung des New British Cinema
Der Vorspann: Ein junger Mann (
Tom Courtenay) läuft alleine eine Straße entlang. Per Off-Kommentar sagt er: "Running had always been made much of in our family, especially running away from the police." Der Titel wird eingeblendet: "
The Loneliness of the Long Distance Runner" (deutsch:
Die Einsamkeit des Langstreckenläufers), Regie führte
Tony Richardson, das Drehbuch stammt von
Alan Sillitoe, der seine gleichnamige Kurzgeschichte adaptierte.
Trotz der in der Familie vorhandenen Gabe zu laufen, wird er gefasst; der Film zeigt zu Beginn seine Ankunft im Jugendgefängnis. Nun erfahren wir auch seinen Namen: Colin Smith. Der Gefängnisdirektor (
Michael Redgrave), "Governor" genannt, versucht die Inhaftierten durch Disziplin, viel Arbeit und viel Sport wieder zu gesellschaftsdienlichen Menschen erziehen. Als er entdeckt, dass Colin ein Talent zum Langstreckenläufer besitzt, will er es fördern und gibt ihm das Recht ohne Aufsicht außerhalb der Gefängnismauern zu trainieren. Dabei hat er Zeit nachzudenken und der Zuschauer erfährt so durch Rückblenden, welche Straftat ihn ins Gefängnis brachte.
Eine moralische Bewertung der Tat bietet der Film nicht. Das Verbrechen steht auch nicht im Fokus der Rückblenden. Viel mehr interessiert sich
The Loneliness of the Long Distance Runner für die Lebensumstände. Der Hauptprotagonist wird durch den tristen Alltag einer britischen Industriestadt begleitet. Beispielsweise, wie er sich mit seinem besten Freund ein Auto "leiht" und sie so zwei Mädchen aufreißen. Dabei offenbaren sich die Probleme der jungen Protagonisten, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.
Tony Richardsons The Loneliness of the Long Distance Runner (1962) ist einer der besten Vertreter der
New British Wave. Er gehört zu einer Reihe von Filmen, die Ende der 50er-Jahre und Anfang der 60er-Jahre entstanden sind und ein möglichst realistisches Abbild der Gesellschaft erzeugen wollten. Weitere bedeutende Filme aus dieser Bewegung sind
Karel Reisz'
Saturday Night and Sunday Morning (1960;
Samstagnacht und Sonntagmorgen) oder
Lindsay Andersons This Sporting Life (1963;
Lockender Lorbeer). Sie zeigen die Bemühungen der englischen Arbeiterschicht ein Klassenbewusstsein zu erlangen und aus dem starren Alltag zu entfliehen.
Reisz' Spielfilmdebüt legt den Fokus auf das Wochenende eines jungen Arbeiter, zwischen Sauftouren im Pub am Samstagabend und Angeln am Sonntagmorgen.
Andersons erster Spielfilm zeigt den Aufstieg eines Jugendlichen aus der Arbeiterklasse zum gefeierten Rugbyspieler.
Reisz,
Anderson und
Richardson knüpften einerseits an die von ihnen in Oxford gebildete Gruppierung
Free Cinema an. Unter diesem Namen präsentierten sie in Veranstaltungen ihre eigenen kurzen Dokumentarfilme, aber auch Kurzfilme aus dem Ausland (unter anderen von den späteren Vertretern der
Nouvelle Vague). Ähnlich wie die französischen Kollegen der
Nouvelle Vague betätigten sie sich als Filmkritiker. Ihre ebenso radikalen Artikel erschienen in der Zeitschrift
Sight & Sound, verlangten nach einer neuen Form des Kinos und die Abkehr vom Kino der Qualität. Die später entstehenden Filme sind aber deutlich von der
Nouvelle Vague zu unterscheiden: Sie wollen den modernen Menschen durch eine Nähe zum Dokumentarischen aufspüren und verzichten auf intellektuelle Verweise auf die Kino- und Literaturgeschichte.
Andererseits basieren viele ihrer Filme auf Texte der sogenannten
angry young men, einer Gruppe englischer Schriftsteller, in deren Theaterstücken oder Erzählungen vor allem die Diskrepanz zwischen der Jugend und der konservativen Gesellschaft thematisiert wird. Oftmals werden die englischen Realismus-Bewegungen unter dem Begriff
Kitchen sink realism zusammengefasst. Es ist aber wichtig die Begriffe
Free Cinema und
New British Wave zu trennen; fälschlicherweise werden oftmals Kinofilme wie
The Loneliness of the Long Distance Runner dem
Free Cinema zugeordnet, was nicht ganz korrekt ist, da hierunter noch die Anfänge der Oxforder Gruppe im Dokumentarfilm gemeint sind.
Als Beginn der
New British Wave gilt
Room at the Top (1959;
Der Weg nach oben) von
Jack Clayton. Der Film zeigt eindrucksvoll den Aufstieg eines Mannes aus der Arbeiterklasse, der schließlich die Tochter eines Firmenbesitzers heiratet. Dabei verliert er immer mehr seine eigene Identität. Der Film wurde mit zwei Oscars ausgezeichnet.
Ein fast immer wiederkehrender Moment der Filme ist die ungewollte Schwangerschaft. So auch in
John Schlesingers Debütfilm
A Kind of Loving (1962;
Nur ein Hauch Glückseligkeit), einer ruhig erzählten Liebesgeschichte zwischen einem technischen Zeichner und einer Schreibkraft, die in der selben Firma angestellt sind.
Schlesinger, der später in die USA ging und für
Midnight Cowboy (1969;
Asphalt-Cowboy) einen Oscar erhielt, gelang mit
A Kind of Loving eine sorgfältige Milieustudie innerhalb der Arbeiterklasse, ganz im Sinne des
Free Cinema.
1959 konnte
Tony Richardson seinen ersten Langfilm,
Look Back in Anger (
Blick zurück in Zorn), realisieren, mit
Richard Burton in seiner erster großen Rolle. Der Film handelt von der schwierigen Ehe zweier Menschen mit unterschiedlicher Klassenangehörigkeit und ist eine Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks von
John Osborne, einen jener
angry young men, zu denen auch
Alan Sillitoe gehörte, der für
Saturday Night and Sunday Morning und
The Loneliness of the Long Distance Runner seine eigenen Texte adaptierte. Besonders gelungen ist auch
Richardsons vierter Langfilm
A Taste of Honey (
Bitterer Honig), der 1961 entstand. Hier wird das damalige Tabuthema Homosexualität direkt angesprochen.
Mit
Tom Jones (1963;
Tom Jones - Zwischen Bett und Galgen) verlässt
Richardson den Bereich des realistischen Films. Die filmische Illusion wird hier gebrochen, so entsteht eine äußerst bissige Satire nach dem Roman von
Henry Fielding. Der Film bekam 4 Oscars, für die beste Regie, den besten Film, die beste Filmmusik und für das beste adaptierte Drehbuch, das
John Osborne verfasste. Auch die anderen Regisseure der
New British Wave entfernten sich allmählich vom
Kitchen sink realism.
Andersons benutzt beispielsweise in seinem Meisterwerk
If... (1968) surrealistische Bilder, hat sich aber noch immer der Thematik des jugendlichen Rebell verpflichtet. Den Generationskonflikt verarbeitete der durch die Beatles-Filme bekannt gewordene Regisseur
Richard Lester mit
The Knack ... and How to Get It (1965;
Der gewisse Kniff) im Gewand einer avantgardistischen Komödie.
Jean-Luc Godard sagte 1968 anlässlich des Abbruchs der Filmfestspiele von Cannes, bisher habe man (ihn eingeschlossen) versäumt, Filme über die gerade auf den Straßen protestierenden Arbeiter zu drehen. Dabei missachtet er den
Kitchen sink realism, dessen Blütezeit allerdings 1968 auch bereits vorbei war. Doch anstatt an dessen Ansätze anzuknüpfen, entfernt sich
Godard mit intellektuellen Filmen wie dem durchaus gelungenen
Tout va bien (1972;
Alles in Butter) nur noch weiter vom einfachen Arbeiter.
Eine Wiederentdeckung der
New British Wave tut angesichts der omnipräsenten
Nouvelle Vague gut. Von den genannten Filmen waren allerdings bisher nur
Saturday Night and Sunday Morning, The Knack und
Tom Jones in Deutschland auf DVD erhältlich. Nun wird endlich mit
The Loneliness of the Long Distance Runner ein weiterer Schlüsselfilm auf den deutschen Markt gebracht. Leider ist die DVD-Auswertung des Films nicht besonders gelungen, denn zwar ist neben der deutschen Synchronisation auch die Originaltonspur auf der DVD vorhanden, doch es finden sich keine Untertitel, die jedoch angesichts der Besonderheiten der britischen Umgangssprache auch für Zuschauer mit guten Englischkenntnissen an einigen Stellen sehr hilfreich wären. Gerade der in der Synchronisation verlorene
slang der Arbeiterschicht ermöglicht einen realistischen und zugleich faszinierenden Einblick in die britische Gesellschaft der 60er-Jahre.
Gleichwohl bietet die DVD-Auswertung die Möglichkeit einen Einblick in das
New British Cinema zu bekommen. Heute führen
Mike Leigh (gerade erst erschien sein neuer Film
Another Year) und
Ken Loach (zuletzt mit dem grandiosen
Looking for Eric; 2009) die Tradition des realistischen britischen Films fort und genießen dabei große Aufmerksamkeit. Um deren Werke besser im Kontext der nationalen Kinogeschichte Großbritanniens verstehen zu können, sind weitere Veröffentlichungen aus der Blütezeit des
Kitchen sink realism wünschenswert. Aber bitte mit Untertiteln!
Literaturhinweis:
Jörg Helbig:
Geschichte des britischen Films. Stuttgart, Weimer (Metzler) 1999.
Die Einsamkeit des Langstreckenläufers / The Loneliness of the Long Distance Runner
R: Tony Richardson
B: Alan Sillitoe
D: Tom Courteney, Michael Redgrave
GB 1962; 99 min.
Verlieh: Eurovideo
Veröffentlichung: 17.02.2011
Bildformat: 16:9 anamorph
Sprachen: Deutsch (Mono DD 2.0); Englisch (Mono DD 2.0)
FSK: ab 12
DVD: Die Einsamkeit des Langstreckenläufers