Los Angeles. Das Cape einer Superman-Actionfigur flattert heroisch im Wind. Sie wird von einer kleinen Hand aus dem Fenster einer Limousine gehalten, die sich auf dem Weg zum Anwesen des Medienmoguls James Reid (Tom Wilkinson) befindet. Kleine Hand sowie Actionfigur gehören zu Reids Sohnemann Britt, zu dem Zeitpunkt nicht älter als zwölf. Im Anwesen angekommen, hält ihm sein Vater eine Standpauke. In der Schule hatte sich Britt in eine Schlägerei eingemischt. Er habe doch nur versucht, den Schwächeren zu helfen. Versuchen ist wertlos, wettert der Vater, wenn du nicht Erfolg hast. Seit mehreren Jahren kämpft er mit seiner Zeitung „The Daily Sentinel“ gegen das Verbrechen und die Korruption der Stadt. Britts naiver Schuljungenheroismus bringt ihn aus der Fassung. Verärgert nimmt er seinem Sohn die Supermanfigur aus der Hand und reißt ihr den Kopf ab. Ein etwas anderes Kindheitstrauma aus dem Leben eines Superhelden.
Eine Zwischenbilanz des superhero-movies: Was ist nach Spider-Man und The Dark Knight, Hancock und Kick-Ass noch möglich? Seit mehr als zehn Jahren ist der Kinozuschauer konzentriert mit Superheldengeschichten gefüttert worden. Dabei bereiteten ihm erfolglose Reboots (Superman Returns) und unnötige Spin-offs (X-Men Origins: Wolverine) einige Schluckbeschwerden, gezielte Heldendekonstruktionen dagegen lagen ihm schwer im Magen (Watchmen). Doch eigentlich gingen die meisten Filme, wie etwa die erfolgreichen Marvel- und DC-Franchises, runter wie Öl. Jetzt ist der Zuschauer jedoch überfressen, das angebotene Filmfutter künstlich überzüchtet (Iron Man 2). Wie soll man da die Überportion Superheldenfilme, die in den nächsten zwei Jahren ansteht, noch hinunter kriegen?
In diesem Zusammenhang bildet The Green Hornet einen interessanten Gegenakzent. Statt für ein ausgereiftes Charakterdrama oder eine aktuelle Gesellschaftskritik benutzt dieser Film das Superheldenvehikel, um eine simple buddy-comedy zu erzählen: Nach dem mysteriösen Tod seines Vaters überdenkt der inzwischen älter gewordene, aber immer noch nicht erwachsene Britt (Seth Rogen) seinen eindeutig genussorientierten Lebensstil. Um wenigstens einmal etwas Bedeutsames vollbracht zuhaben, entscheidet er, als maskierter Rächer „Green Hornet“ statt den Frauen nunmehr den Verbrechern hinterherzujagen. Dabei ist er jedoch auf die Unterstützung seines Gehilfen Kato (Jay Chou) angewiesen, der nicht nur exzellenten Cappuccino kochen kann, sondern auch ein Meister der Martial Arts und Erfinder vieler praktischer Gadgets ist. Zusammen räumen sie als unschlagbares Duo die Unterwelt von Los Angeles auf und ziehen den Zorn des Gangsterbosses Benjamin Chudnofsky (Christoph Waltz) auf sich. Doch geht die größte Bedrohung für das Männerpaar nicht von dem schießwütigen Schurken mit der doppelläufigen Wumme aus, sondern vom weiblichen Geschlecht: Die attraktive Sekretärin Lenore Case (Cameron Diaz), der beide sofort hoffnungslos verfallen sind, stellt die Freundschaft der Helden auf die berühmte Probe.
Mit The Green Hornet erfüllten sich die Drehbuchautoren/Produzenten Seth Rogen und Evan Goldberg ein langjähriges Wunschprojekt: Ein Film, der sich voll und ganz auf die Beziehung zwischen Superheld und Sidekick konzentriert. Dabei haben Green Hornet & Kato bei genauerer Betrachtung allerdings weniger etwas mit klassischen Comic-Superhelden gemein als vielmehr mit den komischen Helden aus Rogens und Goldbergs Superbad. Statt Heldenpathos herrscht der bei Judd Apatow erprobte Geist der bromance, der Kumpelromanze. Peniswitze inklusive. So wird der Vater-Sohn-Konflikt, in anderen superhero-movies ein tragischer Moment ödipalen Ausmaßes, in The Green Hornet auf recht kindische Weise gelöst: Die erste Tat, die Britt als Green Hornet vollführt, ist jugendlicher Vandalismus im Geiste Bart Simpsons, verübt an der Gedenkstatue seines verstorbenen Vaters. Als späte Rache für seine zerstörte Plastikfigur klaut er dem bronzenen Ebenbild seines Erzeugers die Birne. Ein Kopf für einen Kopf. Das Gesetz des Schulhofs hat gesprochen.
Der Bezug zum superhero-movie vollzieht sich in The Green Hornet weniger auf diegetischer, sondern vielmehr auf metareflexiver Ebene. So entscheiden sich Britt und Kato, nicht als Superhelden aufzutreten, sondern als Verbrecher. Sie haben die Rollen von Held und Schurke aus Comic und Film verstanden. Denn dem Helden steht im Kampf gegen das Böse letztlich seine Güte nur im Weg, in den meisten Fällen wird sie sogar vom Schurken gegen ihn verwendet. Interessanterweise wird den Figuren allerdings die Einsicht in ihre eigene Rollenerwartung gleichzeitig zum Verhängnis, lässt sie in kleine Identitätskrisen stürzen. So muss der Sidekick Kato damit leben, seinen heldenhaften Partner in punkto Stärke, Gewitztheit und Charme zu übertreffen, jedoch aus dessen Schatten nicht heraustreten zu können. Auch die sichtbar reifer gewordene Cameron Diaz bleibt nicht verschont. Als Love Interest wird sie vom Protagonisten damit konfrontriert, den Frühling und Sommer ihres Lebens schon hinter sich zu haben. Am härtesten von allen hat es allerdings den Schurken erwischt: In seiner Einführungsszene wird Chudnofsky von einem jungen Clubbesitzer wegen seines unaussprechlichen Namens verspottet. Er ist eben nicht cool genug, um böse zu sein. Das sitzt. Chudnofsky ist verletzt. Mit halber Begeisterung richtet er den Geschäftsgegner hin. Sein mangelndes Charisma gibt ihm zu denken. Als dann The Green Hornet auftaucht und sein Verbrechensimperium bedroht, macht er sich mehr Sorgen darum, dass der neue maskierte Konkurrent angsteinflößender wirken könnte als er selbst. Das geht nicht. Der Superschurke in der Midlife-Crisis versucht einen Imagewechsel. Als „Bloodnofsky“ mit rotem Mantel, Gasmaske und albernem catchphrase macht er sich schließlich vollends zum Kasper.
Bei all der Metareflexion und den Rogen’schen Zoten droht man fast zu vergessen, dass es sich bei The Green Hornet um einen Film von Michel Gondry (Vergiss mein nicht) handelt. Wahrscheinlich blitzen aus diesem Grund zwischendurch immer wieder diese kleine Szenen auf, die durch ihre eigentümliche Visualität ins Auge fallen. Kostproben der ungewöhnlichen Vorstellungskraft des Regisseurs, mit denen er auf sich aufmerksam machen will: Ich bin auch noch da! Am auffallendsten ist die „Kato-Vision“, eine speziell für die Kampfszenen entwickelte Subjektive von Kato, in der er seine Umgebung abscannt, während sich die Zeit gleichsam zu be- und entschleunigen scheint. Ein Verweis auf die überaus kreative wie erfolgreiche Werbefilm- und Musikvideo-Zeit des Franzosen. So verwendete er schon zwei Jahre vor Matrix in einem Smirnoff-Spot den berühmten bullet time-Spezialeffekt, bei dem eine künstliche Kamerafahrt um ein festgefrorenes Objekt simuliert wird. Weitere innovative Spielereien mit visuellen Gimmicks wie Fast Motion oder Split Screens fallen einem hier und da im Verlauf des Films noch auf, gehen aber im allgemeinen Getöse unter. Michel Gondry verschwindet hinter 3D-Action und Peniswitzen.
The Green Hornet ist in erster Linie ein Seth Rogen-Film, in zweiter ein Film von Michel Gondry und erst in dritter eine Adaption von The Green Hornet. Dass die Entwicklung des Hornissen-Stoffes nicht an erster Stelle steht, mag vielleicht daran liegen, dass The Green Hornet nicht auf einer Comicreihe basiert wie andere superhero-movies. The Green Hornet war ursprünglich ein 30er Jahre Radioserial, das Mitte der 60er als TV-Serie adaptiert wurde. In der Rezeption der 26-teiligen Serie wurde ironischerweise nicht der Held, sondern sein Sidekick zur Ikone. Für den Schauspieler des Katos bedeutete das der große Durchbruch in Amerika. Jeder kannte fortan seinen Namen: Bruce Lee. Eben diese Ironie wird für die Verfilmung übernommen. Das Zentrum des Films, Green Hornet, ist ein hohles Konstrukt, das aus sich selbst heraus nicht lebensfähig ist. Ohne Katos Muskeln und Ausrüstung sowie dem Megamind von Lenore ist er aufgeschmissen. Ebenso ist der Ausgangsstoff des Films, der Heldenmythos um die grüne Hornisse, uninteressant. Er dient nur als leeres Gefäß, das mit eigenen Inhalten gefüllt werden kann. Wieso also nicht die Superheldenvorlage nehmen und statt eines superhero-movie einen amüsanten Seth Rogen-Film unter der Regie von Michel Gondry mit Cameron Diaz und Christoph Waltz in den Nebenrollen daraus machen? Es ist zumindest unterhaltsamer und origineller, als die immergleiche Heldenerzählung kosten zu müssen, die durch ständiges Wiederkäuen bereits jeglichen Geschmack verloren hat.
The Green Hornet veralbert das Heldengenre nicht. Er lässt eher jeden neu erscheinenden Superheldenfilm albern wirken.
The Green Hornet - Pressespiegel auf film-zeit.de.
The Green Hornet
R: Michel Gondry
D: Seth Rogen, Jay Chou, Christoph Waltz, Cameron Diaz, Tom Wilkinson, David Harbour, Edward James Olmos
USA 2010, 119 Min.
Copyright: Sony Pictures
Starttermin: 13.01.2011 (Deutschland)
FSK 12






