Berlinale 2011 Generation 14plus: Griff The Invisible


An einer Bushaltestelle wie jede andere: Eine Traube Menschen auf dem Bürgersteig. Stehend, Redend, Wartend. Alles normal. Einzig die Häuserwand hinter der Haltestelle macht durch leicht exzentrischen Anstrich stutzig. Gelb, mit zwei schwarzen Steifen… Der Bus kommt. Menschen steigen aus, Menschen steigen ein. Der Bus fährt wieder los. Die Haltestelle ist leer. Doch halt! Jemand lehnt an der Wand: Schwarze Hose, gelber Regenmantel, schwarzer Hut. Ein menschliches Chamäleon. Vor der gelbschwarzen Wand erscheint er wie unsichtbar. Ein Detektiv? Ein Spion? Ein Superheld: Griff The Invisible (Ryan Kwanten)!

Doch ist seine Tarnung beim genaueren Hinsehen nicht so überzeugend, wie es auf den ersten Blick scheint. Um dem Unsichtbarwerden noch einen draufzusetzen, hält er sich unauffällig eine Zeitung vors Gesicht. Ein Klischee zu viel. Die unnötige Übertreibung lässt seine Tarnung wieder auffliegen. Sein Wesen wird sichtbar: Griff überzieht eindeutig die Heldennummer. Mit hochtechnisierter Verbrechens-Überwachungsanlage beobachtet er von seinem Apartment aus die Stadt. Ein rotes Telefon verbindet ihn direkt mit dem Commissioner. Wenn das Griff-Signal am Himmel erscheint, schreitet er zur Tat. Verdächtig viele Ähnlichkeiten mit Superheldkollegen Batman. Doch nicht nur bei der Erzählung des Caped Crusaders wird sich munter bedient. Sein unverfälschtes Gerechtigkeitsempfinden hat Griff von Superman. Die Ideale von Spider-Man: “With great power comes great responsibility.” Wie die menschliche Spinne kann auch Griff nicht mit dem Mädchen zusammen sein, das er liebt. In nur allzu gut bekannten Dialogphrasen erklärt er Melody (Maeve Dermody), dass seine Berufung eine Beziehung nicht zulasse. Schließlich ist das Gelb-Schwarz der Häuserwand selbst ein Verweis auf die Farben von Watchmen. Signalfarben für die Unzuverlässigkeit des Protagonisten. Eine versteckte Aufforderung an den Zuschauer, nach dem labilen Ich hinter der Maske des Superhelden Ausschau zu halten. Griffs Charakter ist zu sehr Superheld, um wahr zu sein. Tatsächlich entpuppt sich sein heldenhafter Kampf für freedom, justice and the australian way als Hirngespinst. Griff ist Opfer seiner wahnhaften Einbildung.

Mit Griff The Invisble eröffnete Leon Ford die Sektion Generation der diesjährigen Internationalen Filmfestspiele Berlin. Der australische Film erzählt die Geschichte eines jungen Mannes in einer Identitätskrise. Im Kampf gegen die Außenwelt sträubt sich der Spätpubertäre gegen das Erwachsenwerden. Ein Peter Pan. Doch statt ins Neverland zu fliegen, flüchtet sich Griff in eine moderne Märchenwelt: die Welt des Superhelden. In ihr werden die Schwachen vor den Starken verteidigt. Gut und Böse sind leicht voneinander zu unterscheiden, jeder erfährt Gerechtigkeit. Niemand muss mehr leiden, die Superkraft des Helden wehrt jegliches Unheil ab. Griff The Invisible legt dem Zuschauer nahe, dass die Utopie des Supermenschen im Grunde der Allmachtsfantasie eines Kindes entspringt. Der Superheld ist Projektion für unerfüllte Wünsche. Durch den Glauben an seine Vollkommenheit wird der eigene Makel überwunden. Während der verlorene Junge Griff sich also als Superheld auf den Dächern der Stadt herum turnen sieht, wartet unten am Straßenrand die Realität darauf, dass der Möchtegern-Superman auf den Boden der Tatsachen “herabstürzt”. Bezeichnenderweise bildet gerade der große Bruder als Agent der Wirklichkeit die antagonistische Gegenkraft. Tim (Patrick Brammall) versucht Griff aus seinen Träumereien herauszureißen. Er macht sich um seinen kleinen Bruder Sorgen, hat Angst, dass sich dieser mit seinem Heldenquatsch zur Lachnummer macht. Tatsächlich wirken Griffs Versuche, sich die Superkraft des Unsichtbarwerdens anzueignen, ebenso albern wie traurig. Ryan Kwanten spielt den eingebildeten Helden mit einer fast schon unschuldigen Naivität, die man bereits von seiner Rolle als Jason Stackhouse aus der HBO-Serie True Blood gewohnt ist. Beide sind mit ihrer Umwelt hoffnungslos überfordert. Der eine mit Vampiren und anderen übernatürlichen Kreaturen, der andere mit mobbenden Arbeitskollegen und nicht funktionierenden Heldenausrüstungen. Mehr als einmal schauen beide mit einem Ausdruck kindlicher Hilflosigkeit in die Kamera. Der Kwanten‘sche Dackelblick.

Sehen und Nichtsehen. Ein Leitmotiv des Films. Griff sieht in den Spiegel und erblickt einen schwebenden Kopf. Der Rest seines Körpers ist von dem unsichtbar machenden Kostüm bedeckt. Doch können alle Anderen seine Unsichtbarkeit scheinbar nicht sehen: Ein Idiot in einem mit Backpulver und Zitronensaft eingeriebenen komischen Anzug, das ist, wie sein Bruder Tim und die anderen Normalos dieser Welt Griff sehen. Erst durch die Augen Melodys wird Griff wieder unsichtbar, sein Wesen für sie und den Zuschauer sichtbar: Ein unangepasster Querkopf, ein Träumer, die letzte Bastion der kindlichen Fantasie gegen die ernüchternde Wirklichkeit einer grauen Welt. Was gibt es Schauderhafteres als die Realität?

Griff The Invisible bietet keine innovative Variation des Superhero Movie, sondern eher eine Kulmination der verschiedenen Superheldenerzählungen. Das Inventar des Genres wird zur Bestandsaufnahme einmal durchgegangen, Fragmente der Genre-Semantik wie kleine Steinchen zu einem Mosaik zusammengelegt. Und doch entsteht nichts Neues. Coming of Age, Identitätssuche, Kollision der Doppelleben, Vigilantentum, kaputte Heldenpsychen – alles bekannte Geschichten. Interessant wird der Film eher durch seine kleinen Momente. Charmantes Spiel der Darsteller, einfallsreiche Bilder. Einfach nett. Der perfekte Film zur Eröffnung der Generation, aber weit davon entfernt, eine erwachsene Auseinandersetzung der ohnehin totgekauten Superheldenthematik zu sein. Das Einzige, was Griff The Invisible in Zukunft als Superheldenfilm auszeichnen wird, ist die Tatsache, mit der Ausnahme von Nolans The Dark Knight Rises, der wahrscheinlich einzige Superheldenfilm in 2D für die nächsten zwei Jahre gewesen zu sein.   

Griff The Invisible
R: Leon Ford
D: Ryan Kwanten, Maeve Dermody, Patrick Brammall, Toby Schmitz
Australien 2010, 93 Min