Berlinale 2011 – Panorama: Amador


Nachdem Magaly Solier in Eine Perle Ewigkeit und Altiplano gezeigt hat, dass sie gut einen Film alleine tragen kann, wird nun ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur von Princesas vorgestellt, in der sie auf eine der Größen des hispanischen Kinos trifft: Celso Bugallo.

In Amador spielt Magaly Solier die Ehefrau eines Blumenschwarzhändlers. Am Anfang des Films versucht sie noch aus der gemeinsamen Ein-Zimmer-Wohnung, die als Fluchtpunkt vor dem Elend ihres Lebens herhält, auszubrechen. Dann jedoch erfährt sie von ihrer Schwangerschaft und muss zurückkehren. Wie den meisten Figuren des Films ist ihr kein Ausbruch gegönnt, sie wird sich mit ihren Lebensbedingungen arrangieren müssen. Schnell wird ihr eine Stelle als Pflegerin vermittelt und die 500 Euro, die sie für das Betreuen des alten Mannes Amador erhält, scheinen ihre Zukunft, wenn auch nur in kleinen Details, ändern zu können. Doch Amador stirbt schon in der ersten Woche, Marcela wird zurück in die Aussichtslosigkeit geworfen. So muss er, zumindest für die anderen, am Leben bleiben.

Der Film wird um Marcela herum gestaltet, um die intensive Stimmung, die Magaly Solier mit ihrer Mimik und Gestik hervorruft, um ihr Leiden als gläubige Frau, die eine ins Mystische reichende, starke Bindung zur christlichen Moral unter dem Druck des Alltags bewusst aufgeben muss, um die implizite Orientierungslosigkeit, die durch die Aufgabe ihrer sowieso schon von ihrer Umwelt auf ein Minimum eingeschränkten ethischen Werte entsteht, auszudrücken. So wird sie mit Verzweiflung Anhaltspunkte bei den anderen Figuren und in ihren Weltanschauungen suchen, so wird sie im Kontext ihrer Lage ihr Bestes geben, um zu einer Erlösung, zu einem reinen Bewusstsein zu gelangen.

Konzentriert sich Amador visuell auf Marcela, so wird der erzählstrategisch abenteuerliche Teil hintergründig doch um Amador und seinen Darsteller Celso Bugallo gestaltet. Wenige Minuten des Films dauert sein Auftritt, doch die Figurenzeichnung und das Schauspiel füllen die Räume dieses kleinen Apartments und machen ihn schnell zum Publikumsfavorit. Erst in den gemeinsamen Szenen kommen Solier und Bugallo zu ihren Höhepunkten und hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck auf das Publikum, was sehr inspiriert in das Gesamtkonzept des Films integriert wird: Nach seinem Tod mutiert Amador nicht nur symbolisch zu den 500 Euro, die ein anderes Leben ermöglichen, er wird sogar durch seine Abwesenheit zum großen impliziten Anwesenden des Films, er wirkt sich wie ein Leerraum auf die weiteren Szenen aus, er ist aus unterschiedlichen Gründen eine Lücke im Leben seiner Freunde und Verwandten, vor allem aber Mentor in Marcelas Leben, die in den wenigen Dialogzeilen, die sie gewechselt haben, angefangen hat, durch ihn zu einem neuen Menschen heranzuwachsen. An dieser ungewöhnlichen Strategie der Figurenerschaffung hat Amador am meisten zu leiden, die Transition zwischen dem Dasein und dem Nichtsein einer Figur, bei Beibehaltung ihrer räumlichen und emotionalen Wirkung ist ein Ausgangspunkt, ein Selbstverständnis im Film, ein Aspekt, was man sich im Nachhinein doch aufmerksamer ausgearbeitet wünscht, sodass er auf mehr Einfühlung beim Publikum trifft.

Stattdessen setzt Fernando León de Aranoa auf Humor, und daran verliert die Konstruktion um die Figur Amador ihre Konsequenz. Es ist ein einfacher, grober Humor, nah am Leben, oft plump daherkommend. Ganze Filmpassagen muten Aneinanderreihungen von Komiknummern an, brechen die elegische Stimmung und lassen sie im Hintergrund verschwinden. Eben diese Entscheidung aber macht den Film interessant, denn statt einen stringenten Faden zu verfolgen, die Ausgangsideen blind zu bedienen und auszuarbeiten, entscheidet sich Aranoa für die Geschmacklosigkeiten des Alltags, lässt den Plot davon durchtränken und dadurch profanisieren. Und genau in diesem Sinne wird auch der gelegentliche Griff ins Mythische gemacht, der treueste Begleiter von Marcelas Orientierungsversuchen. So ist Amador, auch wenn seine Höhepunkte aus dem Ganzen sichtlich herausstechen, ein trotzdem sehenswerter Film, kleinlich und überlebensgroß, sakral und profan, brilliant und dumm zugleich – ein Film, der jeden Moment irgendwo auf der Welt in Wirklichkeit passieren könnte.

Amador
R: Fernando León de Aranoa
D: Magaly Solier, Celso Bugallo
Spanien, 2010, 112 min