Europa hat eine finale Grenze – diese findet sich an der Küste Irlands. John Michael McDonagh öffnet mit The Guard einen Blick auf das Geschehen am Rande der großen Städte. Ort der Handlung ist Connemara, eine irische Kleinstadt im Westen des Landes. Aufregendes passiert hier eher selten. So hat Sergeant Gerry Boyle (Brendan Gleeson) nur wenig zu tun vor einer weiten und wilden Kulisse mit grasbewachsenen Hügeln und der rauen See der grünen Insel. Boyle ist ein einsamer Wächter, der Dirty Harry vom Lande. Er hat sich im Laufe der Zeit seine eigenen Regeln gemacht, nichts schert ihn weniger als die Welt draußen. Er hat genug Sorgen mit seiner krebskranken Mutter, die er in einem Hospital pflegen lässt. Letztlich hat er sich aber mit den Umständen arrangiert und einen gut geregelten Ablauf seines Lebens aufgestellt, den er mit einem sehr eigenen skurrilen Humor verfolgt. Auf den zweiten Blick ist Gerry Boyle alles andere als ein vorbildlicher Polizist. Das Bild des sauberen Ordnungshüters wird durch zahlreiche Überschreitungen des moralischen Anstands unterlaufen. Er hat eine Vorliebe für Huren, aber nur an seinem freien Tag. Wenn bei einem Autounfall ein Päckchen mit Partydrogen in seine Hände fällt geht die Welt auch nicht unter, wenn er darauf Eigenbedarf anmeldet. Boyle ist kein typischer Held einer Cop-Geschichte, seine Ecken und Kanten sind vielschichtig und provokant.
In seine beschauliche Idylle brechen sehr schnell ein neuer Kollege und ein Mord. Bald wird klar, dass die Spur zu den Tätern mit einer Schiffsladung Drogen zusammenhängt die aus Übersee erwartet wird. Zu allem Übel bringen die Ermittlungen einen amerikanischen FBI Agenten auf den Plan.
Wendell Everett (Don Cheadle) ist das konsequente Gegenteil von Boyle. Er ist gut in seinem Job, zielorientiert und hat einen hochqualifizierten Hintergrund. Boyle ist nun gezwungen sich mit dem farbigen Kollegen auseinander zu setzen. Für den oftmals bewusst provozierenden Misanthropen stellt dies eine Herausforderung dar. Ganz besonders da Everett an nichts anderem interessiert ist als seine Arbeit zu machen. Wenn dann noch die Gangster auf den Plan treten und ihm mit einer Erpressung wegen seiner amourösen Arrangements das Leben schwer machen, muss er eine Entscheidung treffen. Der einzige Verbündete um die Dinge ins Lot zu bringen ist Wendell Everett.
The Guard lebt von der Eigenart seiner Figuren, die gegensätzlich und oft überzeichnet oder gegen den Strich gebürstet sind. So tritt neben dem zentralen Charakter Boyles ein Gangstertrio auf, das eine ebenso ungewöhnliche Beschreibung inne hat. Es wird wild zitiert und philosophierend durch die Lande gefahren. Melancholie macht sich bei einem Mitglied breit, das einfach die Nase voll hat vom Job und den Menschen mit denen sie zusammenarbeiten müssen, denen man nicht vertrauen kann und die nichts zu bieten haben. Es ist eine verkehrte Welt, die sich da auftut zwischen Viehweiden und Fischerkuttern.
Brendan Gleeson hat in der Geschichte viel Raum um der schnorrigen Figur ein Profil zu verpassen. Der Charakter des Polizisten geht auf eine Idee zurück, die Regisseur McDonagh schon in seinen ersten beiden Kurzfilmen entwickelt hat und ist so ein ansehnliches Ergebnis eines langen Prozesses der Auseinandersetzung. Letztlich führte der Weg zu einer überzeugenden vielschichtigen Figur, die zum Antrieb der Geschichte wird. Die rassistische Haltung des Protagonisten bietet gewaltige Angriffsfläche. Im Laufe der Zeit lässt der Film aber erkennen, dass dies nur Teil des Wesens Boyles ist, aus der Hoffnung motiviert belehrt zu werden. Er ist kein Rassist, aber alle anderen um ihn herum sind das, darum provoziert er damit. So teilt sich die Figurenkonstellation in jene auf, die sich um etwas bemühen und andere, denen alles völlig egal scheint.
Die längst entschwundene Grenze des Westens findet sich nun doch wieder an Orten wo die Zivilisation der Moderne ausfranst und gesellschaftliche Regeln auf den Kopf gestellt werden. Europa birgt hier trotz zersiedelter Landschaft und dichtgedrängter Population noch ausreichend Stoff für Filmemacher, die sich im Genrebereich versuchen möchten. The Guard ist im Zuge britischen Kinos augenzwinkernd erzählt und mit seinen typisch, bzw. untypischen britischen Figuren ein lohnenswerter Zeitvertreib.
THE GUARD
R: John Michael McDonagh
D: Brendan Gleeson, Don Cheadle, Mark Strong
Irland, Großbritannien 2010 Min



