Berlinale 2011 – Wettbewerb: The Future


Sophie (Miranda July) und Jason (Hamish Linklater) sind seit vier Jahren ein Paar und die Beziehung läuft routiniert-rund mit den üblichen Ecken. Jason verdient seine Brötchen unspektakulär mit telefonischem Computersupport vom Heimarbeitsplatz aus, Sophie ist Tanzlehrerin für Kinder. Man liebt sich. Man hat stinknormale Probleme. Eigentlich könnte man zufrieden sein. Aber Sophies Wissensstand in Bezug auf das aktuelle Weltgeschehen weist Lücken auf, und eine Arbeitskollegin veröffentlicht immer die cooleren Tanzclips auf YouTube. Irgendetwas fehlt. Sophie und Jason entschließen sich, eine sterbenskranke Katze während ihrer letzten Lebensmonate bei sich aufzunehmen. Ein paar Wochen dauert es noch, dann wird man plötzlich zu dritt sein. Dann, so die gedankenspielerische Zukunftsprognose, werden erst die persönlichen Alltagsfreiheiten für eine Weile blutig beschnitten, dann ist man auch schon fast 40, also schon fast 50, und alles jenseits dieser magischen Grenze ist sowieso nur noch CV-Kleingeld. Bis der Ernst des Lebens beginnt, wollen Sophie und Jason das Leben nochmal richtig genießen. Sie rüsten sich für das Ende des zukünftigen Haustiers, und auch für ihr eigenes Ende.

Der erste Abschnitt von Miranda Julys The Future ist auf der Neurosen-Skala irgendwo zwischen Ally McBeal und Woody Allen angesiedelt, also schon relativ weit oben. Allzu weit über den Tellerrand der eigenen Existenz blicken die Protagonisten zunächst nicht, und wenn man dem Film neben der betonten Quirkyness etwas übel nehmen kann, dann ist es der Egozentrismus seiner Figuren. Der verschrobene Paaralltag von Sophie und Jason ist zunächst weniger Handlung als assoziative Ideenabwicklung, in der groteske Situationskomik dominiert. Das geht so lange, bis sich Sophie sich auf eine Affäre mit einem anderen Mann (David Warshofsky) einlässt. Als die rituell kultivierte Beziehungslangeweile in eine echte Krise übergeht, werden die eingebildeten Probleme durch reale ersetzt.

Miranda July hat mit The Future einen Film gedreht, der in etwa so berechenbar ist wie die titelgebende Zeitdimension – nur sehr bedingt. Die erzählerischen Eckpunkte sind nicht neu und prinzipiell lässt sich die oberflächliche Handlung in wenigen Sätzen zusammenfassen, aber der Originalitätsteufel steckt hier im Detail. Dass der Erzähler der Geschichte die zur Hospiz-Adoption auserwählte Katze namens Paw Paw ist, die mit gestikulierenden Pfoten und menschlicher Schnurrstimme die Ereignisse kommentiert, ist nur eines dieser Details. Albernheiten wechseln sich mit cleveren Einfällen ab, gelöster Humor geht in dramatischere Tonlagen über, fantastische Elemente brechen wie selbstverständlich in die Handlung ein, reißen sie für ein paar Minuten an sich, um dann wieder Platz zu machen für eine eher melancholische Stimmung. The Future ist ein merkwürdiger Film, merk-würdig im alltagsgebräuchlichen und wortwörtlichen Sinn. Das erschreckend Banale findet seinen Platz neben den unwahrscheinlichsten Überhöhungen, das Komische wird mit dem Tragischen verknüpft, aber immer geschieht es auf eine unerwartete Weise. The Future ist nicht leicht vorherzusehen.

Julys Film ist ein bisweilen comicartig überzeichnetes Lebensmosaik, das sich unterschiedlichster Handlungsminiaturen bedient, um ein größtenteils stimmiges Gesamtbild zu entwerfen. Um die großen Themen geht es, aber mit der gebührenden ironischen Distanz. Um Liebe und Tod, Verzweiflung im Alltag, Verzweiflung angesichts lächerlicher Eitelkeiten, Verzweiflung am Partner. Die Verzweiflung ist bei July aber nicht schwarz, sie deprimiert nicht. Die Verzweiflung ist ein grellgelbes Stretch-T-Shirt, das den Menschen für einen kurzen Moment gefangen hält wie ein Kokon. Ein bisschen Dehnen, ein bisschen Strecken, dann ist man wieder frei. Bereit für die nächste Absurdität des Lebens, bis man 50 ist und damit schon fast tot.

The Future
R: Miranda July
D: Hamish Linklater, Miranda July, David Warshofsky
USA/D 2011, 91 Min.
Wettbewerb

The Future - Pressespiegel bei www.film-zeit.de