DVD: Die Tür


„Follow the white rabbit!“ Ein Appell – sollte der Protagonist der Aufforderung folgen -, der stets in ein Vertigo des Unterbewussten führt. Sei es ein rauschhaftes Fantastik-Nirvana, eine Welt gespickt mit irrealen Elementen, die als Allegorie des Erwachsenwerdens verstanden werden darf, wie in Alice in Wonderland oder ein Erwachen aus der bis dato als real angenommenen Existenz des Helden von  Matrix, aus dem das weiße Kaninchen entführt. In Anno Sauls (bekannt durch Wo ist Fred? und Grüne Wüste) jüngstem Film Die Tür ist es ein blauer Schmetterling, der den Wegweiser mimt.

Der Tunnelausgang in Die Tür, zu dem der Schmetterling leitet, ist mit einer klapprigen Holztür verschlossen, hinter welcher eine andere Dimension lauert – eine Dimension fünf Jahre zurück in der Zeit. Mit dem Schritt in die Vergangenheit eröffnet sich die Möglichkeit, bereits begangene Fehler zu revidieren, sie ungeschehen zu machen und so herauszufinden, wie der gelungene Weg, die Ausgangssituation versehen mit der besseren Entscheidung, aussehen kann. Ob solch ein Versuch des Betrugs an der eigenen Geschichte gelingen kann, versucht Anno Saul mit der Verfilmung des Bestsellerromans Die Damalstür von Akif Pirinçci zu erkunden. Zusammen mit dem Drehbuchautor Jan Berger kreiert er einen Mystery-Thriller und betritt somit Neuland in der Genre-Landschaft des deutschen Films.
Den Schritt in die Vergangenheit wagt David Andernach (Mads Mikkelson), der das Leben eines berühmten und angesehenen Künstlers lebt. Zusammen mit seiner Frau Maja (Jessica Schwarz) und seiner kleinen Tochter Leonie (Valeria Eisenbart) bewohnt er ein gepflegtes Stadthaus am Rande Berlins. Doch auch wenn alle äußerlichen Umstände seines Lebens auf Glück und Zufriedenheit hindeuten, verläuft sein Privatleben miserabel. Völlig emotionslos scheint David den Trott des Alltags über sich ergehen zu lassen, einzig und allein seine Gemälde generieren den Ausdruck von Trauer. Die Konsequenz seiner Missachtung des Glückes gipfelt im Tod seiner Tochter, die er, anstatt mit ihr gemeinsam zu spielen, für einen Seitensprung mit seiner Nachbarin (Heike Makkatsch) unbeaufsichtigt lässt. Allein gelassen ertrinkt Leonie im hauseigenen Pool.

Fünf Jahre später ist alles, was David besaß, zerbrochen. Sein Leben hat sich in Düsternis gewandelt, ohne Tochter und ohne Frau, die es nicht schafft, ihm den Tod der gemeinsamen Tochter zu verzeihen. Umstände, die in David den Wunsch zum Suizid wecken. Doch hierzu soll es nicht kommen: Im tiefsten und abgründigsten Moment seines Lebens, dem Moment in dem er genau diesem entsagen will, weißt ihn der bereits erwähnte Schmetterling zu der geheimen Tür, welche ihn an den Tag des schrecklichen Unfalls zurückführt. Nun erhält er die Möglichkeit, seinen begangenen Fehler ungeschehen zu machen und rettet seine Tochter. Problematisch wird die neue Situation, als er auf sein altes Ich trifft, das er versehentlich tötet. Zu allem Überfluss wird schnell klar, David ist nicht der Einzige, der die Tür entdeckt hat.
Mads Mikkelsons Spiel ist in jedem Moment des Films von Grund auf authentisch. Keine Sekunde lang zweifelt der Zuschauer an der Wahrhaftigkeit seiner Trauer und Verzweiflung. Die Risse seiner Psyche sind unverkennbar. Die Kraft, die er in die Neuerschaffung seines Glücks legt, ist imponierend. Jeder Versuch seiner selbst, einen neuen, besseren David zu kreieren, wirkt, als käme dieser von ganzem Herzen. Auch Valeria Eisenbart beeindruckt durchweg. Die Jungschauspielerin wird von der grimmigen Antagonistin zur liebenden Tochter, ohne ein einziges Mal an Überzeugungskraft zu verlieren. Nur Jessica Schwarz scheint mit ihrer Rolle sichtlich unterfordert. Es wirkt, als verwehre ihr das Drehbuch, ihr Gesamtpotential zu schöpfen. Besonders interessant wird die Problematik der Identifikation des Zuschauers mit den Protagonisten. Schnell weiß der Rezipient nicht mehr, auf wessen Seite er stehen soll. Wer ist der Gute? Der zukünftige David oder doch eher der vergangene? Aus diesem Zusammenspiel entsteht ein Misstrauen an jeder Figur, das den Film permanent zersetzt.

Da während der Inszenierung eines Films alles mit Bedacht gewählt wird, liegt die Vermutung nahe, dass die Farbe Blau des Schmetterlings mit ihrer niedrigen Tension und Temperatur das geübte Auge eines Cineasten auf den Gevatter Tod oder dessen Gegenpol, die Freiheit, aufmerksam machen soll. Und diese beiden dürfen auch erwartet werden am Ende des mit blauem Licht gefluteten Tunnels, der den Weg in die Vergangenheit bahnt. Angekommen in der vergangenen Zeit ist die Andersartigkeit der Dimension hinter der Tür all-gegenwärtig. Anno Saul inszeniert die Welt hinter der Tür mit starken Abstraktionen durch eine hervorragend eingesetzte Überbelichtung. Die dem Schicksal entrissene Leonie erstrahlt in hellstem Licht so wie die gesamte Erscheinung dieser Dimension. Der Himmel hat durch sein übermächtiges Weiß sämtliches Blau entmachtet und die Fassade des Stadthauses David Andernachs wagt es nicht zu bröckeln, denn sie leuchtet mit solch einer Helligkeit, dass jeglicher Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Existenz dieser Welt verworfen wird. Der Zuschauer wird versetzt in die vermutliche Gefühlslage Davids, die Gesamtsituation wirkt himmlisch. Doch hier schaltet sich die Kameraarbeit von Bella Halbe ein. Gerne geht diese in eine gewisse Distanz zu dem Hauptdarsteller, fängt Spiegelungen seines Gesichtes ein, das je nach Situation in doppelter bis dreifacher Ausführung im Spiegelbild erscheint. Einstellungen, die den Rezipienten immer wieder irritieren, da sie Zweifel an Figuren und Gesamtlage entfachen, wodurch ein Hauch von Unwohlsein aufkeimt. Die Stärke des Films liegt genau hier, in seinem Detail.
Doch vernachlässigt werden sämtliche moralische und ethische Fragen, auf die Die Tür keine Antworten geben will. Die Dramaturgie greift nicht die Optionen auf, die sich durch den eigenen Plot ergeben. Statt zu beantworten, wie verwerflich das Handeln Davids aus moralischer Sicht ist oder wie sich die Tür und ihre Möglichkeiten auf die gesellschaftliche Situation sowie auf die Zukunft jedes Einzelnen auswirkt, beschäftigt sich der Film eher damit, das neue Jetzt zu nehmen, wie es ist und glattes Genre-Kino zu inszenieren. Es scheint, als sei der Lohn der Aufklärung philosophischer Fragen nicht hoch genug, um darauf verzichten zu können, jegliche neue Ordnung, welche durch tiefere Ergründung der Moral entstehen könnte, in Chaos zu wandeln. Ein Chaos, dass zum Ende des Films ausbricht und den Zuschauer nur hinsichtlich des „thrills“ befriedigt.

Die Tür – Pressespiegel auf film-zeit.de


Die Tür
R: Anno Saul
D: Mads Mikkelson, Jessica Schwarz, Valeria Eisenbart
Deutschland 2009, 103 Min.
Bildformat: 16:9
Ton:  Dolby Digital Surround Ex