1999 gewann
Sam Mendes mit seinem Erstlingswerk
American Beauty gleich fünf Oscars und katapultierte sich damit selbst in die erste Liga Hollywoods. Von der Kritik wurde vor allen Dingen die Darstellung der brüchigen Fassade des amerikanischen Traums gewürdigt, eine Dysfunktionalität, die gleichsam alle Protagonisten umfasst. Dabei gab es doch schon genau einen solchen Film. 1998, also nur ein Jahr zuvor, kam
Todd Solondz’
Happiness in die Kinos – und gewann sogar den FIPRESCI-Preis in Cannes.
Happiness könnte glatt als dreckiger und hässlicher kleiner Bruder von
American Beauty durchgehen, denn wo
Mendes die Fassade der „all american family“ nur ankratzt, reißt
Solondz diese mit Leichtigkeit ein.
Im Zentrum von Happiness stehen die drei Schwestern Trish (
Cynthia Stevenson), Joy (
Jane Adams) und Helen (
Lara Flynn Boyle). Während Joy romantischen Phantasien nachhängt und den absolut richtigen Mann für ihr Leben sucht, hat ihre Schwester großen Erfolg als Schriftstellerin. Doch trotz einem vordergründig erfüllten Leben ist sie nicht glücklich, denn sie muss sich mit ständigen Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen herumschlagen. Allein Trish scheint das perfekte Leben zu führen, hat sie doch ein großes Haus, bildhübsche Kinder, einen Golden Retriever und einen erfolgreichen Psychotherapeuten zum Mann. Doch eines Tages muss Trish herausfinden, dass ihr Mann ein Pädophiler ist und den Freundeskreis ihres Sohnes systematisch vergewaltigt.

Der folgende Satz mag angesichts des letzten befremdlich klingen: Happiness ist ein absolutes Meisterwerk. Solondz zeigt uns die hässliche Fratze eines Amerika, wie man es sonst nur aus der Werbung kennt. Der vermeintlichen Idylle wird ein radikaler Gegenentwurf gegenübergestellt. Dass der Film nicht zur verstörenden Gesellschaftsstudie wird, sondern immer noch eine grandiose Komödie bleibt, liegt vor allen Dingen an Solondz’ Charakteren. Obwohl diese alle höchst dysfunktional sind, gewinnen sie gerade dadurch an Charme - Helens Mann Bill (
Dylan Baker) kann zugleich ein von innen getriebener Päderast und ein liebender Vater sein. Die Gefühle pendeln stetig zwischen Abscheu und Mitleid. Solondz zeigt uns eine Welt, in der alle Erwachsene an der Erfüllung ihrer sexuellen Wünsche zerbrechen, sei es auch wirklicher oder bloß emotionaler Einsamkeit. Umso bedrückender, dass das Einzige, was Helens Sohn Timmy (
Justin Elvin) im Sinn hat, der Eintritt in diese kaputte Welt ist – ein Eintritt, den er sich durch seinen ersten Samenerguss verspricht. Im Gegensatz zu Timmy hat Allen (großartig:
Philip Seymour Hoffman) davon genug: Er onaniert, während er willkürlich ausgewählte Frauen am Telefon belästigt. Einsamkeit ist der Aggregatszustand einer ganzen Generation von Städtern. Der Titel Happiness ist hierbei mehr als nur ein zynischer Kommentar auf die Handlung des Films, sind doch alle Charaktere zutiefst unglücklich. Vielmehr verweist der Titel auf die dahinterliegende Glückserwartung, ja schon –garantie, die der amerikanische Traum verspricht. Glückseligkeit kann es in dieser Gesellschaft nicht geben, solange der zwischenmenschliche Dialog durch Konsumheilsversprechungen ersetzt wird.
Dass Happiness erst 13 Jahre nach seinem Kinostart endlich auf DVD erscheint, ist angesichts seiner Qualität schwer nachzuvollziehen. Dabei hatte der Film es schon zu seinem Kinostart nicht leicht: Zunächst sprang ein Filmverleih ab, danach wurde er beim
Sundance Filmfestival auf Grund seiner kontroversen Thematik nicht mehr gezeigt. Die Aufarbeitung von gesellschaftlichen Phänomenen wie Pädophilie ist eben nicht nur dem Sozialdrama vorbehalten. Allein der Narr kann es sich leisten, der Gesellschaft schonungslos den Spiegel vorzuhalten. Doch bis auf einzelne Beispiele, wie zum Beispiel
Miranda Julys Ich und du und alle die wir kennen, sind Gegenwartskomödien handzahm und verlieren sich in Pipi-Kacka-Humor. Aber gerade diese kontrollierten Tabubrüche machen Happiness absolut sehenswert - sehenswerter als der zwar auch gute, aber weichgespülte American Beauty.
Happiness
R: Todd Solondz
D: Philip Seymour Hoffman, Dylan Baker, Jane Adams, Lara Flynn Boyle
USA 1998 134 Min.
Verleih: EuroVideo
Ton: Dolby Digital Englisch, Dolby Digital Deutsch
Untertitel: Deutsch
1999 gewann
Sam Mendes mit seinem Erstlingswerk
American Beauty gleich fünf Oscars und katapultierte sich damit selbst in die erste Liga Hollywoods. Von der Kritik wurde vor allen Dingen die Darstellung der brüchigen Fassade des amerikanischen Traums gewürdigt, eine Dysfunktionalität, die gleichsam alle Protagonisten umfasst. Dabei gab es doch schon genau einen solchen Film. 1998, also nur ein Jahr zuvor, kam
Todd Solondz’
Happiness in die Kinos – und gewann sogar den FIPRESCI-Preis in Cannes.
Happiness könnte glatt als dreckiger und hässlicher kleiner Bruder von
American Beauty durchgehen, denn wo
Mendes die Fassade der „all american family“ nur ankratzt, reißt
Solondz diese mit Leichtigkeit ein.
Im Zentrum von Happiness stehen die drei Schwestern Trish (
Cynthia Stevenson), Joy (
Jane Adams) und Helen (
Lara Flynn Boyle). Während Joy romantischen Phantasien nachhängt und den absolut richtigen Mann für ihr Leben sucht, hat ihre Schwester großen Erfolg als Schriftstellerin. Doch trotz einem vordergründig erfüllten Leben ist sie nicht glücklich, denn sie muss sich mit ständigen Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen herumschlagen. Allein Trish scheint das perfekte Leben zu führen, hat sie doch ein großes Haus, bildhübsche Kinder, einen Golden Retriever und einen erfolgreichen Psychotherapeuten zum Mann. Doch eines Tages muss Trish herausfinden, dass ihr Mann ein Pädophiler ist und den Freundeskreis ihres Sohnes systematisch vergewaltigt.

Der folgende Satz mag angesichts des letzten befremdlich klingen: Happiness ist ein absolutes Meisterwerk. Solondz zeigt uns die hässliche Fratze eines Amerika, wie man es sonst nur aus der Werbung kennt. Der vermeintlichen Idylle wird ein radikaler Gegenentwurf gegenübergestellt. Dass der Film nicht zur verstörenden Gesellschaftsstudie wird, sondern immer noch eine grandiose Komödie bleibt, liegt vor allen Dingen an Solondz’ Charakteren. Obwohl diese alle höchst dysfunktional sind, gewinnen sie gerade dadurch an Charme - Helens Mann Bill (
Dylan Baker) kann zugleich ein von innen getriebener Päderast und ein liebender Vater sein. Die Gefühle pendeln stetig zwischen Abscheu und Mitleid. Solondz zeigt uns eine Welt, in der alle Erwachsene an der Erfüllung ihrer sexuellen Wünsche zerbrechen, sei es auch wirklicher oder bloß emotionaler Einsamkeit. Umso bedrückender, dass das Einzige, was Helens Sohn Timmy (
Justin Elvin) im Sinn hat, der Eintritt in diese kaputte Welt ist – ein Eintritt, den er sich durch seinen ersten Samenerguss verspricht. Im Gegensatz zu Timmy hat Allen (großartig:
Philip Seymour Hoffman) davon genug: Er onaniert, während er willkürlich ausgewählte Frauen am Telefon belästigt. Einsamkeit ist der Aggregatszustand einer ganzen Generation von Städtern. Der Titel Happiness ist hierbei mehr als nur ein zynischer Kommentar auf die Handlung des Films, sind doch alle Charaktere zutiefst unglücklich. Vielmehr verweist der Titel auf die dahinterliegende Glückserwartung, ja schon –garantie, die der amerikanische Traum verspricht. Glückseligkeit kann es in dieser Gesellschaft nicht geben, solange der zwischenmenschliche Dialog durch Konsumheilsversprechungen ersetzt wird.
Dass Happiness erst 13 Jahre nach seinem Kinostart endlich auf DVD erscheint, ist angesichts seiner Qualität schwer nachzuvollziehen. Dabei hatte der Film es schon zu seinem Kinostart nicht leicht: Zunächst sprang ein Filmverleih ab, danach wurde er beim
Sundance Filmfestival auf Grund seiner kontroversen Thematik nicht mehr gezeigt. Die Aufarbeitung von gesellschaftlichen Phänomenen wie Pädophilie ist eben nicht nur dem Sozialdrama vorbehalten. Allein der Narr kann es sich leisten, der Gesellschaft schonungslos den Spiegel vorzuhalten. Doch bis auf einzelne Beispiele, wie zum Beispiel
Miranda Julys Ich und du und alle die wir kennen, sind Gegenwartskomödien handzahm und verlieren sich in Pipi-Kacka-Humor. Aber gerade diese kontrollierten Tabubrüche machen Happiness absolut sehenswert - sehenswerter als der zwar auch gute, aber weichgespülte American Beauty.
Happiness
R: Todd Solondz
D: Philip Seymour Hoffman, Dylan Baker, Jane Adams, Lara Flynn Boyle
USA 1998 134 Min.
Verleih: EuroVideo
Ton: Dolby Digital Englisch, Dolby Digital Deutsch
Untertitel: Deutsch
DVD: Happiness