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The King's Speech

von Elisabeth Maurer, am 16.2.11


Die Welt am Scheidepunkt, in einem Moment der Zeitenwende. Im Herzen Europas erstarkt eine Macht, die ungeahnten Schrecken verbreiten wird. Die herkömmlichen Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen sind erschüttert. In einer der ältesten und mächtigsten Monarchien Europas entscheidet sich ein König gegen seinen Thron und für ein Leben an der Seite einer lebenslustigen, zweifach geschiedenen Frau. Die Weltaneignung und das Weltverständnis ändern sich radikal durch die immer stärkere Mediatisierung auch dieser Ereignisse durch Radio und Film. Auf eine zentrale Position in diesem Gefüge aus Krisen und Unsicherheiten wird ein Mann gegen seinen Willen gedrängt: Prinz Albert Frederick Arthur George (Colin Firth) muss seinem abdankenden Bruder Edward VIII. (Guy Pearce) als George VI. auf den englischen Thron folgen.

Doch in diesem Zentrum fühlt sich Bertie, wie der neue König von seiner Familie genannt wird, gar nicht wohl. Es mangelt ihm an einer der wichtigsten Fähigkeiten für die zufriedenstellende Erfüllung seiner Aufgabe: an einem angemessenen sprachlichen Ausdruck und an Redegewandtheit – Bertie stottert sobald er den Mund aufmacht, was so weit geht, dass er fast gar kein Wort herausbringt. Schon lange wird mit allerhand Möglichkeiten versucht, das Problem zu beheben, allerdings ohne jeglichen Erfolg. Verzweifelt sucht seine Ehefrau Elizabeth (Helena Bonham Carter) nach einer Lösung und stößt auf den Sprachtherapeuten Lionel Logue (Geoffrey Rush). Widerwillig begibt sich der sture baldige König in dessen marode Kellerpraxis. Logue wirkt in seiner ruhigen, aber doch immer etwas mysteriösen und schrulligen Art beinahe wie ein Zauberer, gar auf manche wie ein Scharlatan. Doch ermöglicht ihm einerseits seine Außensicht als Australier und Bürgerlicher eine Perspektive auf die Königsfamilie, die deren Unterwerfungsforderungen und Korrekturen an den Kindern entlarven, die besonders bei Bertie zu großer Furcht geführt haben, zu einem starken Gefühl der Unzulänglichkeit angesichts seiner übermenschlichen Aufgabe ein Land zu führen. Auf der anderen Seite ist es seine unkonventionelle und autoritätsignorierende Haltung gegenüber der königlichen Hoheit, die ihm schließlich einen menschlichen Zugang zu Bertie hinter der Fassade des in Zwängen gefangenen, vollkommen unfreien Souveräns erlaubt. Bertie hingegen spricht das erste Mal in seinem Leben mit einem „echten“ Vertreter seines Volkes. Dadurch ist die Masse, zu der er sprechen muss, nicht mehr so unpersönlich und abstrakt. Was der designierte König lernen muss, ist das einfache Sprechen, von Mann zu Mann, von Freund zu Freund, danach kann er sich richtig an sein Land wenden.


Unter Lionels Anleitung durchläuft Bertie so etwas wie eine zweite Erziehung, die ihn erst zum vollständigen Menschen macht. Seine Eltern und Lehrer haben ihn lediglich als Monarchen erzogen, was eine auf Etikette und Protokoll ausgerichtete Lehre bedeutet und ihn somit in ein abstraktes Verhältnis zu anderen setzen musste. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der Film die Monarchie an sich angreift. Er nimmt ihr gegenüber eher eine Haltung wie Stephen Frears The Queen ein, zeigt sie hier besonders als ein altmodisches und weltfremdes System. Die veränderten Weltverhältnisse, vor allem die durch die neuen Medien bewirkte Unmittelbarkeit, die auch die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum transzendiert, müssen ein Umdenken bei den Herrschenden herbeiführen. Denn die Erziehung des bisherigen Systems bestand ausschließlich aus der Bildung des öffentlichen Körpers, der soziale Umgang muss erst erlernt werden.

The King's Speech konzentriert sich auf seine Hauptfiguren, besonders auf Bertie und Lionel. Die Weltereignisse werden nur in wenigen kurzen Einstellungen thematisiert. Dass hier aber das Weltgefüge erschüttert ist und besonders die Welt für Bertie übermächtig, entfremdet, verzerrt erscheint, wird konsequent in den Bildern offenbart, vor allem durch den Einsatz von Weitwinkelobjektiven, die das Bild deformieren. Aber auch die Bildkomposition macht Berties Widerwillen gegen seine zentrale Stellung und sein Unvermögen, diese richtig auszufüllen, deutlich. So finden sich besonders zu Beginn des Films viele Einstellungen, in denen er eigenartig am Bildrand platziert ist, der Rest des Kaders leer. Dadurch wird auch sein Gesicht durch das Objektiv verzerrt, die Welt und die unkontrollierbaren Gefüge verbiegen und verformen die Menschen, besonders die, die wichtige Positionen innehaben. Lionels Praxis ist geräumig, aber schmucklos, farblos, am Rande des Zerfalls. Doch ist sie gleichsam abgeschieden und leer, so dass sich hier die leichten Bande des Vertrauens zwischen den unterschiedlichen Männern knüpfen können. Wichtig in ihrer Beziehung ist auch, dass Lionel genau weiß, welche Herausforderung vor Großbritannien und seinem König liegt, da er die schlimmen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs direkt erlebt hat. Bertie wird am Ende des Films eine entscheidende Rede halten müssen, da England in den Krieg mit Deutschland ziehen wird. Seine Stimme wird von den Mikrofonen zu seinen Untertanen in der ganzen Welt gesandt werden. Während er dann spricht, zeigt Regisseur Tom Hooper Gesichter. So wie die Gesichter von Bertie und Lionel bisher den Film bestimmt haben, sind nun Menschen auf der ganzen Welt zu sehen. Bei jedem Gesicht, das den Worten des Königs lauscht, fühlt der Zuschauer ihre Sorgen, aber weiß gleichzeitig, dass Bertie sie bei seiner Rede im Sinn hat. Da ist der alte Mann mit dem zerklüfteten Gesicht, der wohl wie Lionel die Schrecken des Krieges schon erlebt hat und daher genau weiß, was für Gräuel auf die Menschen warten. Im Gegensatz dazu die jungen Soldaten, die es bald wissen werden. Dann die junge Prinzessin Elizabeth, der noch ein ähnlich beschwerlicher Weg wie ihrem Vater bevorstehen wird. Alle hören die Stimme von Bertie, die moderne Technik macht es möglich, dass er zu jedem seiner Untertanen gleichzeitig und doch nah, fast wie ein Freund sprechen kann. Die Worte sind gar nicht so wichtig, das zeigt der Film auch daran, dass er andeutet, dass Bertie sie gar nicht selbst geschrieben hat. Einzig das zu den Menschen Sprechen zählt, dass jemand ihnen Mut zuspricht. Der Kriegsgegner steht unter der Führung eines Mannes, der vor allem durch sein charismatisches Reden, seine Vergewaltigung der Sprache und des Sprechens seine Macht festigte. Dagegen nun ein Stotterer, der seine Ängste überwinden und sich emanzipieren konnte, und dadurch die Rede halten kann, die sein Land braucht.

The King's Speech - Pressespiegel bei www.film-zeit.de


The King's Speech
R: Tom Hooper
D: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter
Großbritannien, Australien, USA 2010, 118 Min.
Copyright: Senator
Kinostart: 17.2.2011



2 Kommentare zu "The King's Speech"

Candide hat gesagt…

Den werde ich mir wohl alleine aufgrund der guten Besetzung ansehen, weniger der Thematik wegen. Klingt jedenfalls ganz danach als ob es sich hier um ein kleines Juwel handelt.

Thorsten Hinze hat gesagt…

Klingt in der Tat nach einem Juwel.

Ich freue mich schon drauf ihn endlich zu sehen.

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