Interview: Philip Koch über seinen Film Picco


Picco ist einer der meist diskutiertesten Filme der letzten Zeit. Sein Publikum spaltet sich in Anhänger und Gegner des Films. Er wurde unter anderem für den Nachwuchspreis in Cannes nominiert. 
Nach der Vorführung  seines Abschlussfilms beantwortete der Regisseur Philip Koch dem Publikum im Mainzer Capitol Kino über vierzig Minuten lang Fragen. Dabei wurde die Entstehung des Films thematisiert und dass es sich um fiktive Figuren handelt. Die Handlung ist zusammengesetzt aus verschiedenen, teilweise wahren Ereignissen in Jugendvollzugsanstalten. Der Film ließ ein polarisiertes Publikum zurück, was dem Regisseur auch wichtig war, da er einen bewusst gesellschaftskritischen Film schaffen wollte. Deutlich wies er auf die Missstände im deutschen Strafvollzugssystem hin, die Rückfallquote bei Jugendlichen liege zum Beispiel bei 80%.

Koch nahm auch Stellung zu Stoic, der sich auf den gleichen Vorfall in Siegburg beruft. Die Nachricht, dass Uwe Boll sich des Themas angenommen hat und einen Kinostart vor Picco hatte, erreichte das Picco-Team während der Vorbereitungen. Man entschloss sich dennoch nicht vom Vorhaben abzulassen, da die Filme unterschiedliche Herangehensweisen haben. Koch problematisierte, dass Boll nicht mit Jugendlichen arbeitete und dass Siegburg in dieser Form nur in einem Gefängnis mit Jugendlichen möglich gewesen sei. Die delikate Arbeit mit den jugendlichen Darstellern an einem so gewaltvollen Thema empfand Koch als sehr professionell und wiederlegte damit Bolls These, dass dieser Film nicht wie in den wahren Begenheiten mit Jugendlichen verwirklichbar wäre.
NEGATIV traf sich im Anschluss an das Gespräch mit Koch und unterhielt sich mit ihm über seine Erfahrungen in der deutschen Filmproduktion und darüber, was Film für ihn ist.  
Negativ: Picco wird stilistisch mit Van Sant oder Haneke verglichen, Du selbst sprichst von Werner Herzog als Deinem Lieblingsregisseur. Was sind Deine Einflüsse, Deine Vorbilder?
                                                   
Philip Koch: Ich bin riesiger Herzog-Fan, das ist für mich der größte deutsche Filmemacher. Das war für diesen Film natürlich keine große Inspiration, das war eher Haneke, Van Sant, aber auch vor allem Alan Clarke hatte künstlerisch einen großen Einfluss auf den Film. Scum war der Film, der für Picco quasi Pate stand. Der war 1980 sehr kontrovers und führte damals vor allem dazu, dass das Justizvollzugssystem sich änderte und hat von daher wirklich, neben der Erzählsprache, eine Vorbildfunktion. Es war auch eine Legitimation dafür, einen Film zu machen, der wirklich schockiert und nicht auf die Masse zu schielen und das Ganze für den deutschen Markt abzusoften.
Negativ: Den langen Einstellungen, den Plansequenzen sieht man an, dass sie handwerklich sehr gut gemacht sind. Was würdest Du sagen, hast Du der Filmhochschule zu verdanken und was sind vielleicht auch Fähigkeiten, Richtungen, die nicht durch die Ausbildung vermittelt werden?
PK: An der HFF wird das Handwerk gelehrt und man bekommt sehr viel Dramaturgie, konventionelle Drei-Akt-Struktur wunderbar gelehrt. Was oft passiert, vor allem am Anfang, ist dass Dozenten, Dramaturgen einem in die Stoffe reinreden und man sich schnell verheddert. Deshalb wurde Picco bewusst nur durch die beiden Produzenten und mich entwickelt. Man braucht zwar grünes Licht, aber es war klar, dass man mit einem Film, der so polarisieren wird, nicht mit vielen Anderen auf einen gemeinsamen Nenner kommen würde. Dieses Experiment hat auch gut geklappt. Die Ausbildung selbst verhindert gar nichts. Es gibt da einfach einen Pragmatismus von Bedenkenträgern, mit denen man konfrontiert wird. Dadurch wird natürlich ungewollt viel Angst geschürt. Gerade bei Picco war uns klar, dass wenn da was schief geht, es sehr schnell der letzte Film sein kann. Da wäre die Angst von Vielen kontraproduktiv gewesen, weshalb die einzige Möglichkeit diesen Film zu machen, unsere rigorose Konsequenz war. Ein Konsensprodukt hätte den Tod des Films bedeutet.
Natürlich bekommt man super Tipps und das Handwerkliche sowieso. Es gibt auch viele Filme, die, gerade wenn sie für ein größeres Publikum mainstreamiger erzählt werden, davon profitieren. Aber man sieht dann immer wieder, dass Filme von der Hochschule die persönliche Note, eine Handschrift vermissen lassen, weil zu viele Dramaturgen und Lektoren reingepfuscht haben.
Negativ: Dann kommt es ja doch zu einer gewissen Gleichbügelung durch die Filmhochschulen?
  
PK: Klar, die Gefahr ist da. Das sind dann leider oft Schicksale, wo man sagt: „Ja, das ist irgendwie ein cooler Film, aber das wird dann schwierig den Nächsten zu machen.“ So sehr Picco auch provoziert hat und so viele Hasser er auch hat, so viele Liebhaber hat er auch. Mit Cannes hätte das Ganze eigentlich nicht besser laufen können und das hat uns allen sehr viel gebracht, sodass unsere nächsten Projekte eigentlich schon unter Dach und Fach sind.
Negativ: Es liefen gerade Die kommenden Tage und Wir sind die Nacht, jetzt ein Gefängnisfilm, findest Du, von der Hochschule kommend, dass gerade eine Tendenz zum Genrefilm in Deutschland entsteht?
PK: Das ist schon vermehrt zu beobachten, was ich sehr gut finde, auch wenn wir zu viele konventionelle Dramen haben, die von den Filmhochschulen kommen. Die sind zwar gut, um im Fernsehbereich zu arbeiten, der Schritt zum Kinofilm ist dann aber sehr schwierig. Kinomäßig, gerade wenn man sich Thriller anschaut, muss man sagen, dass das vom Publikum her leider nicht so funktionierte. Dabei haben wir tolle Genrefilme gehabt, vom letzten Schweigen bis Die Tür. Aber ich denke vom Publikum her wird sich das entwickeln.
Negativ: Muss man sich mit konventionellen oder gerade unkonventionellen Mitteln beweisen, damit man fürs Fernsehen arbeiten darf?
PK: Das ist eines der Grundprobleme. Es ist ein schwieriger Beruf und eine schwierige Branche, es kommen pro Jahr hundert Regisseure auf den Markt und es gibt natürlich längst nicht so viel Arbeit. Deshalb grassiert auch eine große Angst sich zu beweisen, dass man sich für einen Fernsehfilm qualifizieren kann. Sehr viele Filme werden aus Angst gemacht, weshalb man sich oft auf Konventionen und den kleinsten gemeinsamen Nenner stützt. Dabei kommt sehr viel Mittelmaß heraus, was handwerklich wunderbar ist, aber wo der letzte Schritt zur Konsequenz und zum Mut fehlt, den du als Abschlussfilm brauchst. Man muss sich, so blöd es ist, absetzen von einer Flut an Filmemachern. So wie die Industrie funktioniert ist es eine Sisyphusarbeit, die eigene Radikalität durchzusetzen. Das klappt nur bei sehr Wenigen, wenn man jetzt nicht etwas völlig Radikales macht, dass man danach im Kino weiter arbeiten kann.
Negativ: War es eher schwierig Fördergelder zu bekommen?
PK: Jein. So einen Film wie Picco, der kann in der deutschen Industrie nie gemacht werden, der wäre undenkbar. Den kriegst du eigentlich so gut wie nicht gefördert und vor allem kriegst du nie einen Sender, der da mitzieht. Viele Redakteure, die den Film super fanden, haben gesagt: „Ja, wir hätten ihn gern gemacht, aber nicht mit dem Ende.“ Das widerspricht sich ja eigentlich schon. Man muss also schon eine gewisse Massenkompatibilität mitbringen, um einen Kinofilm aufzustellen. Der Film war nur machbar, was traurig ist, weil es ein Abschlussfilm war.
Negativ: Wie sind denn jetzt die Möglichkeiten für Dich nach dem Abschlussfilm, außerhalb des Fördersystems? Du liebäugelst ja auch mit dem amerikanischen Markt, wo das Publikum mehr oder weniger bestimmt, wie sind die Möglichkeiten auch dort Absatz zu machen?
PK: Extrem schwierig. Wenn man im extremeren Arthouse-Bereich arbeitet, ist man mehr oder weniger dazu verdammt, wie ein Klaus Lemke zu arbeiten, der Filme mit niedrigstem Budget macht. Das geht, aber da kann man eigentlich nicht über die Runden kommen. Ich bin mit dem amerikanischen Kino groß geworden, dem schlägt mein Herz zu. Ich schreibe gerade an einem übernatürlichen Thriller, der großes Unterhaltungskino ist, ein kommerzielles Projekt. Trotzdem werde ich das Andere weiter machen, obwohl man so was wie Picco kaum noch machen kann. Das mache ich dann eben mit meiner eigenen Produktionsfirma und dann kostet so ein Film 30000 Euro.
Negativ: Glaubst Du, Du hast den Film bewusst politisch gemacht und gibt es für den Film eine Pflicht sich politisch zu engagieren?
PK: Finde ich absolut. Es ist ein Grundproblem, dass der politische Film in Deutschland tot ist. Politisches Kino in Deutschland gibt es nur, wenn man in die Vergangenheit schaut, über die DDR, die Nazis oder über den Tellerrand hinaus, also Terrorismus oder Banken, irgendwas Internationales. Aber ein Film, in dem knallhart die Gegenwart gezeigt wird, mit einer konsequenten politischen Haltung, die dem Establishment wie wir es haben entgegentritt, kannst du nicht machen, weil in den Sendern alles politisch ist.
Negativ: Aber liegt die Chance dann nicht wieder im Genrefilm als Vehikel? Zum Beispiel Rainer Werner Fassbinder, an dessen Bilder man sich an einigen Stellen in Picco kurz erinnert fühlt, der mit dem Melodram politische Botschaften transportierte.
PK: Der politische Film ist natürlich nicht seit immer tot. Fassbinder, Wenders, Herzog, das war politisches Kino, die Filme kann man heute aber nicht mehr machen. Das Fördersystem und der deutsche Film wurden bereits zu sehr von der Politik infiltriert.
Negativ: Picco ist sehr deutlich in seiner Aussage. Bist Du der Meinung, dass Missstände immer derart angeprangert werden müssen oder auch subtile Formen finden können?
PK: Klar gibt’s subtile Formen, die sind auch wichtig, weil sie damit ein größeres Publikum erreichen können, aber die Gefahr da zu versanden ist extrem. Eine politische Botschaft kann dann auch sehr unklar werden für den Zuschauer. Kokowääh ist auch ein politischer Film, Patchwork Familie etc., wahrscheinlich weiß er aber noch nicht einmal, dass er politisch ist. Politik steckt in jedem Film, nur dass das Bewusstsein darüber und vor allem eine klare politische Haltung zu haben, ist das was fehlt.
Negativ: Gehst Du in der mise-en-scène bewusst auf die Thematiken ein oder ist es eine Gefühlssache?
PK: Teils teils. Filmkunst ist sehr viel Intuition, oft aber auch klare Absichten. Es geht auch darum, wie sich für den Zuschauer die Geschichte am Emotionalsten transportiert. Manchmal gibt es mehr, das man hineinlesen kann und das man rational begründen kann, oft ist es einfach intuitiv und kommt sogar erst im Nachhinein: „Genau, das war das, was man eigentlich damit aussagen wollte.“
Negativ: Dein Hauptziel ist es also, den Zuschauer emotional zu bewegen?
PK: Ja. Ich denke Kino hat nur eine wirkliche Verpflichtung und das ist die Wahrheit. Eine Form von Wahrheit dem Zuschauer zu vermitteln. Wahrheit ist immer eine emotionale Wahrheit.
Negativ: Wie bei Herzog und der ekstatischen Wahrheit?
PK: Das sagt eigentlich schon der Begriff: Ekstase ist ein Gefühl und Herzog ist ein Meister davon, diese Wahrheiten aufzuspüren. Er hat ganz oft dramaturgische Mängel, zum Beispiel, dass man Längen im Film hat, schafft es aber trotzdem diese ekstatische Wahrheit einzufangen und das trägt einen dann weiter. Ganz oft gelingt es ihm, manchmal auch nicht. Film hat nur eine Verpflichtung und das ist Wahrheit und die transportierst du nur mit Gefühl. Ein Film ohne Emotionen transportiert für mich keine Wahrheit.
Negativ: In Picco unterscheiden sich die Zuschaueremotionen und Reaktionen ja sehr stark…
PK: Das sehe ich als Indiz dafür, dass wirklich eine starke Emotion ausgelöst wurde. Jeder Mensch ist natürlich anders mit Emotionen: Manche lassen es zu, dass sie 108 Minuten mit eingekerkert werden und andere lehnen das total ab.
Negativ: Aber was ist dann Wahrheit? Ist Wahrheit dann schon die Emotion an sich?
PK: Die Wahrheit ist etwas, das dahinter ist. Wir reden jetzt weit in die Interpretation des Films hinein, aber Gefühl ist ein Ausdruck dessen, dass eine Wahrheit berührt wird. Diese Wahrheit kann man nicht in Worte fassen, das glaube ich nicht. Man kann versuchen, Sachen zu ergründen, man kann sie nur versuchen ein bisschen zu umkreisen. Ich denke Wahrheit liegt nur dort verborgen, wo starke Gefühle transportiert werden, in jeder Kunst.
Negativ: Der Zuschauer hat eine breite Interpretationsmöglichkeit, dadurch dass Du mit der Kamera häufig eher beobachtend umgehst. Es gibt ganz wenige Einstellungen, die nah heran gehen und somit den Zuschauer zu einer einzigen Emotion verpflichten.
PK: Vor allem auch mit welcher Figur er emotional mitgeht. Jetzt gerade, bei einem Kammerspiel mit vielen Leuten in einer Zelle, ist natürlich sehr wichtig zu erfahren, wie die Energien zwischen den Figuren stattfinden, ohne dass es jetzt durch Schnitt/Nahaufnahme, Schnitt/Nahaufnahme von mir als Regisseur bewusst gesteuert wird. Das war uns ganz bewusst wichtig, da dem Zuschauer den Freiraum zu lassen, alles selbst zu ergründen. Es geht ja auch viel um die Vermischung von Opfern und Tätern.
Negativ: Die Kritiken waren sehr unterschiedlich und wir würden Dir gerne nochmal die Möglichkeit geben, zu einem Hauptkritikpunkt Stellung zu beziehen. Viele Kritiken waren sich darin einig, dass das was Du immer wieder gesagt hast, dass Picco auf die ganze Gesellschaft bezogen werden kann, nicht funktionieren würde. Dafür wurde oft die Szene angeführt, in der die Insassen Besuch bekommen. Der Blick nach außen und der Schnitt durch die verschiedenen sozialen Milieus funktionierten nur bedingt, so die Kritik und die Dialoge wirken wie Stellvertreterdialoge. Warum gab es diese Szene und warum findest Du, dass es funktioniert?
PK: Ich habe mich dafür entschieden, weil ich einen Hint geben wollte, dass das wahre Problem schon viel früher als im Vollzug ansetzt, nämlich aus den zerrütteten Verhältnissen und Umständen. Das ist einfach ein ziemlich klares Faktum, dass die Probleme des Jugendvollzugs viel früher ansetzen als im Jugendvollzug und ein gesellschaftliches Problem ist. Das ist ein Problem, das man angehen muss, wenn man das Problem an der Wurzel anpacken möchte. Da liegt die Parallele zur Gesellschaft natürlich sehr nahe. Ich finde es ehrlich gesagt relativ schwachsinnig, das nicht hinein zu interpretieren. Das wird von der Figur ja auch direkt angesprochen. Ja… [lacht]
Negativ: Zum Abschluss noch ein paar warme Worte über Werner Herzog? Warum ist er Dein Vorbild und für Dich der beste deutsche Filmemacher? Und welche Herzog-Elemente könnten wir bei zukünftigen Projekten von Dir entdecken?
PK: Wofür ich ihn extrem bewundere, er spielt wirklich extrem mit dem Pathos, wie es sich kein anderer Regisseur getraut hat oder traut in Deutschland. Ihm gelingen dadurch wirklich diese Momente ekstatischer Wahrheit, die wirklich hochemotional sind. Das kriegt kein Anderer so hin. Das war in seinen Spielfilmen aus den 70er Jahren schon besser, das muss ich ehrlich sagen. Er hat jetzt schon eine Schwächephase gehabt in den Spielfilmen der letzten Jahre, aber er bringt jetzt diese Wahrheit, die er in seinen Spielfilmen hatte, in seine Dokumentarfilme rein, die alle großartig waren, die Letzten. Das finde ich gut. Diese Momente ekstatischer Wahrheit, an diese heranzukommen, das wäre ein Ziel, da lohnt es sich hinzuarbeiten.
Negativ: Na dann, Dankeschön für das Interview und viel Erfolg dabei!
PK: Jaja… [lacht]
Das Interview führten Leander Ripchinsky und Janusch Ertler. 
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