Homo homini lupus – Der Mensch ist des Menschen Wolf. Der Urzustand des Menschen nach Hobbes ist der Krieg jeder gegen jeden: „a state as a war of all against all“.
Um dieser determinierten Vernichtung zu entgehen errichtet sich der Mensch Regelsysteme. Familie, Gesellschaft, Politik, Recht – Systeme, die das Zusammenleben von Menschen ermöglichen und garantieren. Systeme, die den Menschen vor seinem eigenen Verfall retten. Subjekte, die nicht in diese Systeme passen oder passen wollen, werden reglementiert, bestraft und gegebenenfalls temporär entfernt. Zur Besserung, zur Resozialisierung, wie es fernab jeder sozialen Realität heißt. Interessanterweise stellen gerade diese Instanzen Mikrokosmen dar, in denen der Mensch wieder in seinen Urzustand zurückgeworfen wird. Friss oder stirb, Anpassung um jeden Preis, um nur nicht der Schwächste zu sein. Denn der Schwächste ist der Erste…
Homo homini lupus – Die Tragweite dieser Theorie von Hobbes findet sich, in einem der außergewöhnlichsten Nachwuchsfilme des vergangen Jahres, beispielhaft inszeniert wieder.
Picco heißt der Film, Picco werden die Neuankömmlinge im Jugendknast genannt. Den aussichtslosen Mikrokosmos der Resozialisation dokumentiert der Abschlussfilm von Philip Koch. Er liegt tatsächlichen Begebenheiten zugrunde, verzichtet aber darauf, dies hervorzuheben. Die Bilder vermitteln für sich genommen ausreichend Realität. Dabei ist Picco kein durchstrukturiertes Werk, keine Charakterstudie, kein Drama bei dem man leicht mitfühlt. Es ist eine Dokumentation. Eine Bestandsaufnahme, welche durch ihren dokumentarischen Charakter eine Radikalität aufweist, zu der sich lange keine deutschen Filmemacher mehr getraut haben. Ein Wunder, dass der Film überhaupt entstanden ist.
Homo homini lupus – eine Kamera, welche in ihrer theatralen Mise-En-Scène an Fassbinder erinnert, und eine Kamera, die gekonnt mit Tiefenschärfe spielt. Immer wieder schwenkt oder fährt sie in langen Einstellungen von einer Figur zur nächsten. Immer wieder verschwimmt das Bild in Unschärfen und mit ihm die Täter-Opfer-Relationen. Mit diesen Mitteln zeigt Koch das Leben in einer Jugend-JVA, ein Ort, in welchem Menschen in der vitalsten Phase ihres Lebens weggesperrt werden, in ihren physischen und psychischen Bewegungen auf fünf mal fünf Meter reduziert sind. Und mit diesen Mitteln erscheint eine Vergewaltigung, ein Mord, eine stundenlange Folter als natürliche Folge dieser Isolation. Eine Bestandsaufnahme. Die Kamera gibt keine Möglichkeit zur Wertung. Sie beobachtet und zeigt auf. Zeigt die seelischen Kämpfe der Insassen und die Konsequenzen dieser Folterungen, denen jeder ausgesetzt ist. Was bleibt da noch, als dieser Folter mit tatsächlicher Folter eine Ausdrucksmöglichkeit zu geben?
Homo homini lupus – diese scheinbar unabwendbare, willkürliche Spirale der Gewalt zu beobachten geht bis ins Mark des Zuschauers. Picco stellt ihm die Frage: Welcher Teil der Gesellschaft, die so etwas zulässt, bist du?
Leider tut er das manchmal zu direkt. In Tatort-Manier finden sich zwischen dem dokumentierten Zellenleben Dialoge, die stellvertretend das ganze Problem verbal abreißen. Wozu dann die ganze Mühe dieses Problem zu visualisieren, fragt man sich. Vielleicht ist es die Angst bei dem Film missverstanden zu werden.
Dennoch: von diesen Situationen einmal abgesehen, vereint Picco viel von dem, was den meisten deutschen Nachwuchsarbeiten fehlt: Mut zur Politik, Mut zum Schock, Mut zu einer ehrlichen Darstellung und Mut zu einem persönlichen Stil. Der Film zeigt auch, wie sich in Deutschland fernab vom dicken Förderungsgeschäft gute Filme machen lassen. Mit wenig Geld, aber einem kompakten Team an einem begrenzten Drehort und der Konzentration auf ein Thema. Und genau unter diesen Bedingungen lassen sich auch die endlosen Kamerafahrten und Plansequenzen realisieren, die den gewalttätigen Stillstand, die folternde Monotonie und verzweifelte Ausweglosigkeit der Jugendlichen illustrieren. Die Gewalttätigkeit ihrer Situation, welcher sie nur mit gleichem Mittel begegnen können.
Picco auf Film-Zeit.de
Picco
R: Philip Koch
D: Constantin von Jascheroff, Frederick Lau, Joel Basman, Marin Kiefer
Deutschland 2010, 104 Min.




