Ein alter Mann bedroht eine junge Frau, weil sie ihm angeblich noch Geld schulden würde. Er versucht sie zu vergewaltigen, als eine zweite Frau kommt und ihn losreißt. Nun wird die zweite angegriffen. Die erste rennt in die Küche, holt ein Messer und kehrt zurück. Wie ein Tier wird der Mann erstochen, kurz danach im Bad in einer Brühe von Blut, Fleischwürfeln und Knochen verarbeitet. Eine Reise folgt dem ganzen, denn er muss spurlos verschwinden.
In dieser ersten Szene nimmt Takashi Ishii seinen 1993 fertiggestellten Film A Night in Nude wieder auf, demonstriert in rhythmischer Schnittfolge wie ein durchaus ernstes Thema mit Humor garniert werden kann, ohne dass es an Kraft verliert und beweist erneut sein Können bei der Inszenierung des menschlichen Körpers. Was mit dem Opfer geschieht, wiederholt der Film in den folgenden zwei Stunden: Geld, Sex, Femme Fatale, Tod und die dazugehörige Reise sind die Elemente, denen Takashi Ishii durch die Figuren des Films nachgehen wird, im Zeichen des Film Noirs, wie das Standbild zeigt, das dem Filmtitel als Hintergrund dient - Nachts, mitten in der Stadt, doch fern von den Blicken anderer Menschen.
In die Duschszene wird Ren zum ersten Mal nackt gezeigt, und ihre Charakterentfaltung angerissen
Zwei Betrachter werden das Filmgeschehen verfolgen, der erste davon ist der Zuschauer. Ich beziehe mich darauf, weil der Regisseur uns eine gewisse Perspektive aufzwingt, eine durch unser Auge (mit Hilfe einer von Hiroo Yanagida mit extremem Weitwinkelobjektiv versehene Kamera, die fast ausschließlich in 20 bis 90 Zentimeter Höhe filmt, nicht selten schräg gehalten) verzerrte und implizit in ihrer Zuverlässigkeit eingeschränkte Untersicht. Ein Blickwinkel, der die Orientierungslosigkeit des Zuschauers, weniger bezüglich der Bilder als bezüglich der Handlung und der Figuren im ersten Teil des Films fördert, der die Wirkung der Körper, der oft nackten Frauen unterstützt und sie dem sich in der Froschperspektive befindenden Publikum ostentativ zur Anbetung darbietet. In zwei einzigen Szenen wird uns eine andere Blickhöhe gegönnt: Das erste Mal passiert es, als Ren (Hiroko Satô) durch das Wissen, dass der Zuschauer als Begleiter des Ermittlers Jiro besitzt, vor beiden erniedrigt wird, wenn also ihre Funktion als Femme Fatale (auch wenn nur kurzweilig) aufgehoben zu sein scheint, und das zweite Mal kurz vor dem dramatischen Ende, in welchem der Zuschauer aus der Perspektive eines von Ren heraufbeschwörten Geistes schauen darf, sich vielleicht dabei unbewusst mit diesem identifiziert, und die Femme Fatale in Ren erneut nicht mehr sehen kann.
Der zweite Betrachter ist Jiro Kurenai (Naoto Takenaka), der zunächst wegen der verlorenen Uhr des Ermordeten am Anfang des Films angeheuerte Ermittler. Wird diese Uhr gefunden, so bekommt er von Ren den Auftrag, eine gewisse Tae zu finden, seit Jahren von Zuhause geflohen, inzwischen spurlos verschwunden. Diese Suche scheint ein Selbstfindungsverfahren von Ren zu sein, doch ist sie schließlich nur ihr narzisstisches Bedürfnis, mit den Augen der Anderen gesehen zu werden. Und jeder, den Jiro auf seiner Suche trifft, wird etwas über Taes erotische Qualitäten zu sagen haben, bis immer deutlicher wird, dass Ren und Tae dieselbe Person sind.
A Night In Nude: Salvation ist ein Film Noir, vor allem ist er aber ein Pinkfilm, so entfaltet sich seine Erzählstrategie hauptsächlich und progressiv auf der visuellen Ebene. Die beiden Charaktere scheinen parallel eine Entwicklung durchzugehen: Ren wird von dem leicht unsicheren Mädchen zur dekadenten Prostituierten, danach zur fatalistisch-bedingten Femme Fatale und Jiro, zunächst als Surrogat von Erzählerstimme und Betrachter eingeführt, wird im ungeschickten Slapstick versinken und sich danach im Verführungsnetz von Ren verlieren. Doch diese Entwicklung findet nicht statt, stattdessen ein systematischer, körperlicher wie charakterlicher Strip der weiblichen Hauptfigur: Jiro ist nur die Vortäuschung einer authentischer Figur, er bleibt ein stellvertretender Zuschauer, der, wie das Publikum, dem Körper und der tragischen Geschichte der Frau verfallen soll, während diese einfach unverändert bleibt, das Mysterium um ihren Charakter wird systematisch, wie ihre Kleidung auch, nach und nach abgelegt wird, bis sie dem Publikum vollkommen nackt angeboten wird. Bezeichnend zieht sie für die ersten Szenen des Films ein weißes Kleid an, in welchem sie sich, bereinigt von allen Geheimnissen, dem Zuschauer darstellt.
Eine eskalierende Reihe von Morden begleitet diese konsequente Strip-Show, die im Vaterkonflikt mit der Psychoanalyse kokettiert und vor allem darunter leidet, dass sie zwei Genres nicht simultan, wie in der Anfangssequenz, sondern aneinandergereiht bedienen möchte.
A Night in Nude: Salvation / Nûdo no yoru: Ai wa oshiminaku ubau
R, B: Takashi Ishii
K: Hiroo Yanagida
D: Harumi Inoue, Machiko Kochi and Hiroko Satô
Japan, 2010, 126 Min. www.nude-ai.com
Ein alter Mann bedroht eine junge Frau, weil sie ihm angeblich noch Geld schulden würde. Er versucht sie zu vergewaltigen, als eine zweite Frau kommt und ihn losreißt. Nun wird die zweite angegriffen. Die erste rennt in die Küche, holt ein Messer und kehrt zurück. Wie ein Tier wird der Mann erstochen, kurz danach im Bad in einer Brühe von Blut, Fleischwürfeln und Knochen verarbeitet. Eine Reise folgt dem ganzen, denn er muss spurlos verschwinden.
In dieser ersten Szene nimmt Takashi Ishii seinen 1993 fertiggestellten Film A Night in Nude wieder auf, demonstriert in rhythmischer Schnittfolge wie ein durchaus ernstes Thema mit Humor garniert werden kann, ohne dass es an Kraft verliert und beweist erneut sein Können bei der Inszenierung des menschlichen Körpers. Was mit dem Opfer geschieht, wiederholt der Film in den folgenden zwei Stunden: Geld, Sex, Femme Fatale, Tod und die dazugehörige Reise sind die Elemente, denen Takashi Ishii durch die Figuren des Films nachgehen wird, im Zeichen des Film Noirs, wie das Standbild zeigt, das dem Filmtitel als Hintergrund dient - Nachts, mitten in der Stadt, doch fern von den Blicken anderer Menschen.
In die Duschszene wird Ren zum ersten Mal nackt gezeigt, und ihre Charakterentfaltung angerissen
Zwei Betrachter werden das Filmgeschehen verfolgen, der erste davon ist der Zuschauer. Ich beziehe mich darauf, weil der Regisseur uns eine gewisse Perspektive aufzwingt, eine durch unser Auge (mit Hilfe einer von Hiroo Yanagida mit extremem Weitwinkelobjektiv versehene Kamera, die fast ausschließlich in 20 bis 90 Zentimeter Höhe filmt, nicht selten schräg gehalten) verzerrte und implizit in ihrer Zuverlässigkeit eingeschränkte Untersicht. Ein Blickwinkel, der die Orientierungslosigkeit des Zuschauers, weniger bezüglich der Bilder als bezüglich der Handlung und der Figuren im ersten Teil des Films fördert, der die Wirkung der Körper, der oft nackten Frauen unterstützt und sie dem sich in der Froschperspektive befindenden Publikum ostentativ zur Anbetung darbietet. In zwei einzigen Szenen wird uns eine andere Blickhöhe gegönnt: Das erste Mal passiert es, als Ren (Hiroko Satô) durch das Wissen, dass der Zuschauer als Begleiter des Ermittlers Jiro besitzt, vor beiden erniedrigt wird, wenn also ihre Funktion als Femme Fatale (auch wenn nur kurzweilig) aufgehoben zu sein scheint, und das zweite Mal kurz vor dem dramatischen Ende, in welchem der Zuschauer aus der Perspektive eines von Ren heraufbeschwörten Geistes schauen darf, sich vielleicht dabei unbewusst mit diesem identifiziert, und die Femme Fatale in Ren erneut nicht mehr sehen kann.
Der zweite Betrachter ist Jiro Kurenai (Naoto Takenaka), der zunächst wegen der verlorenen Uhr des Ermordeten am Anfang des Films angeheuerte Ermittler. Wird diese Uhr gefunden, so bekommt er von Ren den Auftrag, eine gewisse Tae zu finden, seit Jahren von Zuhause geflohen, inzwischen spurlos verschwunden. Diese Suche scheint ein Selbstfindungsverfahren von Ren zu sein, doch ist sie schließlich nur ihr narzisstisches Bedürfnis, mit den Augen der Anderen gesehen zu werden. Und jeder, den Jiro auf seiner Suche trifft, wird etwas über Taes erotische Qualitäten zu sagen haben, bis immer deutlicher wird, dass Ren und Tae dieselbe Person sind.
A Night In Nude: Salvation ist ein Film Noir, vor allem ist er aber ein Pinkfilm, so entfaltet sich seine Erzählstrategie hauptsächlich und progressiv auf der visuellen Ebene. Die beiden Charaktere scheinen parallel eine Entwicklung durchzugehen: Ren wird von dem leicht unsicheren Mädchen zur dekadenten Prostituierten, danach zur fatalistisch-bedingten Femme Fatale und Jiro, zunächst als Surrogat von Erzählerstimme und Betrachter eingeführt, wird im ungeschickten Slapstick versinken und sich danach im Verführungsnetz von Ren verlieren. Doch diese Entwicklung findet nicht statt, stattdessen ein systematischer, körperlicher wie charakterlicher Strip der weiblichen Hauptfigur: Jiro ist nur die Vortäuschung einer authentischer Figur, er bleibt ein stellvertretender Zuschauer, der, wie das Publikum, dem Körper und der tragischen Geschichte der Frau verfallen soll, während diese einfach unverändert bleibt, das Mysterium um ihren Charakter wird systematisch, wie ihre Kleidung auch, nach und nach abgelegt wird, bis sie dem Publikum vollkommen nackt angeboten wird. Bezeichnend zieht sie für die ersten Szenen des Films ein weißes Kleid an, in welchem sie sich, bereinigt von allen Geheimnissen, dem Zuschauer darstellt.
Eine eskalierende Reihe von Morden begleitet diese konsequente Strip-Show, die im Vaterkonflikt mit der Psychoanalyse kokettiert und vor allem darunter leidet, dass sie zwei Genres nicht simultan, wie in der Anfangssequenz, sondern aneinandergereiht bedienen möchte.
A Night in Nude: Salvation / Nûdo no yoru: Ai wa oshiminaku ubau
R, B: Takashi Ishii
K: Hiroo Yanagida
D: Harumi Inoue, Machiko Kochi and Hiroko Satô
Japan, 2010, 126 Min. www.nude-ai.com