Sucker Punch


Tanzfilme sind 2011 en vogue. La Danse, Black Swan, Pina und überraschenderweise auch Zack Snyders Sucker Punch könnten unter dieses Label fallen. Tanz rückt den Körper in den Fokus und macht ihn zum ultimativen Ausdrucksmittel. Verbalausdruck hat zu schweigen, Rhythmen geben die sich formende Sprache vor, die verwendet wird. Für die Helden aus dem Universum des Regisseurs Zack Snyder also ein vermeintlich ideales Kampffeld, fielen sie im Dialog bisher doch nicht wirklich durch intelligente Reden, sondern bestenfalls markante, einsilbige Sprüche auf. Tanz als Actionfilm durch einen Regisseur, der mit 300 die Körperpornografie in den Mainstream geführt hat, da freut sich das Produzentenherz über das Konzept. Das Herz des Kinoliebhabers wird durchaus auch in Mitleidenschaft gezogen, jedoch wohl kaum aus Freude über einen gelungenen Film.

Sucker Punch beginnt mit einem relativ langen Musikvideo von Sweet Dreams (are made of this) in einer Version der Hauptdarstellerin Emily Browning selbst. In geschliffener Comic-Optik bringt die junge Frau, die später nur Baby Doll gerufen wird, beim Versuch sich ihrem Vergewaltiger zu entledigen aus Versehen ihre Schwester um. Daraufhin wird sie in eine Horror-Nervenheilanstalt gebracht, die mit Heilung oder der Realität so viel zu tun hat, wie Hostel mit Tourismuswerbung. Klingt ziemlich hart, ist aber in üblichen Symboliken und Dauerzeitlupe nicht diegetisch ausbuchstabiert. Eine zufliegende Tür nach der Nächsten, das Auge am Schlüsselloch, Großaufnahmen entsetzter Gesichter: Für das Snydersche Gewaltbarometer also geradezu eine dezente Inszenierung. Was man anfänglich für eine solchen halten kann, entpuppt sich alsbald als Strategie, um eine möglichst geringe Altersfreigabe zu erhalten. Sieben Versionen wurden der amerikanischen Prüfungsbehörde vorgelegt bis der Film PG-13 erhielt. Eine Actionszene jagt die nächste, ständig wechselt das Kampfszenario. Blut fließt trotz Metzelorgien praktisch nicht, eine merkwürdige Atmosphäre unangebrachter Softness legt sich über den Film. Moment. Actionszenen? Geht es nicht um Tanz? Doch! Aber möchte das das männliche Publikum sehen? Und was muss Snyder genommen haben, um einem Dirty Dancing-Remake für Jungs zuzustimmen? Das Drehbuch hält hierzu einen ebenso interessanten wie dreisten Kniff parat. Jedes Mal wenn Baby Doll zum Tanzen gezwungen wird, zoomt die Kamera durch ihre Augen in eine Subjektive und zeigt ihren inneren Kampf. Dieser ist (Überraschung!) Krieg. Tanz als Schlacht. Tanz nicht als gemeinsamer Fluss, sondern als Battle. Kein Verstehen des Anderen, um zu harmonieren, sondern um zu vernichten. Selbstredend ist diese Perversion eigentlich egal, schließlich geht es um die Actionszenen. In diesen sind die Körper allerdings derart unerfahrbar und künstlich verfremdet, dass auch das größte Effekt-Feuerwerk wirkungstechnisch verpufft und einem Zustand der seichten Dauerberieselung weicht. Die dramaturgische Linie, den Zuschauer keine Sekunde zum Atmen kommen zu lassen, hat zur Folge, dass der Film ungewollt vollständig zu toter Zeit wird.

Dadurch, dass sich die Tänze in den Bereich des Imaginierten begeben, eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten, was die Ausgestaltung der Action-Arenen anbelangt. Und Arenen sind die Schlachtfelder in der Tat, erinnern sie doch nicht nur in ihrer Optik an Videospiele, sondern auch in ihren Modi. Nachdem in einer Art Tutorial die Heldin alleine den ersten Kampf bestreiten musste, tritt sie fortan im Team an. Was das für den Tanz in der Realität außerhalb der Vorstellung bedeutet, bleibt spekulativ. Die Zuschauer sind nach den abgewandelten Fensterblicken stets wie von Sinnen von Baby Dolls Künsten, ihre Partnerinnen scheinen trotz innerer Multiplayer-Map nicht involviert gewesen zu sein. Tanz wird zur Masturbation, die Gefährtinnen zu den heimlichen Objekten der Begierde, der Orgasmus führt zum Levelaufstieg. All dies wird natürlich niemals gezeigt, wenn es überhaupt angedeutet wird. Sucker Punch feiert sich selbst in seiner spießigen Ultra-Biederkeit und versucht damit kassenwirksam an einen Neo-Konservatismus anzuknüpfen, wie ihn Twilight für ein weibliches Publikum vertritt. Doch da es hier nicht um das erste Mal eines Teenie-Mädchens, sondern vermeintlich um Prostitution, geistige Fremdkontrolle, Geschlechterrollen und Gewalt geht, stürzt sich der Film vergnüglich von einer gefährlichen Lächerlichkeit in die Nächste. Ein Schelm, wer dem modernen Konservatismus gewisse Versuche unterstellt, die Emanzipation teilrückgängig zu machen, ein Blinder, wer die Frauenfeindlichkeit in diesem Film ignoriert. Der Gipfel der Bravo-Teeniekultur-Flickenteppich-Doppelmoral (beziehungsweise der Gipfel Snyders Sinn für nicht kenntlich gemachte Ironie) wird erreicht, wenn sich ausgerechnet Björk (mal wieder mit Army of Me) und Skunk Anansie (mit einem Cover von Search & Destroy) im Soundtrack die zweifelhafte Ehre geben. Feministisches Ehrgefühl zählt eben nichts, wenn es um die Aufmerksamkeit der Jugend geht. Da fällt es kaum noch auf, dass zwischendurch noch ein grässliches Where-is-my-mind?-Cover nur wegen der Titeltextzeile eingestreut wird. Dirty Dancing hatte wenigstens noch einen eigenständigen Soundtrack. Und eben Tanzszenen. Diese werden hier zu Ballerszenen, die in jedem zweiten Videospielshooter seit Doom spannender inszeniert sind.

Sucker Punch – Pressespiegel auf film-zeit.de

Sucker Punch
R.: Zack Snyder
D.: Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone, Vanessa Hudgens, Jamie Chung, Oscar Isaac, Carla Gugino, Jon Hamm, Scott Glenn
USA 2011, 109 Minuten, FSK 16
Fotos: Warner Kino
Kinostart: 31. 3. 2011

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