Womb


Der junge Student Tommy wird sich einmal im Film staunend und euphorisch Gedanken machen darüber, dass jeder Mensch, jedes Lebewesen, ja jedes Ding auf der Welt einzigartig ist, selbst der Sturm bläst niemals genau gleich. Mit einem solchen Sturm fängt der Film auch an, schon bevor Bilder zu sehen sind, tost der Wind auf der Tonebene. Dann das Bild von Sandkörnern und Meereswasser, die schnell über die Erde getrieben werden. Kein Partikel gleicht dem anderen. Als Tommy seinen Gedanken darüber Ausdruck verleiht, wird dies von seiner Freundin Monica als naiv abgetan. Der Vorwurf der Naivität liegt jedoch wohl vielmehr darin begründet, dass am Ende der Überlegungen nur Fassungslosigkeit stehen kann, egal wie tief sich mit wissenschaftlichen oder philosophischen Theorien beschäftigt wird. Ein erwachsener Mensch sollte wohl lieber sein Leben leben, anstatt sich in derartig unklärbaren Themen zu verlieren.

Das versucht Rebecca (Eva Green), die Hauptfigur des Films, zu tun. An der Schwelle zur Pubertät verliebte sie sich in den Jungen Tommy. Sie verbrachten eine unbeschwerte Zeit am Meer, als sie dort ihren Großvater besuchte. Nachdem sie allerdings mit ihrer Mutter nach Tokio zieht, sehen sich die beiden zwölf Jahre lang nicht. Doch hat Rebecca Tommy nicht vergessen, so dass sie als junge Erwachsene ans Meer zurückkehrt und sofort nach ihm sucht. Augenblicklich ist die Anziehungskraft der beiden wieder entfacht. Tommy aber wird nach wenigen glücklichen Tagen bei einem Autounfall getötet. Um die Schuld, die Rebecca durch die Verkettung einiger Zufälle an seinem Tod hat, zu sühnen, vor allem jedoch, um ihren eigenen Lebensweg weiter zu beschreiten, fasst sie den Entschluss, Tommy klonen zu lassen, ihn selbst auszutragen und wie ihr Kind aufzuziehen. Nach einigem Zögern geben ihr Tommys Eltern dazu ihr Einverständnis.

Rebecca ist keineswegs eine verwirrte Frau, auch keine Romantikerin, im Gegenteil verfolgt sie hartnäckig ihren Lebensplan. Diesen Charakter unterstützt Drehbuchautor und Regisseur Benedek Fliegauf auch durch die Tatsache, dass er Rebecca Mathematikerin sein lässt. Sie spricht sehr wenig, beobachtet lieber und wartet ab, wie die Dinge ihren Lauf nehmen, der ihr schließlich, scheinbar wie zuvor berechnet, die Erfüllung ihres Lebens bringt.

Der technische Fortschritt der Welt wird nicht weiter in den Vordergrund gerückt, die Möglichkeit des Klonens ist eine Gegebenheit. Gesellschaftlich sind die Klone nicht akzeptiert, weil sie eben gerade diese von dem Klon Tommy bewunderte Einzigartigkeit des einzelnen in Frage stellen. Ebenso zerstören sie tradierte moralische Regeln, auch im Falle von Rebecca, die eben immer mehr einen Geliebten in Tommy sieht, anstatt einen Sohn. Als Tommy als junger Mann von seiner Herkunft erfährt, muss er sich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, nicht einzigartig zu sein. Was für ihn jedoch zum größeren Problem wird, ist die Frage nach Rebeccas Identität, denn sie ist nicht die Mutter, für die er sie sein Leben lang hielt. Das Zerbrechen des von ihm konstruierten Weltzusammenhangs, nach dem er sich ausrichtete, hängt also entscheidend mit der Einordnung seiner Mutter zusammen. Wird ihre Position zertrümmert, liegt auch sein Leben in Scherben. Einziger Ausweg für ihn bleibt eine Entfernung von ihr.

Der gewählte Schauplatz der verregneten norddeutschen Küste unterstreicht vor allem die Tatsache, dass jeder Mensch für sich alleine steht. Mit der Einzigartigkeit geht eben gerade auch Einsamkeit einher, die die Naturbilder ausdrücken. Auch ein Klon ist ein einsamer Mensch, wird immer nur auf sich zurückgeworfen. Die Kinder Tommy und Rebecca spielten einmal mit einer Schnecke. So wie eine solche Schutz in ihrem Haus findet, kann sie sich aber auch nicht von ihm entfernen, ein anderer wird niemals ihr Inneres betreten können. Zur Überwindung dieser fundamentalen Einsamkeit gibt es jedoch für die Menschen eine Möglichkeit. Eine Frau, die ein Kind in sich trägt, ist zwei Menschen und ein Teil von ihr lebt in Symbiose mit ihr. Diese einzige, größtmögliche Zweisamkeit ist es, nach der Rebecca sich sehnt.

Das fundamentale Alleinsein mit sich selbst drückt Fliegauf nicht nur durch die Aufnahmen der Landschaft aus, auch die grundsätzliche Erzählhaltung des Films transportiert dieses Thema. Womb folgt keinem klassischen Spannungsbogen, zeitlich nicht immer linear werden einzelne Episoden, oftmals kaum mehr wie Augenblicke, aneinander gereiht. Ein Zusammenhang zwischen diesen Situationen bleibt dem Zuschauer manchmal verborgen oder erschließt sich erst mit der Zeit. Die Dialoge sind teilweise belanglos, überhaupt wird selten gesprochen. Handlungen werden nur angerissen, auch das Motiv des Klonens wird nicht in die Tiefe durchgearbeitet. Es ergibt sich über die Momente ihres Weges vielmehr ein Einblick in die Stimmung von Rebecca, ihr Beobachten, ihre zurückhaltende Zielstrebigkeit, ihre Sehnsucht. Somit gelingt dem Film nicht über Psychologisierungen, Emotionalisierung oder großangelegte Erzählstränge ein Einfühlen in die Figur und eine Reflektion über ein Grundproblem der menschlichen Natur.

Womb – Pressespiegel auf film-zeit.de

Womb
R: Benedek Fliegauf
D: Eva Green, Matt Smith, Tristan Christopher
Deutschland, Frankreich, Ungarn 2010, 107 Min.
Camino Filmverleih
Kinostart: 7.4.2011
FSK 16

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