World Invasion: Battle Los Angeles


Der Status Quo einer Gesellschaft, der Einfluss der Politik auf das Filmemachen, oder gar derjenige der Wirtschaft? Auf das erste hätte sich mein Interpretationsansatz beschränkt, wäre ich nicht von Christian Alt auf eine andere Großproduktion aufmerksam gemacht worden, die letzten Donnerstag in den deutschen Kinos startete. Ohne Limit als PR-Plattform für gehirnstimulierende Pillen impliziert World Invasion: Battle Los Angeles als Werbeplattform für den U.S.-Marine Corps. Die Idee des Blockbusters als Werbeplattform, weit über Auto- oder Handymarken hinaus, erscheint mir gar nicht abwegig, leider sind mir aber solche Produktionen allzuwenig vertraut, um eine solche These auszuführen. Entsprechend würde ich mich über eine Diskussion zum Thema freuen.

Wird der Film nach der ersten der drei eingangs genannten Perspektiven gelesen, so steht zunächst hervor, wie unvorstellbar Humor im U.S.-amerikanischen Invasionsfilm geworden ist. Denn World Invasion: Battle Los Angeles ist der vierzehn Jahre später geschaffene Gegenpol zu Independence Day. Dazwischen 9/11. Es geht im Invasionsfilm um die Facette des Terrors, die Jerzy Skolimowski in Essential Killing aus einem so radikalen Blickwinkel vorgeführt hat: Um die moderne Verkörperung der Angst vor dem Unbekannten, vor der immanenten Bedrohung. Und, im Vergleich zu Independence Day, ist World Invasion eine nackte Präsentation dieser Bedrohung, entledigt nicht nur vom Humor, sondern von dem, was einen konventionellen Mainstreamfilm dieser Art ausmacht: den verschiedenen Handlungssträngen, die den Umgang mit der Bedrohung reflektieren. Es gibt nichts weiter als den Ernst, nicht nach 9/11, behauptet World Invasion durch seine Existenz.

Entsprechend ist er als Film nach Maß konstruiert, mit einer, im Bereich der Action- oder Kriegsfilm Großproduktionen, inzwischen zum Standard gewordenen Kamera, die sehr gerne minimale Schwenks als Zeichen einer Desorientierung einsetzt, die längst als Code von der Mehrheit der Zuschauer wahrgenommen wird. Man weiß sofort wie es dort, in der Welt der Leinwand, sein soll, sieht man diese verwackelten Bilder, aber spürt man es noch? Eine Frage, die bestimmt im Hinterkopf der Macher war während des Drehs, denn diese Kamera versucht, im Rahmen der orthodoxen Verhältnisse, experimentell zu sein. Immer wieder blickt sie kurz weg vom Geschehen, auf scheinbar irrelevante Kleinigkeiten, immer wieder verliert sie die Aufmerksamkeit. Dabei stellt es sich heraus, das eben diese Momente des Wegschauens die interessantesten im Film sind, denn sie sprechen den Zuschauer emotional an, sie suchen nach einer Brücke: Etwa wenn eine uniformierte Gestalt in einem kurzen vertikalen Schwenk einen Namen bekommt.

Der Film ist nach einfachen Ideen konstruiert, doch sind diese, in der Direktheit ihrer visuell wuchtigen Umsetzung, sehr wirksam. So werden im Film innerhalb des gleichen physikalischen Raums, dem Küstenraum vor Los Angeles, zwei andere Räume, einen ideellen und einen emotionalen, vorgeschlagen, die diese Bedrohung schon von Anfang an als Dominante des Films definieren. Zum einen handelt es sich um den Raum der Nächsten, der Mitbürger, die in einigen Massenszenen systematisch vernichtet werden. Zum anderen wird dieser Raum demonstrativ gleich im Anschluss neu definiert. Ein Teil der Bevölkerung bereits tot, der Rest evakuiert, werden die im Rauch gebadeten, nur von den eingesetzten Marines beseelten Einstellungen zum Raum des Staates, des Patriotismus, und die Truppen zum tragenden und ausführenden Wappensymbol der Zugehörigkeit und des Zusammenhalts im Namen dieser Ideen.

Damit befindet man sich schon halb in der zweiten und dritten Perspektive des Lesens: Politik und Wirtschaft, Bereiche, die den Film theoretisch, aber auch hier konkret bei den Zuschauern scheitern lassen. Denn die Beweihräucherung der Gruppe der Marines, die sich im Mittelpunkt des Films befinden, ist nach dem selben Muster gemacht, wie der Film sonst konstruiert ist: Einfach, direkt, deutlich, stilistische Inkohärenzen unbeachtet. Die Marines sind schon am Anfang des Films idealisiert und gehören vielmehr den Helden als den Menschen an. Systemisch die perfekten Instrumente zur Bekämpfung der Terrorbedrohung, steigert sich ihre Serie von Heldentaten mit vollem Ernst ins absurdum, bis hin zum Ende des Films wenn sie, die Bedrohung vorbei, ohne Frühstück und Ausruhen, zurück an die Front kehren, um den Rest zu erledigen. Gehüllt in flache Parolen und mit zu ihnen aufschauenden Kameraperspektiven portraitiert, sind sie die crème de la crème der boys with toys.

Damit hören jedoch die Klischees nicht auf, in der gesellschaftlichen Makroperspektive sind sie ebenfalls da, um die Helden zu flankieren. Hierfür werden die sonst im Invasionsfilm noch so sehr in den Mittelpunkt gestellten Zivilisten einfach entfernt. Sie sind irgendwo, im Inneren des Landes zu Idealen mutiert, die man zu verteidigen hat. Eine politische Führung der Verteidiger kommt gar nicht zum Vorschein, die Perspektive des Films, des Verteidigers, bleibt bei den Marines, und gehört ihnen, im gleichen Maß wie sie bei den Angreifern nicht vorhanden ist. Ihre Organisationsstruktur wird, wie es sich gehört, erläutert, und sie bedient nichts anderes als eine klischeehafte Vorstellung des Orients. Angeführt von einer zentralen Instanz, bestehen die Streitkräfte der Eindringlinge aus Fußsoldaten und Dronen, als Pole einer Dualität: Die ersten kämpfen für Ressourcen, die zweiten für den Anführer. Zivilbevölkerung, wie sie einst der Besuch im zentralen Schiff der Angreifer in Independence Day zeigte, gibt es nicht mehr, und hiermit wird eine Verbindung zur Welt der Egoshooter gezogen, die im Zeichen der nach dem Motto “wir und die anderen“ strukturierten Welten mittlerweile einen Wahrnehmungscode, vor allem für die Zielgruppe des Films in seiner Identität als PR-Plattform, darstellt.

Trotz seiner Geradlinigkeit und seiner schon von Anfang an transparenten Handlung ist World Invasion: Battle Los Angeles ein sehenswerter Film, allein wegen des Diskussionspotenzials, das ihm innewohnt.

World Invasion: Battle Los Angeles – Pressespiegel bei film-zeit.de

World Invasion: Battle Los Angeles / Battle: Los Angeles
R: Jonathan Liebesman
B: Christopher Bertolini
K: Lukas Ettlin
D: Aaron Eckhart, Michelle Rodriguez, Ramon Rodriguez
USA, 2011, 116 Min.
Copyright: Sony Pictures
FSK 16