Morgentau / Teza


Als ein unabhängiger Filmemacher der Dritten Welt bezeichnete sich Haile Gerima in einem Interview für The Journal of the University Film and Video Association vor fast 30 Jahren. Davor und danach setzte er sich in seinem Schaffen immer mit den kulturellen und vor allem politischen Problemen Äthiopiens auseinander, von den frühen Filmen, wie Bush Mama, bis hin zum mehrfach preisgekrönten Sankofa, und trug somit beträchtlich dazu bei, dass die Situation des Landes im internationalen Rahmen eine Diskussionsplattform fand.

Fünfzehn Jahre nach seinem letzten Spielfilm hat er Teza fertiggestellt, der nun, drei Jahre später unter dem Namen Morgentau in den deutschen Kinos anläuft. In seinen zwei Zeitebenen erforscht der Film anhand einer fiktionalen Geschichte um einen aus Deutschland zurückkehrenden äthiopischen Arzt zwei Jahrzehnte in der Geschichte des Landes, um zwei politische Wendepunkte konzentriert. Kultur, Tradition, Vernunft und Politik, Ideale und Aussichtslosigkeit sind einige der Facetten des im Film thematisierten äthiopischen Alltags, abwechselnd im Gegensatz zueinander gebracht, um den Blick des Zuschauers immer mehr in die Komplexität des Konflikts einzuführen.

Es ist ein weites Land, in welches Anberber (Aaron Arefe) zurückkehrt, eine friedliche Sonne scheint über die oft im Nebel gebadeten Täler, über Hügel und das glitzernde Meer, eine Palette an bräunlichen Farbtönen umhüllt die Landschaft mit einer mythischen Stimmung. Doch diese Welt seiner Kindheit bleibt ständig fern. Seine Mutter, die auf allen Vieren ein Gelübde einhält, das sie um den Preis seiner Rückkehr versprochen hat, seine im Film materialisierten Kindheitserinnerungen, der orthodoxe Priester im Dorf, der ihn zu exorzieren versucht, sowie die Älteren – alles steht im Widerspruch zu seiner Lebenserfahrung. Nachts von Albträumen geplagt, tagsüber ständig wandernd, die Welt zusammen mit dem Zuschauer erkundend, muss Anberber feststellen, dass sich nichts in seinem Land verändert hat.

Zwanzig Jahre früher war er Medizinstudent in Köln und, dem Zeitgeist entsprechend, politischer Aktivist. Zusammen mit anderen äthiopischen Studenten setzte er sich gegen Rassismus ein und organisierte Demos gegen die Monarchie, die sie mit einem im Nachhinein als dogmatisch erkannten Sozialismus zu ersetzen versuchten. Dann kam der Regimesturz. Viele seiner Freunde sind in die Heimat gegangen, um Teil der Revolution zu werden. Anberber, idealistisch als Medizinstudent konzipiert, beendete zuerst sein Studium in der Hoffnung, die Krankheiten, die seine Landsmänner plagten, zu bekämpfen. Bei seiner Rückkehr nach Studiumsende musste er aber am eigenen Leib feststellen, dass das neue Regime nur aus der Diaspora vertretbar aussah.

Nun, nach seiner zweiten Rückkehr, in der Gegenwart der Neunziger, hat sich immer noch nichts verändert. Die Opposition bekämpft das neue System, die EPRDF sucht immer wieder das Dorf aus, um die versteckten Jungs für den Wehrdienst zu verpflichten. Die Unwilligen werden erschossen. Eine Bewegung wie damals in den Siebzigern, doch Anberber kann diesmal nur die Vernichtung sehen, die im Zuge der Revolution angerichtet wird, die Aussichtslosigkeit und Zwecklosigkeit eines ganzen Landes, dass ihn immer mehr in Verzweiflung versinken lässt.

Standen in der ersten Zeitlinie die jungen Intellektuellen im Mittelpunkt des Films, mit ihren realitätsfernen, zum Scheitern verurteilten Idealen, so sind nun die einfachen Menschen auf dem Land ein Spiegelbild dieses unendlichen Konflikts. Der eifersüchtige, tückische große Bruder, die Priester und die Älteren, die so bemüht sind, die Traditionen zu bewahren, sind nun ebenso entwaffnet angesichts der politischen Unruhen, wie damals diese jungen Studenten und Absolventen, sie beweisen sogar, dass dieser Konflikt mythische Wurzeln in der Kultur des Landes besitzt.

Die Komplexität der Situation wird durch die zwei Frauen ergänzt, mit deren Leben sich Anberbers kreuzt: Cassandra (Araba E. Johnston Arthur), in den Siebzigern, Tochter eines schwarzen Mannes und einer weißen Frau, die Rassismus am eigenen Leib kennengelernt hat, und Azanu (Teje Tesfahun), fast zwanzig Jahre später. Beide haben ihre Kinder getötet, die erste durch Abtreibung aus politischen Gründen, um es nicht dasselbe Leben führen lassen wie sie selbst, die zweite im Affekt, wie auch die meisten Konflikte um das Dorf entstanden sind. Beides geschah im Kontext einer Aussichtslosigkeit, im Zeichen welcher Anberber und die meisten Äthiopier immer gelebt haben.

Mit einer unruhigen Kamera, mit vielen Zooms und vertikalen Schwenks lässt Haile Gerima dieses filmische Essay über die Wirklichkeit seines Landes aufnehmen, oft auf Orientierung verzichtend um in die mystisch-drohende Stimmung einzutauchen, um Landschaften, die malerisch sein könnten, genauso zu politisieren, zu historisieren, wie er es mit der Arbeit, der Erziehung und der Liebe seiner Figuren bis kurz vor dem erstaunlich optimistischen Ende des Films macht.

Morgentau – Pressespiegel bei film-zeit.de

Morgentau / Teza
R, B: Haile Gerima
K: Mario Masini
D: Aaron Arefe, Abiye Tedla, Takelech Beyene, Teje Tesfahun
USA, Deutschland, Frankreich, 2008, 138 Min.
Venusfilm / Debesefilm
Kinostart: 5.5.2011