Wie Phönix aus der Asche haben sie sich erhoben. Gehüllt in mächtige Rüstungen, schillernder als Emaille, härter als Stahl. Auf den uralten Legendentafeln des Volkes von Nausicaa aus dem Tal der Winde erinnern die Wesen an fantastische Vögel. Doch ihr Anblick erfüllt die Menschen mit Furcht. Nicht Götter, sondern Insekten sind die riesigen Kreaturen. Fast immer bringt die Begegnung mit ihnen den Tod.
Die Welt von Nausicaa aus dem Tal der Winde, der jugendlichen Heldin von Hayao Miyazakis dystopischem Animé, ist eine Welt nach der Apokalypse. Sieben Tage regnete es Feuer vom Himmel. Die bekannte Fauna und Flora ist zerstört. Statt ihrer bedeckt ein giftiger Pilzwald, bevölkert von gigantischen Insekten, die Erde. Die wenigen Überlebenden ziehen als Nomaden durch endlose Wüsten oder leben in Stämmen, ständig in Angst vor den Giftgewächsen, die unaufhaltsam das fruchtbare Land überwuchern. Einzig die junge Nausikaa (Sumi Shimamoto), Prinzessin des Königreichs Pejite im Tal der Winde, zieht es in die giftige Schönheit des Pilzdschungels. Die Aggression der Menschen provoziere die im Grunde friedfertigen Insekten, glaubt Nausicaa. Doch ein fremdes Kriegsschiff, welches Pejite unterwirft, will die verlorene Herrschaft der Menschheit wieder herstellen.
Miyazakis längster Animé fasziniert weniger durch seine Handlung als durch das fantastische Szenario. Ihm widmet der Regisseur noch größere Aufmerksamkeit als den Charakteren. Prachtvoll und bizarr sprießen die monströsen Pilze aus dem Boden, überwuchert von Schlingpflanzen und schwammartigen Gewächsen. Wundersam, ehrfurchtgebietend und bedrohlich ist die Erde in Nausicaa aus dem Tal der Winde. Aus einer Fabel scheint die Szenerie erstanden. Eine antike Sagengestalt inspirierte auch den Namen der Heldin. Die für ihre Naturliebe gerühmte Prinzessin Nausikaa ist eine Nebenfigur der Odyssee. In der Anfangsszene schwebt Nausicaa auf einem Gleiter über halb futuristische, halb urzeitliche Landschaften, die Miyazakis Zeichenkunst in ausführlichen Szenen um stetig neue Details bereichert.
Gerade sie verleihen dem Animé trotz seiner Weitschweifigkeit Eindruckskraft. Nausicaa ist nicht das Science-Fiction-Abenteuer, als das es bei seiner Veröffentlichung vom internationalen Verleih vermarktet wurde. Die Geschichte ist eine epische Parabel über das harmonische Zusammenleben von Mensch und Umwelt und den Respekt vor dem Leben in seinen unterschiedlichsten Formen. Die eindrucksvollste Sequenz von Nausicaa zeigt von den Menschen erschaffenen Kampfkolosse, inmitten der Apokalypse durch Lavaströme waten. Titanische Schatten in einem Meer aus Feuer und Rauch, Symbol für die Macht und Hybris der Menschheit, die ihren eigenen Untergang besiegelte. Die Giganten sind Vorgänger der Riesenroboter aus dem späteren Studio Ghibli-Animé Das Schloss im Himmel. Ihre Kraft ist nicht zerstörerisch aus sich selbst, sonder durch die machthungrigen Menschen, die sie steuern.
Die Titanen sind nur eines der visuellen Motive und dramaturgischen Topoi, die charakteristisch für Miyazakis Werk werden sollten: Bezüge zu literarischen Klassikern, wie der aus Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde inspirierte Pilzwald. Eine junge Heldin, eine ökologische Botschaft, das Fliegen als zentrales Handlungselement, Alte, Frauen und Kinder sind ausschlaggebend für die von Nausicaa atypischen, starken Rollen. Die Reise zu Nausicaa aus dem Tal der Winde ist auch ein Streifzug zur den Ursprüngen und Inspirationen von Miyazakis Kunst und der der Ghibli Studios. Die Handlung umspielen sie hier noch zaghaft, wie der sanfte Soundtrack Joe Hisaishis.
Bis zum Kinostart des von Miyazaki geschriebenen Arrietty am 2. Juni, lesen Sie bei uns eine Artikelreihe mit Besprechungen seiner Werke von Lida Bach.
Nausicaa aus dem Tal der Winde – Kaze no Tani no Naushika
R, B: Hayao Miyazaki
K: Mark Henley
Verleih: Universum Film
DVD-Start: 5. September 2005
Sprachen: Japanisch, Deutsch
FSK 12
www.universumfilm.de



