Quartett D’Amour – Liebe, wen du willst


Quartett D’Amour. So der deutsche Titel des Films. Viererbeziehung. Die Übersteigerung der Menage à trois. Wer in Antony Cordiers Wettbewerbsbeitrag zu den 67. Filmfestspielen von Venedig assoziativ auf viel Sex und Drama schließt, der wartet. Und wartet.
Rachel (Marina Foïs) ist Schmuckdesignerin. Zu Beginn des Films betritt Vincent (Nicolas Duvauchelle) ihr Atelier, er soll Änderungsvorschläge an der Firmen-Homepage besprechen. Erste Komplimente werden ausgetauscht („Sie sollten modeln.“). Die Atmosphäre wirkt nicht erotisch aufgeladen, man plaudert einfach nur ganz offen. Vincent erzählt von seiner Frau Teri (Élodie Bouchez) und seinen Kindern, Rachel erwähnt in einem späteren Telefonat ihren Mann Franck (Roschdy Zem). Die beiden Ehepaare treffen sich, gehen was trinken, sitzen gemütlich im Garten. Später werden Franck und Teri im Wohnzimmer allein sein. Er wird ihren Nacken massieren und Teri dabei küssen. Er wird es Vincent und seiner Frau Rachel danach direkt erzählen. Keine heimliche Affäre beginnt, keine unterschwellige Erotik bei jedem Treffen der Vier, keine Heimlichkeiten, kein Drama. Stattdessen werden ganz einfach die Partner gegenseitig ausgeliehen, denn auch Rachel und Vincent fühlen sich zueinander hingezogen.

Am Anfang dieses Liebes-Quartetts ist alles offen. Erst nach und nach bilden sich Regeln heraus. Wie etwa, dass man in der Gegenwart des einen Partners nicht darüber redet, was mit dem anderen gelaufen ist. Doch wie es eigentlich immer kommen muss, wird die Order der perfekten Vierecksbeziehung nach und nach durch kleine Dissonanzen gestört. Vor allem die Kinder der Vier scheinen unter dem Treiben ihrer Eltern zu leiden, die sich auf ihre Art selbst wie erwachsene Kinder benehmen. Nach und nach scheint die Beziehung nicht mehr zu laufen, das Vierecksspiel muss beendet werden, es schafft nur keiner so richtig.

Doch so deutlich, wie es eben umrissen wurde, tritt das Wesen des Films, das Wesen seiner Figuren eigentlich nie zu Tage. Was macht dieses Viererquartett eigentlich aus? Warum geht man sexuelle Abenteuer ein, wenn man doch scheinbar alles hat im Leben? Ist es der Reiz des Verbotenen? Ist es unerfüllte Lust? Diese motivische Unklarheit liegt zum einen an der Inszenierung der Erotik. Alles ist irgendwie verspielt und leicht, so richtig konkret wird Cordier eigentlich nie. Die Erotik ist die des Andeutens, mal stützt sich Rachels Fuß auf Francks Oberschenkel ab, mal greift sich Vincent Teris Handy aus ihrer engen Hosentasche. Die einzige Annäherung an eine orgiastisch-rauschhafte Szene spielt sich im Landhaus von Rachels Vater ab, in der sich alle Vier nackt im Mehl suhlen und sich lieben. Dabei erinnern die nackten, staubigen Körper doch sehr an die Orgien-Szene in Michelangelo Antonionis Zabriskie Point, man hätte sich bei Quartett D’Amour an dieser Stelle auch gern Pink Floyds psychedelische Musikbegleitung dazu gewünscht, um wenigstens irgendeine Empfindung beim Sehen zu entwickeln. Und sei es nur, dass man die bizarre Schönheit der ineinander verschlungenen Körper bewundert. Stattdessen bleibt der Exzess eher harmlos verspielt und berührt einen weder ästhetisch noch emotional. Dies ist wirklich die essentielle Schwachstelle des Films: Die Empfindungslosigkeit gegenüber den Figuren. 

“Orgien”-Szene aus Quartett D’Amour
Filmisches Vorbild? “Orgien-Szene” aus Zabriskie Point

Cordier versucht, dem Zuschauer bereits zu Beginn ein gewisses Figuren-Verständnis zu transplantieren. In Voice-Overn erzählt Rachel sinngemäß zu Beginn des Films: „Jeder hofft, dass irgendetwas passiert, das für Abwechslung sorgt in seinem Leben.“ Das allein als Begründung wirkt zu glatt, zu einfallslos. Die Paare scheinen auch in der Zweierkonstellation mit sich selbst und mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Trister Alltag, sexuelle Routine, nervige Kinder – dies alles konkretisiert Cordier nicht. Der Partnerwechsel vollzieht sich rasch, alle Vier bleiben dabei untereinander nett, höflich und freundlich. Wer auf sexuelle Obsessionen und Eifersuchtsszenen wartet, der wartet vergeblich. So plätschert der Plot vor sich hin. Eifersüchteleien blitzen mal mehr, mal weniger konkret auf, aber man geht nicht auf Konfrontationskurs. Eines Abends erzählt Rachel Teri von ihrer Eifersucht auf sie, mit dem Resultat, dass nun auch beide Frauen miteinander schlafen. Doch der explizite Sex wird wieder ausgespart und bleibt eine vage Imagination. Die einzige Sexszene, an der der Zuschauer detailliert teilhaben darf, spielt sich gegen Ende des Films zwischen Rachel und Vincent ab. Wenig liebevoll, sehr grob, ziemlich unschön anzusehen.
Man wartet eigentlich ständig auf den Big Bang. Irgendwie muss sich doch im Film etwas entzünden, nicht nur in den Figuren, sondern auch im Zuschauer. Doch das Ende der Viererbeziehung, das man so ja schon absehen konnte, kommt auch wieder schleichend, ohne den großen Knall, ohne die großen Emotionen. Hinterher fließen Tränen, in Voice-Overn wird erzählt, wie schwer es den Vier fällt, sich nicht mehr zu sehen, dass die Zeit zu viert das Schönste war, die ihnen in ihrem Leben widerfahren durfte. Doch man glaubt es ihnen nicht. Zu keiner Zeit hat man das Gefühl, bei dieser Liebesgeschichte entweder an etwas unglaublich Schönem, Berührendem oder Zartem teilzuhaben. Oder an etwas Obsessivem, Fesselndem, einer Amour Fou. Einen der beiden Wege einzuschlagen, das hätte dem Film gut getan. Für eine Weile wirkt Quartett D’Amour erfrischend in seiner kindlichen Leichtigkeit, mit der die vier Erwachsenen diese komplizierte Beziehungsform gestalten, ein französisch-frivoles Savoir Vivre schwingt in allem mit, getreu dem deutschen Untertitel des Films: „Liebe, wen du willst.“ Doch auf Dauer ist das leider zu wenig.
Quartett D’Amour – Pressespiegel auf film-zeit.de

Quartett D’Amour – Liebe, wen du willst / Happy Few

R: Antony Cordier
B: Antony Cordier, Julie Peyr
D: Marina Foïs, Élodie Bouchez, Roschdy Zem, Nicolas Duvauchelle
Frankreich 2010, 103 min.
Verleih: Atlas Film Home Entertainment
DVD-Veröffentlichung: 10.06.2011
Bildformat: 1.85:1 (16:9)
Sprache: Deutsch, Franzözisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Originaltrailer, Trailershow, Interviews mit den Darstellern, entfallene Szenen
FSK: 16