Wer will unter die Piraten? Annäherung an ein unterschätztes Filmgenre


Die allermeisten Piraten sind bekanntlich Möchtegernpiraten. Das weiß auch der österreichische Musiker und Songwriter Rainer Binder-Krieglstein, und deshalb beginnt das Piratenlied, das sich auf seinem Album „Alles verloren“ von 2007 findet, mit den folgenden Versen:
„Möchtegernpiraten, die an Trocken-Docken warten,/ suchen still nach großen Schätzen an imaginären Plätzen, /Möchtegernpiraten sprechen viel von großen Taten, / suchen Feinde, die nicht siegen, ihnen immer unterliegen,/ Möchtegernpiraten, die in Zwickmühlen geraten,/ ziehn die Köpfe aus den Schlingen, noch bevor sie damit ringen …“

Zu den Möchtegernpiraten, die in Zwickmühlen geraten, gehört auf seine Weise auch der NASA-Offizier Tony Nelson (Larry Hagman) aus der populären Fernsehserie Bezaubernde Jeannie. Um ihm seinen Kindheitstraum vom abenteuerlichen Leben unter schwarzer Flagge zu erfüllen, unternimmt seine Jeannie (Barbara Eden) mit ihm eines Tages – sprich: in einer Episode mit dem Titel „My Master, the Pirate“, die erstmals am 13. März 1967 ausgestrahlt wurde – einen Abstecher ins 17. Jahrhundert, auf das Schiff eines berühmt-berüchtigten Freibeuters, der alle sieben Meere unsicher macht. Nach glücklich bestandenem Abenteuer wieder zurück in der Gegenwart, entspinnt sich zwischen den beiden der folgende Dialog:
Jeannie: Hat es dir gefallen, Pirat zu sein?
Tony: Ich gebe es nicht gerne zu, aber ja, ich fand es großartig.
Jeannie: Oh, das freut mich. Möchtest du noch andere Piraten treffen?
Tony (erschrocken): Nein nein, kennst du einen, dann kennst du alle.“

Ähnliches lässt sich wohl auch von den Piratenfilmen sagen – hat man einen gesehen, so kennt man sie alle. Das Reservoir an Motiven und Figuren, an historisch verbürgten Geschichten und populären Legenden ist überschaubar und war unter dem eifrigen Zugriff der Hollywoodproduzenten bald ausgeschöpft. Nachdem sich der klassische Piratenfilm in den Jahren um 1950 bester Gesundheit erfreute, lag er schon wenig später in Agonie und lebte nur noch als Schatten seiner selbst in Italien weiter, Tür an Tür mit den Sandalenfilmen und Italowestern. Mit den einen hatte er in Machart und Qualität viel mehr gemeinsam als ihm lieb sein konnte, mit den anderen wetteiferte er in Sachen Brutalität.

Alle Versuche, ihm seine Unschuld zurückzugeben und seine romantische Aura zu rekonstruieren, scheiterten an den geänderten Produktionsbedingungen in Hollywood und am Unwillen des Publikums. Die Liste der Flops reicht von Anthony Quinns Regiedebüt „The Buccaneer (1958) über James Goldstones Swashbuckler (1976) bis zu Roman Polanskis farbenprächtigem Pirates (1986) mit niemand Geringerem als Walter Matthau in der Hauptrolle. Den Misserfolg dieses Films kommentierte Polanksi damals folgendermaßen: „’Piraten’ ist eigentlich pure Unterhaltung. Jemand, der mehr will, wird enttäuscht sein. Es gibt in ‘Piraten’ keine besondere Botschaft und nicht die geringste Absicht zu belehren. Es ist nichts als ein Spaß für junge Leute und nicht mehr. Und ich fürchte fast, dass das nicht das ist, was die Leute heute mögen.“

Möglicherweise ist Polanski mit seinem Film um fünfundzwanzig Jahre zu früh gekommen, denn als Gore Verbinski 2003 seine Pirates of the Caribbean in die Kinos brachte, musste er um die Gunst des Publikums nicht bangen. Sein aufwändig produziertes, mit Stars und Special Effects reichlich ausgestattetes Abenteuerspektakel, in deutschen Landen unter dem Namen Fluch der Karibik mittlerweile eine etablierte Marke, wurde auf Anhieb zum Kassenschlager. Kinogänger insbesondere der jungen Generation fanden Gefallen an dieser Mischung aus Gruselkomödie und Actionfilm, die Kritiker lobten den ironischen Umgang mit althergebrachten Klischees. Ein Sequel ließ nicht lange auf sich warten, und so wurde aus der Verfilmung eines Themenparks in Disneyland eine eigene Serie.

Nächste Woche startet die vierte Fortsetzung von Fluch der Karibik

Der Kult um Captain Sparrow, Captain Barbossa und all die anderen Bewohner dieses karibischen Paralleluniversums hat ganz und gar vergessen lassen, was der Piratenfilm in seiner ursprünglichen, von Hollywood geprägten und gepflegten Form gewesen ist, nämlich ein mit Elementen der Unterhaltung bestens ausstaffierter Problemfilm, der zwar stets in der Vergangenheit spielt, meistens aber von der Gegenwart handelt.

Besonders deutlich sichtbar wird das an Michael CurtizThe Sea Hawk (Herr der sieben Meere), der im Sommer 1940 in die amerikanischen Kinos kam, als Hitlers Luftwaffe tagtäglich Angriffe auf englische Städte flog. Der Film führt zurück ins elisabethanische England, in das Jahr 1585, als gleichfalls alle Zeichen auf Sturm standen und eine spanische Invasion nur noch eine Frage der Zeit war. Von Bedenkenträgern umgeben, wagt Elisabeth es nicht, eine englische Kriegsflotte auszurüsten und den Spaniern zuvor zu kommen. Für die Freibeuter, die zur See im Dienste Englands einen Guerillakrieg gegen Spanien führen, zeigt sie offiziell keinerlei Sympathie, um sie inoffiziell nur umso entschiedener zu unterstützen. Einer von ihnen ist Captain Thorpe (Errol Flynn), bis in den Schlaf hinein ein treuer Diener seiner Königin. In geheimer Mission, mit dem Ziel, einen spanischen Goldtransport zu überfallen, segelt er nach Panama, wird dabei das Opfer von Verrat und Intrige und landet mit seiner Mannschaft als Galeerensträfling auf einem spanischen Schiff. Mit dem Mut der Verzweiflung und der Hilfe seiner Schicksalsgenossen gelingt es ihm, sich zu befreien, an den englischen Hof zurückzukehren und dort den Verräter eigenhändig zu bestrafen. Zum Dank dafür wird er am Ende geadelt. Nach diesem feierlichen Akt wendet die Königin sich mit den folgenden Worten nicht allein an die in dieser Szene versammelten Untertanen, sondern auch – und vor allem – an das Kinopublikum von 1940 : „Und nun, meine loyalen Untertanen, steht uns eine ernste Pflicht bevor: die Vorbereitung unserer Nation auf einen Krieg, den keiner will, am wenigsten eure Königin. Wir haben mit allen Mitteln versucht, diesen Krieg zu vermeiden. Wir liegen nicht im Streit mit dem Volk Spaniens oder anderer Länder. Aber wenn das rücksichtslose Streben eines Mannes die Welt bedroht, ist es die ehrenvolle Verpflichtung aller Menschen, zu beweisen, daß die Erde nicht einem Mann gehört, sondern allen Menschen.“

Wenn auch nur die wenigsten Piratenfilme, die Hollywood in weiterer Folge gedreht hat, einen derart starken und direkten Zeitbezug aufweisen wie The Sea Hawk, lassen sich doch viele von ihnen als politische Allegorien verstehen. Exemplarisch hierfür ist Rowland V. Lees Captain Kidd (Unter schwarzer Flagge) von 1945, mit Charles Laughton in der Titelrolle. Diese düstere Low-Budget-Produktion ohne nennenswerte optische Reize enthält, dank Laughtons Schauspielkunst, eine kleine, subtile Studie zur Banalität des Bösen. Captain Kidd ist ein menschlicher Abgrund, ein Psychopath, der kaltblütig und hinterrücks mordet, um sodann für den Ermordeten, vor versammelter Mannschaft, ein Gebet zu sprechen. Eines Tages gelingt es ihm, sich die Gunst von König William II. zu erschleichen und von diesem den Auftrag zu erhalten, ein Schiff der East India Company von Madagaskar nach England zu eskortieren und es vor Piratenangriffen zu schützen. Solcherart vom Bock zum Gärtner gemacht, hat Kidd freilich nur eines im Sinn: das Schiff, das seiner Obhut anvertraut ist, zu plündern.

Für seine Fahrt im königlichen Auftrag rekrutiert er etliche Sträflinge, die der Freibeuterei angeklagt sind; unter ihnen befindet sich ein Mann mit dem sprechenden Namen Adam Mercy (Randolph Scott). Er ist der moralisch integre Widerpart zum völlig amoralischen Protagonisten. Von Anfang an begegnen die beiden einander mit großem Misstrauen: Kidd vermutet in Mercy einen Spion des Königs, Mercy wiederum wittert in Kidd den Piraten – und erkennt in ihm schließlich den Mörder seines Vaters. Die Lage spitzt sich mehr und mehr zu, ein Konflikt auf offener See ist unausweichlich, und wenn es zunächst auch so aussieht, als sei das Glück auf der Seite des Unholds, am Ende siegt, wie fast immer in Hollywood, die Gerechtigkeit.

Dieser kleine Film scheint auf den ersten Blick nicht viel mehr zu bieten als eine weitere Variation der damals bereits hinlänglich bekannten und bestens bewährten Piratenfilm-Muster, weist mit seiner Zeichensprache aber weit über die Grenzen des Genres hinaus und erweist sich als enger Verwandter von Orson Welles‘ zeitgleich entstandenem Psychothriller The Stranger (Der Fremde). Dort geht es darum, einen Nazi, der in der Tarnung eines Collegeprofessors in einer amerikanischen Kleinstadt lebt, zu enttarnen und somit das Böse, das er verkörpert, zu bannen. Der von Laughton gezeichnete Captain Kidd ist aus dem selben Holz geschnitzt und der ganz auf ihn zugeschnittene Streifen gestaltet nicht weniger eindrucksvoll als Welles‘ Film einen zeittypischen amerikanischen Angsttraum, in dem die Mörder des Dritten Reiches, die man gerade erst – endlich! – besiegt hat und über die man nun in Nürnberg zu Gericht sitzen wird, plötzlich nebenan wohnen, unerkannt, im Tarnanzug des guten Amerikaners.

Das Segeln unter falscher Flagge; Tarnung und Täuschung; Spionage und Gegenspionage – die Piratenfilme, die wenig später, während der Zeit des Kalten Krieges und der antikommunistischen Hysterie gedreht worden sind, kreisen beständig um diese Motive, man denke etwa an Jacques Tourneurs Anne of the Indies (Die Piratenkönigin, 1951), der von der tragischen Liebe der Piratin Anne Providence (Jean Peters) zu einem Spion erzählt, oder George Shermans Against all Flaggs (Gegen alle Flaggen, 1952) mit Errol Flynn in der Rolle eines tollkühnen britischen Regierungsagenten namens Brian Hawke, der sich in ein Piratennest auf Madagaskar einschleicht, um dessen fachgerechte Aushebung vorzubereiten. Ein wahrer Meister der Fechtkunst, besteht er schon im ersten Anlauf die Piratenprüfung, wird ordentliches Mitglied in der Bande des (historisch verbürgten, hier von Anthony Quinn dargestellten) Roc Brasiliano und spielt fortan mit vollem Einsatz ein doppeltes Spiel. Roc, ausgestattet mit einem sechsten Sinn für Verrat und Verräter, steht ihm reserviert gegenüber und betrachtet ihn mit argwöhnischen Blicken, ohne ihn jedoch zu durchschauen. Die von Roc ebenso energisch wie vergeblich umworbene rothaarige Bilderbuchpiratin Prudence „Spitfire“ Stevens (Maureen O’Hara) hingegen verliebt sich auf den ersten Blick in den als Abenteurer getarnten Agenten und verhilft ihm, als er enttarnt wird, zur Flucht. Da Scheitern und Triumph in solchen Filmen noch näher beisammen liegen als im realen Leben, folgt auch hier auf das böse Erwachen ein gutes Ende: Die Mission ist erfüllt, der Union Jack trägt über den Jolly Roger den Sieg davon, die Liebenden finden nach allen Irrungen und Wirrungen spät, aber doch zueinander und aus der roten Piratin – wir schreiben 1952! – wird eine ehrenwerte Untertanin Ihrer Königlichen Majestät.

Von derlei politischen Bezügen ist im Fluch der Karbik nichts mehr zu spüren. Er knüpft nicht an den klassischen Piratenfilm an, für den Douglas Fairbanks mit seinem Black Pirate 1926 den Prototyp geliefert hat, sondern eher an Parodien wie Robert Siodmaks Crimson Pirate (Der rote Korsar) oder Burlesken wie das Terrence Hill und Bud Spencer-Vehikel Il corsaro nero (Freibeuter der Meere, 1971). Das Ergebnis ist ein Zirkusfilm großen Stils mit Tieren, Zauberei und Sensationen, ganz nach dem Motto: Seepirat schööön!