Blue Valentine


Ein noch junges Ehepaar mit kleiner Tochter, das einen schweren Tag hinter sich hat, verbringt die Nacht zum 4. Juli in einem Motel, für das sie noch einen Gutschein am Kühlschrank hängen hatten. Einer der wenigen freien Räume an diesem Abend ist der Future Room. Er hat keine Fenster, das Bett kann sich drehen und wird eingerahmt von Raumschiff-Konsolen. Diese sind eindeutig aus Star Trek Das nächste Jahrhundert entlehnt. An diesem Detail lässt sich der Kern von Blue Valentine festmachen. So durchdacht und wegweisend Star Trek immer gewesen sein mag, im Zeitalter von Touch und 3D haftet dieser Vision des 24. Jahrhunderts vor allem ein altertümlicher Charme an. So verhält es sich im Prinzip mit allen Zukunftsentwürfen der Science Fiction. Blue Valentine nun zeigt, dass jede Form der Vorstellung einer Zukunft unerfüllbar bleiben muss. Cindy (Michelle Williams) und Dean (Ryan Gosling) sind seit sechs Jahren verheiratet und leben aneinander vorbei. Während Cindy nach beruflicher Weiterentwicklung strebt, lebt Dean in den Tag hinein und geht anscheinend vollkommen in seiner Rolle als Vater und Ehemann auf. In wenigen Momenten des Alltags offenbart der Film diese unterschiedliche Lebensführung, zum Beispiel beim Frühstück mit der Tochter. Eine Stärke ist, dass der Zuschauer die Figuren und ihre Probleme durchaus klar erkennen kann, sie ihm aber keinesfalls überdeutlich gezeigt werden. Somit besitzt Blue Valentine eine sehr intime Herangehensweise und leidet nicht unter einer zu präsenten Konstruktion der Figuren und ihrer Situation wie es viele Liebesfilme tun.

Parallel zu den Ereignissen dieses Tages wird die Vergangenheit des Paares erzählt, Fokus liegt auf dem Zustandekommen ihrer Beziehung. Schon eine der ersten Einstellungen zeigt ein verlassenes Schaukelpferd im hohen Gras, ein Bild einer schönen, für immer verlorenen und mittlerweile möglicherweise auch revidierten Zeit. Auch am Beginn ihrer Liebe war die Welt für Cindy und Dean nicht rosarot, die Rückblenden verschweigen die damaligen Probleme nicht, doch ist ihre grundsätzliche Stimmung von der beginnenden Liebe gekennzeichnet. Die Rückblenden werden auch direkt als Erinnerungen der Charaktere ausgewiesen. Somit kann die Vergangenheit auch als leicht verklärend, beziehungsweise bruchstückhaft dargestellt verstanden werden, wobei der Alltag weitestgehend ausgeblendet wird, der in der Gegenwart ihre Beziehung dominiert. Trotz der Bruchstückhaftigkeit und dem Umstand, dass manches für den Zuschauer unerklärt bleibt, vollziehen die Rückblenden doch den Anfang der Liebesbeziehung zwischen Cindy und Dean chronologisch nach und zeigen die entscheidenden Momente. Da Erinnerung im Allgemeinen möglicherweise doch stärker sprunghaft abläuft, kann hier erkannt werden, wie Cindy und Dean versuchen, das Geschehene nachträglich in ein System einer kausalen Verknüpfung von Abläufen zu bringen. Dies steht auch in Zusammenhang mit Deans Schicksalsgläubigkeit und thematisiert so eine grundsätzliche Angst vor der Macht des Zufalls in Hinsicht auf die Liebe, die dadurch selbst an Macht verliert. Cindys Oma erklärt ihr einmal, dass sie die große Liebe wohl nie gefunden habe, da Cindys Großvater sie nie wirklich als Person respektiert habe und sie ihn daher nur zu Beginn wirklich geliebt habe. In dieser vielleicht fast unbemerkt bleibenden Bemerkung manifestiert sich die Relation, die alle Gefühle in der Rückschau erhalten, je nachdem wie sich die Vergangenheit in ihrer Zukunft entwickelt hat. Blue Valentine zeigt seine beiden Hauptfiguren schon in der vergangenen Zeitebene als sehr stark mit der Vergangenheit und ihrer Ordnung beschäftigt. Cindys einzige Bezugsperson ist ihre Oma, oft besucht sie sie im Altenheim. Eben dort lernt sie Dean kennen. Dieser ist Umzugshelfer beim Einzug eines alten Mannes. Anstatt dessen Habseligkeiten einfach im Zimmer abzustellen, dekoriert er die Wände mit den Erinnerungen aus den Kisten.

Auf sehr vielen Ebenen des Films und in vielen Details thematisiert Blue Valentine die Gegenwart als Zukunft der Vergangenheit, die Gegenwart in ihrer Verwandlung zur Vergangenheit, die Gegenwart als Ausgangspunkt einer unvorstellbaren Zukunft. Die Gegenwart an sich jedoch stellt sich dar als ein undurchschaubares Chaos. Anders wie in vielen Filmen, die eine Liebesgeschichte ins Zentrum stellen, vermag hier der Zuschauer ebenso wenig wie die Figuren eine Lösung für die Probleme zu erkennen. In der letzten Einstellung ist das Feuerwerk des Nationalfeiertags zu sehen. Hauptsächlich erfüllen die Raketen und Fontänen die Straße mit Nebel, doch hin und wieder blitzen die bunten Funken auf. Die einzelnen Momente des Films sind ein ebenso kurzes Aufblitzen einer Begebenheit in einem Nebel der Gegenwart, deren Bedeutung wirklich erst in einer Rückschau festgelegt wird. Eine Konstruktion einer Gegenwart ist somit nur als Aneinanderreihung von Augenblicken denkbar, ohne Erklärungen.

Regisseur Derek Cianfrance legt mit Blue Valentine nach Brother Tied (1998) seinen zweiten Spielfilm vor. Elf Jahre hat es gedauert, bis er den Film realisieren konnte. Das scheint dem Werk keineswegs geschadet zu haben, ist er doch auf vielschichtigen Ebenen äußerst stimmig durchdacht. Durch die Leistung der beiden Hauptdarsteller wird Blue Valentine zu einem hervorragenden Film und einem authentischen Blick auf die Liebe.

Blue Valentine – Pressespiegel bei film-zeit.de

Blue Valentine
R: Derek Cianfrance
B: Derek Cianfrance, Cami Delavigne, Joey Curtis
K: Andrij Parekh
D: Michelle Williams, Ryan Gosling, Faith Wladyka, John Doman, Mike Vogel
USA 2010, 112 Min.
Senator
Kinostart: 4.8.2011

Top