Das Blaue vom Himmel


Irgendwann kommt dieser Moment, in dem jedem zum ersten Mal klar wird, dass die eigene Mutter nicht mehr die Jüngste ist. Dass sie nicht mehr die gütige Madonnengestalt von früher darstellt, die in jedem Fall immer die schönste auf der Welt war. Sie ruht sich öfters aus, setzt sich regelmäßig nieder, die Hände suchen schmerzende Stellen am Körper, die Lachfalten bleiben auch bei ernstem Gemüt haften. Alt geworden ist sie. Eine Frau, die schon gelebt hat. Weiß ich überhaupt, wer diese Frau war, wer sie heute ist?

Hans Steinbichlers neuer Film Das Blaue vom Himmel zwingt den Zuschauer, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Die Thematik ist schlau gewählt. Die Mutter-Kind-Beziehung ist ein Phänomen, das nahezu jeden Menschen auf dieser Erde betrifft, dabei nie aufhörte, spannend und ungemein komplex zu sein. Bereiche wie Menschwerdung, Identität, Wahrnehmung, die sich von der Genvorgeschichte und der familiären Vererbungslehre trennen, verschmelzen mit dem Kerngedanken. Wer eine Geschichte über seine Mutter erzählt, erzählt immer auch über sich selbst.

Somit handelt Das Blaue vom Himmel zwar von Marga (Hannelore Elsner), die an Alzheimer erkrankt ist und ständig nach ihrem längst verstorbenen Ehemann Juri fragt, also Vergangenes für sich als Gegenwart akzeptiert. Aber jeder ihrer Schritte in die rückläufige Richtung bedeutet auch einen Schritt in die Aufklärung der Herkunft ihrer Tochter Sofia (Juliane Köhler). Diese versteht nach und nach, dass die frühere Lebensgeschichte ihrer Mutter auch eine bedeutende Rolle für die gemeinsame Beziehung und ihr Aufwachsen gespielt hat. Obwohl das Verhältnis zu ihrer Mutter schon seit ihrer Kindheit sehr schwierig ist, fährt sie mit ihr in deren Heimat Lettland, um den vielen Fragen nachzuspüren, die noch nicht geklärt zu sein scheinen und Marga immer noch beschäftigen. Der Zuschauer begleitet diese Heldenreise, wandelt ebenso wie Sofia auf Margas verborgenen Pfaden und wird Zeuge einer klassischen Aufdeckungsgeschichte, die Margas Krankheit vor allem als Handlungsmotivation und als Gelegenheit humoristischer Momente behandelt.

Die Auftaktperformance von Elsner zieht den Zuschauer ganz in seinen Bann, denn hier schafft sie es, eine immense Spannung zwischen den Polen ihrer Figur aufzubauen: Die Selbstverständlichkeit, mit der diese in ein Haus spaziert, in dem sie schon seit Jahren nicht mehr wohnt, aber bei genauerem Hinsehen schwache Facetten der Unsicherheit offenbart, zögernde Gesten, der misstrauische Blick, der dem eigenen Ich gilt. Was hier die Szene bühnenreif macht, verwandelt sich im Rest des Films jedoch öfters in ein schwerfälliges Vehikel. Dialoge hängen seltsam im Raum, Elsner spielt nicht Film sondern Theater, mit einer sehr deutlichen und langsamen Aussprache und wiederholtem Over-Acting, und bildet somit die Plattform zu einer Reflexion des Mediums selbst. Wie die Figur Marga befindet sich der Zuschauer in einer merkwürdig ver-rückten Zwischenwelt, in einem Film, der sich unsicher auf der Grenze Theater – Film bewegt und daran in einigen Teilen gewinnt, an vielen Stellen leider aber auch verliert. Wenn Marga in das Zimmer kommt, in dem sie ihre große Liebe Juri zu erkennen glaubt, die Spiegel sie dabei mehrfach einfangen und die Urfrage „Wer bist du wirklich?“ in den Raum stellen und die alte Marga gleich darauf mit dem Portrait ihres Mannes aus Jugendtagen ein sich umschlingendes Paar einer gängigen Romeo und Julia Inszenierung bildet, dann gehen die verschiedenen Elemente eine wunderbare Symbiose ein. An anderen Stellen schleudert das dadaistisch anmutende Gebrabbel der verwirrten Marga, das schwerlich als einfühlsame Bearbeitung des Alzheimer-Themas bezeichnet werden kann und manch eine emphatisch daher „geschriene“ Verfasstheit der Figuren, den Zuschauer aus dem erzählerischen Kosmos in ein schwarzes Nichts aus Unstimmigkeit. Was fehlt, ist die Linie. Mal beweist die Inszenierung Zartgefühl (man nehme die Plakatszene, in der Mutter und Tochter Schlittschuh laufen gehen, die Hände wie Adam und Gott auf Michelangelos berühmten Gemälde nacheinander ausstrecken, sich jedoch nie berühren), mal ist sie mehr der pragmatischen Lösung geschuldet. Das Konzept ist nicht mutig genug, um wirklich echt und in sich selbst versponnen zu wirken, wie es beispielsweise Steinbichlers früheres Werk Winterreise tat. Leider. So bleibt das Gesamtbild durchwachsen.

Im Kontrast zur Anfangseinstellung, für die passenderweise der blaue Himmel gewählt wurde, womit der Zustand Sofias angedeutet wird, in dem sie in einer von ihrer Mutter zurechtgeschusterten Realität lebt, klingt der Film mit dem Blick aufs Meer aus. Die Oberfläche des Wassers verschwimmt mit dem diesig-trüben Himmel, der der Zukunft, die nun im Zeichen der Wahrheit steht, keine besonders strahlenden Aussichten einräumt. Dieses bereitwillige Angebot an deutungsfreudigen Details zieht sich durch das ganze Werk. Entstanden ist dadurch ein Film, der mit einer Zeichensprache voller eingefrorener Momente aufwartet, wo ausgestopfte Tiere und in Bernstein eingefangene Insekten für leblose Liebe, emotionale Gefangenschaft und Einengung durch den Partner stehen. Zurück bleibt ein Zuschauer, der sich durch zu viel Gefühl und Ausdruck angestrengt fühlt, aber den Versuch dieser bedeutungsschweren und gründlichen Arbeit doch in einigen Teilen zu würdigen weiß, lädt ihn doch die Thematik zu ein paar denkwürdigen Fragen ein. Steinbichlers Film ist aufgeladen bis in jede Faser. Ein wenig Erleuchtung lässt sich also bei allem verzweifelten Wollen finden.

Das Blaue vom Himmel – Pressespiegel bei film-zeit.de

Das Blaue vom Himmel
R: Hans Steinbichler
B: Josephin Thayenthal, Robert Thayenthal
K: Bella Halben
D: Juliane Köhler, Hannelore Elsner, Karoline Herfurth, Matthias Brandt, David Kross
Deutschland 2011, 99 Min.
NFP
Kinostart: 2. Juni 2011

Bilder: NFP

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