Kinatay


Kinatay ist ein Film, der zutiefst im Kinosaal verwurzelt ist: in seiner Struktur, in seiner Aufteilung nach Licht und Schatten, in Realität und Alptraum.

Alles, was vorher geschah, scheint vergessen, als es nach dem ersten Abschnitt des Films dunkel wird. Ein junger Mann setzt sich zusammen mit Unbekannten in ein Auto. Eine Reise beginnt und führt ans Ende der Stadtgrenze, darüber hinaus, ins Nirgendwo. In der schemenhaft vorbeirauschenden Landschaft verliert er die Orientierung – geografisch, jedoch vor allem mental, durch die Panik, welche das Geschehen bei ihm hervorruft: Eine Prostituierte wird entführt und brutal zusammegeschlagen. Gefesselt und geknebelt wimmert sie die ganze Fahrt über. Das Ziel ist ein unwirklicher Ort, an dem sich Pepoy, Polizeischüler und frisch gebackener Ehemann, durch traumatische Ereignisse für immer verändern wird. Brillante Mendozas Kinatay (wörtl. übersetzt: Schlachtung) lässt den Zuschauer gemeinsam mit seinem Protagonisten eine Grenzerfahrung durchleben und versucht wie viele Filme zuvor, das Kino als Ort der authentischen emotionalen Erfahrungsrealität zu etablieren.

Das Ergebnis mag in seiner Bildsprache und Bedeutungskonstruktion stellenweise etwas überdeutlich sein, wie kritische Pressestimmen bereits vielfach anmerkten. Der Film mag weniger vielschichtig sein als Mendozas bisherige Arbeiten, soziale Kontexte nur am Rande ansprechen, dabei recht trennscharf isoliert und abgetrennt von seinem alptraumhaften Mittelteil. Kinatay ist jedoch in seiner simplen, formelhaften Struktur zweifelsohne sehr durchdacht und wirkungsgewaltig: Der Film irritierte bereits bei der Cannes-Premiere zahlreiche Zuschauer und brachte manche Kritiker in angewiderten Aufruhr. Mendozas Film präsentiert sich als Melange aus Noé‘schem Sounddesign, das durch tieftöniges Grollen Unbehagen und körperliches Unwohlsein schafft, sowie einer um Realitätsnähe bemühten Ästhetik der Dokumentation und Konfrontation. Durch die nüchterne und radikal subjektive Inszenierung von Kinatay schafft Mendoza einen konzentrierten Erlebnisraum, der keine Fluchtmöglichkeiten bietet, immer wieder die Konfrontation aufzwingt.

Sehr gelungen ist dabei insbesondere letzterer Punkt, die Art und Weise, wie durch die starke Subjektivierung jeder Blick auf Folter, Mord und Vergewaltigung überzeugend als erzwungener, als nicht goutierbarer Blick kommuniziert wird. Man wird hier nicht Zeuge eines ästhetisch eindrucksvollen Spektakels, sondern erhascht oftmals nur schüchterne, widerwillige Blicke auf das Grauen, bis man es schließlich unabwendbar und ganz nah als kalte Schlachtplatte vorgeworfen bekommt. Wenn das unvermeidbare eintritt, ist der Zuschauer längst mit Pepoy identifiziert und teilt seine tiefe Abscheu und innere Verweigerung gegenüber der Situation, in der er sich befindet, eine Situation, die sein gesamtes Leben und Selbstverständnis für immer zerstört. Anders als bei vergleichbar extremen Filmen generiert Kinatay seine verstörende Kraft nicht alleine durch die Zerstörung des Körpers, sondern nimmt immer wieder Abstand vom Grauen, um den Zuschauer ganz und gar auf seine Hauptfigur zurückzuwerfen und damit gleichermaßen auf die eigene Stellungnahme zum Geschehen. Insbesondere die wiederholten Momente des Zweifelns und der Fluchtmöglichkeit, die Hoffnung auf eine Abwendung vom Abgrund, erzeugen im Zusammenhang mit ihrer fatalen Widerlegung eine einzigartige, in ihrer Unabwendbarkeit geradezu sadistische Intensität.

Wie angesprochen: Kinatay ist ein Film für die Leinwand, für den hermetischen Raum des Kinos. Dass sich nun für die DVD eine große Käuferschaft finden wird, ist zu bezweifeln. In jedem Fall schätzenswert ist es jedoch zweifelsohne, dass die nun verfügbare DVD-Auswertung von Rapideye Movies es möglich macht, Mendozas Skandalfilm auch wiederholt zu erleben. Für alle, die bereit sind, sich mehrfach auf die Tortur einzulassen, sei dabei gesagt: Die Nachhaltigkeit, mit der der Film bei mehrmaligem Sehen immer wieder seine Wirkung entfaltet, wie sich seine verstörende Kraft dabei sogar noch verstärkt und umso zermürbender erlebt werden kann, ist schlichtweg beeindruckend und zählt zu einer unerwarteten Stärke des Werks. Generell macht bei polarisierenden Titeln wie Kinatay die DVD heute gerade für das erste Sehen sehr viel Sinn: Nach der bisher ausgesprochen vielfältigen medialen Auseinandersetzung mit dem Film scheint es mitunter regelrecht notwendig, den ersten Blick nicht alleine gelten zu lassen, mehrfach hinzusehen. Denn leider ist es heute schwieriger denn je, einen Film mit derart starker Medienpräsenz unvoreingenommen, ohne die Last von Erwartungshaltungen, zu erleben. Nicht bloß Werbekampagnen aus Hollywood schaffen verzerrte Bilder, oft tut es auch die Kritik , die bei Titeln wie diesem nur zu häufig versucht, sich selbst zu inszenieren. Sie lässt uns mit überzeugenden Argumenten und ausgefeilten Statements, nicht selten auch mit wütender Polemik, nur zu gerne vergessen, dass das einzige Kriterium beim Erleben eines Films letztlich der Blick nach innen, die Erforschung des eigenen Bewusstseins im Zerrspiegel der Leinwand sein sollte.

Kinatay ist ein Film, der sich gegen Einordnungen sträubt, der weder für ein reguläres Arthaus-Publikum funktioniert, noch für Fans exzessiver Gewalt. Seine Stärke zeigt sich in seiner gelungenen Dialektik aus Konfrontation und zermürbender Reflektion, die beide Gruppen irritierend trifft. Kinatay erschüttert zutiefst, als physisch-sinnliches und gleichermaßen psychisches Erlebnis, affektiv und emotional. Wenn es bei einigen Zuschauern wiederholtes Sehen braucht, um diesen Effekt zu erreichen, ist Kinatay zweifellos ein Film, der dies begrüßt, der ausdauernd genug ist, der nachhaltig genug wirkt und beim wiederholten Sehen außerordentlich wenig von seiner Kraft einbüßt. Dank Rapideye ist ein derartiges Erleben nun für einen weiteren wichtigen Film möglich – ein Punkt, der, ebenfalls wiederholt, gewürdigt werden sollte, als Erinnerung an die Reichhaltigkeit des Kinos – an das Vergnügen oder die Tortur, in jedem Fall an die bewegende Kraft des genauen Blicks.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Brillante Mendozas Kino und den Leitmotiven seiner Arbeit von Ciprian David findet sich hier.

Kinatay – Pressespiegel auf film-zeit.de.

Kinatay
R: Brillante Mendoza
B: Armando Lao
K: Odyssey Flores
D: Coco Martin, Julio Diaz, Mercedes Cabral, Maria Isabel Lopez, John Regala, Jhong Hilario, Lauren Novero
Frankreich/Philippinen, 2009, 105 Min .
Rapid Eye Movies
Veröffentlichung: 06.05.2011
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Sprache: Tagalog
Untertitel: Deutsch
Extras: Booklet, Trailer
FSK: 18

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