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Clean, Shaven

von Ciprian David, am 31.7.11

Der DVD-Vertrieb in Deutschland ist eine der Sparten der Filmindustrie, die zum negativen Ruf des Landes als Filmland beitragen. Denn nicht nur steht der Deutsche vor der Tatsache, dass die Künstler seines Landes eher als Ausnahme mal unter den Größen des Weltkinos aufgezählt werden, zusätzlich wird der deutsche Cinephile mit einem Umstand belastet, der in vielen anderen vergleichbaren Ländern nicht vorhanden ist: die Notwendigkeit der Import-DVDs. Sehr wenige Ausnahmen gibt es, meistens kleine Vertriebe, die in limitierten Editionen außerordentlich gut gemachte DVDs zu essenziellen Filmen auf den Markt bringen. Eines der Labels ist Bildstörung, das schon mit dem ersten ihrer so genannten Drop-Outs die Aufmerksamkeit der Filmkritik und der Cineasten auf sich lenkte. Durch die inzwischen zwölf veröffentlichten Titel zeigte das kleine deutsche Label eine herausragende Arbeit in Sachen Kuratierung und Pflege dieser Edition, die sich thematische Schwerpunkte zu Gunsten der Qualität und Wichtigkeit der veröffentlichten Filme für Deutschland verbietet.

Das elfte Drop-Out von Bildstörung, erschienen als DVD sowie als Blu-Ray, ist eine der Perlen der amerikanischen Independent Generation Anfang der Neunziger. Clean, Shaven, das Regiedebut des New Yorker Regisseurs Lodge Kerrigan, gehört zu den Werken einer Umbruchzeit, einer Zeit der Suche nach der "filmischsten" Form, um auf visueller sowie auf erzählerischer Ebene, losgelöst von einer narrativen Syntax, Sachverhalte zum Ausdruck zu bringen. Eine Zeit, die als Quelle eines Post-Indie Kinos zu sehen ist, das heute von einem Großteil der etablierten Studios betrieben wird, um anspruchsvolles Kino zu schaffen, das, vor allem im Bereich der Komödie, in den letzten Jahren in den USA immens florierte. Lodge Kerrigan schaffte mit Clean, Shaven aber auch eines der essenziellen Werke des Kinos der Diskrepanz, der Paranoia, der Entlarvung der trügerischen Macht der Bilder, vor allem aber eines der Befreiung von der Erzählung.

Besonders zur Zeit seiner Entstehung wurde der Film als ein Werk empfunden, das Film als Medium der Erfahrung sieht, nicht der Erzählung, das sich visuell einer immateriellen Wirklichkeit annähern möchte, einer Wirklichkeit der Gefühle, der Empfindungen, einer Exploration der Psyche, die sich von der Wirklichkeit des Materiellen, der Gegenstände loslöst und dieser jede Wahrheit durch Subjektivierung abspricht.

Aus heutiger Sicht ist der Film etwas schwer einzuschätzen, haben doch viele Produktionen in den inzwischen vergangenen Jahren die mit Clean, Shaven begonnene Art der filmischen Ausarbeitung von Ideen fortgeführt und weiterentwickelt. So sind die gegenwärtigen Produktionsbedingungen solcher Stoffe, die gerade durch Pionierarbeiten wie die von Lodge Kerrigan eine immer größere Akzeptanz beim Publikum genießen und somit technisch und finanziell mit mehr Unterstützung rechnen dürfen, zwar geschichtlich als Hommagen an ihre Herkunft zu sehen, aber auch als weitere Stufen in der Entwicklung eines Kinos der Erlebnisse, der Sensationen, des innovativen Umgangs mit der Form. Clean, Shaven entstand damals in mehr als zwei Jahren, bedingt durch die wiederholten Bemühungen des Regisseurs, das benötigte Geld einzutreiben, und ist somit vielleicht als Eisbrecher-Film zu bezeichnen, als ein Eraserhead der Neunziger, als einziger seiner Art. Als ein Film, dessen gebrochene Stimmung durch die budgetbedingte Optik widergespiegelt wird, weit entfernt von einem produktionstechnischen Ideal, doch keinesfalls als finanzieller Kompromiss in die Geschichte eintretend. Als ein Film, dessen Produktionsumstände im engen Verhältnis mit seiner visionären Kraft zu sehen sind. Ein Film aber, dessen Wagnis, das Medium auf eine neue Art zu benutzen, eine ganze Reihe von stilistischen, thematischen und technischen Entwicklungen des Filmemachens geprägt hat.

Ein Hauptdarsteller, der zu einer der Ikonen der Indiebewegung der Neunziger wurde, spätestens ein Jahr danach mit seiner kleinen Rolle in Pulp Fiction: Peter Greene. Eine Tonspur, die losgelöst von den Bildern dieselbe atmosphärische Kraft entfachen würde, die aber diese Bilder sinnstiftend begleitet und dabei aufklärerischer ist als alle ins Unheimliche ragenden Dialogzeilen. Eine Kamera, die den Weg findet, das Aufgenommene um den Zuschauer herum zu falten, so wie sich die Umgebung von Peter um seine eigene Wahrnehmung faltet und dabei eigene Bedeutungszusammenhänge entwickelt. War Memento Nolans Eintrittskarte für Hollywood, so ist Clean, Shaven Lodge Kerrigans Ticket in die Filmgeschichte.

Optisch in DVD-Größe und mit dem bei Bildstörung traditionell gewordenen Schuber gestaltet, wird die erste Blu-Ray unter den Drop-Outs vom gewöhnlichen Booklet begleitet. Autoren sind dieses Mal Michael Schleech aus Deutschland und der berühmte US-amerikanische Schriftsteller und Filmkritiker Michael Atkinson. Der Audiokommentar wurde von Steven Soderbergh zusammen mit Lodge Kerrigan aufgenommen. Doch unabhängig davon ist Clean, Shaven definitiv eine der Blu-Rays, deren reine Existenz zum Kauf verpflichtet.

Hier ein Clip aus dem Film:





Clean, Shaven
R, B: Lodge Kerrigan
K: Teodoro Maniaci
D: Peter Greene, Alice Levitt, Megan Owen
USA, 199, 79 Min.
Bildstörung
Veröffentlichung: 27.5.2011
Bildformat: 1,66:1
Sprache: Englisch (Mono)
Untertitel: Deutsch
Extras: Audiokommentar mit Lodge Kerrigan und Steven Soderbergh
FSK: 16




 

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