Confessions – Geständnisse


Wenn Kinder in Japan böse sind, bekommen sie HIV in die Milch. Zumindest, wenn es nach Ansicht der Mittelstufenlehrerin Yuko Moriguchi (Takaku Matsu) geht. Deren rabiate “Erziehungsmethoden” haben einen Grund: Ihre einzige Tochter wurde von zwei Schülern der Klasse getötet. Was in der Exposition von Geständnisse – Confessions als extreme Rache an den minderjährigen und somit nicht unter das Strafrecht fallenden Tätern ausgeübt wird, entpuppt sich nach kurzer Zeit als psychologisches – und auch philosophisches – Drama um Erziehungsmethoden und darum, wie man einem Kind, das quasi nichts mehr fühlt, Schuld und Sühne beibringt. In einem Land, das auf eine recht lange Tradition gewaltloser und liberaler Kindeserziehung blicken kann, deren Tradition durch den Einfluss der Moderne mehr und mehr bröckelt, scheint diese Frage wichtiger denn je.

Die Beunruhigung fängt schon bei der etwas unheimlichen Montage zu fröhlicher Kindermusik an. Die Farben sind entsättigt und trist, die Lehrerin wird kaum wahrgenommen und fast die ganze Szene, wie auch der größte Teil des Films, ist in Zeitlupe. Die im Jugendalter widersprüchliche Wahrnehmung von Zeit hat Regisseur Tetsuya Nakashima dadurch schön umgesetzt: Die Tage kommen einem unendlich lang vor, Momente scheinen sich wie eine Ewigkeit hinzuziehen. Und doch ist alles, wie die Sommerferien, viel zu schnell vorbei. Und für die beiden Mörder von Yukos Tochter ist die Kindheit schneller vorbei als erwartet, als die Lehrerin vor der ganzen Klasse ihren bizarren Racheakt enthüllt. Naoki (Kaoru Fujiwara), ein unterdurchschnittlich begabter und verhätschelter Junge, erleidet einen Nervenzusammenbruch und zieht sich zu Hause in sein Zimmer zurück. Seine Angst, die eigene Mutter (Yoshino Kimura) anzustecken, führt zu einem neurotischen Putzzwang. Der andere, Shuya (Yukito Nishii), zieht sich still zurück und nutzt seine angebliche Krankheit, um die anderen in der Klasse, die ihn fortan mobben, abzuschrecken und sie auf Distanz zu halten. Im Gegensatz zu Naoki ist er hochbegabt und dafür von seiner Mutter im Stich gelassen worden.

Als nach den Ferien ein neuer Lehrer mit dem bezeichnenden (Spitz)Namen Werther (Masaki Okada) die Klasse übernimmt, kollidieren idealistisch-aufklärerische Lehrmethoden mit der Grausamkeit der Kinder, die ihre Mobbing-Attacken gegen die vermeintlichen Mörder auf subtile Art fortsetzen. Hier stehen sich zwei Systeme gegenüber: Auf der einen Seite die Überzeugung, dass der Mensch im Inneren gut und ein Kind noch nicht schuldfähig ist; auf der anderen Seite die Einstellung, dass in einem Kind sowohl das Böse wie auch das Gute schlummert und es nur durch Bestrafung davon abgehalten werden kann, der Gesellschaft zu schaden. Denn die Kinder sind die Zukunft der Bevölkerung, ob man nun will oder nicht. Weil Yukos eigene Tochter und auch ihr Mann tot sind, bügelt sie die Erziehungsfehler der Gesellschaft mit entschlossener Härte aus. Nach und nach stellt sich dabei heraus, dass nicht die Kinder die eigentlichen Opfer ihrer Rache sind, sondern deren Mütter, die für die Taten ihrer Kinder keinerlei Verantwortung übernehmen.

Oft werden die Kinder ohne eine wirkliche Familie, ohne echte Bezugspersonen dargestellt. Die Eltern bleiben weitgehend anonym, nur die Mütter von Naoki und Shuya kommen vor und selbst dann wirken sie distanziert. So ist Shuyas Mutter nach der Scheidung in die Obhut des Vaters übergeben worden und hat sich seitdem nicht mehr blicken lassen. Der Zwang, der Mutter, die ihre akademische Laufbahn seinetwegen aufgeben musste, zu gefallen, lässt in Shuya zunehmend einen Übermenschen-Komplex wachsen – Raskolnikovartig plant er den perfekten Mord. Naoki dagegen entfremdet sich durch seine eingebildete HIV-Infizierung, von der niemand außerhalb des Klassenzimmers erfährt, immer mehr von seiner Mutter, bis diese angesichts seiner aggressiven Ausbrüche einen Nervenzusammenbruch erleidet. Die anderen Kinder der Klasse sind noch weniger individualisiert und unterliegen, wie auch der Soundtrack des Films, den Mainstream-Rhythmen der Pop-Songs und der verkümmerten Kommunikation im Zeitalter des Internets und der Handys. Das heimliche Texten unterm Klassenpult hat das Lästern längst abgelöst; und bevor Frau Moriguchi die Geschichte des Mordes zu Ende erzählt hat, wissen alle in der Klasse, wer die Mörder sind.

Auf visuell teilweise spektakulärer Ebene, mit Bildern von düsterer Schönheit und netten Special Effects, breitet Tetsuya Nakashima hier eine japanische Variante von Schuld und Sühne aus. Der Plot weist allerdings nicht wenige Logiklöcher auf, auch wenn einige davon künstlerisch motiviert zu sein scheinen. Ein weiteres Problem ist die Aussage des Films. Außer der Kamera setzt Nakashima auch die Masse als ästhetisches Mittel ein und lässt die Schüler z.B. choreografische Tanzeinlagen vollführen, wodurch die Bemühungen des Lehrers Werther, der sich des Sarkasmus’ seiner Schüler nicht bewusst ist, ungewollt ins Lächerliche abgleiten. Mal lässt er sie in Reih und Glied antreten, um sie dann in Panik auseinander zu treiben und wieder geordnet, in geometrischen Formen, zum Ornament der Masse zusammenzufügen. Den Einfluss expressionistischer Filme aus der Weimarer Zeit sieht man Confessions genauso an wie den des Altmeisters des japanischen Kinos, Akira Kurosawa, den das Verwirrspiel des unzuverlässigen Erzählens und der Ästhetisierung der Szenerie durch das Wetter nicht zuletzt mit Rashomon berühmt gemacht hat. Auch Nakashima setzt immer wieder Aufnahmen von Wolken in die Handlung und macht dadurch den langsamen Verlauf der Zeit deutlich, die aus kurzen Momenten besteht. Er wiederholt die Geschichte an mehreren Stellen, psychologisiert die Figuren, lässt ihre Motive klar werden und auch die Frage, wer wirklich Schuld hat und wer tatsächlich sühnen soll. Zwischendurch jedoch verliert sich die Spur und es wird nicht immer ganz deutlich, worauf der Regisseur hinaus will, ob es sich um eine Kritik am Zeitgeist der Medien, die Verbrechen mit Publicity belohnen, handelt oder eher um eine Rachegeschichte. Und da liegt das eigentliche Problem: Wo Kurosawa die starke Künstelung der Massen und die Wiederholung von Geschichten nutzte, um anthropologische Konstanten aufzuzeigen, zeigt Nakashima die Manipulierbarkeit der Masse sowohl innerhalb als auch außerhalb des Klassenzimmers, hebt Individuen als schuldfähig hervor, um dann doch das Herdenverhalten der Gesellschaft als zeitgeistiges Phänomen zu postulieren. Somit mündet Moriguchis Plan in ein Dilemma, das zwar den Zweck der Rache erfüllt, diesen jedoch letztlich ad absurdum führt. Wohl auch deswegen lässt der Regisseur das Ende ambivalent und offen und schließt lieber mit ein paar weiteren schönen Bildern von Wolken, statt mit einer eindeutigen Aussage.

Confessions-Pressespiegel auf film-zeit.de


Geständnisse – Confessions / Kokuhaku
R: Tetsuya Nakashima
B: Tetsuya Nakashima (nach dem Roman “Kokuhaku” von Kanae Minato)
K: Shoichi Ato, Atsushi Ozawa
D: Takaku Matsu, Yoshino Kimura, Masaki Okada, Yukito Nishii, Kaoro Fujiwara
J, 2010, 106 Min.
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 28.7.2011
FSK: ab 16 beantragt

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