Beim ersten Blick in das Gesicht eines der Helden friert das Bild ein, verwandelt sich in ein Gemälde und der Name des Gezeigten erscheint in Schnörkelschrift auf der Leinwand. Paul W. S. Anderson lässt Alexandre Dumas Klassiker in seiner Version von Die drei Musketiere keineswegs hinter sich. Aber er bezieht alles mit ein, was der Geschichte um die königstreuen und über alle Maßen geschickten Hauptfiguren über die Jahrzehnte der Bearbeitung, der Ausbeutung, der Kombination, der Liebhaberei geschehen ist und bedient sich beim entstandenen allgemeinen Wissen über die Figuren. Dem Ganzen setzt er die Extraportion Bombast auf, die er angesichts der 3D-Technik offenbar für notwendig erachtet. Und inszeniert seine Ehefrau Milla Jovovich als Mylady (das de Winter braucht man nicht mehr) wieder einmal mit den Augen eines sehr verliebten Ehemanns.
Über die Geschichte braucht man also kaum zu berichten, es ist die altbekannte, mit einigen auch nicht neuen Variationen (man hat ja schon viel gesehen, mal ist Buckingham das Opfer, mal – wie hier – der Übeltäter etc., an der Grundgeschichte ändert das wenig: am Ende stehen die Musketiere aufgrund ihrer Heldentaten in der Gunst des guten Königs). Auf die Berühmtheit seiner Figuren kann sich Anderson ebenso verlassen, in wenigen Momenten werden die typischen Eigenschaften von Athos (Matthew Macfadyen), Aramis (Luke Evans), Porthos (Ray Stevenson) und D’Artagnan (Logan Lerman) sowie den Bösen Rochefort (Mads Mikkelsen), Richelieu (Christoph Waltz) und Buckingham (Orlando Bloom) angerissen. Auserzählt werden muss das schon lange nicht mehr und eine eigene Note möchte Anderson den Charakteren offenbar auch nicht verleihen. Selbst die ausgebaute Figur seiner Frau bietet im Prinzip das Bekannte. An dieser Strategie ist grundsätzlich nichts auszusetzen, scheint Anderson auf den jedem bewussten Gesetzen und Figuren des Mantel-und-Degen-Films operieren zu wollen, wobei im Hintergrund offensichtlich der Gedanke einer Erneuerung des Genres steht.
Dazu greift Anderson zu kleinen Versatzstücken eines anderen Subgenres des Abenteuerfilms, das in den letzten Jahren erfolgreich wiederbelebt werden konnte – gemeint ist natürlich der Piratenfilm. Nicht nur erscheint Buckingham mit seinem Perlenohrring wie der Prototyp eines selbstgefälligen und rücksichtslosen Piraten, es sind natürlich vor allem die Luftschiffe, die diese Assoziation hervorrufen. An einer entscheidenden Stelle in der Luftschlacht lassen sich die Helden zudem wie einst Douglas Fairbanks an ihren Klingen hängend durch die Segel gleiten. Dieses Manöver findet sich nicht nur in Fluch der Karibik wieder - schon viel früher, in dem Film, der allgemeinhin als der Höhe- und zugleich Wendepunkt des klassischen Piratenfilms angesehen wird, erscheint dieses Zitat. Dieser Piratenfilm, Der rote Korsar, beinhaltet überraschenderweise auch eine Art Luftschiff, hier ein normaler Heißluftballon. Der rote Korsar bündelte 1952 alle Facetten des Piratenfilms, stellte die Zirkushaftigkeit und die Künstlichkeit des Subgenres aber offen und selbstbewusst ins Zentrum, überspitzt alles durch den Heißluftballon und ähnliches. Es folgten Piratenfilme, die versuchten, dies nachzuahmen, andere wollten betont realistisch und düster sein. Das Genre jedoch erlebte nach diesem übertriebenen Spektakel seinen Niedergang, erst Fluch der Karibik kam zur Rettung. Fluch der Karibik nämlich verband, wie es Andreas Rauscher in seinem Aufsatz über den Piratenfilm in Meer im Film zusammenfasst, einerseits eine neoklassische Heldengeschichte, zentriert um Will Turner, andererseits den postmodernen Kommentar auf das Genre durch die Figur Jack Sparrow. Andersons Zitate beim Piratenfilm lassen die Hoffnung erahnen, einen ähnlichen Film wie Fluch der Karibik, nur im Universum der Musketiere, zu erschaffen. Dass er scheitert, mag vielleicht ein grundsätzliches Problem des Mantel-und-Degen-Films spiegeln. Denn obschon es unter den Piraten Edelmänner und Helden gibt, sie alle sind von einer wesentlich größeren räumlichen, ideologischen, moralischen, persönlichen Freiheit bestimmt wie es die treuen Diener des Bourbonen-Königs jemals sein könnten. Der rote Kosar konnte nur funktionieren, weil sein Held ambivalent und frech ist. Ohne diese Note in der Geschichte bleibt purer Zirkus, was auf die Dauer langweilt. Ein paar harmlose, oft lächerlich naive Sprüche des jungen D’Artagnans reichen da nicht aus. Und nach einem intelligenten, weil über alle Genreregeln Bescheid wissenden Kommentator wie Sparrow braucht man schon gar nicht Ausschau zu halten. Womöglich ist es aber nicht nur das Genre, das Schuld trägt, sondern doch das fehlende Gespür, die mangelnde Cleverness beim Spiel mit dem Genre beziehungsweise den Mut, den Weg bis zum Ende zu gehen. Was man nämlich zuhauf findet, sind die gleichen abgedroschenen Sätze, wie man sie in billigen Heldengeschichten so oft findet, nach dem Motto „Folge deinem Herzen!“.
Anders wie die Bearbeitungen des Musketier-Stoffs der letzten Jahre - die Disney-Variante Die drei Musketiere von 1993, die Variante The Musketeer mit Martial Arts-Einlagen von 2001 und der Blick auf die gealterten Musketiere in Der Mann in der eisernen Maske aus dem Jahr 1998 – verzichtet Die drei Musketiere auf eine Ausgestaltung der Figuren um sie als pure Genrestereotypen erscheinen zu lassen. Er ist aber nicht mutig genug, um diese dann auch auszustellen oder zu kommentieren, sondern baut die Geschichte dann trotzdem um die klassischen Helden herum. Diese müssen so jedoch farblos bleiben, vor allem auch, weil ihnen ausschließlich Plattitüden in den Mund gelegt werden. 3D und alles Spektakel hin oder her - auf eine solche vermeintliche Genreerneuerung kann man getrost verzichten und sieht sich lieber einen rundum gutgemachten klassischen Mantel-und-Degen-Film wie Der Mann in der eisernen Maske an.
Die drei Musketiere / The Three Musketeers
R: Paul W. S. Anderson
B: Alex Litvak, Andrew Davies nach dem Roman von Alexandre Dumas
K: Glen MacPherson
D: Logan Lerman, Milla Jovovich, Luke Evans, Ray Stevenson, Matthew Macfadyen, Orlando Bloom, Christoph Waltz, Mads Mikkelsen, Juno Temple
Deutschland, Frankreich, Großbritannien 2011, 110 Min.
Constantin Film
Kinostart: 1.9.2011
FSK: 12
Beim ersten Blick in das Gesicht eines der Helden friert das Bild ein, verwandelt sich in ein Gemälde und der Name des Gezeigten erscheint in Schnörkelschrift auf der Leinwand. Paul W. S. Anderson lässt Alexandre Dumas Klassiker in seiner Version von Die drei Musketiere keineswegs hinter sich. Aber er bezieht alles mit ein, was der Geschichte um die königstreuen und über alle Maßen geschickten Hauptfiguren über die Jahrzehnte der Bearbeitung, der Ausbeutung, der Kombination, der Liebhaberei geschehen ist und bedient sich beim entstandenen allgemeinen Wissen über die Figuren. Dem Ganzen setzt er die Extraportion Bombast auf, die er angesichts der 3D-Technik offenbar für notwendig erachtet. Und inszeniert seine Ehefrau Milla Jovovich als Mylady (das de Winter braucht man nicht mehr) wieder einmal mit den Augen eines sehr verliebten Ehemanns.
Über die Geschichte braucht man also kaum zu berichten, es ist die altbekannte, mit einigen auch nicht neuen Variationen (man hat ja schon viel gesehen, mal ist Buckingham das Opfer, mal – wie hier – der Übeltäter etc., an der Grundgeschichte ändert das wenig: am Ende stehen die Musketiere aufgrund ihrer Heldentaten in der Gunst des guten Königs). Auf die Berühmtheit seiner Figuren kann sich Anderson ebenso verlassen, in wenigen Momenten werden die typischen Eigenschaften von Athos (Matthew Macfadyen), Aramis (Luke Evans), Porthos (Ray Stevenson) und D’Artagnan (Logan Lerman) sowie den Bösen Rochefort (Mads Mikkelsen), Richelieu (Christoph Waltz) und Buckingham (Orlando Bloom) angerissen. Auserzählt werden muss das schon lange nicht mehr und eine eigene Note möchte Anderson den Charakteren offenbar auch nicht verleihen. Selbst die ausgebaute Figur seiner Frau bietet im Prinzip das Bekannte. An dieser Strategie ist grundsätzlich nichts auszusetzen, scheint Anderson auf den jedem bewussten Gesetzen und Figuren des Mantel-und-Degen-Films operieren zu wollen, wobei im Hintergrund offensichtlich der Gedanke einer Erneuerung des Genres steht.
Dazu greift Anderson zu kleinen Versatzstücken eines anderen Subgenres des Abenteuerfilms, das in den letzten Jahren erfolgreich wiederbelebt werden konnte – gemeint ist natürlich der Piratenfilm. Nicht nur erscheint Buckingham mit seinem Perlenohrring wie der Prototyp eines selbstgefälligen und rücksichtslosen Piraten, es sind natürlich vor allem die Luftschiffe, die diese Assoziation hervorrufen. An einer entscheidenden Stelle in der Luftschlacht lassen sich die Helden zudem wie einst Douglas Fairbanks an ihren Klingen hängend durch die Segel gleiten. Dieses Manöver findet sich nicht nur in Fluch der Karibik wieder - schon viel früher, in dem Film, der allgemeinhin als der Höhe- und zugleich Wendepunkt des klassischen Piratenfilms angesehen wird, erscheint dieses Zitat. Dieser Piratenfilm, Der rote Korsar, beinhaltet überraschenderweise auch eine Art Luftschiff, hier ein normaler Heißluftballon. Der rote Korsar bündelte 1952 alle Facetten des Piratenfilms, stellte die Zirkushaftigkeit und die Künstlichkeit des Subgenres aber offen und selbstbewusst ins Zentrum, überspitzt alles durch den Heißluftballon und ähnliches. Es folgten Piratenfilme, die versuchten, dies nachzuahmen, andere wollten betont realistisch und düster sein. Das Genre jedoch erlebte nach diesem übertriebenen Spektakel seinen Niedergang, erst Fluch der Karibik kam zur Rettung. Fluch der Karibik nämlich verband, wie es Andreas Rauscher in seinem Aufsatz über den Piratenfilm in Meer im Film zusammenfasst, einerseits eine neoklassische Heldengeschichte, zentriert um Will Turner, andererseits den postmodernen Kommentar auf das Genre durch die Figur Jack Sparrow. Andersons Zitate beim Piratenfilm lassen die Hoffnung erahnen, einen ähnlichen Film wie Fluch der Karibik, nur im Universum der Musketiere, zu erschaffen. Dass er scheitert, mag vielleicht ein grundsätzliches Problem des Mantel-und-Degen-Films spiegeln. Denn obschon es unter den Piraten Edelmänner und Helden gibt, sie alle sind von einer wesentlich größeren räumlichen, ideologischen, moralischen, persönlichen Freiheit bestimmt wie es die treuen Diener des Bourbonen-Königs jemals sein könnten. Der rote Kosar konnte nur funktionieren, weil sein Held ambivalent und frech ist. Ohne diese Note in der Geschichte bleibt purer Zirkus, was auf die Dauer langweilt. Ein paar harmlose, oft lächerlich naive Sprüche des jungen D’Artagnans reichen da nicht aus. Und nach einem intelligenten, weil über alle Genreregeln Bescheid wissenden Kommentator wie Sparrow braucht man schon gar nicht Ausschau zu halten. Womöglich ist es aber nicht nur das Genre, das Schuld trägt, sondern doch das fehlende Gespür, die mangelnde Cleverness beim Spiel mit dem Genre beziehungsweise den Mut, den Weg bis zum Ende zu gehen. Was man nämlich zuhauf findet, sind die gleichen abgedroschenen Sätze, wie man sie in billigen Heldengeschichten so oft findet, nach dem Motto „Folge deinem Herzen!“.
Anders wie die Bearbeitungen des Musketier-Stoffs der letzten Jahre - die Disney-Variante Die drei Musketiere von 1993, die Variante The Musketeer mit Martial Arts-Einlagen von 2001 und der Blick auf die gealterten Musketiere in Der Mann in der eisernen Maske aus dem Jahr 1998 – verzichtet Die drei Musketiere auf eine Ausgestaltung der Figuren um sie als pure Genrestereotypen erscheinen zu lassen. Er ist aber nicht mutig genug, um diese dann auch auszustellen oder zu kommentieren, sondern baut die Geschichte dann trotzdem um die klassischen Helden herum. Diese müssen so jedoch farblos bleiben, vor allem auch, weil ihnen ausschließlich Plattitüden in den Mund gelegt werden. 3D und alles Spektakel hin oder her - auf eine solche vermeintliche Genreerneuerung kann man getrost verzichten und sieht sich lieber einen rundum gutgemachten klassischen Mantel-und-Degen-Film wie Der Mann in der eisernen Maske an.
Die drei Musketiere / The Three Musketeers
R: Paul W. S. Anderson
B: Alex Litvak, Andrew Davies nach dem Roman von Alexandre Dumas
K: Glen MacPherson
D: Logan Lerman, Milla Jovovich, Luke Evans, Ray Stevenson, Matthew Macfadyen, Orlando Bloom, Christoph Waltz, Mads Mikkelsen, Juno Temple
Deutschland, Frankreich, Großbritannien 2011, 110 Min.
Constantin Film
Kinostart: 1.9.2011
FSK: 12
Die drei Musketiere
Die drei Musketiere
2011-08-31T22:03:00+02:00
Elisabeth Maurer
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