Wenn niemand bei dir is’ und du denkst, dass keiner dich sucht,
und du hast die Reise ins Jenseits vielleicht schon gebucht,
und all die Lügen geben Dir den Rest:
Halt dich an deiner Liebe fest.
Familiendramen funktionieren oft so, dass sie zunächst eine Idylle erschaffen und erst im weiteren Verlauf die Risse hinter dieser sichtbar werden lassen. Das Regiedebüt Die Vaterlosen von Marie Kreutzer lässt diese Idylle erst gar nicht zu. Als Niki (Philipp Hochmair), inzwischen erfolgreicher Arzt in Deutschland, zum Sterbebett seines Vaters Hans (Johannes Krisch) in die österreichische Provinz zurückkehrt, erfolgt eben keine Versöhnung. Der Tod des Vaters reißt alte Wunden wieder neu auf, als die vier verbliebenen Kinder für die Trauerfeier auf den alten Selbstversorgerhof zurückkehren. Erst langsam kristallisiert sich heraus, dass dieser in den 80ern eine Hippiekommune beherbergte – Hans ist eher ideell als biologisch ihr Vater. Konfrontiert mit ihrer Vergangenheit müssen die vier Geschwister ihre Identität und die Rolle der Familie neu überdenken.
„Halt dich an deiner Liebe fest“ der Deutschrockpioniere Ton Steine Scherben ist nicht nur in mehreren Szenen des Films zu hören, sondern gibt auch das Thema des Films programmatisch vor. Genau wie im Song geht es in Die Vaterlosen um das Verhältnis des Einzelnen zur Welt. Der österreichischen Provinzidylle längst entwachsen, führen sie als Erwachsene nun ein Leben in vollständiger Eigenständigkeit. Sie haben nicht gelernt sich auf andere zu verlassen; Autonomie war der vorrangige Erziehungsstil Hans’. Während der Beerdigungsvorbereitungen müssen sie aber lernen, dass ihre Eigenständigkeit trügerisch ist. All ihre Geschichten hängen unwiderruflich zusammen, obwohl Kreutzers Drehbuch zu clever ist, die Geschichte in Wohlgefallen aufzulösen.
Wenn der Frühling kommt und deine Seele brennt,
du wachst nachts auf aus deinen Träumen,
aber da is’ niemand, der bei dir pennt,
wenn der, auf den du wartest,
dich sitzen lässt:
Halt dich an deiner Liebe fest.
Die Kinder der sexuellen Revolution sind allerdings nur Folie für eine tiefere Auseinandersetzung mit der Rolle der Familie in der Gegenwart. Leicht erkennt man in der Kommune der 80er die heutigen Patchworkfamilien mit Kindern, die es als Erwachsene über die ganze Welt verteilt. Die vier Geschwister repräsentieren jeweils ganz eigene Vorstellungen des Zusammenlebens, den Ideen wird durch sie eine Stimme gegeben. Im Rückblick reflektieren sie ihre eigene Leben. Während Vito versucht, das Haus für die neue Generation zu rüsten, will Niki sich nur wieder in seinen Audi setzen und nach Hause fahren. Genau wie in der Realität überleben die Vorstellungen des Vaters nur im nostalgischen Rückblick.
Die größte Stärke des Films ist zweifelsohne sein Drehbuch. Marie Kreutzer schafft es, die emotionalen Momente des Films nie kitschig zu inszenieren, obwohl sie es auf dem Papier zweifelsohne sind. Bei der dramaturgischen Finesse, die der Film gerade in der ersten Hälfte aufweist, verzeiht man ihm so manche plakative Darstellung am Ende gerne. Kreutzer inszeniert sehr zurückgenommen und konzentriert alles auf ihre Darsteller. Der Film wird maßgeblich von seinem Ensemble getragen. Vor allem Andreas Kiendl begeistert als letzter Utopist.
Die Vaterlosen ist ein hochinteressantes und bewegendes Debüt einer jungen Autorenfilmerin und der Beweis dafür, dass der österreichische Film oft spannender ist als der deutsche.
Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht,
und du bist so müde, weil du nicht mehr weißt, wie’s weitergeht,
wenn dein kaltes Bett dich nicht schlafen lässt:
Halt dich an deiner Liebe fest.
Rio Reiser – Halt Dich an deiner Liebe fest
Die Vaterlosen
R: Marie Kreutzer
B: Marie Kreutzer
D: Johannes Krisch, Andreas Kiendl, Phillip Hochmair
Österreich 2011 104 Min.
FSK:6
Verleih: 24 Bilder



