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Fantasy Filmfest 2011: Yellow Sea

von Jo Bieber, am 31.8.11


Das Gelbe Meer, das Süd-Korea von China trennt, symbolisiert für viele die Tür zu einem neuen Leben, einem besseren. Auch Goo-nam (Jung-woo Ha), der Protagonist in Hong-Jin Nas existentialistischem Drama Yellow Sea wähnt seine letzte Chance in der Reise, er hat immense Schulden. Seine Frau ist in Korea, ihr Visum war teuer und er verspielt sein niedriges Gehalt regelmäßig beim Mah-Jong. Mr. Myun (Yun-seok Kim), die Spitze des organisierten Verbrechens in Yanbian, bietet ihm einen Deal an, er tötet einen Mann in Korea, dafür bezahlt Myun seine Schulden. Goo-nam ist kein Killer, aber er bricht auf nach Seoul, im Hinterkopf die Hoffnung, hier auch seine Frau wiederzufinden. Sorgfältig, sekundengenau plant er den Anschlag, aber als es soweit ist, kommen ihm andere zuvor, von Mr. Kim (Seong-Ha Cho) mit dem gleichen Mord beauftragt. Die Situation eskaliert und Goo-nam flieht, wird aber daraufhin von Mr.Myun, Mr. Kim und der Polizei gejagt. Yellow Sea ist nihilistisch und bitter und brutal, ohne Grenzen zwischen Gut und Böse.

Hong-Jin Na porträtiert die Charaktere und das elende Milieu, in dem sie leben, sehr präzise und authentisch. Die Stadt, trist und staubig, durchsetzt von Gewalt und Verbrechen - für die meisten hier bedeutet leben zu überleben. Goo-nam wohnt in einem kargen, dreckigen Apartment, das gerade die niedrigsten menschlichen Bedürfnisse erfüllt und sein selbstzerstörerisches, lethargisches Leben erkennen lässt.

Am Anfang des Films zeigt Mr. Myun Goo-nam zwei bissige Hunde. Die unmotivierte Aggressivität liegt nicht in der Natur der Tiere, aber sie sind abgerichtet, konditioniert und werden nur durch Leinen davon abgehalten, sich gegenseitig zu zerfleischen: „Do you want to live like these dogs?“ Der zynische Blick Nas offenbart sich, als es letztendlich doch Mr. Kim und Mr. Myun sind, deren Verhalten sich in dem der Hunde spiegelt. Anfangs zurückgehalten vom Band der Komplizenschaft, zerstören sie sich gegenseitig, sobald diese Verbindung durch einen Vertrauensbruch hinfällig geworden ist. Auf Goo-nam hingegen passt eine andere Geschichte. Er erzählt von seinem eigenen Hund, der sich mit Tollwut infizierte und unkontrolliert alle anfiel, die sich in seiner Nähe aufhielten. Als der Leichnam des Hundes aus seinem Grab befreit wurde, kehrte die Tollwut zurück und raffte weitere Leben hin. Durch die Virusinfektion des Hundes unterlag das Töten nicht seiner Kontrolle, genau wie die Gewalt Goo-nam kontrolliert, nicht er sie.


Goo-naam ist eine tragische Figur, heimatlos und allein, mit dem Rücken zur Wand. Er rennt und rennt und verliert dabei immer mehr. Der erste Mord geschieht mit einer ängstlichen Achtung vor seinem Opfer und dem Morden an sich. Je auswegloser seine Situation, desto skrupeloser und indifferenter wird und tötet Goo-nam. Der Überlebenskampf zwingt ihn zur Gewalt, da ist nichts Edles, Idealisiertes. Die Moralität des großen spiegelt die des kleinen Kriminellen und sei es, weil sie an der gleichen Stelle verwundbar sind und von der gleichen Angst gelenkt werden - die Wege kreuzen sich am ersten Tatort nur, weil Mr. Kim und Goo-nam beide den Treuebruch ihrer Geliebten fürchten.

Da in Yellow Sea keine Schusswaffen genutzt werden, erhält der Film eine ganz eigene, groteske Dimension von Körperlichkeit und Gewalt, ohne zu stilisieren. Getötet wird mithilfe von Messern, Äxten, den Fäusten - die Verwundbarkeit des Körpers steht im Vordergrund, seine Zerbrechlichkeit. Das Töten ist langwierig und archaisch, vor allem aber schmutzig. Der Körper wird beträchtlich zerstört, er wird gebrochen und entstellt. Opfer und Täter sind sich nah, müssen sich berühren und es steht nicht unmittelbar fest, wer wer ist.

Hier die Screening-Termine:

München / 03 SEPT / 14.15 UHR / CINEMA
Stuttgart / 06 SEPT / 21.15 UHR / METROPOL 2

Hier geht es zu unserer Gesamtberichterstattung des 25. Fantasy Filmfests.

Yellow Sea
R: Hong-Jin Na
D: Yun-Seok Kim, Jung-Woo Ha, Seong-Ha Cho
B: Hong-Jin Na
K: Lee Sung-je
Twentieth Century Fox of Germany, 157 min.
Südkorea, 2010



Bildmaterial: Fantasy Filmfest


 

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