Midnight in Paris


In der Rezeption steht ein Woody Allen- Film eigentlich nie alleine da. Immer tritt er in Bezug zu Teilen des äußerst umfangreichen und populären Werks des 1935 geborenen New Yorkers auf. Allens Stil dürfte mittlerweile fest etabliert sein und so geht es meist nicht unbedingt um die Frage ob ein gelungener oder nicht gelungener Film herausgekommen ist, sondern ob ein sehenswerter Woody-Allen-Film im Kino anläuft. Im Gesamtkontext lässt sich feststellen, dass der Stand-Up-Comedian im hohen Alter nochmal aufdreht, ganz ähnlich dem noch fünf Jahre älteren Clint Eastwood. Mit Match Point verließ der damals 69-jährige erstmals mit einem Filmset vollständig sein geliebtes New York, dessen Bild in der Welt er durchaus seinen persönlichen Stempel aufgedrückt hat. Viermal London, einmal Barcelona, einmal zurück nach New York waren die Stationen seitdem. Midnight in Paris ist eine unterhaltsame Reflektion des amerikanischen (filmischen) Touristentums geworden. Und gleichzeitig ein Film über die Nostalgie in andere Zeiten. Dass dabei keine wirklich neuen Weisheiten oder gar filmstilistische Sternstunden herauskommen, kann man einem derart schwungvoll erzähltem (Allen-) Streifen schwerlich übel nehmen.

Midnight in Paris spielt einerseits ein ödes ungeliebter-Schwiegersohn-mit-reicher-Verlobter- Szenario durch mit den üblichen Verdächtigen als Figuren und als Situationen aus denen die bescheidenen Witze generiert werden. Owen Wilson spielt dabei scheinbar Allens Alter Ego und macht seine Imitation gelungen. Aufgepeppt wird die Reise der Amerikaner nach Paris durch mitternächtliche Trips in die Vergangenheit von Paris. Dort warten Hemingway (Corey Stoll), Gertrude Stein (Kathy Bates) und Picasso (Marcial Di Fonzo Bo) also neue Wegbereiter von Gags. Ihnen gelingt dies weitaus besser, doch nutzt sich der Name-Dropping-Effekt schnell ab und erinnert teilweise an ein billiges Wiedererkennungsspiel für Bildungsbürger und alle die es gerne wären. Erst Adrien Brody als Dalí mit seinem Club der Surrealisten kann Akzente setzen. Wilson, sehr schwer von Begriff, versucht ihnen sein Dilemma darzulegen, dass er sich in eine Frau aus einer anderen Zeit verliebt hat. Dalí jubelt „That’s it!“, Buñuel zuckt nur unbeeindruckt mit den Schultern: „So what?“ Außerhalb der kurzen Clubszene kristallisiert sich die simple Message „Jede Zeit hat ihre verklärte Epoche“ schnell heraus, was bleibt, ist den Witz von Midnight in Paris zu genießen. Dieser ist ganz nett, aber nichts allzu besonderes. Für den alljährlichen Allen ist dies allemal befriedigend, an seine großen Komödien reicht es bei weitem nicht heran. Das liegt auch daran, dass die Bilder, die die Kamera findet, ebenfalls sehr einfach und theaterhaft ausfallen und kaum tiefere Erkenntnisse zulassen. Und mit dem Charakter der dramatischen Stoffe außerhalb New Yorks lässt sich der leichte Ton seiner Komödien nicht vergleichen.

Midnight in Paris wird erst auf der Meta-Ebene zu einem besonderen (Allen-) Film. You will meet a tall dark stranger wurde teilweise als zu konstruiert empfunden. Eben dieser Fokus wird nun ausgebaut und für damit die Message auf einem neuen Level bekräftigt. Woody Allen reflektiert mit seinem erneuten Auswärtsspiel den Touristenfilm im Allgemeinen, damit auch sein eigenes Spätwerk und schließlich das Amerikaner-in-Paris-Sujet im Speziellen. Die klassische Musik, die sonst den üblichen schwarzen Vorspann mit weißer Schrift unterlegt, findet sich hier bei zuallererst zu sehenden „typischen“ Paris-Bildern. Eine schnelle filmische Sightseeing-Tour. Es beginnt zu regnen und es hört wieder auf. Dann erst der Vorspann, dazu ein einführendes Voice-Over. Der Regisseur kann es kaum abwarten, seinem Publikum die Highlights aufzutischen. Ein Best-Of, ähnlich der Weinprobe, die wir später sehen werden, ähnlich dem späteren Celebrity-Hopping. Ist Paris wichtiger als die Stars die der Regisseur versammelt hat? Wohl eher bekommen wir hier zu sehen, wie austauschbar das zu Sehende unter den ausbeutenden Augen eines Touristen wird. In der Wahl seiner Akteure, ist der Film jedoch gleichzeitig ein Plädoyer für das Leichte, Unbedarfte, vielleicht auch für das „weniger intellektuellere“ (was auch immer das sein soll), naivere, das der „amerikanischen“ Art des Tourismus vorgehalten werden kann. Drei Oscarpreisträger tauchen im Film auf: Kathy Bates, Marion Cotillard und Adrien Brody. Diese sind jedoch nur Nebendarsteller, ja teilweise sogar nur ein Gag neben relativ unbekannten Gesichtern. Der Protagonist ist aber Owen Wilson. Zwar gehört er zur im Independent verorteten Wes-Anderson-Familie, war aber hauptsächlich durch meist eher „leichtere“ Stoffe präsent (das böse Wort lautet hirnlos). Er spielt oft Träumer, melancholische, in einer anderen Welt lebende Sunny-Boys, deren Missgeschicke und Ankämpfen gegen ihren Ruf sie für ihre teilweise verhasste Umwelt noch attraktiver macht. Dennoch Hollywood- Mainstream. Wenn sich Wilson treffsicher in die Gestik und Proxemik seines Regisseurs wirft, drängt sich der Vergleich der Rollenbiographie geradezu auf. Allen, der Bergman-Fan, der Stand-Up-Comedy macht. Allen der erfolgreiche Melancholiker, der seine allzu ernsten Anliegen doch nie ganz und gar ernst zu nehmen scheint. Und hier nimmt er sich humoristisch, wie auch sonst, mit einem Sohn im Geiste großer Kulturschätze. Dabei handelt es sich nicht um bloße europäische Kultur (die hier hauptsächlich in Form von Kostümen und Architektur auftritt), sondern hauptsächlich um Exilkünstler prominenter Amerikaner. Exilanten wie die frisch ankommende Hauptfigur, Exilanten wie der spät in Europa angekommene Regisseur. Die Entscheidung, wo man sein Leben verbringt und sei es nur auf der Durchreise, ist auf eine Weise auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Oder interpretiert man als Kritiker diese Fragen zynischer Weise bei einem gealtertem Regisseur automatisch mit hinein? So oder so, der Meister selbst sollte nicht unerwähnt bleiben, deshalb abschließend eine Stellungnahme aus einer Pressekonferenz zu You will meet a dark tall stranger: „Well you know my opinion about death…it hasn’t changed… I’m strongly against it! “

Midnight in Paris – Pressespiegel bei film-zeit.de


Midnight in Paris
R.: Woody Allen
D.: Owen Wilson, Rachel McAdams, Kathy Bates, Adrien Brody, Marion Cotillard, Léa Seydoux, Michael Sheen, Carla Bruni
Spanien/USA 2011, 94 Min.
FSK: ohne Altersbeschränkung
Kinostart: 18. 8. 2011
Filmverleih: Concorde Filmverleih GmbH